vorzuheben ist noch, daß die Deputaten der Montagne mit Außen in einem sehr lebhaften Verkehr stehen. Ihre Emissäre umgeben das Sitzungsgebäude der Nationalversammlung und die Blousen kommen und gehen. Die Seele dieses sehr gut organisirten Dienstes ist ein ehemaliger Gerant der „Reforme," Ersekretär bei der bekannten Gesellschaft „Republikanische Solidarität" und Mitglied des Conclaves. Die Lüge und Heuchelei (Worte, die Michel de Bourges gebrauchte), welche das ganze Gesetz charakterisirt, hat die Klassen auf das höchste, namentlich aber die Arbeiter, welche unter die Botmäßigkeit der Meister fallen und Heloten sein müf< sen, um ihr erstes politisches Recht ausüben zu können, erbittert. Die Ouvriers nennen das Gesetz „la loi de Violation“ oder „la loi de guerre civile.“ Man kann, um auf die obige Berechnung zurückzukommen, annehmen, daß unter 10 Millionen Wählern etwa 6 Millionen nur die Personalsteuertare bezahlen. Hierunter sind aber Weiber, Kranke und eine Menge von Personen, welche ihrer politischen Rechte theils verlustig gegangen sind oder sie nicht ausüben. Nimmt man an, daß zwei Drittel davon in derselben Kommune 3 Jahre wohnen, was eine übertriebene Annahme ist, so bleiben von 10 Mill nur 4 Mill. übrig. Kurz, Alles in Allem erwogen, wird, wie gesagt, mehr als die Hälfte des souveränen Volkes wahlunfähig.
Paris, 14. Mai, Abends 8 Uhr. Der National- Versammlung wurde heute eine Masse Bittschriften gegen das Wahlreform-Gesetz vorgelegt, eine derselben trägt die Unterschriften von Bürgermeistern, Obersten der Nationalgarde, Pairs und den Herren Dupont (de l'Eure), Marrast und Bastide. Die Budget-Debatte wurde fortgesetzt. Die Ernennung von Mitgliedern der Ehrenlegion wurde Beschränkungen unterworfen.
Leon Fancher ist zum Berichterstatter der Commission für das Wahlreform-Gesetz ernannt. Die, Commission schlägt Modisicationen zn Gunsten der Landbewohner und der Arbeiter vor.
Die in republikanischen Blättern veröffentlichten, von vielen Notabilitäten unterzeichneten Petitionen gegen das Wahlreform-Gcsetz finden zahÄose Unterschriften.
Der Herzog v. Nemours soll sich zum Grafen Chambord begeben.
Die Pressen der Jouriiale „Republique" und „Voir du Peuple" sollen unter Siegel gelegt werden.
Ans Pisa meldet man, daß dort Schlägereien zwischen den Einwohnern und den österreichischen Truppen vorgefallen sind.
Die gestern hier verbreitet gewesenen Berichte über die Unruhen zu Creuzot stellen sich als übertrieben heraus; allerdings ist begründet, daß die Arbeiter feiern. Zwei Regimenter sind dahin befehligt.
Die Garnison von Paris beträgt gegenwärtig 145,000 Mann.
Das Decret des Präsidenten der Republik errichtet ein zweites Bataillon der Gensd'armerie
Der Präsident der Republik und die Großherzogin Stephanie von Baden befinden sich in Fontainebleau.
(K. Ztg.)
Am e r i k a.
Washington, 25. April. Der Vertrag mit England in Bezug auf Nicaragua ist unterzeichnet, und man glaubt, der Ratification von Seiten des Senates werde nichts im Wege stehen. England entsagt der Souverainetät über die Moskito-Küste, dem Protektorate über König Sambo und seine Nachkommen, dem Eigenthums-Rechte über diese Küste, wie auch dem Rechte, hier Forts anzulegen und zn besetzen. Der Vertrag verbürgt der amerikanischen Gesellschaft das Recht, einen Canal von Nicaragua nach dem stillen Meere zu bauen, was jedoch auch den Bürgern anderer Staaten erlaubt sein soll. (K. 3 )
Szenen aus dem Kinkel'schon Prozeß.
(Schluß.)
Der erste Zeuge, der gegen Kinkel auftrat, war, wie man mir sagte, der Bonner Polizei-Inspektor, welcher sich seit dem März 1848 unglaubliche Mühe gegeben haben soll den Agitator zu fangen. Bei der vorsichtigen Weise Kinkel's hatte es der Heil. Herman« dad nie gelingen wollen, irgend einen gesetzlichen Vorwand zu erwischen, seiner habhaft zu werden. Jetzt, da der gefangene Mann von Gendarmen umgeben auf der Anklagebank saß, konnte sich sein alter Feind die Genugthuung nicht versagen, seinen Posten dicht neben den Schranken zu nehmen, und sein Opfer während der 4 Tage grinsend lächelnd zu betrachten. Die Umstehenden bezeichneten ihn deshalb nur als den „Judas" oder den „Schächer neben dem Kreuz" und dies sogar ziemlich laut. Das Zeugniß, das der Mann ablegte, war übrigens für einen Polizei-Inspektor sehr naiv. Er versicherte: selbst Nichts gehört und gesehen zu haben, und berief sich außer dem Stadtgeschwätz das über Kinkels Wirksamkeit zu ihm gedrungen war, nur auf seine 3 oder 4 sehr zuverlässigen und glaubwürdigen Späher, die er in den Volksversammlungen gehalten hatte, um Kinkels und Ungars Reden zu überwachen. Die Angeklagten konnten hinsichtlich dieses Zeugen wohl mit Don Juan ausrufen: „Sagt einer hoch
weisen Polizei, sie solle uns künftig keinen solchen Esel schicken!" Der Zeuge versicherte, daß er bis zuletzt geglaubt habe, in der fraglichen Nacht habe zu Bonn die soziale Theilung stattfinden sollen, und erst als der Zug über den Rhein gesetzt habe, sei er auf den Gedanken gekommen, man wolle eigentlich das Siegbnrger Zeughaus stürmen. Pfiffiger Polizeichef!
Unter den übrigen Zeugen waren die gravirend- sten just diejenigen, welche sich selbst bei dem Unternehmen betheiligt hatten, und also wohl eher auf die Anklagebank gehörten. Doch ein Verbrechen ist ja Heuer ansgelöscht, wenn der es begangen, sich beizeiten zum Verräther und Denunzianten hergibt. Ein Gestaltenseher mit Namen Kluft zeichnete sich besonders aus, indem er zugab, daß er Schriftführer in dein demokratischen Verein gewesen war, wo angeblich der Beschluß wegen des Zeimhaussturmes gefaßt wurde. Er machte die Ausrede: „Es seien so gefährliche Gesichter unter den Umstehenden gewesen, daß er hätte fürchten müssen, todtgeschlagen zu werden, wenn er sich diesem Amte nicht unterzogen hättet" Im Lauf der Verhandlung ergab es sich aber, daß dieser Kluft einige Stunden weggewesen war. Darauf war er freiwillig wieder in die lebensgefährliche Versammlung zurückgekehrt. Noch einmal war er so glücklich seine Haut retten zu können, indem am Nachmittag eine zweite mehrstündige Pause eintrat. Aber wie das Vöglein in den Nachen der Klapperschlange, kehrte der Zeuge Kluft in der Abenddämmerung (zum zweitenmal sein sicheres Asyl verlassend) unter die „Gestaltenversammlung" zurück, um sein Amt als Schriftführer und Denunziant zu vertreten.
Unter den 120 Personen die den Zug nach Siegburg gebildet hatten, war von den Behörden eine Blumenlese für diesen Prozeß nach sonderbaren Motiven ausgewählt worden, die sich nicht leicht enträth- seln lassen, man müßte denn annehmen, daß man nur deshalb den vierten Angeklagten, Namens Bühl, vor so vielen Andern gefänglich einzog, um seine drei Genossen zu beschämen. Der erste Zeuge stellte die Be- Hauptung auf: „Bühl sei einmal eines Diebstahls wegen beschuldigt gewesen, aber freigesprochen worden; auch hieße es in der Stadt, er sei Vorsteher eines heimlichen Bordells."
Der Staatsanwalt knüpfte hieran die Vermuthung, daß Kinkel, der den Kugeln zwar muthig sein Haupt geboten habe, wohl lieber in diesem Falle die Wahrheit läugnen möchte, weil ihm der Muth fehle, öffentlich seine Gemeinschaft mit einem solchen Menschen einzugestehen.
Die Erwiderung Kinkels zeugte unwiderleglich von der Milde seines Charakters. Mit festem und ganz ruhigem Ton sprach er ohngefähr folgende Worte: „Ich weiß nicht, ob das wahr ist, was der erste Zeuge von meinem Mitangeklagten Bühl gesagt hat. Der Herr Polizei-Inspektor muß bei seiner Bekanntschaft mit derartigen Lokalen das besser wissen, als ich *). Ich weiß nur, daß dieser Proletarier arm ist, und daß seine arbeitsamen Hände ihn ernähren. Doch, sollte es auch wahr sein — auch diese Schmach, auch die Eiterbeule des Proletariats auf mein Haupt! Noch nie ward eine große Idee dadurch erniedrigt, daß sich Zöllner und Sünder zu ihr bekannten."
Diese Rede machte gerade auf die Aermeren unter dem Publikum einen hinreißenden Eindruck. Ein Mann sagte laut: „Ja, so ein Wort, das bessert die Armen". Wirklich, wer gerecht sein will, er gehöre zu welcher Partei er wolle, der frage sich, ob eö menschlicher und erhebender war, wie Kinkel dem Geschmähten die Hand zu reichen und sich zu ihm zu bekennen, oder die heimliche Schmach eines armen Mannes (die nicht einmal erwiesene Schande, denn Viele halten diese Nachrede für baare Verläumdung) vor aller Welt auf der Tribüne zu proklamiren. Wie perfid zeigte sich die aristokratische Partei auch hier! Jene Häuser der Schande find nur in ihrem Interesse errichtet, und bestehen vorzugsweise durch sie, und fie wirft es den Reinen vor, daß sie sich durch Heilung des Proletariats befleckten!
Der lächerliche Ausgang des Siegburger Zugs ward während der ganzen Verhandlung von dem Präsidenten in höhnischer Weise ausgebeutet. Bekanntlich war nur Kinkel mit wenigen Männern bei der Ankunft der Dragoner ruhig stehen geblieben, indeß sich alle klebrigen in's hohe Korn verkrochen hatten. So oft der Präsident einen Zeugen fragte: „Haben Sie nicht an den Hèimkehrenden viele grüne Flecken an den Kleidungsstücken bemerkt?" antworteten jedesmal die zahlreichen Offiziere und angehenden Büreaukraten die sich vor der Angeklagtenbank postirt hatten, mit Lächeln und spöttischen Geberden. Aber diese humoristische Stimmung hörte bald auf, als Kinkel das Wort ergriff. Der schneidende Ernst seiner Worte, das Erhabene das in dieser Erscheinung lag, die gleichsam über der Erde zu schweben schien, ließ jede gemeine Auffassung verstummen. Selbst die Blicke der jungen Lieutenants und Referendarien (wer kennt nicht dies Geschlecht?) senkten sich zur Erde. Einen größern Triumph feierte nie die Demokratie, denn die Gegner gingen inSchaaren zu der Fahne des Gefesselten über. Als er begeistert ausrief: „Ganz hingegehen in die Gewalt meiner Gegner, mit den bleichen Lippen des ge
*) Ein neben mir sitzender Herr versicherte, daß die ganze Wucht dieses Hiebes nur wi den anwesenden Banne, n begriffen würde, die den Riff des Polizei-Inspektors auf diesem Punkt kannten.
fangenen Mannes, bekenne ich mich noch heute zum Sozialisinus, zur Revolution!" Da entsanken den Händen der Stenographen die Griffel, Alles weinte, Staatsanwalt, Präsivent, Geschworne, Gendarmen, — nur Ein Laut des Schluchzens ward in dem Saal vernommen.
Diese Lehre für das preußische Ministerum ist die schlagendste, die es noch empfangen hat. Ein Mann, gestänvlich der Rebellion, der erklärt: „Ja, ich habe die Muskete ergriffen, und ich'habe Recht dabei gethan !" Dieser Mann wird von den Geschwornen einstimmig freigesprochen, wobei man nicht vergessen darf, daß das öffentliche Ministerium alle nur halbwegs der Demokratie verdächtige Personen rekusirt hatte. Jetzt ist es Zeit, daß die Demokratie der Bourgeoisie eine goldne Brücke baue!
Cm hoher Beamter äußerte, es sei ein großes Unglück für Kinkel, daß die Geschwornen ihn auch nicht zum Tode verurteilt hätten. In diesem Falle hätte er eher eine Begnadigung erwarten dürfen, während das Nichtschuldig den schlimmsten Eindruck auf seine Majestät machen werde.
Es war ein tieferschüttender, wahrhaft seelenzerreißender Moment, als sie die Schranken öffneten und drei der Angeklagten frei daraus hervortraten, indeß der Eine darin zurückblieb. Das Herz wendete sich Einem vor Schmerz und Zorn, wenn man diese edle Gestalt mit den vergeistigten Zügen der Willkür eines Schwarms von Gcndarmeugesichtern preisgegeben sah. Kinkels Frau hatte sich, um eines Platzes sicher zu sein, stets Morgens in aller Frühe im Assisensaal einschließen lassen.
Ass Kinkel während einer Pause stellt sich winkte, trat sie einen Augenblick auf die Stufen, und wollte mit ihm reden. Kinkel bog sich über die Schranken; aber die Gensd'armen traten augenblicklich vor und erklärten, daß sie einen Kuß nicht gestatten dürften. Nach einigen Unterhandlungen mit einem anwesenden höhern Polizeibeamten, wurde, „eine Hand" gestattet. Am letzten Tage nach Beendigung der Verhandlung, ehe Kinkel wieder ins Gefängniß abgeführt werden sollte, sah ich, wie Frau Kinkel rasch hinaufeilte, um ihren Mann zum Abschiede zu umarmen. Der kleine Oberprokiirator John trat ihr in den Weg und sagte: das sei durchaus unstatthaft, und beorderte die wachhaltende Gensd'armerie, die letzte Umarmung der beiden Gatten zu verhindern. In diesem Augenblick erhob sich der Gefangene wie ein Löwe und rief mit gebietender Stimme: „Komm, Johanna! Gieb Du Deinem Manne einen Kuß, es soll Dir das Niemand wehren!" Hub auf den Ton dieser Stimme hin traten die Gensd'armen auseinander, und gehorchten ihrem Gefangenen und nicht dem Oberprokurator. Ja, ich wage zu behaupten, wenn Kinkel nach dem frischen Eindruck seiner Siebe vorgetreten wäre, und hätte gesagt: „Ich gehe jetzt hinaus, und Niemand halte mich auf!" er wäre unangefochten aus dem Saal gelangt.
Als der Saal geräumt werden sollte, brauchte man die Vorsicht, neue Truppen hereinzubeordern, welche den Debatten nicht beigewohnt hatten, die denn auch ihr Amt mit möglichster Brutalität ausübten.
Noch eine Anekdote füge ich bei, die mir aus nächster Quelle mitgetheilt wurde. Im Anfang des Naugardter Auffenthaltes des unglücklichen Dichters, schrieb ein Bekannter seiner Familie an einen dortigen Inspektor, und erkundigte sich nach dem Befinden Kinkel's Der Inspektor schrieb zurück:
„Die Familie Kinkel's möge sich doch gar keine Sorgen um das Loos des Mannes machen: Spulen sei eine ganz angenehme Arbeit." Bei einer solchen Kulturstufe der nächsten Vorgesetzten eines deutschen Schriftstellers, begreift man den Ausruf desselben, der ihm hier in Köln entfuhr: „O wem wenigstens das Glück vergönnt wäre, in einem rheinischen Zuchthause sein Leben zuzubringen!"
Die Mitangeklagten Kinkel's versichern, daß Er in feinen Gesprächen mit ihnen, stets dem Charakter des Naugardter Direktors Gerechtigkeit habe widerfahren lassen, daß aber die Menschenfreundlichkeit dieses Mannes durch die strengsten Instruktionen gehemmt sei. So z. B. sei er der einzige Sträfling in Nan- gardt der Einzelhaft habe, welches er für die raffinir« teste Grausamkeit hält. Dann cristirt seinetwegen ein besonderer Kabinetsbefehl, demzufolge der Direktor Schnuchel verpflichtet ist, darüber zu wachen, daß Kinkel nie die Gelegenheit erhalte etwas zu thun oder zu schreiben, welches Veranlassung werden könnte, daß sich seine Lage veränderte. Fürchtet man vielleicht, daß der Dichter den kunstsinnigen König durch Verse zu rühren versuchen möchte?
Der freie Kinkel wäre nur ein einzelner Mann. Der gefangene Kinkel ist eine Armee. —
Der zweite Mai hat in Köln die letzte Täuschung über das Königthum zerrissen, und der Ruf, den ich ans dem Munde einer Frau hörte, welche vor den Bajonetten von der Schwelle ihres eigenen Hauses flüchten mußte, mag so ziemlich als Ausdruck der allgemeinen Mißstimmung gelten: Und eine solche Regierung soll man noch liebe»».
Verantwortlicher Redakteur: J. Oppermann.