„âeiheik und Recht!"
Wiesbaden. Donnerstag 16. Mai
1830.
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Ursacl.ei» und Wirkungen.
O Aus dem Emsthal. Dic in No. 107 der Freien Zeitung aus dem goldenen Grunde mitgetheilte Nachricht, daß der Lehrer in Sch. in Folge der Anhörung der Missionspredigten wahnsinnig geworden, verdient wohl näher erörtert zu werken. Wohl haben wir der durch Fanatismus wahnsinnig Gewordenen in neuerer Zeit Viele, und es scheint, daß der Erfolg die Herrn, welche den Wahnsinn wollen, zu größerer Thätigkeit treibt; allein dieser Lehrer ist doch ein auserlesenes Opfer, er war ein von Natur herrlich begabter Mensch, und solche sind dem Vater des menschlichen Elends, dem Iesuitengeiste, die willkommensten Opfer. Zuvörderst müssen wir bemerken, daß es irr- thümlich in jenem Artikel in No. 107 heißt: der Lehrer in Sch.; denn der Unglückliche ist der Lehrer Schmitt in Niederselters.
Ueber den Hergang aber erzählen in Niederselters Männer, welche dem Lehret Schmitt näher standen, daß dieser seit ungefähr einem halben Jahre sich im Zweifel, am Scheidewege, befunden, daß er versucht, die Gesetze des Verstandes auf die klug erfundenen Lehren der Priester auzuwenden und eben an dem Punkte angelangt gewesen sei, an welchem Blumauer betete :
„Herr nimm mir den Glauben,
Oder nimm mir den Verstand!"
Liebende Freunde suchten den Zweifelnden zu stärken in dem Kampfe des Geistes wider die schwarzen Schreckgestalten in seinem Gemüthe, — da erschienen die MissionSprediger in Limburg und Schmitt eilte dorthin.
Dort erlosch das schon schwachglimmende Licht der Vernunft, — noch in der Nacht lief der Verwirrte nach Niederselters, seine Frau zu holen, damit auch sie geheiliget werde.
Schon deS anderen Tages zeigte der Lehrer in der Schule Geistesverwirrung. Später soll er mit einer Mission für Niederselters beauftragt worden sein. An dem gesunden Sinne der Bewohner scheiterten indessen seine Bemühungen, man bedeutete ihn, er möge dergleichen „Possen" unterlassen.
Hierdurch wankend gemacht, soll Schmitt nach Limburg gegangen sein, um vom „ hochwürdigsten Herrn Bischof" seiner Mission entbunden zu werden.
Allein der Bischof soll ihn einen Miethling genannt haben, wenn er nicht allen Hindernissen zum Trotze zur Verherrlichung der heiligen Dreifaltigkeit wirke.
Düster und zerstörten Blickes kam der Unglückliche nach Hause, ging des anderen Tages nach Schwickershausen in sein elterliches Haus, nahm dort keine Speise an, sondern steckte Dutterbrod in die Taschen und entfernte sich.
Bei der SchwickcrShâuser Kirche angekommen, umkreiste er dieselbe dreimal und kniete dann mit hochgehobenen Händen nieder.
Dieses wurde gesehen. Die Kunde kam in das elterliche Haus, man ging nach ihm und fand ihn — in vollem Wahnsinne. Jetzt liegt der Unglückliche angekettet auf seinem Bette — um ihn eine jammernde Familie und Wächter!
Der Bischof von Limburg hat ihn besucht, zu welchem Zwecke, wissen wir nicht.
Das ist die Frucht des Jesuitengeistes; Zerstören und Elend säen ist seine Wollust, seine höchste aber die Zernichtung des Geistes. Und entweder gelingt es ihm, wo er ungehindert herrscht, den Geist von Jugend an zu ersticken, ihm das Siegel des Thieres aufzudrücken; oder der Blitz der Erkenntniß beleuchtet und zerbricht die eisernen Fesseln, aber das Herz, die Liebe, erstirbt in dem kalten Blitzstrahle. Der erste Fall ist der gewöhnliche, er erzeugt jene stupide Gläubige, die »immer zum Bewußtsein gelangen, die wie das Thier vom augenblicklichen Eindruck regiert werden. Ihr Glaube klebt auf dem erstickenden Geiste, bleibt aber ohne Einfluß auf ihr Wollen und Handeln, sie sind wie ausgebrannte Vulkane, hohl, und ohne allen sittlichen Gehalt. Das Siegel Gottes, der Beruf zur Freiheit, ist von ihrer Stirne gerissen, es sind diejenigen, von denen die Bibel sagt: sie wandelten in dem Reiche der Todten, denn sie sind Maschinen, also geistig todt! Und jenej zweite Art sind diejenige!!, welche in die heilige Nacht geschaut, welche sich aber in Heuchelei hüllten, um nicht verrathen zu werden, welche in langer Uebung vortreffliche Heuchler wurden.
Kennt ihr diese heiligen Schurken, die liebeleer und gefühllos mit dem Wohl der Menschheit spielen, vor keinem frommen Bubenstück erschrecken, zwischen Tugend und Laster keinen Unterschied machen, und mit raffi- nirter Schlangenklugheit mit Tugend, Gott und Sittlichkeit ein ergiebiges Geschäft treiben V
- Aber es gibt noch Men dritten Fall, und dieser der schrecklichste, es ist der Fall, wenn eine kräftige und edle Natur trotz altes Druckes sich entfaltet. Hier wird versucht, den Zwiespalt zwischen Gefühl und Verstand zu erwecken, Schreckgestalten durchziehen das Herz, malen ferne Qualen und zitternd denkt noch der Verstand, bis er sich entsetzt — und vom Wahnsinn umsponnen, verdunkelt wird. Eine solche Natur war Schmitt, er verfiel dem tobenden Wahnsinn — und riß mit seinem Falle eine Familie ins Verderben. Das ist das Wirken des Jesuitengeistes! Er bedarf der Opfer noch viele, ehe er wieder die ersehnte Herrschaft in Besitz nehmen kann.
Der Geist muß zerstört werden, das ist seine Loo- sung. Wo nicht der Wahnsinn hilft, da muß es die unermüdete, blutige Verfolgung, da muß es die Verzweiflung des Gehetzten. Kennt ihr nicht die Ränke, die Lügen und Verläumdungen gegen die ehrlichen und denkenden Geister? Ihr kennt sie, ja, seht sie; aber bleibt gleichgültig — und die Leibeigenschaft wird euren Kindern werden!
Asstfenverhandlungen zu Wiesbaden.
Vierzehnter Prozeß.
Anklage gegen Carl Joseph Erlenbach von Caub, wegen T o v sch l a g s; g e g e n B a I t y a s a r R ü k v o u N a st a t t e n w e g e n M cineids, und gegen diesen, Johann Baptist jLackes und Georg Vogel von C a u b, wegen Theilnahme an einem Raufha nr>e*l.
(Schluß.)
^ Wiesbaden, 14. Mai. Da, wie die Schwester des Getödteten behauptet, viele Zeugen nicht Alles gesagt haben, was sie wissen, so werden auf Antrag des Staatsanwalts bei Beginn der beutigen Sitzung noch einige derselben vorgefordert, die aber nichts Neues augcbeu können. Nachdem die Geschwornen die Kleidungsstücke des Gemordeten in Augenschein genommen haben, wird zu den Debatten geschritten.
Bezüglich des Karl Joseph Erlenbach gelingt es dem Staatsanwalte in jeder Hinsicht, die erhobene Anklage geltend zu machen, er geht sehr genau in jede Einzelheit, so weit sie durch Zeugenaussagen constatiit ist, ein und bemüht sich auf diese Weise den Thatbestand des Verbrechens nackt und klar hinzustellen. Schwieriger ist jedoch die Begründung der Anklage gegen Backes, Rück und Vogel. Die Zeugenaussagen gegen diese haben nichts ergeben, waS sie besonders graviren könnte. Der Staatsanwalt findet diese mangelhaften Aussagen sehr auffallend und beschränkt sich daher nur auf das, was einigermaßen als Beweis gegen sie dienen kann.
Procurator Lang als Vertheidiger des Erlenbach führt aus, (nachdem er darauf hingewiesen, daß die Zeugen bezüglich dieses Angeklagten ein sehr gutes Gedächtniß gehabt hätten, während sie bezüglich der sonstigen Vorfälle wenig oder gar nichts wissen wollten, demnach die Mangelhaftigkeit der Zeugenaussagen nicht der Furcht vor Erlenbach zugesihrieben werden dürfe) daß sich sein Client im Stande der Nothwehr befunden habe und daß er deshalb straflos sei, weil offenbar seine Ehre, seine Gesundheit und sein Leben in Gefahr waren. Niemand sei für ihn, Alles gegen ihn au- gestanden. Lang sucht diesen Umstand, als Berücksichtigung verdienend, mit GesetzcSstcllcn sehr ausführlich nachzuweisen.
Die Vertheidiger, Procurator Geiger für Rück und Backes und Procurator Braun für Vogel, fassen sich, da die Anklage gegen diese zu bekämpfen nicht sehr schwierig ist, kurz, und es gelingt Beiden vollkommen, dieselbe zu entkräften.
Die Replik des Staatsanwalts und die Dupliken der Vertheidiger bringen nichts Neues.
Das Resüme deS Präsidenten ist sehr ausführlich und nach allen Seiten hin erschöpfend.
Die Geschwornen sprachen nach beinahe Ästündiger Berathung das „Schuldig" über Erlenbach, die That mit Vorbedacht begangen zu haben; die Nothwendig
^o# Madonna.
Wenn mich auf allen meinen Lebenswegen Der finstre Geist der Despotie verfolgt, Wenn öffentlich bei jedem freien Regen Ein schlauer Häscher meiner Ferse folgt:
Dann eil' ich hin zum holden Frauenkreise, Der Grazien und Engel nur umschließt, Den in entzückender, sichtbarer Weise Die Glorie des Himmels stets umfließt.
Dort kann ich würdig und mit Lust verehren Den Gott der Freiheit, der mein Herz erfüllt; Kein Scherge kann dem reichen Segen wehren, Der aus der Andacht solcher Stunden quillt,
Der mir die Brust mit neuem Muthe füllet, Der mir das Kampfschwert in die Hände preßt, Der mir der Zukunft Nebelbild enthüllet, Des Heilands Nähe mich empfinden läßt.
Ja, jede edle Frau die frei empfindet Und frei die Herzen ihrer Kinder macht, Sie ist Madonna! denn durch sie verschwindet Der Hötte und des Bösen finstre Nacht.
Sie ist Madonna , denn sie hilft erziehen, Das starke Freiheitshccr der Göttersöhne, Die wclterlösend kämpfen, deren Mühen Ein Erdenreich uns bringt mit Himmels-Schöne.
Fr. M.
Die schwersten Tage Szegedins.
Aus dem Tagebuche eines Couriers.
(.Fortsetzung.)
Nach dem Aufstand der Serben ging er (Petrovics) wie viele Serben, die zerstreut zwischen den Magyaren wohnten, zu den serbischen Insurgenten jenseits der Römerschanzen. Er wurde dort einer der Hauptführer der verschiedenen Horden und seine aufreizende Thätigkeit wurde bald im Lande bekannt. Rachsucht gegen seine früheren Mitbürger und die Begierde seine zurückgelassenen Besiythümer wieder zu erobern lenkte seine stete Huf« merksamkeit auf Szegedin und ihm war es vorzüglich zuzuschrciben, daß eine Serbenhorde von seinen Schil- Schilderungen der Szegedincr Reichthümer aufgestachelt sich von der Hauptmasse trennte und gegen Szegedin voraneilte.
Die Bäuerin, welche seine Ankunft meldete, war eine Serbin, die aber den Ungarn zugetha» war. Ihre Familie hatte Verwandte und Freunde in Szegedin und
es jammerte sie, daß die befreundete Stadt unvcrsiheus überfallen und einer serbischen Plünderung prcisgrgebeii werden sollte. Sie erzählte, daß Petrovics mit seinen Offizieren in ihrem Hause eingekehrt sei, um sich da bewirthen zu lassen. In der Küche wären Serben m t gezogenen Handjaren bei den Mägden gestanden, um sie zu überwachen, daß sie nicht Gift in die Speisen werfen. Bei dem Toast, den die Offiziere auf Petrovics Wohl ausgebracht, habe man die freudige Hoffnung ausgesprochen, am nächsten Tage schon sich in Petrovics Hause in Szegedin gütlich zu thun. Haarsträubende Vorsätze sprachen dabei die Offiziere aus über die Art, wie sie in Szegedin hausen wollten. Petrovics erwiederte den Tv. st mit gleichen Redensarten; er sagte unter Anderem, er wolle aus ten Einwohnern Szegedins Gulyas machen und es tüchtig papriziren. *)
Diese Erzählung setzte die Bevölkerung in die furchtbarste Aufregung. Am meisten war zu befürchten, daß die Serben unterhalb Szegedins über die Theiß setzen und während der finstern Nacht in die offene Stadt dringen würden. Die Ufer des Stromes waren dort schwer zu vertheidigen, denn sie lagen ganz flach und offen und Menscheumaffen wären dort schutzlos dem feindlichen Geschoß prcisgcgeben gewesen. Man mußte sich
*) GulyaS, eine ungarische LicblingSspeise aus kleingehacktein Fleisch. Paprika, ungarischer Pfeffer, mit dem die fetten Fleischspeisen Ungarns stets gewürzt werden,