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Wiesbaden. Mittwoch, 13 Mai
1850.
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FF. Das getheilte Deutschland.
„Kein Preuße», kein Oesterreich, ein etntges Deutschland — fest wie seine Eichen."
Crzh. Johann.
' Der Schauplatz der diplomatischen Vorstellungen, nun Besten der Kleindcutschländereien, ist verlegt worden; auch die Personen der Aufführenden haben zum großen Theil gewechselt. Die Statisten von Erfurt sind sammt und sonders abgetanst worden, und zu Berlin erblickt man in den stolzen Karossen, oie zum Fmstcnkonqrcß fahren, außer den Herren von Gottesgnaden selbst nur noch die Crème der diplomatischen Notabilitäten von nah und fern. Hat in Erfurt St. Radowitz zu Anfang des dortigen Parlaments, namentlich in der famosen Sitzung vom 25. März, Trost und Balsam in das am Gelingen des „Bundesstaates" verzweifelnde Her; der gothaischen Bundesstaatnarren gegossen, tun dicht hinterdrein ätzende Sauge nachzu- schüttcn, und sie in solcher abwechselnden Behandlung mit grausamer Wollust zwischen Angst und Hoffnung zappeln zu lassen, so scheint jetzt in Berlin eine höhere Persönlichkeit mit schönen Worten denjenigen begegnen zu wollen, welche noch im Ernste an die Gründung eines deutschen Bundesstaates und nicht an die eines mächtigeren und vergrößerten Preußen glauben.
Die Zeitungen melden, daß eine geistvolle Rede des Königs von Preußen an die an seinem Hoflagcr versammelten Fürsten die beste Hoffnung an dem Z»- standekommen des Bundesstaates neu aufgerichtet halw. Die eigentliche Gestaltung der Lache wird wohl nicht lange auf sich warten lassen. Als ein bedeutsames Zeichen, wie die Sachen stehen, mag die Thatsache ; dienen, daß der russische Gesandte zu Berlin, Hr. v. Mettendorfs, dessen Gebieter gegen die Versammlung zu Erfurt in Noten und Truppenbewegungen ,o , drohende Demonstrationen zu machen schien, jetzt dem ; Fürstenkongreß, welcher das Erfurter Werk sanktioniren - soll, seine zuvorkommendste Theilnahme schenkt und ihn festlich zu bewirthen sich anschickt. Der Protest, welchen Preußen jüngst gegen Oesterreich und besten Wie- dereinbcrusimg der alten Bundesversammlung erlagen, wird aller Voraussicht nach einen nicht weniger überraschenden Ausgang nehmen, als jene russischen Drohungen, nachdem derselbe seinen Zweck erreicht, d. h. Preußen durch Einsetzung einer Unionsgewalt und einstweilige Suspension der Verfassung, für diese Union in den Stand gesetzt haben wird, „ebenbürtig" mit Oesterreich über die Gestaltung der allgemeinen deutschen Verhältnisse weiter sich zu verständigen. Man sieht es kommen, daß es auf diesem Berliner Fürsten, kongreß, soweit dort über die innern Angelegenheiten entschieden wird, auf nichts abgesehen ist, als die kleinen deutschen Staaten, welche sich nicht mehr loßreißen können, dergestalt an Preußen zu ketten, daß ihre eigene Selbstständigkeit in dem Einfluß deS letzter» unterziehen muß und daß dadurch dann Preußen in Frank
furt mächtig genug auftreten kann, um sich von Oesterreich die Gleichheit der Stellung über Deucfchlanv überhaupt zu erwirken, mit andern Worten sich mit Oesterreich in die faktische Herrschaft über die deutschen Lande zu theilen.
Täusche Man sich darüber nicht; sobald in Berlin die Union auf die angedcutete Weise geschmiedet ist, werden die beiden deutschen Großmächte am Bundestage zu Frankfurt thatsächlich nur im Gefolge ihrer beiderseitigen Vasallen auftreten; und da es in ihrem beiderseitigen Interesse liegt, das faktische Verhältniß in ein sogenanntes rechtliches umzuwandeln, so werden sie zur Erreichung dieses Zwecks sich die Hände reichen. Der Tauschobjekte befinden sich ohnedies manche in einer oder der andern Hand, um die schließliche Ausgleichung zwischen ihnen möglich zu machen, ohne daß von der einen oder der andern Seite die Furcht, bet der Theilung zu kurz zu summen, d gelbe lange hinauS- schieben oder gar hintertreiben lounte. Man wird schon eine Form zu finden wissen nach der Art, wie Preussen mit der Einrichtung des engern Bundesstaates in glücklichem Experimente vorangegonge» ist, den Staaten oder Dynastien auf deren Meblatisirung es abgesehen, eine Schattenexistenz zu bereiten und sie dadurch zu vermögen, ihren Groll über das, Unvermeidliche hinunter zu würgen. In dem Augenblicke, wo Oesterreich und Preußen im Einverständniß den Oberbefehl über die Bundeöarmee ankerten — und dies wird der nächste Punkt sein, welchen die auf dem Frankfurter Bundestag beabsichtigte „Revision" der Bundesverfassung ins Auge fassen und erledigen möchte — in dem Augenblick, wo man die Gefahr der äußeren Lage, die Drohung mit einem auswärtigen Kriege zur „Rettung der Gesellschaft" geltend macht, werden sie mit einem Schlage jeden Versuch, jede Möglichkeit eines wirksamen Widerstandes von Seiten der kleinen Staaten im Keime erstickt haben. Dies wird das unausweichliche Loos der kleinen und mittleren deutschen Staaten werden, wenn die Dinge in dem Gleise fortgehen, in welche sie die diplomatischen Bemühungen der deutschen Großmächte gebracht haben. Deutschland wird faktisch verschwinden, um theils in Oesterreich, theils in Groß- Preußen aufzugehen. Leider hat das verdeckte Spiel einer treu- und gewissenlosen Diplomatie, wie die eigene Unfähigkeit so mancher von den Regierungen der kleinern deutschen Staaten in den Augen ihrer Völkerstämme allen Boden unter den Füßen weggezogen, auf dem sich ein Widerstand gegen den sie verschlingenden Absolutismus entwickeln könnte. Und doch wäre es bei etwas gutem Willen vielleicht noch möglich, gegen diese andringcnde Gewalt sich eine feste Stellung wieder zu gewinnen, und dem drohenden Schicksal zu entgehen.
Assisenverhandlungen zu Wiesbaden.
Vierzehnter Prozeß.
Anklage gegen Carl Joseph Erlenbach von Caub, wegen Todschlags; gegen Bairpasar Rük von Ra statten wegen Meineids, und gegen diesen, Johann Baptist Backes und Georg Vogel von Caub, wegen Theilnahme an einem Raufhan del.
^ Wiesbaden, 13. Mai. Präsident: Hr' Hof- gerichtsralh Trepka; Staatsanwalt: Hr. Staatsprokurator Reichmann; Vertheidiger: die Herren Prokuratoren Braun, Geiger und Lang.
Carl Joseph Erlenbach von Caub, 45 Jahre alt, Steuermann, ist angeklagt: daß er am 15. November 4849 in einem Streit mit Jacob Müller, Balthasar Rück, Johann Baptist Backes und Georg Vogel den Jacob Müller durch Messerstiche in dein ohne Vorbedacht im Affekte gefaßten Entschlusse vr Töbtung desselben verwundet und hierdurch dessen b ld darauf erfolgten Too bewirkt habe, eventuell: daß er in der im Effecte beschlossenen und ausgeführten rechtswidrigen Absicht, den Jacob Müller zu mißhandeln, diesen bei dem am 15. November 1849, zwischen ihm einerseits und Jacob Müller, Balthasar Rück, Johann Baptist Backes und Georg Vogels andererseits stattgefundenen Naufhandel durch Messerstiche verwundet und hierdurch dessen Tod herbeigeführt habe.
Balthasar Rück von Nastätten, 24 Jahre alt, Bierbrauer, ist angeklagt: 1) daß er an dem am 15. November 1849 im Hause des Wirths und Metzger^ Daniel Fuchs zu Caub, zwischen ihm, Johann Baptist Backes, Georg Vogel' und Jacob M ü l l e r einerseits und Carl Joseph Erlenbach andererseits stattgefundenen Raufhandel, worin dieser, nachdem er aus dem Wlrthszimmer in den Hausgang gebracht worden war, an der Hand verwundet und durch Schlage auf den Kopf mißhandelt wurde, ohne daß die Urheber der Verletzung ermittelt worden sind, thätigen Antheil genommen, und 2) daß er bei seiner am 24. November 1849 vor der Criminalcommission zu Caub stattgefundenen eidlichen Vernehmung als Zeuge diese Theilnahme verschwiegen, abgeläugnek und entstellt vorgetragcn habe.
Johann Baptist Backes von Caub, 26 Jahre alt, Schiffsknecht, und Georg Vogel von Caub, 23 Jahre alt, Oeconvm, sind angcHagt: daß sie an dem am 15. November 1849 im Hause des Wirths und Metzgers Daniel Fuchs zu Caub stattgefundenen mehrerwähnten Naufhandel, worin Erlenbach, nachdem er aus dem Wirthözimmer in den Hausgang gebracht worden war, an der Hand verwundet und durch Schläge auf den Kopf mißhandelt wurde, ohne daß die Urheber der Verletzung ermittelt worden sind, thätigen Antheil genommen haben.
Bis zum Schluffe der Nachmittagssitzung währte
Die schwersten Tage Szegedins.
Aus dem Tagebuch« tinti Couriers.
(Fortsetzung.)
Den ergreifendsten Anblick bot aber die Mittagsstunde auf dem Marktplatz. Da wurden vor das RathhauS einige hundert ganz kleiner Kinder, die noch kaum sprechen konnten herbeigetragen, um von den Angehörigen erkannt und den Eltern zugeführt zu werden. Es gab darunter zweihundert Säuglinge, welche zum Theil von Szegediner Müttern an ihrer Brust genährt wurden. Welche furchtbare Scenen wurden da täglich erlebt, die bis zum Wahnsinn gesteigerte Freude derjenigen, die ihre Kinder erkannten und die düstre Verzweiflung der Mütter, welche ihr geliebtes Kind nicht wicderfinden konnten! Die Kinder waren nämlich, ^ Achou oben erzählt worden, bei der eiligen Flucht». ., die in den Dörfern vorrätigen Wagen bunt durcheinander gelegt und kamen früher in Szegedin an, als die Fußgänger, von denen besonders die Weiber weit zu rückblieben.
Diese Schmerzensscenen machten auf den Szegediner einen um so gewaltigem Eindruck, als der Stadt selbst ein gleiches Loos bevorstaud, da mit jedem Tage die Kunde von dem immer weiteren Vordringen der serbischen Horden eintraf, die durch nichts aufgchalten wurden, als durch die aufs Plündern verwendete Zeit.
Von der ungarischen Regierung wurde Militär versprochen, aber es traf kein Mann ein, alle disponiblen Truppen mußten gegen die österreichische Armee verwandt werden. Statt dessen schickte die Regierung Proklamationen aufregenden Inhaltes und den Befehl, daß die ganze Bevölkerung von sechszehn bis fünfzig Jahren sich bewaffnen solle. Da bei dem Stand der ungarischen Sache nur zu sehr Abfall und Verrath zu befürchten war, ermächtigte die ungarische Regierung den Landsturm und die Nationalgarde ihre Führer niederzuschießen, sobald sie sich verdächtig zeigen würden. In Szegedin bedurfte es eben keiner Aufreizung; der Anblick der unglücklichen Auswanderer und die Angst vor gleichem Schicksal neben dem ursprünglichen Haß gegen die Serben, hatte die Erbitterung und die Kampflust bis aufs Höchste gesteigert. Die Auswanderer selbst, durch Leiden zur Raserei gestachelt, und begierig, den heimischen Heerd wieder zu erobern lind an den serbischen Räubern Rache zu nehmen, hätten sich mit den bloßen Fäusten gegen die Bajonette gestürzt. Man hätte füufzigtauseud Kämpfer auf diesem Play allein versammeln können, aber — es fehlte an einem kriegskundigen Mann und überhaupt an einem Talent, das die zahlreichen Kräfte geordnet und geleitet hätte. Der Regierungskommissar Hunkar hatte die kostbare Zeit in voller Unthätigkeit vorüber gehen lassen, seine ganze Aufmerksamkeit war den -schönen Weibern Szegedins gewidmet, und der Stadtkommandant Oberst Haddik verstand sich vielleicht auf das Exercitium eines
wohlgeschulten' Bataillons, aber mit umegulären Massen wußte er nichts anzufangen.
Indessen, die Gefahr wurde dringend, die Serben waren bereits auf eine halbe Tagereise von Szegedin an- gckommcu. Die enisirnterm Meie, Höfe rings um die Stadt hätten schon die ruchlose Raubgier der Serben erfahren, wenn nicht die schwach gefrorne Theiß den Uebergang sowohl zu Fuß, als auf Schiffen noch vcr- hinde t hätte. Aber ein rascher Frost oder Lhauweiter konnten dieses momentane Hinderniß beseitigen. Bei dieser dringenden Gefahr entschloß sich die S^Uionalgarbe muthvoll dem Feind aufs jenseitige Ufer culgegeiizilmar. schiren, um ihn in die Flucht zu schlagen. Ungefähr sechs Stunden vor der Stadl traf die wackere Bürgerwehr auf den Feind. Sie war aber an Zahl schwächer, als der Gegner, hatte noch nie mit einem Feind in offenem Felde gekämpft und besaß überdies nur zwei Kanonen, während die Serben über zwölf Feuerschlünbe darunter mehrere von schwerem Kal her zu gebieten Hatter Sie mußte sich zurückziehen und hatte nur der Feighcic der serbischen Horten, welche lieber plündern als sich schlagen wollten, ihre Rettung von einer glänzenden Niederlage zu verdanken. Die Erbitterung über den Rückzug kehrte sich zunächst gegen den Anführer der Rativnal- gardc, einen Major, der früher östercichischer Soldat gewesen. Roch wußte man jedoch nicht, ob der Mann blos unfähig gewesen, oder Verrath geübt. Letzteres wurde aber bei den Nationalgarten zur Gewißheit,