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jetzt mehr denn 1800 Jahre! ein Mann in Israel umherzog, der nicht hatte, sein Haupt hinzulegen, und der die Lehren Derer angriff, welche damals die reli­giösen Gebräuche der Juden ausübten, und sich rühm­ten, von Gott eingesetzte Priester zu sein? Haben Sie vergessen, daß dieser Mann Christus ist sein Name! "Die Spottreden und die Verfolgungen jener heuch­lerischen Pharisäerkaste erdulden mußte, die sich an» maßte, im Besitz des alleinwahren Glaubens zu sein, daß dieser Mann auch gegen die weltlichen Behörden zu kämpfen hatte, weil sie es für vortheilhaft erkannten, mit den Priestern und Schriftgelehrten verbündet zu sein? Haben Sie vergessen, daß dieser Mann , auf die Angebereien der Pharisäer verurtheilt von der welt­lichen Obrigkeit, verkannt und gehaßt von einer durch seine Priester irregeleiteten Menge, für seine Ueber» zengung den.Kreuzestod auf Golgatha starb? Haben Sie endlich vergessen, daß die Ueberzeugung eben die­ses Mannes die Ueberzeugung der Welt geworden ist, und daß bis auf den heutigen Dag Millionen sich zu seinem Namen bekennen, Millionen, zu denen nach Ihrem Bekenntnisse auch Sie gehören, Herr Pfarrer? Aber die Spottreden und Schmähungen und Verwün­schungen der damaligen geistlichen Gewalthaber haben die Stirne Christi mit einem unvergänglichen Glanze umgeben, und diejenigen, von welchen sie ausgingen, für ewige Zeiten gebrandmarkt! Das Kreuz des Ver­brechers wurde zum Glaubenssymbole der Menschheit, und die Dornenkrone auf dem Haupte des Gekreuzigten zur strahlenden Krone des Märtyrers. Sie haben, Herr Pfarrer, vonschlechten, irreligiösen, ruchlosen Geschwätzen" gesprochen. Aber das sind immer die Ausdrücke derer , die die abgestandene Luppe ihrer Religion gegen neue Ideen zu vertheidigen haben, das waren auch die Ausdrücke der Pharisäer gegenüber den neuen Ideen, die Christus verkündete.

Mit solchen Gründen pflegen endlich, Herr Pfarrer, nicht wenige von denjenigen zu fechten, welche in dem geistlichen Amte vor^ allen Dingen eine einträgliche Pfründe erblicken.

Wir wundern uns nicht, wenn Sie jede Berührung mit einer neuen Idee ängstlich meiden: jede solche Be- riihrung ist für Lie selber der Tod, und das Volk verscherzt gern die angeblichen Herrlichkeiten des Para­dieses, um nur von dem Baume der Erkenntniß zu schmecken.

Sie wollen Ihre Heerde schützen vor dem Wolfe, der naht, aber der Hirte kömmt, um die Heerde zu^retten. Besser als alles Andere, Herr Pfarrer, be» weist uns Ihre eigene Furcht, daß der Wurm an dem Holze Ihres Christenthums nagt, ja, daß das Holz von innen schon fault und modert. Nur künstliche Mittel verlängern Ihr Dasein, aber der Arzt hat bald alle seine Kunst erschöpft. Die Gewalt des Staates, der Euch zu seinem eigenen Bestehen nöthig hat, ist es, die Euch noch selber erhält, aber selbst die Gewalt des Staates vermag nicht Eure Kirchen zu füllen, Euern Glauben zu befestigen in den Gemüthern, Eure Lehre zu retten vor der Idee des freien Christenthums, der wahrhaft menschlichen Religion. Denn unsichtbar und unfaßbar schreitet der Geist der Freiheit durch's Land, der Geist der Liebe aber ist sein Begleiter. Und ob jeder Tag uns eine neue Verfolgung bringt, und jede Stunde eine neue Sorge auf unser Haupt wälzt, und obwohl Diener der Kirche und Diener des Staa­tes sich gemeinsam gegen die Freiheit verschwören: o so bringt uns doch die Wahrheit selber gefesselt schmähen und besudeln mögt Ihr sie immerhin! o so bringt uns doch jenen Geist gefangen, jenen all­mächtigen Geist, der die Allmacht der Gottheit selber ist! O so überzeugt uns doch, daß wirVaga­bunden" undschlechte Subjekte", daß unsere Reden nurruchlose und irreligiöse Geschwätze", überzeugt uns mit jenen Mitteln des tiefinnigen Herzensfeuers, des heiligen Zornes, der gotterfüllten flammenden Sprache, und wir kehren gern in den Schooß Eurer

Kirche zurück, wir stammeln Eure Gebete nach, wir fliehen in der Freiheit den verpesteten Satan, wir fal­len vor Euch nieder auf die Knie und rufen hinauf zum Herrn:wir haben gesündigt, o Vater, vergib uns! Amen!"

Der Vorstand der freien Gemeinden zu Diez, Freiendiez und Mensfelden.

Assisenverhandlungs» zu Wiesbaden.

Dreizehnter Prozeß.

Anklage gegen Ludwig Oswald Klas von Wiesbaden, w eg an ausgezeich ne ter Dieb- stähle und Landstreicherei.

(Schluß.)

^ Wiesbaden, 11. Mai. Zeuge Carl Mül­ler von Hier hat den Angeklagten, sowohl bei Wirth Opel, als auch später auf der Biebricher Chanssee mit verdächtigem Gesindel, namentlich auf letzterer mit Georg Knyrim, vulgoAlsfelder Georg" verkehren sehen. Bei Scheerer hat er ihn nicht zu Gesicht bekommen. Die Zeugen Polizeidiencr Seibel und Landjäger Fasse! von hier erzählen umständlich die Gesang ennehmung des Angeklagten. Haben alle an­dere Zeugenaussagen, trotz alles Dazwifchenrcdcns des Angeklagten, diesen immer mehr gravirt, so lassen die Aussagen dieser Zeugen, sowie der Zeugen A. Sch ön, Adam Roth, Joseph Herrmann, Conrad Schütz, Seulberg er, Andreas Rohrmann und Polizei- dicner Lani brich nicht den mindesten Zweifel mehr, daß Klas das Verbrechen des Einbruchs und Dieb­stahls bei Goldarbeiter Köllsch mit allen Umständen begangen habe. Genannte Zeugen waren theils bei der Arrestation behilflich, theils haben sie viele von dem Angeklagten während der Verfolgung hinwegge- worfcnc Gold- und Silherwaaren gefunden. Aber trotz alledem behauptet Klas immer noch mit großer Ent­schiedenheit seine Unschuld, nur die Feindschaft des Landjägers Fasse! habe ihn hier auf die Anklagebank gebracht. Fass el hat ihn nie vorher gesehen. Die verlesenen Leumundsbcrichte und Strafurtheile über frühere Vergehen sind auch nicht geeignet, den Ange­klagten für schuldlos zu erkennen.

Es ist sehr natürlich, daß die Begründung einer solchen Anklage keine großen Schwierigtetten darbietet. Herr Substitur Flach faßte sich auch sehr kurz, beleuch­tete aber vollständig und klar jeden einzelnen Umstand der That. Schwieriger ist bei solchen Fällen vieVer- kheidignng. Hr. Prokurator Lang, vollkommen von der Unmöglichkeit überzeugt, den Angeklagten auch nur im Mindesten in Schutz nehmen zu können, beleuchtet deshalb auch nur die Schwächen der Anklage und hebt mit großer Gewandtheit die wenigen Punkte hervor, die allenfalls zu der Annahme berechtigen könnten, daß eine so große Schuld des Angeklagten nicht vor» liege. Die Geschwornen erkennen nach einer sehr lan­gen Berathung dasSchuldig" bezüglich der beiden Diebstähle; dasNichtschuldig" aber bezüglich kerLand- streicherei..Auf Antrag des Staatsanwalts wird Os­wald Klas zu einer Zuchthausstrase von 8 Jahren, geschärft in den ersten öJahren, nach Ablauf eines jeden halben Jahres durch 14tägige Einzelhaft und Beschrän­kung der Kost während derselben je einen Tag über den anderen auf Wasser und Brod; in die Untersu­chungskosten, zum Ersätze des Gestohlenen rc. verur­theilt, und weiter verfügt, daß nach erstandener Strafe eine zweijährige polizeiliche Aufsicht einzutreten habe.

DeurfehissH.

/x Von der Wörsbach. DieFreie Zeitung" brachte schon früher Berichte über die jesuitischen Um­triebe in Samberg und die Verfolgungen gegen den Lehrer Rühl. Eine neue Intrigue tritt jetzt wieder an den Tag und hat tu Samberg eine Erbitterung er­

zeugt, die leicht inhaltschwere Folgen nach sich ziehen könnte. Gleich nach der Frühlingsprüfung, bei welcher der Pfarrer nichts gegen den Lehrer Rühl vorbringen konnte, wurde eine Schrift zur Unterzeichnung herum- getragcn, in welcher die Regierung um die Erlaubniß, eine Privatschnle gründen zu dürfen, ersucht wurde. Da untergeordnete Mitglieder des Piusvereins sich an die Spitze stellten, machte die Sache anfangs nur Ge­legenheit zum Lachen. Der Besuch dieser Privatschule war nicht nur unentgeltlich, sondern den Kindern wurde auch noch unentgeltliche Verabfolgung der Schreibma­terialien versprochen. Doch fand die Sache keinen An­klang. Allein nun folgte ein Ultimatum an Alle, welche Unterstützung erhalten, ihre Kinder in die Privatschule zu.schicken, resp, aus der Schule des Lehrers Rühl zu nehmen oder die Unterstützungen hörten auf. Ein halb blinder Mann, welcher Unterstützung erhält, bat den Herrn Pfarrer, ihm doch diese Znmnthnng nicht zu machen, fein Gewissen beschwere ihn, mitznhelfen, einen Unschuldigen zu verfolgen. Allein der Herr Pfar­rer entgegnete, das nehme er auf sein Gewissen, und der Knabe des Bittenden habe sofort die Privatschule zu besuchen.

Die lächerlichsten Verlänmdungen werden ersonnen und verbreitet, um Erbitterung gegen den Lehrer zu erwecken. Uno die Erbitterung und die Entrüstung hat die Gemüther ergriffen, aber nicht gegen den Lehrer, sondern gegen feine Gegner.

Schwerlich aber kann man sich auswärts einen Be­griff machen von der Gewalt, welche hier Wenige aus- ukn durch materielle Mittel.

Der ZeWitismus hat Mittel, und mit erhaltener Genehmigung hat er sich hier ein Kapital angelegt, durch welches er stets willige Knechte erkaufen kann. Als ein preußischer KabinetSbesehl aus bekannten Grün­den den Lieber'schen Thee verbot, wollte die nassauische Regierung dasselbe thun; da erbot mau sich, ein Ka­pital zur Unterstützung der Arinen als Stiftung anzu­legen. Die Verwendung aber behielt man in den Hän­den. Und es wurde genehmigt, daß man mittelst Ka­pital eine stets verfügbare Macht sich schaffen durfte. Das lind noch ein Anderes ist Kambergs Fluch.

Der Einfluß eines Mannes, der alle Sünden auf sein Gewisseil nehmen kann, nnd der Glaube aus Rechnung eines Andereil sündigen zu sonnen, üben na­türlich auch Einfluß.

Auch redet der Herr Pfarrer in der Religionsstunde so zart mit den Kindern über dieSchule unten" und daß man mit den Eltern sprechen müsse.

Die größte "Anmaßung aber liegt darin, daß man ein Geineindelokal, das Wohnzimmer eines Lehrers und Vorstandes im Piusverein, trotz Protest mehrerer Mit­glieder des Gemeinderaths, zum Lehrzimmer der Pri­vatschule gewählt. Und was ist die Ursache aller die­ser Anstalten? Die Klagen gegen den Lehrer Rühl haben zu keinem Ziele geführt, die Regierung ver­langte Beweise. Uno doch soll dieser Lehrer vernichtet werden, er schrieb im Jahr 1848 einen Aufsatz gegen das geistliche Schulregiment: seitdem ist sein Leben ver­fallen dem heiligen Gericht. Seit Samuels, des Pro­pheten, Zeiten endigte noch Keiner glücklich, der die Priester beleidigte. Diese Wahrheit muß sich zum Schrecken der Mitwelt bewähren. Wurde doch schon im April 1848 von einer Versammlung von Priestern beschlossen, um jeden Preis den Lehrer Rühl um Ehre und Brod" zu bringen.

Trete einem Priester auf den Fuß, so schreien alle bis Rom laut auf, die Religion sei in Gefahr. Und welche Wonne für einen Priester für Alle die Racbe auszuüben!

Ersuchte doch schon im vorigen Sommer der Pfar­rer Wehrfritz die Regierung, den Lehrer Rühl aus dem Schuldienste zu entfernen, weil sein (des Pfarrers) Gewissen solches verlange.

Allein die Piuspartei hat zugleich einem treuen Schildknappen die Stelle deS Lehrers Rühl verspro-

den Römerschanzen führten, um sie hinter diesem für unüberwindlich geltenden Bollwerk in Sicherheit zu brm- i gen. So gewann die Bevölkerung der entfernteren Ort­schaften einige Zeit, um über die Theiß gegen Szegedin zu flüchten.

Das war eine Wanderung, wie die Weltgeschichte vielleicht keine zweite kennt. Haus und Hof verlassen mit den reichgefüllten Scheuern, mit der Aussicht einst einen Schutthaufen an der geliebten Stätte wieder zu finden, war noch das mindeste Schmerzliche in dem Au­genblicke, wo eS galt, einem grausen Tode nnd scheuß­lichen Mißhandlungen zu entrinnen. Aber ein weiter Weg war noch zurückzulegen bis Szegedin, im strengen Winter, unter der qualvollen Angst von den nacheiicnten Räubern eingeholt zu werden. Die Männer und die meisten Weiber mußten zu Fuß gehen, die vorhandenen Wagen hatten kaum hinreichend Platz alle Kinder anf- zunehmen, die zu Dutzenden auf einen Wagen geladen und mit Federbetten vor der Kälte geschützt wurden. Das Vieh, welches von einigen gegen Szegedin getrieben wurde, erlag großen Theils dem Hunger und der Kälte. Aber auch viele Menschen fielen erstarrt und verhungert auf die Straßen hin, um nie wieder anfzustehen. Denn unterwegs fänden sie nichts zu essen, da die Dörfer be­reits von den Bewohnern verlassen waren, oder bei dem Heranziehen der Wanderer sich der eiligen Flucht in Masse anschlossen. Kinder, die keine Wagen fanden, er- froren auf den erstarrten Armen der Mütter, schwangere

Frauen, vom Schreck bewältigt, gebaren auf den Schnee hingcsunken, die Frucht, die sie so hoffnungsvoll unter ihrem Herzen getragen.

In diesen SchreckenStagen zeigte Szegedin die Tugenden des Magyaren, Muth, Herzensgute und unerschöpfliche Gastfreundschaft im schönsten Glanze. Nicht weniger als hundertfünfzigtausend Auswanderer füllten allmählig die Stadt. Abwechselnd stauben die Szegediner, Männer und Weiber am Ufer der Theiß und sobald eine flüchtende Schaar ankam, wurde sie mit der zärtlichsten Teilnahme empfangen und in die Häuser vertheilt, so daß jedes Haus an zehn bis fünfzehn Familien beherbergte und nährte. Die Stadt selbst konnte natürlich einen so ungeheuren Zuwachs nicht fassen und eS hätten Tausende bei dem besten Willen der Bevölkerung kein Obdach gefunden, wenn nicht die eigenthümliche Beschaffenheit der un­garischen Ortschaften in diesen Gegenden ihnen zu Gute gekommen wäre. Der größte Theil der Bevölkerung treibt nämlich Ackerbau im größten Maßstabe. Die Be­sitzungen der Szegediner entfetten sich auf eine Tage­reise weit rings um die Stadt, und da die Feldfrucht, die Massen an Heu, Tabak, Wein und anderer Erzeug­nisse deS Bodens unmöglich bis in die Scheuern der Stadt geführt werden können, so siud auf allen Be­sitzungen weitläufige Meierhöfe (langn) aufgeführt, worin ein Theil der Familie deS in Szegedin wohnenden Be­sitzers dc.s ganze Jahr hindurch lebt. Tausende solcher Meierhöfe bilden weithin die Fortsetzung der offenen durch

kein Abzeichen begränzten Stadt, und die Bewohner der ganzen Landschaft sind Bürger und Gleichberechtigte der eigentlichen Städter. In diese Meierhöfe brachte nun der gastfreundliche Szegediner die Gäste, welche ihm daö Vaterland zugeführt, und hier wurden sie nicht anders 1 als w-e Angehörige der Familie behandelt.

Die Auswanderer waren so vor den Dualen des i Hungers und deS Frostes gisichert, aber wo gab eS einen Trost für den Ruin ihres Wohlstandes, für die erlebten Gräuel und die düstre Aussicht in die Zukunft. Die meisten Familien hatten überdies einen oder mehre Verwandte auf der Flucht verloren und es war herzzer­reißend zu sehen, wie den ganzen Tag über Tausende, Weiber und Kinder, auf dem ungeheuren Marktplatz hcrnmirrtcn, um die abhanden gekommenen Mitglieder der Familie zu suchen, oder am Ufer der Theiß mit wildem Blick und von Angst uni) Hoffnung verzerrten Zügen die neuen Ankömmlinge musterten, um vielleicht den Verlornen hcranSzusinden. Da gab eS herzzerreißende Scenen, wenn znfällig eine Mutter ihr Kind, eine Frau ihren Manu wiederfand, oder wenn man aus dem Mundë eines Bekannten die EchmerzenSknnde vernahm, daß die gesuchte Person unter den Streichen der Serben ver­blutet, oder auf den Eisfeldern ein schreckliches Ende genommen.

(Fortsetzung folgt.)