Wiesbaden. Samstag, 11. Acar
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„Freiheit und Recht!"
1850
Ein Wort über den Hunger und Wucher. 11.
]/ Aus dem goldnen Grund.
Wir glauben, daß alle Partyeien auf den Wucher, diesen Krebsschaden dtr Gesellschaft, achten müssen. — Die Demokratie will das Wohl Aller, die Conservati- ven wollen, wie sie sagen, den Staat erhalten; also müssen beide Theile gegen ein Uebel kämpfen, welches das Wohl Aller unmöglich macht und in seinem Fortgang unrettbar d n Staat zerstört.
Die Gemeinden sind wie die Privaten verschuldet. Der Bauer bebaut sein Gut, und wenn er geerndtet, muß er dreschen und verkaufen, um die Zinsen bezahlen zu können.
Wenn dieses geschehen, ist nichts mehr übrig. Jetzt soll die Steuer bezahlt werden, und der Bauer weiß nicht, wovon. Es wird gepfändet, versteigert; — und vom Erlös werden die Kosten bezahlt, und die Steuer bleibt unentrichtet, und der Bauer ist zum Bettler gemacht worden.
Der Handwerker hat täglich auf den Lohn eines Stückes Arbeit zu trösten, und wenn das Stück fertig und der Lohn emgekommen, irgend einen Zins zu zahlen, während er bei der Arbeit darbet. Endlich kommt auch der Steuererheber und nimmt an Geräth- schafteu, was der Zinswucherer übrig gelassen. Erlöset das Volk vom Zinswucher, dann wird es ihm möglich — Steuern zu zahlen. Große Gutsbesitzer erhielten seit Jahrzehnten die Conzession, ihre Schulden durch Papiergeld, auf ihre Besitzungen gesichert, zu tilge»; die Pfandbriefe wurden an allen öffentlichen Kassen als baarcs Geld angenommen. Was aber dem Einen recht ist, muß es auch dem Anderen sein.
Warum sollte eine ganze Gemeinde nicht dasselbe Recht ausüben dürfen, wie einige bevorzugte Privaten? Die Banknoten und Papiergelder der Kaufleute haben keine andere Bürgschaft, als das Vertrauen, während die Gemeinde eine solide Bürgschaft geben könnte, bei welcher kein Falliment das Vertrauen mißbrauchen würde. Warum soll der Banquier ein Vorrecht genießen? Ist der Gewerbsmann und Bauer nicht eben so gut ein Staatsbürger, hat, oder sollte er nicht dieselben Rechte wie jener haben?
Entweder gilt kein Papiergeld oder es gelte nach gerechten Grundsätzen. Der Vorzug des Banquiers hat die Verarmung des Bauers und Handwerkers hauptsächlich erzeugen helfen; denn der Banquier nahm Zins vom Staate, also vom Volke, und setzte für die dem Staate geliehenen Summen Papiere in Umlauf, die ihn keine Zinsen kosteten. Die Gerechtigkeit allein kann daS Nebel heben. Man ermittele daher daS Bedürfniß und die Größe der Circulation, um Ueberfüllung zu verhindern — und bestimme darnach die Summe des auszugebenden Papiergeldes. Die Totalsumme aber werde nach Verhältniß an die Gemeinden vertheilt. Jede Gemeinde lasse sodann eine be- stimmte Summe von Pfandbriefen auf bestimmte und
abgeschätzte Güter «»fertigen. Diese Papiere müssen von der Regierung und den Ständen als gültig erklärt und garantirt und an allen Kassen im Nenn« werthe angenommen werden. Da jedes Papier auf ein liegendes Gut lautet, so können diese hypothekarische Gültigkeit haben. Es ist eine unverzinsliche Schuld.
Die Gemeinden würden so schuldenfrei und streckten den Privaten gegen dieselbe Versicherung unverzinslich vor und verwahrten diese Schuldscheine als Pfandbriefe der Gemeinden.
Hierdurch würde einerseits dem Zinswucher gesteuert und dem Volke aufgeholfen, anderseits aber würden die Kapitalien zu großen Unternehmungen flüssig.
Wenn der Kapitalist seine Kapitalien nicht mehr bei Privaten anlegen könnte, so wurde er genöthigt, dieselben anders gewinnbringend anzulegen. Raum dazu ist vorhanden. Unsere Essenbapuprojekte gedeihen herrlich; aber kein Projekt schrmel zur Aufuhrnng, weil keine Kapitalien zufließen wollen. Macht die Kapitalien flüssig, so erhaltet ihr Geld zu Eisenbahnen und zu Fabriken, belebet den Verkehr und befreiet uns von dem Tribut an England, Frankreich und andere Völker für Jnvustrieprodukte.
Der Kapitalist aber würde aus einem Aussauger ein nützliches Mitglied des Staates, ein Wohlthäter der Armen, weil er unbeschäftigten Händen Arbeit und Brod verschasste. Wenn das Geld, welches in der Staatskasse zusammenfließt, wieder auf anderen Wegen zu feinen Quellen gelangt; dann bleibt der Staat gesund. Wenn aber Stockungen und Ablagerungen entstehen, dann leidet der ganze Staatskörper. Und wenn gar ein Volk jährlich Millionen in's Ausland sendet, von denen nie ein Gulden -urückkehrt, so gleicht der Staat einem Menschen, dem man beständig zur Ader läßt, — da muß er doch natürlich am Blutverlust, resp, Geldverlust, sterben.
Auch der reichste Mann geht zu Grunde, wenn er eine schlechte Wirthschaft führt, und auch das reichste Land muß verarmen, wenn es seine Mittel nicht benutzt.
Wird man aber das keine schlechte Wirthschaft nennen müssen, wenn ein Staat Millionen ins Ausland für gewerbliche Gegenstände sendet, während er tausende von unbeschäftigten Händen hat, während die Bürger um Arbeit und Brod jammern?
Wenn ein Landmann sein Land brach liegen läßt, so gilt er für träg und unordentlich. Was soll man also von einem Staate sagen, der seine Kapitalien nicht zu Anlagen zum Wohle des Ganzen sucht zu verwenden, sondern diese Kapitalien als bösartige Sümpfe das Volkswohl vergiften läßt?
Man erlöse also das Volk vom Zinswucher, mache die Kapitalien flüssig, verwandle die nachtheiligen Wirkungen des Kapitals in wohlthätige. Wenn sich Jeder helfen kann; wenn Jeder beim Umsturz verliert: dann gibt es keinen Umsturz.
Gottfried Kinkel
Nur eine Stimme he rscht in ganz Köln über den Eindruck, den Kinket's Rede gemacht yal. Sie war ein Muster der Würde nnc der Hi igebimg, der höchsten Begeisterung und zugleich der männlichsten Ruhe. Welch' ein Stoff zur schönen Phrase lag nicht in seiner Stellung und in seinem ganzen Geschicke? Kinkel aber fühlte, wie hoch erhaben er über dem äußeren Prunke stehe. Und so sprach er mit der schlichtesten Einfalt, mit der »»geziertesten Herzensreinheit und seine Rede hat denn einen solchen Eindruck gemacht, daß er feinst die Steine zu erweichen schien. Da war kein Auge thränenleer, kein Auge, ohne alle Ausnahme. Die Zuhörer, die Geschwornen , die Richter die Gensd'armen und die Schitdwachcn im Saale wuschen sich die stillen Thränen aus den Augen, wie dies nur selten in den ergreifendsten Momenten der größten Kunstwerke unserer ersten Dichter der Fall ist. Und wahrlich, die lebendigste Phantasie des edelsten Dichters wird schwerlich je einen ergreifenderen Moment erfinden, als den, in dem dieser edle Dichter vor seinen Richter stand und sprach: „Zum Zeichen meiner Aufrichtigkeit bekenne ich hier mit den bleichen Lippen des gefangenen Mannes: Ich bin ein Sozialist, weil mein Herz von je für die Unterdrückten und Armen im Volke geschlagen hat, und ich in der Demokratie einzig und allein Rettung aus unserem unsäglichen Elend sehe. Dafür mit den Waffen, und also auch mit dem scharfen Stahl und der Kugel streiten zu dürfen, ist mein Glaube und meine Ueberzeugung, deshalb habe ich die Waffen ergriffen!" Dies einfache, klare GlaubenSbekenntniß, das man loben oder tadeln mag, ist in der Stellung, in der sich Kinkel befindet, der höchste Heroismus. Schlachtentod ist Kinderspiel dagegen. Aber hier fielt ein Mann , der eben erst den Qualen eines über ihn verhängten kriegsgerichtlichen Urtheils entgangen ist, ein Mann, der den noch grausigeren Qualen eines einsamen Gefängnisses mit entwürdigender, Geist und Herz tödtender Arbeit auf ein paar Tage entrissen wurde, um ihnen in den nächsten Tagen wieder überliefert zu werden. Jedes seiner Worte wird von denen, die rücksichtslos und maßlos über sein Geschick entscheiden können, auf die Wage gelegt werden; ein halbverschleiertes, demüthiges, reuiges Zugeständnis; würde die Qualen seines Gefängnisses mildern, dessen Thore vielleicht in Kürze öffnen und ihn, gebrochen und zerknikt, in Gnaden wieder ins öffentliche Leben zurückschicken. Und im Gegentheile, dieser ruhige Stolz, diese männliche Würde, dieser feste, unzerstörbare Glaube, dies heldenmüthige Beispiel — werden vielleicht sein Gefängniß nur um so fester schließen, seinen trostlosen Zustand nur noch trostloser machen. Und in einer solchen Lage der Dinge, ein solches Benehmen, ein solches Wort! — wir sind stolz auf diesen Mann, wir freuen uns in der Tiefe unseres Herzens eines solchen Beispstls. Die Nation hat der Elenvigkeit
□ Das Orakel Lm Weidenbusch.
Dereinst, als noch das Parlament
Zu Frankfurt existirte, Und Gagern dort als Präsident Die große Schelle führte, — Im Weidenbusch die Heldenschaar Der „Besten" einst beisammen war, Um kühnen Rath zu pflegen.
Die Helden bei der Reichsknackwurst Vertraut beisammen saßen, Und löschten dann den Heldendurst Mit kühlen Staatsrechtsphrasen, Und hofften so die „Anarchie" Sowohl, als auch die Despotie Jm „Reiche" zu besiegen.
„Wir sind des Reiches höchste Macht!
— Ließ Dahlemann sich hören — Und werden Jeden in die Acht Nach Form und Recht erklären, Der unsrer Constitution, Und ihrem Schutz, dem Kaiserthron, Nicht unbedingt sich füget.
Auch wird der Kaiserkandidat Sich dem Beschluß bequemen, - Obwohl er sich geweigert hat, Die Krone anzunehmen; — Das forderte der gute Ton Von einem weisen König schon, Ein Bischen sich zu zieren."
Doch plötzlich kündet ein Gerücht, Das von Berlin gekommen: „Der König mag die Krone nicht, Er folgt dem Rath der Frommen, Nennt Wahn das ganze deutsche Reich, Befiehlt dem Parlament zugleich, Sofort sich aufzulösen."
„Hilf Gagern, großer Reichsbaron, Du Held der kühnen Griffe!
— Schrie Soiron der Kneippatron: Verbrannt sind unsere Schiffel Vom Volk trennt uns ein weites Meer Und auch der König stößt nunmehr Hinab uns in die Fluthen!"
Der „Edle" rief: „den Dreifuß her Daß Bassermann, der Seher, Betrachte der Gestalten Heer, Und uns berichte näher,
Was im Gewirr der Politik Geschehen wird zu unserm Glück, Und zu des Reiches Größe !*
Und Wassermann auf seinem Thron Fing an zu prophezeien: „Es wird die Constitution Von Frankfurt nie gedeihen! Doch steht im Buch des Schicksals klar, — Das Vaterland ist in Gefahr, Wenn man in Frankfurt weilet.
Doch räth ein gütiges Geschick, Gen Gotha zu entfliehen, Und mit uns wird des Reiches Glück Im trauten Bunde ziehen.
Vorerst zwar wird die Linke kühn Als Parlament nach Stuttgart zieh'n, Dort tagen und beschließen.
Held Römer aber wird den Clubb Bald sprengen mit den Waffen, Die ganze Linke auf dem Schub Sich von dem Halse schaffen.
Zum Steckbrief wird dann das Mandat, Das ihr daS Volk gegeben hat, Vom Römer umgewandelt.