einen ungeheuren Vorsprung gewinnen lassen; es müßte den Forderungen des Volks selbst ohne daß sie svon Neuem aufgestellt würden, in ähnlicher Weise nachge- geben werden, wie durch die Gesetzgebung der Jahre 1808 bis 1810. Das wissen die Kabi- nete so gut wie wir. Man wird daher Rußland als das letzte Bollwerk, welches der Absolutismus in Europa hat, schützen und pflegen und lieben; denn es bietet seine Gegendienste dar. Rußland könnte drohen, so viel es wollte, und seine Drohungen selbst zur Wahrheit machen — und doch würden ohne Weiteres, selbst ohne Krieg Schleswig und Holstein vereint und deutsche Provinzen bleiben, und der deutsche Bundesstaat mit Preußen an der Spitze könnte gegründet werden und vergebens würden Baiern, Hannover und Sachsen sich zurückziehen, aber allerdings frei müßte dieser Bundesstaat sein. Damit er es aber nicht wird, damit Deutschland zerrissen bleibt, damit endlich auch die Revolution in Schleswig-Holstein unterdrückt wird, muß Rußland seine Rolle spielen und..uns mit dem Popanz seiner unschädlichen und gefährlichen Armee schrecken. Wir armen Deutschen!!
Berlin, 1. Mai. Die „Abendpost" theilt Folgendes mit: Vorgestern fand beim englischen Gesandten Korb Westmoreland eine Konferenz zwischen dem preußischen und dänischen Unterhändler statt. Dänemark erklärte durch Herrn v. Pechlin, daß es das preußische Ultimatum zurückweise. Preußen soll die Unterhand- lungen nicht mehr selbstständig weiter führen wollen, sondern sie gänzlich der Bundeskommission zu überweisen die Absicht haben.
Berlin, 1. Mai. Die „N. Preuß. Ztg." glaubt nicht an die von den meisten Organen der deutschen Presse gebrachte Nachricht über die zweimonatliche Verlängerung des Interims; sie glaubt vielmehr, daß die Bundeskommisston aus eigener Berechtigung in Ermangelung einer anderen Bundesgewalt die Verwaltungsgeschäfte fortführen, dabei aber jeder politischen Funktion von heute ab sich enthalten werde. Bestimmter klingt ihre Mittheilung, daß der Kongreß deutscher Regierungen in Frankfurt auf den 10. Mai anbe- raumt sei. Ob Preußen sich als Mandator der der Union sich anschliessenden deutschen Staaten an diesem Congreß betheiligen werde, ist mehr als zweifelhaft, da Oesterreich nicht geneigt sei, Preußen als solchen zuzulassen. (Const. Ztg.)
Köln, 2. Mai. Heute Nachmittag fünf Uhr wurde Kinkel nebst Genossen einstimmig freigesprochen.
München, 1. Mak. Der „Vogtländische Bote" schreibt aus München vom 26. April: Die combinirten Ausschüsse haben sich gestern in ihrer Mehrheit für Bewilligung der verlangten Militärcredite in der Art ausgesprochen, daß 1) die 2,800,000 fl. für Ausrüstung des Heeres ganz zu bewilligen seyen, daß 2) von den für den Fall eines Krieges weiter geforderten 7 Millionen „nur" 4,250,000 fl. zu genehmigen seyen, da sie bereits verausgabt sind. (Also eventuell für den Fall eines Krieges verlangt und thatsächlich bereits ausgegeben ohne Krieg.)
Wien, 29. April. Der Dichter Hebbel ist be, deutend erkrankt. Man besorgt ein Rückenmarkühel. — In Galizien steht der Einführnng der Geschwor- nengerichte als Haupthinderniß der Umstand entgegen, daß sich im ganzen Kronlande außer den Beamten kaum ein Drittel der Geschwornen findet, die ihren Namen zu unterzeichnen im Stande sind. —
Der „Osservatore dalmatino" schreibt aus Zara, 22. April: „Die Nachrichten ausStagno lauten fortwährend sehr betrübend. Vom 14. bis 17. April zählte man über 50 Erdstöße. Viele Häuser find gänzlich cingestürff, viele drohen dem Einsturz, die Gassen sind mit Trümmern'! bedeckte Die Einwohner und selbst die Beamten haben theils in der Umgebung, theils auf Barken eine Unterkunft gesucht. Von 151 Häusern find nur 10 gänzlich und 85 theilweise bewohnbar geblieben. Von 383 Einwohnern find glücklicherweise nur drei verwundet und einer erschlagen worden. Auch in Ragusa find abermals mehrere leichte Erdstöße am 14. und 19. April verspürt worden."
Großbritannien.
London, 1. Mai Die Königin Victoria wurde heute von einem Prinzen entbunden.
Republik Frankreich.
_ Paris, 1. Mai. Das genaue Skrutinium hat statt gefunden, das Resultat wird nächsten Donnerstag öf- fentlich verkündet: E. Sue 128,071 und Leclerc 119,626 Stimmen. An diese Zahlen lassen sich Betrachtungen knüpfen, die für praktische Gemüther mehr Gewicht haben werden, als begeisterte Reden. Im April 1848, vor 2 Jahren, als das Vereinsrecht noch unangetastet war, als noch die ganze Preßfreiheit bestand, als jede Straße ihren Klubb hatte und beinahe Jeder ^abftim- men konnte, der Lust dazu hatte, wurden die Reprä- sentanten für die Nationalversammlung gewählt. Damals erhielten: Lamartine 259,800, Dupont de l'Eure 245,000, Arco 243,600, Garnier-Pages 240,800", Marrast 229,100, und Marie 225,500 Stimmen. Zu jener Zeit waren es die Gemäßigsten, die, welche für reaktionär galten, welche die meisten Stimmen erlangten. Und Sue, Vidal, Conssderant u. s. w. V Sue 35,300, Cousiderant 28,600, Vidal 24,800, Thoree 23,000
Voten! Zwei Jahre sind seitdem verflossen, wir befinden uns im April 1850, das Vereinsrecht ist sus- pendirt, die Preßfreiheit eine Ruine, alle Klubbs sind geschlossen, Wahlversammlungen sind untersagt und was geschieht? Dupont de l'Eure, der dainals 245,000 Stimmen erhielt, wird bei Seite geschoben und Sue ihm vorgezogen, und dieser Sue, welcher 1848 nur 35,300 Stimmen hatte, ist heute mit 128,000 gewählt! (M. Z.) b
Paris, 1. Mai. Die „Voir du Peuple" sagt: „Die Republik ist siegreich! Das Volk muß durch seine Ruhe den neuen Sieg des Rechtes heiligen. Schon lassen die besiegten royalistischen Fraktionen Drohung und Herausforderung hören. Das Volk muß diesem ohnmächtigen Wuchgeschrei mit derselben Verachtung antworten, mit der es die Kandidatur des Bürgerkrieges ausgenommen hat. Die erhabene Ruhe, die dem Siege der republikanischen Liste am 10. März gefügt ist, hat mehr für die Zukunft der Demokratie gethan, als dieser Sieg selbst. Das erstaunte Europa hat bicfe majestätische Ruhe eines Volkes mit Ehrfurcht begrüßt. Seit dem 10. März ist es erwiesen, daß das allgemeine Stimmrecht ohne Unruhe und Zwietracht ausgeübt werden kann. Der 28. April muß das Werk des 10. März vollenden. Das beste Mittel, mit den Drohungen und Herausforderungen unserer Gegner fertig zu werden, besteht darin, sie in der Stille der Verachtung verfallen zu lassen. Das Volk erinnere sich: „Die republikanische Partei ist die Partei der Ordnung!"
Paris, 1. Mai. Das Kriegsbudget ist von der Nationalversammlung angenommen. — An der Saone und Loire haben die Socialisten bis jetzt 32,000, die Gemäßigten 21,000 Stimmen 5pCt. Rente 87. 50: 3pCt. 54. 30.
Paris, 2. Mai, Abends 8 Uhr.. Der Moniteur meldet die vom Minister des Innern erfolgte Ernennung einer Commission zur Ausarbeitung des Gesetz- Entwurfes wegen Reform des Wahlgesetzes. Dieselbe besteht ausschließlich aus den hervorragendsten Legitimisten und Orleanisten und war heute Mittags um 1 Uhr versammelt.
Eugen Sue mürbe heute vom Rathhause herab als Repräsentant des Seine-Departements proklamirt.
Cardinal Dupont hielt heute in der Kirche des heiligen Ludwig ein feierliches Tedeum ab.
Die National-Versammlung votirte heute nach einer stürmischen Debatte die Credite für die römische Expedition. Die Partei des Berges kämpfte mit Leidenschaft.
Der zu Florenz residirende Nuntius ist nach Rom abgereis't. Der Erzbischof von Turin soll wegen seines Schreibens an den Klerus vor der Anklage-Kammer des Appellhofes erscheinen, (K.Z.)
Wiesbaden, 3. Mai. Bei Veröffentlichung des nachfolgenden Privatschreibens des Herrn Präsidenten Magdeburg, welche mit Genehmigung des letzter» geschieht, erlaube ich mir kurz Folgendes vorauszusenden.
Vorerst fällt nach dem Inhalt des folgenden Schreibens der ganze erste Satz meiner Erklärung in No. 100 dieser Zeitung weg: da dieser Satz wesentlich auf der Unterstellung, Herr Präsident Magdeburg wolle in seiner Erklärung öffentlich seine Geringschätzung gegen die Freie Zeitung bekunden, aufgebaut war; einer Unterstellung, welche gerade durch den Umstand, daß in der öffentlichen Erklärung die in der privaten ausgesprochene Erwartung, allenfallsige Entgegnungen würden von mir wol ausgenommen werden, nicht enthalten war, in meinen Augen eher an Wahrscheinlichkeit gewinnen als verlieren mußte.
Indem ich nunmehr die Erklärung des Herrn Präsidenten Magdeburg, daß ihm allerdings an dem gelegen sei, was die Freie Zeitung über ihn sage, mit Vergnügen entgegennehme, halte ich zugleich für meine Pflicht, meine^Verwunderung darüber auszusprechen, wie Herr Präsident Magdeburg die von ihm ange- zogenen Stellen in dein Artikel in No. 93 auf seine Person beziehen konnte.
Es heißt an der Stelle: „Hätten wir Personen und Dinge mit Namen belegt, welche das deutsche Volk bei dergleichen Geschichten anzuweudeu pflegt, so wären wir sofort wieder aus das arme Bänkchen geschleppt worden." Wenn nffm sagt, man wolle nicht auf das arme Bänkchen geschleppt werden, so kann das nur nach dem vulgären Sprachgebrauch heißen, „man trage kein Verlangen, zur Aburtheilung vor die Schwurgerichte gestellt zu werden." Das war auch der Sinn jenes Satzes. Ich frage aber, ob nach den Bestimmungen unserer Gesetze Angriffe der Freien Zeitung gegen die Person des Herrn Präsidenten Magdeburg, und würden sie selbst im ausgedehntesten Maaße erfolgen, je für die letztere einen Schwurge- richtsprozeß zur Folge haben können?
Nach § 312 unseres Strafgesetzbuches werden „Beleidigungen unb Verläumdungen" nicht von Amts- wegen verfolgt; pos. 31 des 8 1 des Competenz- gesetzes vom 14. April v. I. bestimmt aber, daß nur „die von der PpM begangenen Verbrechen und Vergehen, welche von Amtswegen verfolgt werden," zur Aburtheilung vor die Schwurgerichte gehören.
Weiter heißt es in der angezogenen Stelle: „die Freie Zeitung wolle sich vorläufig mit dem Prozeß
Kunstler begnügen": dies kann also nach dem unmittelbar vorhergehenden Satz nur heißen, die Freie Zeitung wolle sich mit dem kleinen Prozesse begnügen, indem sie aus die großen Prozeduren gerne verzichte.
In demselben Satze, der des Prozesses Künstler erwähnt, kommt auch das Wort „Anklage" vor, welches doch bekanntlich auch nur bei Prozessen, die von Amtswegen verfolgt werden, gebraucht werden kann.
Hiernach wird meine oben ausgesprochene Verwunderung gewiß sehr gerechtfertigt erscheinen.
Wenn nun Herr Präsident Magdeburg heute wiederholt, „die Freie Zeitung solle Alles über ihn sagen, was sie könne, er werde deßhalb nie Klage erheben", so entgegne ich hierauf: daß die Freie Zeitung allerdings ^Alles über seine Person sagen wird, was im Interesse der richtigen Würdigung öffentlicher Verhältnisse eine Publikation verlangt; daß aber die Freie Zeitung mit jener Erklärung nicht eine charte blanche für alle möglichen Injurien und Verläumdungen er- halten zu haben glaubt, zumal sie von einer solchen Concession doch keinenfalls Gebrauch machen wurde, und daß endlich die Freie Zeitung auch sehr bereitwillig Berichtigungen deyen, was über Herrn Präsident Magdeburg gesagt wurde und noch gesagt werden könnte — insbesondere auch von dem Herrn Präsidenten Magdeburg selbst —, im Interesse der Wahrheit aufnehmen wird. I. Oppermann.
An Herrn Oppermann, Redakteur der Freien Zeitung.
Als Antwort auf das, was Sie in No. 100 der Freien Zeitung unter meine Erklärung gesetzt haben, erlauben Sie mir, Folgendes zu bemerken.
In No. 93 heißt es wörtlich:
„Im achten Artikel wurden die großen Verdienste der beiden Nassauer, Vollpracht und Magdeburg, um das Wohlergehen der Walramischen Linie quellenmäßig geschildert. Die Sprache in diesen Artikeln war sehr gemäßigt, viel zu gemäßigt für die Heldenthaten, um die es sich handelte, viel zu gemäßigt für die Helden, die es zu zeichnen galt. Hätten" wir Personen und Dinge mit dem Namen belegt, welche das deutsche Volk bei dergleichen anzuwenden pflegt, so wären wir sofort wieder auf das arme Bänkchen geschleppt worden. Die Freie Zeitung will sich aber vorläufig mit dem Prozeß Künstler, der noch obschwebt, begnügen, und sie kann auch mit Recht zweierlei voraussetzen: einmal, daß es dem verständigen Leser nach dem gegebenen Material leicht sein mußte, die passenden Schlüsse auf die richtigen unzweideutigen Beziehungen zu ziehen, und sodann, daß früher oder später ein Tag kommen wird, wo man alle Dinge bei dem rechten Namen wird nennen können, ohne von einer im Hinterhalt lauern- btn Anklage tückischerweise umgarnt zu werden."
Da mir allerdings „an dem gelegen ist, was die Freie Zeitung über mich sagt" (eine Sache, die Sie nach meinem Begleitungsschreiben, worin ich die Erwartung ausgesprochen habe, daß Sie meine Entgegnungen demnächst aufnehmen würden, nicht bezweifeln konnten), so hat mich die Bezeichnung: Heldenthaten und Helden", die Jedermann auf die unmittelbar vorher genannten „Bollpracht und Magdeburg" beziehen mußte, verletzt, und weil fortgefahren wurde: „wenn Sie Personen mit den rechten Namen belegt hätten, so wären Sie sofort wieder vor Gericht gezogen worden, wie in dem Prozeß Künstler" (der doch wohl ein Prozeß wegen Beleidigung ist), so hielt ich mich aufgefordert, Ihnen zu sagen, daß ich keine Klage erheben würde und daß mein ganzes Verhalten in Ihrem Blatte besprochen werden könne.
Mein Ehrgefühl ist nicht so gestumpft, daß mir gleichgültig wäre, was eine Zeitung über mich sagte; ich bin auch nicht so streitlustig, daß ich einen Zank veranlassen möchte; wenn aber mein Name genannt wird und dabei Andeutungen gemacht werden, die Jc- dermann sich auf das Schlimmste auslegen kann, dann muß ich allerdings wünschen, daß mit der Sprache deutlicher herausgegangen werde, damit es mir möglich ist, mich zu vertheidigen.
Nach dieser Erläuterung lesen Sie meine Erklärnmp nochmals nach, und fragen Sie sich, ob Ihre Bemerkungen dazu genügend motivirt sind, und ob darin mit irgend einem Grund eine Geringschätzung Ihres Blattes gefunden werden kann.
_ Sie stellen mir noch die Frage, ob ich nicht die Hülfe der Gerichte, Angriffen der Presse gegenüber, absolut für unstatthaft halte? Da es sich hier nur von einem Konflikt zwischen der Freien Zeitung und mir handelt, so erlauben eie mir, die Antwort nicht allgemein, sondern in Beziehung auf meine Person zu geben, und die lautet: ich habe noch nie die Presse wegen Angriffe auf meine Persou vor Gericht verfolgt und denke das in meinem ganzen Leben nicht zu thun. Der Freien Zeitung speziell'habe ich das in No. 100 erklärt, weil dieselbe in No. 93 mit Beziehung auf einen andern und mich gesagt hatte, sie belege uns nicht mit den rechten 9c\unen, we11 sie uicht wieder vor Gericht geschleppt sein wolle.
Wiesbaden, 30. April 1850. Magdeburg.
Verantwortlicher Redakteur: J. Oppermann.