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Wiesbaden. Dienstag, 10. April
1850
FF. Briefe über Erfurt
Noch wenige Tage und der langweilige Scherz mit dem sogenannten Reichstag in der Festung Erfurt ist vielleicht zu Ende. Ehren-Manteuffel Hat Den Go- schauern, welche sich immer noch rühmen, die Mehr- Peit in beiden „Häusern" zu haben, den Kehraus in seiner „Deutschen Reform" bereits ansageu lassen. Längstens in den ersten Tagen der nächsten Woche, vielleicht schon in dieser, am 12. April, werden die preußischen Minister ihnen denselben durch den doppelten Witz, der ihnen zu Gebote steht, den Rado- ivitz und Carlowitz, aufspielen. Doch nein, möglicherweise wird die Sache noch eine Weile hinausgezogen bis sie mit dem Eintritt des 26. Mai, dem Jahrestag des nun zur vollständigen Fabel gewordenen Drcikönlgsbündnisses, dieFrist, auf welche dasselbe vorläufig abgeschlossen war, ohnehin klang- und sangloS -zu Grabe geht. Darauf scheinen die Gothaner, die soeben noch Himmel und Erde in Bewegung setzten, vor Ablauf dieser Frist etwas zusammenzupfu- schen, ihre letzte Hoffnung gerichtet zu haben. Wenn nämlich Herr v. Radowitz, wie vvrauszusehen, mit der Erklärung hervorgetreten sein wird, daß dcrVcr- wältungsrath sich dem Anträge Bodelschwingh'S anschließe, wodurch die ganze Annahme der Verfassung rin großes Loch erhält, mittels dessen die Diplomatie Preußens und der andern verbündeten Regierungen mit ihrer Anslegungs- und Dcutungskunst nach Gutdünken und Willkür eindringen und ihre rettenden Modifikationen vornehmen kann; — wenn Manteuffel und Brandenburg, wie sie eben versprochn«, ihre deutsche Politik, im Gegensatz zu der der Gothaner, den beiden FcstungSkammcrn dargelegt und als Richtschnur für deren Beschlüsse diktirt haben werden: Dann wird die Gothaer Partei, welche tyre Unverschämtheit, sich die „Deutsche" zu nennen, immer «och fortsetzt, genug gethan zu haben glauben, wenn sie ihre Ansichten über die alten und neuen Vorlagen ausspricht und die Bitte an die Regierungen richtet, daß man in eine Vertagnng dieses unnennbaren und unauffindbaren Parlaments bis zu der Zeit willige, wo man ihm weitere und bestimmtere Entschließungen der verbündeten Regierungen vorlegen kann. So erhalten diese tapferen Helden Gelegenheit, ohne ihre«« Muth bis dahin treiben zu müssen, daß man sie anseinanderjagt, wieder an den Heerd ihrer Laren zurückznkehrcn und dort, in dem Bewußtsein, daß sie der angestrebten Rettung des Vaterlandes Alles, Alles, seine Grundrechte wie ihre Ehre, zu opfern verstanden haben, wieder ihren Kohl zu bauen und ihre Geldsäcke zu zählen. WaS sind Cincinnatus und DeziuS gegen solche Aufopferung und solche Uneigennützigkeit!
Aber das Volk der kleinen Staaten, deren Regierungen mit einer Handvoll deS Gagern'schen Anhangs
diesen« Puppenspiel zugeftimmt, möge auf seiner Hut sein. Wenn man von Seite Preußens auch vorerst die größere«« Regierungen der cingegangenen Verbindlichkeit zu entlassen geneigt ist, so scheint solches in Bezug auf die erstere«« nicht der Fall. Allen Andeutungen der offene«« und geheimen Leiter zufolge wird man aus Dem bisher Vorgefallenen eine Verbindlichkeit für die wehr- und widerstandslosen Kleinen ab- leiten, sich die Botmäßigkeit unter Preußen auch fernerhin gefallen z«« lassen. An ihnen ist es, ben jämmerlichen Ausgang der Erfurter politische«« Künste ä la Radowitz nicht abzuwarten, sondern einen raschen Entschluß z«l fassen und sich durch schnelles Zurückziehen und Lossagen von der dortigen Politik in Avantage gegen die preußischen Vergrößerungsgelüste zu setzen. Möge der Rath beherzigt werden, so lange es noch Zeit ist!
Deutschland.
•j-H* Montabaur, im April.
(Die Freiheit und ihre Feinde.)
Da schreien sie inrch Freiheit; befreit Euch von Sünden; dann seid Zhr waprpafl frei; nach der andern sog. Freiheit streben nur Bankerotteure, Lumpen und solche, die nichts mehr zu verlieren haben.
Also Redeintorist Herr Rieger in seiner Standespredigt für Jünglinge, Montabaur 1850 am 3. Apr. von 1 biS halb 3 Uhr.
Mit diesen Worten wagt es noch einmal ein Einwohner des Amts Montabaur, sein Urtheil über die sog. heilige Mission der Liguoriancr zu beginnen und dem Publikum mitzutheilen. Ich weiß, daß ich damit in ein Bienennest stechen werde. Aber die Zeiten bet löten saeculum sind vorüber; etwaS hat sich bet Deutsche in unserer, im Aufklärer« begriffenen Zeit errungen, wir besitzen Glaubens- und Gewissensfreiheit. Die Majorität in mancher Gegend wird vielleicht gegen mich fein: allein in Glaubenssachen erkenne ich bi« Majorität nicht als maßgebend an.
Unsere Gegend hat schon öfters in Bezug auf diese sog. Heilige Mission ihren Namen in öffentlichen Blättern hergebcn müssen: welche aber zum Theil das Leben und Treiben dieser resp. Herren zu segensreich schilderten; beim ach! manches Saamcukorn fiel auf unfruchtbaren Boden, und manches, das vielleicht Wurzel gefaßt haben würde, ist durch den nachträglich gefallenen Märzschnee vor bem Aufgehen behütet worden, ich sage durch den Märzschnee; denn dieser wehrte es den guten Leuten, ihren Beschäftigungen im Felde nach- zugehen und so verwischte sich denn in belehrendem Gespräch in Wirthshäusern mancher „ fromme" Eindruck, den diese Herren zurückgc lassen hatten.
Jedoch zur Sache; drei Fragen erlaube ich mir $u erörtern:
1) Woraus läßt sich das sonderbare Erscheinen dieser Herrn, und gerade jetzt, erklären?
2) Wie war das segensreiche Wirken derselben beschaffen und
3) Wie kommt cs, daß sich die deutschen Regierungen so passiv gegen Dieselben verhalten?
ad. 1. Ziehet hin in alle Welt und lehret nnd predigt und taufet sie rc.
Bei allen Ereignissen auf dein politischen Schau- Platze, fragen wir gleich nach Dem Grunde. — Den Grund des Erscheinens dieser sog. heil. Mission, fiel es feinem ein, in etivas anderem zu suchen, als in der angeblichen „Versunkenheit und Jrrereligiösität" des deutschen Volkes. Es ist noch feinem gelungen, die finstern Gewebe Der Hierarchie zu d««rchschauen, und eS führt jede Frage darüber nur zu Muthmaßungen, die, wenn sie auch viele Wahrscheinlichkeit für sich ha- bei«, eben nur Muthmaßungen bleiben; gleichwohl sei es mir erlaubt, einige Muthmaßungen hier aufzustellen:
Sollte wohl das Erscheinen Derselben in Verbindung stehen mit dein Congreffe der Erzbischöfe und Bifchöfe Deutschlands vor etwa zwei Jahren in Würzburg?
Sollte man dort vielleicht zur Ueberzeugung gekommen sein, die Religion sei in Gefahr?
Haben es Die Herren vielleicht gerade jetzt für am geeignetsten gehalten, das zertretene deutsche Volk durch Die Macht des Glaubens, resp. Aberglaubens, in seine alten Schranken zurückführn« zu können?
Oder haben sie gefürchtet, das Volk möge auS seiner Versunkenheit sich erheben, und freier und nachdenkender werden, denn
„Seelig sind die Armen im Geiste, denn ihrer wartet das Himmelreich."
Seit Menschengevenken haben wir bei gebildeten, das päpstliche Primat bereits längst anerkennenden Völ» kern, nichts von Missionären gesehen, und es ist auch ganz natürlich; wir sind getauft, wogegen wir^ès einsehen konnten, warum Dieselben nach Indien, Amerika und das innere Afrika strömten.
Drohte denn wirklich der Antichrist so handgreiflich, dein Papste dies schöne Deutschland zu entreißen, oder war das Gewissen unserer Geistlichkeit schuldbewußt, mochte sie wohl ahnen, das Volk möge, wenn es sich einmal politisch ausgetobt haben würde, auch sie etwas mehr berücksichtigen; oder waren unsere Geistlichen zu laß, so daß ihnen auch eine Bekehrung Roth that, wie sich denn wirklich einer dieser Herrn au5georfuft hat, was ich später noch erwähnen werde. Meines Erachtens haben, seit ich lebe, unsere Geistlichen dasselbe gelehrt, waS diese nnS noch einmal sehr breit vortrugen.
Doch etwas haben sie vor diesen voraus: „sie malten uns die Hölle heißer, nannten die Revolution eine Sünde, ein Verbrechen; verdammten das Streben nach Freiheit,und ermunterten uns in Zeitei« der Gefahr muthig für
Eiy Streifzug in die ealifornischen Mine« während der Regenzeit.
Von Irledich Gerstâck«».)
(Fortsetzung.)
Vor allen Dingen mußten wir jetzt ein Maulthier kaufen, die nöthigen Provisionen für uns sowohl, wie auch einen Theil unseres Gepäcks z«, tragen; ich ging deßhalb am nächsten Morgen mit einem der Unserigen nach dem Theil der Stadt, wo, wie uns gesagt worden, jeden Morgen von zehn Uhr an, Auclion aller möglichen Gegenstände, besonders aber von Pferden und Maulthicre«« sei, um dort ein passendes Thier zu finden und für unsern Gebrauch anzukaufen.
Ich wollte meine deutschen Leser hätten das lebendige Treiben dieses Sacramento-Aiiction-Marktes mit ansehen können. Eine der breitesten Straßen der Stadt meistens noch aus Zelten oder kleinen Schachtelhäusern bestehend, diente, von alten mächtige«« Eichen überschattet, zu«n Schauplatz dieser ununterbrochenen Verkäufe, und hier versammelten sich deßhalb in der schon-bekannten Tageszeit alle Geschäftsleute oder Müssiggänger Sâcra- mento's, sei es nun zu kaufen, zu verkaufen, oder auch bloß das Gewirr und Treiber« mit e.nzusehen, und gelegentlich die Preise der verschiedenen Sachen zu erfahren. Al« mehreren Stellen standen, auf Baumstümpfen oder
Fässern, lange Vankces — die „downeasters“ sind unverfennbar, wo sie sich auch in Der Wett sehen lassen mögen - - und priesen und versteigerten, mit oft fabelhafter Zungengeläufigkeit, und mit nur selten unterbrochenem .gviiig, gving, going, gving, going/ Kleiber, Wasche, Waffen, Schmuck, Provisionen re. Diese hatten jedoch nur ein verhältnißmäßig sehr kleines Publikum, beim der größere Theil bildete mitten in der Straße eine Art Gasse, in welcher, unter einem fortwährenden Durcheilianderschreikn , acht oder zehn ^Verkäufer, auf ebensovielen verschiedenen Thiere«« — Maulthieren ober Pferden — hin und Zersprengten.
Achtzehn Dollars, Gentlemen, nur achtzehn Dollars I krächzte der eine von ihnen, mit heiserer, kaum hörbarer Stimme, und pries dabei ein wahres Gerippe von einem Schimmel an, der wirklich nur noch durch den Sattelgurt zusainmeugehalte«« zu werden schien —■ achtzehn Dollars, für dies schöne, jünge, ausgezeichnete Pferd, Gentlemen — soll ich nicht die zwanzig hören? nur achtzehn Dollars, für dies vortreffliche Reitpferd, Gentlemen — nur 18 Dollars mit Sattel und Zaum, und beides allein 30 werth in San Francisco?
.Hundcrtunddreißig Dollars für dies feine Maul, thier, Gentlemen !* schrie ein anderer, neben dem Heiseren hingallopirend, und dcssei« Anpreisungen dadurch förmlich übertönend — nur hundertunddreißig Dollars — Werth 180, ja 200 — soll ich die 135 hören?' Es
war dies wirklich ein ausgezeichnet gutes Maulthier und wurde bald darauf für 151 Dollars loogcfchlagen.' Der Preis der Maul«l«iere wechselt überhaupt von 60 Doll, zu 150, und richtete sich oft nur danach, ob eben Käufer da waren, die entweder ein Thier z«i jedem Preis noth, «vendig haben mußten, ober Geld genug hatten, ihrer Laune halber ihre Mitbietenden ausznstcchen. Die vor» kommenden Pferde waren sämmtlich von der traurigsten Art und nur ein einziges steigerte seinen Preis z«, 60 Dollars, die meisten gingen, mit Sattel und Zaum, zu 24 und 30 Dollars ab. Die armen Thiere, meist eben erst von Der Landreise aus den Vereinigten Staaten herübergekommen, sonnten sich kaum noch selber auf den Beinen erhalten und mußten, falls sie nicht erst einmal eine Zeitlang recht tüchtig ungefüttert wurden, unfehl. bar unter einer selbst geringen Last zusammenbrechen.
Ochsengespanne mit großen schweren Wägen, die ebenfalls aus den Vereinigten Staaten durch die Ebenen und über die Gebirge herübergeschafft waren, wurden gleichfalls und zwar zu ziemlich hohen Preisen verkauft, Provisionen den Minenarbeiteri« in die entfernteren Distrikte zuzuführen. Ein Wagen mit vier tüchtigen Stieren bespannt, steigerte sich oft zu sieben- und achthundert [EDI« lars und die einfachsten, gewöhnlichsten Karren erhielten sogar einen guten Preis.
Wir kauften an diese«« Tag kein Maulthier, denn die, «velche zu dem Preis, den wir uns gesetzt hatten,