„Freiheit nud MeetH!“
Wiesbaden. Sonntag, 14. April
1850
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Rede von Victor Hugo über daS Deportationsgesetz.
Von bcn mit Nichts in der Geschichte vergleichbaren Februartagen — beginnt Victor Hngo — war besonders der eine bewnndeönswerth, wo die souveräne Stimme des Volkes, die der provisorischen Regierung ihre Beschlüsse diktitte, das große Wort sprach: „Die Todesstrafe in p0l itischen Augel egenheiten ist abgeschafft." Selbst die, welche die Revolution in Trauer versetzt hatte, selbst die, welche wehklagten oder zitterten, klatschten Beifall; denn sie sahen ein, daß die Revolutionen dem Uebeln auch einiges Gute beimischen können. Dieser, wenn auch nur theilweise Triumph des großen Grundsatzes der Unverletzlichkeit des menschlichen Lebens versetzt übrigens die nicht in Erstaunen, welche die Macht der Ideen kennen, — der Ideen, welche Geschäftsmänner, die Männer der Politik, wie man sie in ruhigen Zeiten nennt, als utopische verspotten. Wenn aber eine Revolution kommt, in Gegenwart der Thatsachen und gegenüber der allmächtigen Ausdehnungskraft dieser Ideen werden die Staatsmänner zu Zwergen (Bravoruf von der Linken; eine Stimme der Rechten dagegen ruft: „Und die Schwachköpfe werden Riesen." Der Redner erklärt, er überlasse der Majorität selbst das Urtheil über der- artige Unterbrechungen und fährt fort:) Dieser große Fortschritt der Abschaffung der Todesstrafe in politischen Dingen muß logischer Weise über kurz oder lang die Abschaffung der Todesstrafe überhaupt nach sich ziehen. Das Gesetz aber, das die Regierung Ihnen heute vorlegt und dessen Annahme die Commission beantragt, macht jene Eroberung des Fortschritts ungeschehen; daher hat auch die öffentliche Meinung ihr Verdammungsurtheil über dasselbe schon ausgesprochen und darin eine WiderhcrsteUung der Todesstrafe für politische Dinge gesehen. Und allerdings auch wird — trotz der anziehenden, aber mit zu schmeichelhaften Far- den gegebenen Schilderung von Noukahiwa durch ihren Berichterstatter — die Deportation in der vorgeschla- denen Weise das sein, was die öffentliche Meinung befurchtet, ein Todesurtheil. Denn das Klima hat dort seine Bösartigkeit, die Verbannung ihr Nieder- drückendes, das Gefängniß seine Verzweiflung — und so habt ihr statt eines Henkers ihrer bret, es ist die Todesstrafe mit erschwerenden Umständen. Aber, höre ich einwenden, wir wollen nicht die Todesstrafe wiederherstellcn; doch die Gesellschaft, wenn sie diese fürchterliche Waffe zerbricht, muß andere ernste Mittel der Repression, Bürgschaften gegen Ruhestörer haben. Meine Herren, ich glaube bewiesen zu haben, daß ich kein Mann der Unordnung bin; ich weise jede Berufung auf gewaltsame Mittel zurück, bis allerdings auf den einen Fall, wo die gemalt« famen Mittel die berechtigten sind, —_ bcn Fall, wo das allgemeine Stimmrecht abgeschafft wird. Die Abschaffung des allgemeinen Stimmrechts ist die Verkündung des AufstandS-RechteS. Ich habe also ein Recht, Ihnen zu sagen, daß keine Nothwendigkeit für neue Repressivmittel vorhanden ist, daß die Mittel der bestehenden Strafgesetze vollkommen genügen. Der Mensch, den Ihr um des unbestimmtesten aller Vergehen halber, wegen eines politischen Vergehens bestraft (Murren zur Rechten), — dieser Verurtheilte, der nur für die Einen ein Verbrecher, für die Andern aber ein Held ist; denn das eben ist das Unglück der Zeit .... (Hier bricht die Rechte in lärmende Mißbilligung aus und der Präsident sagt: „Wenn die Gerechtigkeit ihr Urtheil gefällt, so ist der Verbrecher ein Verbrecher für Jedermann, nur seinen Mitschuldigen kann er ein Held scheinen." Die Rechte ruft Bravo; Victor Hugo aber antwortet: „Ich will dem Herrn Präsidenten nur Eins bemerken, die Justiz des Jahres 1815 hat den Marschall Ney gerichtet und für einen Verbrecher erklärt; für mich, der ich nicht sein Mitschuldiger bin, ist er ein Held." Lange anhaltender Beifall der Linken lohnt den Redner für diese treffende Replik, nach der er seinen unterbrochenen Satz folgendermaßen weiter führt:) „Diesen politischen Oerurtheilten gestattet Euch das Gesetz, hier unter der Last der Züchtigung niederzudrücken; aber Ihr seid nicht zufrieden damit, ihn mit lebenslänglicher Einkerkerung zu bestrafen, sondern wollt ihn 4500 Meilen weit von seiner Heimath unter einen tropischen Himmel, in ein verschlingendes Klima schicken. Dieser Kerker, der ein Grab ist, und in den Ihr ein menschliches Geschöpf, einen Unglücklichen, der mit
seiner Verzweiflung oder vielleicht auch mit seinen Ge- wißcnsbiffcn allein ist, einmanern wollt, — ist etwas Ungeheuerliches , etwas Unerhörtes. Seid Ihr dann ganz ohne Mitleid, ohne Herz? Was Ihr eine sühnende Buße nennt, ich heiße es Martyrthum; was Ihr Gerechtigkeit benamt, ich nenne es Meuchelmord. (Rauschender Beifall znr Linken.) Aber so erhebt Euch doch, ihr Katholiken, Priester, Bischöfe, ihr Männer der Religion, die Ihr in dieser Versammlung sitzt; erhebt Euch doch und erfüllt Eure Aufgabe; was sitzt Ihr auf diesen Bänken? Besteigt doch die Redner- bühne und mit der Autorität Eures heiligen Glaubens und seiner Traoitionen saget doch diesen Leuten, die zu grausamen Maßregeln, zu barbarischen Gesetzen Beifall klatschen, — sagt denen, welche die Majorität auf diesen verderblichen Weg treiben, — saget ihnen, daß, was sie da thun wollen, schlecht, abscheulich, ruchlos ist! Saget den Verfassern und Vertheidigern oie- seS Gesetzes, saget diesen großen Politikern, Daß nicht, indem sie Unglückliche zu jahrelangem TodeSkampf in einer Zelle4000 Meilen von der Heimath verdammen, sie das Land beruhigen werden; daß sie im Gegentheil die Gefahr erzeugen, daS Volk zu erbittern und sein Mitleid für die Verurtheilte» in Zorn gegen die Ge- setzgeber zu verwandeln. Saget diesen Menschen, daß sie menschlich sein sollen. Lehret sie, daß nicht mit unbarmherzigen Gesetzen man die Regierungen vertheidigt und Die Gesellschaft rettet; daß was den schmerzhaften Zeiten, die wir durchwachen, den kranken Herzen und Geistern zur Lösung einer Situation, die hauptsächlich aus vielen Mißverständnissen und schlecht abgegebenen Erklärungen entsteht, noth thut, — nicht Repressalien sind, nicht Maßregeln der Reaktion, des Grolles und der Haßwüthigen Verfolgung, sondern Gesetze des Edelmuthes, Gesetze, die aus dem Herzen kommen, Gesetze der Eintracht und der Weisheit. Denn das lösende Wort deS Räthsels der sozialen Krisis, in der wir sind, — ich werde nicht müde werden, es immer und immer zu wiederholen — heißt nicht gewaltsame Unteidrückung, sondern Brüderlichkeit; denn die Brüderlichkeit war der Gedanke Gottes, ehe sie der Gedanke deS Volkes war. Doch rücken wir nun dem Gedanken Eurer Zwingburg, oder wenn dies Wort Eure zarte Empfindsamkeit verletzt, Eurer Festung (denn das soll ja Euer Gesetz sein) etwas scharfer auf den Leib. Wenn Ihr nun diese Strafanstalt der Depor- tirten eingerichtet, diesen Kirchhof geschaffen haben werdet, habt Ihr auch nur versucht, Euch einen Begriff von Dem zu machen, was dort vorgehen wird? Habt Ihr Euch gesagt, daß Ihr den Verurtheilte» dem Unbekannten und dem Schrecklichsten, was es im Unbekannten gibt, überliefert? Seid Ihr bei Euch selbst auf alle Einzelheiten deS Abscheulichen eingegangen, daS in dem Gedanken einer Einsperrung eines Depor- tirten liegt? Ich habe Euch am Anfänge meiner Rede gesagt, daß dieses Klima, die Verbannung und daS Zellengefängniß drei Henker sind; ich habe einen vierten vergessen, den Direktor des Gefängnisses. Habt Ihr je an Jeannet, den Henker von Sinnamary gedacht? Habt Ihr Euch Rechenschaft davon abgelegt, waS nothwendiger Weise der Mensch sein wird und muß, der Angesichts der gebildeten Welt die moralische Last dieser gehässigen Anstalt auf den Marquisas -Inseln übernehmen, der darein willigen wird, der Todtengräber dieses Gefängnisses, der Kerkerhüter dieses Grabes zu sein? Habt Ihr Euch eine Vorstellung davon gemacht, wie weit in dieser Ferne von jeder Ueber- wachung, von jeder Abhülfe, in dieser vollständigen Unverantwortlichkeit, mit einer unbeschränkten Autorität und vertheidigungslosen Opfern, die Tyrannei einer schlechten und niedrigen Seele gehen kann? Die St. Helena's erzeugen die Hudson Lowe's. Habt Ihr Euch alle abgefeimten, zur Verzweiflung treibenden Marterqualen vorgestellt, die ein Mensch von dem Temperament eines Hudson Lowe für Männer erfinden konnte, die nicht den Strahlenkranz Napoleons um ihr Haupt tragen? Hier in Frankreich, in Doullens, im Mont-St.-Michel . . . (Der Redner unterbricht sich hier selbst, um dem Minister anzuzeigen, er werde ihn nächstens über unerhörte Mißhandlungen von Gefangenen, die im Mont-St.-Michel vorgekommen sein sollen, interpelliren, und fährt bann folgendermaßen fort:) „Wenn hier in unseren Gefängnissen Mißbräuche vorkommen, Bedrückungen versucht werben, so kümmern sich die Zeitungen, die National-Versammlung selbst darum und der Schrei der Gefangenen gelangt zur Negierung und zum Volke und findet sein Doppel- Echo in der Presse und auf der Rednerbühne. Aber
in Eurer Zwingburg der MarquisaS- Inseln wird der Dulder genöthigt sein, schmerzlich zu seufzen: „Ach, wenn ras Volk cs wüßte!" In jener erschreckenden Entfernung, in jenem Schweigen, in jener zngcmaner- ten Einsamkeit, wohin keine menschliche Stimme gelangt und aus der keine herauseringt. — Wem wird der unglückliche Gefangene da klagen? Wer wird ihn hören? Alle Wogen des Oceans werden mit ihrem Rauschen zwischen seine Klagen und Euch treten. (Tiefer Eindruck.) Der Schatten und das Schweigen deS Todes werden über diesem entsetzlichen politischen Bagno schweben und Nichts wird ans Demselben heraus verlauten, Nichts wird zu Euch bringen, als von Zeit zu Zeit eine jammervolle Nachricht/ die über d e Meere gelangen und in Frankreich und Europa wie ein Lei- cheuglockeugcläute erklingen w ro, verkündend die Sssmer- zensbotschaft: „Wieder ein Verurteilter ist gestorben." Und wer wird dieser Verurtheilte sein? Vielleicht ein berühmter Publizist, ein Geschichtsschreiber voll Ruhmes, ein erlauchter Schriftsteller, ein glänzender Red- ncr, und die Verdienste eines Hingeschiedenen allein kommen uns bei Todesnachrichten ins Gedächtniß; und wenn Ihr die Unglücksbotschast hören werdet, dann werdet Ihr derechnm, wie wenig Monate er dort ist, undEuch wird ein Schauder überlaufen. (Zur Linken: Ach nèin, sie werben lassen.) Seht Ihr es nun, daß Euer Gesetz die Todessteafe, die verzweifeltste Todesstrafe, schlimmer als das Schaffott, die Todesstrafe ohne den letzten Blick nach dem Heim 'ch.n Himm'l ist? Das könnt Ihr nicht wollen; Ihr werdet das Gesetz verwerfen. Das große edelherzige Prinzip der Abschaffung der politischen Todesstrafe, das aus der umfassenden Hand des Volkes gefallen; Ihr werdet es nicht heimlich und verstohlen Frankreich wieder nehmen wollen; das nicht seine Abschaffung, fenbern seine Vervollständigung von Euch erwartet. Ihr werdet dies Decret, die Ehre der Februar-Revolution nicht aus- streichen wollen! Ihr werdet Das, was mehr als ein Schrei des Volks-Gewissens, was ein Ruf des menschlichen Gewissens war, nicht Lügen strafen wollen! Ich weiß, daß, so oft wir aus diesem Worte Gewissen alles das herleiten, waS, nach unserer Ansicht, man daraus gerieften muß, wir daS Unglück haben, sehr großen Politikern ein Lächeln zu entlocken. (Zur Rechten: Jawohl! Zur Linken: Sie gestehen es selbst ein!) Anfangs halten uns diese großen Politiker nicht'für unheilbar; sie bemitleiden uns und willigen barëüi, diese Schwäche, an der wir leiden, daS Gewissen, ärztlich zu behandel»; mit aller Güte setzen sie uns die Rücksicht auf Den Staatsnutzen entgegen. ■ Wenn wir aber beharren, dann werden sie böse; sie erklären uns, wir verständen Nichts von An Geschäften, wir hätten nicht den rechten politischen Sinn, wir find keine ernsten Leute, und...nun, wie soll ich Ihnen das sagen? Nun, sie werden grob und sagen uns das beleidigendste Wort, das sie in ihrem Wörterbuche finden können; sie nennen uns Poeten. Alles was wir in unserem Gewissen zu finden vermeinen, — der Glaube an den Fortschritt, die Milderung der Gesetze und Sitten, die Annahme der durch die Revolutionen entwickelten Principien, die Liebe zum Volke, die aufopfernde Ergebenheit an die Freiheit, der fanatische Eifer für die Größe der Nation —das Alles, behaupten fie, möge an und für sich ganz gut sein; in Der Verwirklichung aber führe cs zu Chimären und Täuschungen und Betreffs aller dieser Dinge müsse man, je nach Gelegenheit und Lage der Verhältnisse, nur auf Das achten, was die Rücksicht auf den Staats-Nutzen rathe. Die Rücksicht auf den Staatsnutzen! Das ist ihr großes Wort, das ich eben auch aus einer Unterbrechung heranshörte. Nun, meine Herren, ich prüfe diese Rücksicht auf den Staatsnutzen und erinnere mich an alle schlechten Rathschläge, die sie ertheilt hat. Ich öffne die Geschichte und sehe zu allen Zeiten Gemeinheiten, alle Niederträchtigkeiten, alle Schandthaten, alle Feigheiten, alle Grausamkeit von dieser Rücksicht auf den Staatsnutzen gut geheißen oder gethan. Marat so gut wie Ludwig XI. berief sich auf sie; sie hat erst Die St. Bartholomäus- Nacht und dann den 2. September gemacht; sie hat in den Cevennen und in Sinnamary ihre Spuren hinterlassen ; sie hat die Guillotinen Robcspierre's aufgerichtet und sie richtet heute Haynau'6 Galgen auf. (Anhaltender Beifall zur Linken.) Mem Herz empört sich mir im Busen; ich, für meinen Theil ich will weder die Guillotinen- noch die Galgen-Politik, weder Marat noch Haynau, noch Euer DeportationsGesetz. (Unaufhörliches Bravo.) Man thue, was