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Freiheit und Necht!"

Wlösbaren. Donnerstag, L. Apr»l

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1850

^ Bestellungen derFreien Zeitung" auf das mit dem L- April begonnene zweite

Handlung, auswärts bei den zunächst gelegenen Postämtern

Die Gxpsditèoir

*f# Das zerstörende und das schaffende Prinzip der NevvtuLiv«,

II.

(Schluß.)

Die Zeit vom Jahre 15 bis 48 hatte eine, wenn auch kampflose, doch bedeutende Entwickelung für Deutsch-- land im Gefolge. Forderungen, an die zur Zeit der Befreiungskriege keine Seele dachte, wurden im ^ahre 1848 mit einer Einmütigkeit erhoben, daß man kaum begreift, wie deren Gewährung zum allgemeinen Volks­bedürfnisse werden konnte. AIS die bedeutendsten stell­ten sich das allgemeine Wahlrecht und ein Parlament heraus, oder sagen wir lieber ein deutsches Par­lament auf Grund des allgemeinen Wahl­rechts. Hierin konzentrirte sich gleichsam die Revo- lution. Alles, was das Volk damals hoffte, ersehnte, erwartete, daö hoffte, ersehnte, erwartete es von sei­nem Parlament. Es war Eine jener Niesen,chöpfungcn, wie sie nur auS den tiefsten Tiefen des VolksgePcs heraus sich gebären konnte. Es lag eine ganze Welt, eine ganze Zukunft, eine wunderbare Fülle von Hoff­nungen und Ideen in diesem Einen Worte aufge­schlossen. ES war Eine jener Ahnungen der Zukunft, wie sie mitunter die erhabene Stele eines VolkSrörpcrs ergreift. Die erbärmlichen Stümper, die Feigen, die Schurken, die daö Volk um seine Ahnung betrogen: sie haben nimmermehr bewiesen, daß das Parl«Mt keine ächt nationale d emokratische Schöpfung gewesen. . . ,, , .

Indem daS Parlament das Volk nicht begriff, in­dem cs seine eigene Mission das Vaterland einer eigenen und freien Gestaltung entgegenzu führen verkannte, indem es sich selbst nicht begriff: war Re Seele der Revolution verloren. Die Bänder und Guirlanden, die Fahnen und das Laubwerk, die den Baum der Freiheit schmückten, verloren ihre Bcdeu- tnnq, als dieser selbst zusammenbrach. Verzweifelnd schauten wir den langen und schmerzhaften Todes- zuckunqen der Nation zu, um bei jeder neuen Kiaft- anstrengung wieder zu hoffen, die Kämpfende zu unter­stützen, um, wenn sie ermattet zurückge,unken, noch verzweifelter die theure Leiche. zu betrachten. Welche Queck ist größer, als halb hoffend, halb verzagend an einem geliebten Todtenbette zu^weilcn? ,

Das Parlament vernichtete sich selber, gab (ich einem langsamen Hungertode Preis, indem es sich die Quel­len seines Lebens verstopfte. Das Parlament verstand weder zu negiren, noch zu schaffen, weder zu zerstören, noch zu gebären im Sinne der Freiheit, -vas es zer­störte, oder wessen Zerstörung es ruhig zusah, das war die Freiheit: Zeuge Baden, Wien und Ber­lin, Zeuge auch vor Allen Schleswig-Holstern. Was es schuf, das war die Gewalt der Reaktion, das war die Restauration dessen, was die Revolution bereits vernichtet hatte, oder vernichten wollte: Zeuge die Reichsverweserschaft, die Reichsgensdarmerie, dre Vermehrung deS stehenden Heeres als Stütze der Mo­narchie. Das Parlament zerstörte, wo es schaffen, es schuf, wo es zerstören sollte. Es stärkte das Provm- zialinteresse da, wo es am gefährlichsten war: m Preu­ßen. Es verschaffte sich weder eine selbstständige Fi- nanzmacht, noch eine ergebene Armee: das Ver­fassungsheer in Baden, vom Volke und aus dem Volke selbst leider zu spät organisirt, dasVerfaffnngs- heer war ein thatsächlicher Protest des Volkes gegen diejenigen, die es aus List oder Feigheit verschmäht hatten , zur rechten Stunde dafür zu handeln; sem schneller Untergang scholl wie eine geisterähnliche Mah­nung zu Denen herüber, welche das Vaterland im Augenblicke der Gefahr verlassen hatten. ,

Das Verlangen der Einheit und Freiheit war eure Forderung des socialen Gedankens. Das Recht der freien Selbstbestimmung und das Recht der Gleichheit ist ein Bedürfniß der Sittlichkeit. Das, allgemeine Wahlrecht war ein Kriegsmanifest gegen die Aristokra­tie des Besitzes, wie der Geburt. Wo aber der so­ziale Gedanke sich gleichsam in diese ätherische Form hüllte, wo er das Bedürfniß des thierischen Lebens verschwieg, um erst die Geister sich zu unterwerfen, wo das sog. materielle Interesse wie ein armer Sün­

der neben dem stolzen Ueberffuthen der Idee sich aus- nahui, da, wo gerade der niedrigste Arbeiter mit reiner Begeisterung für den Sieg dieser Idee focht: da waren am wenigsten die Vorwürfe von Raub und Plünde­rung Denen gegenüber am Platze, welche die Einheit und Freiheit im Sinne der Zukunft, d. h. der Gleich­heit und Brüderlichkeit, des Sozialismus; nicht aber im Sinne der Vergangenheit, d. h. der Bevor­rechtung der Geburt und des Besitzes, wollten. Die Mehrheit des Parlaments erstrebte aber die Einheit im Sinne der Vergangenheit, des romantischen Kai- serthumö, weil sie die Einheit im Sinne des sozialen Gedankens nicht verstand.

Die Seele des ganzen Parlaments war keine Seele, kein Leben, sondern eine Fiktion, ein romanti­scher Restauratiönsunfug.

Woraus bestand aber die Mehrheit des Parla­ments? Die Crème der konstitutionellen Partei Deutsch­lands war in Frankfurt versammelt. Ihr hat das Volk seinen Dank abzustatten, wenn es nach denen verlangt, die als getreue Mandatare seinen Willen so schön vollzogen. Die Geschichte, diese untrügliche Rich­terin, hat dafür gesorgt, daß die Parthei zuletzt noch im Gewände des Harlcqninö erscheinen mußte: wer erblickt in der Berufung beS Erfurter Reichstages nicht eine Komödie, ausgeführt zum Spaße gewisser Herren? Die konstitutionelle Partei, die als öffentliche, als po­litische Partei aller Sittlichkeit, aller Konsequenz baar ist, diese Partei hat der Revolution die Flügel gelähmt, hat die Häscher herbeigerufen, welche die ersten Aus­wüchse des jungen^Kcimes der Demokratie mit roher Hand abhieben. Sie ist aber zugleich die schlimmste Gegnerin der Revolution, weil sie ihre Gegnerschaft unter einem heuchelnden Liberalismus künstlich zu mas- kiren weiß, weil Wesen und Schein, Wahrheit und Phrase so oft gar schwer zu scheiden sind; sie ist die schlimmste Gegnerin, weil sie der Revolution bas Ge­wand abborgt, um unter dessen Schutze die erhabenen Ideen jener an ihr eignes gemeines, selbstsüchtiges, materielles Interesse zu verrathen. Sie kömmt der noch unerfahrenen, insoweit unpraktischen Demokratie zuvor, um unter der Devise der Ordnung plötzlich die eigne Fahne zu entfalten; sie tritt als scheinbar organisirte, zum Regieren befähigte Macht auf, indem ihr die ganze Anhängerschaft deö gestürzten Regimen­tes vorläufig zufällt, während die Revolution noch um die Formel für ihre Herrschaft ringt. Die Idee der Revolution, eine ungeheure Zukunft in ihrem Schooße bergend, kaum die Kraft erkennen lassend, die sie aus der Vergangenheit Schooße sich losringen ließ, darum gefürchtet von den Gewohnheitsmenschen, die mit jener Herrschaft ihr eigenes Dasein abgebrochen wähnen; die Idee der Revolution, groß, erhaben, ein­fach und doch mistisch, wie alles Einfache, sie sucht mit Bangen die Herzen, die Geister, die geeignet sind, sie würdig zu vertreten, die Masse für sie zu entflam­men, sie sucht mit Bangen den Orpheus, dessen Ge­sang selbst dem Gefühllosen Gefühle gibt, und für sei­nen Willen in Bewegung setzt. Tausendmal aus dem Felde geschlagen, erscheint sie immer wieder von Neuem, stets ausgerüstet mit neuer Kraft, neuem Muthe, neuer Majestät; denn sie hat ihre Triebfedern in den heili­gen Tiefen der menschlichen Natur, sie saugt immer­fort Nahrung, Begeisterung aus den ursprünglichen Menschenherzen. Oft geschlagen, nie besiegt, ist sie eine stetige Reaction der menschlichen, der wahrhaft menschlichen Gefühle, die sich in ihrem Dasein, in der Lust und Freude an sich selber, durch fremde, unwahre, unlautere Gefühle gefährdet glauben. Dieser Kampf der wahren und der verneinenden Natur, dieser fort­dauernde, unermüdliche Hebel alles Lebens, aller Be­wegung, der dem Einzelnen nicht erlassen ist, wie sollte er der Gesellschaft erlassen sein?

Die Idee des Konstitutionalismus aber, als Ausdruck für das materielle Interesse der besitzen­den Klasse, besorgt um ihre Zukunft, mit allen Fa­sern an die Vergangenheit gekettet, gleichsam die Ver­gangenheit selber, klein, niedrig, verworren für den einfachen Verstand durch daS Formeuwesen, in dem sie sich verbirgt, klar aber, vollkommen klar, für den i Interessenten, sie ist nicht verlegen um ihre Organisa- 1 tion, sie braucht nur die vorhandenen Beispiele zu so#

Men, sie ist nur auf das Interesse einer Minderzahl berechnet und darum, mit Benutzung der vorhandenen Ungleichheiten des Vermögens und der Intelligenz, ichncllel ausführbar, sie ist nicht einfach, aber darum nicht unbegreiflich, sie ist fertig, abgeschlossen, abge­rundet, im Verstände, wie in der Ausführung, und genießt darum all der Vortheile eines fertigen Systems. Kurz der Konstitutionalismus ist ein System und darum eine Zwangsjacke des Geistes, während die Re­volution so unermeßlich, unergründlich ist, wie die menlchliche Natur.

Wir sind auf die Gründe näher eingegangen, welche die Konstitutionellen im März des Jahres 1848 ans Ruder brachten, weil cs oft unerklärlich scheint, wie eine Bewegung, die sich so ganz und gar lauter dcmo- kratijche Institutionen zu ihrem Zielpunkte erkoren hatte, in ihr völliges Gegentheil umschlagen konnte. Wir dürften unS jetzt die Frage aufwerfen, bis zu welchem Punkte die Revolution ideell angelangt, die Demokratie von der Masse begriffen sei; wie sich dem­nach daS Werk der Zerstörung und das Werk der Er­schaffung verhalten müßten. Allein wir ziehen es vor, in Betracht der gegenwärtigen Zeitumstände, diese Frage hier nicht zu erörtern, so gern wir auch die Demo­kratie von dem ihr oft gemachten Borwurf, sie könne blos umstürzen, nicht aufbaucn, zu reinigen versuchten. Uebrigens springt bei einiger Beobachtung das Meiste als Konsequenz des Vorigen in die Augen; und jener ganze Vorwurf zerfließt schon wie eitler Dunst, wenn wir uns bemühen die Gründe eines vernichtenden re­volutionären Haffes aufzusuchen. Die sog. destruktiven Tendenzen, wie man diese Seite der Revolution in der Kunstsprache der Regierungen zu nennen beliebt, sind nur die äußeren Merkmale eines zwischen den Regie­renden und dem Volke vorhandenen Zwiespaltes, wel­cher erst seine Lösung in einer andern neuen Gestal­tung des öffentlichen WesenS finden kann. Wohl mag die eine oder die andere Seite bei jeder einzelnen revolutionären Erscheinung überwiegen, Jener im Negiren, Dieser im Aufbauen mächtig sein, aber die Idee der Revolution findet auch selten oder nie in einem Einzelnen ihre vollkommene Darstellung. Und dcr^ begabten Geister, die Beides in sich zu vereinigen wissen, die das Alte stützen, soweit es LebenSkcime der Zukunft in sich trägt, die zugleich dem Neuen einen würdigen Tempel erbauen, jener wahrhaft vollendeten revolutionären Karaktere gibt eS wenige. Schatten und Mängel sind am Ende überall, und die vollstän­digste Inkarnation der Revolutionsidee in einem ein­zigen Individuum machte damit alle Andern über# flüssig.

Das Volk ist reif: die Revolution hat es be­zeugt, so sehr auch die Gegner das Gegentheil darzu- thun versuchen. Wer die Forderung eines Deutschen Parlaments begreifen will, dem wird es nicht schwer fallen, den Schlüssel der Zukunft aufzufinden. Daß das Volk nur für eine volkstümliche gesetzgebende Ge­walt sorgte, ohne sich auch die vollziehende zu schaffen, das war ein Fehler, der das Parlament schwerer trifft, als das Volk selber: denn jenes hatte, wenn es nur den Moment benutzen wollte, noch die Gewalt, den Fehler des Volks wieder gut zu machen. Wenn es aber vollends unmöglich war, die Exekutive in den Einzelstaaten auf andere Weise zu demokratisiren, ab durch die moralische Kraft der Einheitsidee, dann trifft das Volk keinen, feine sog. Vertreter in der National­versammlung der ganze Vorwurf.

Noch einen Blick nach dem Grabe un erer Hoff­nungen , und freudigen Muthes klimmen wir weiter empor, dem theuren Ziele zu. Sein Volk aufgeben, heißt sich selber aufgeben: wer aber aus dem Verhal­ten des Volkes in den Märztagen, aus seinen Kämpfen in Wien, Schleswig-Holstein, Dresden und Baden noch nicht genug gelernt hat, der blicke auf die Wahlver­weigerung in Preußen, auf die Wahlverweigerung nach Erfurt, und lerne daraus erkennen, daß die Nation in ihrem Kerne intelligent und sittlich, daß die Mehrheit des Volkes der Demokratie angehört. Ihr theuren Schatten all Derer, die als Soldaten der Zukunft auf dem Schlachtfelde der E^re starben, ihr umschwebt unS wie liebende Genien auf unserm Wege; ihr be­schwöret den Haß, den zürnenden, grollenden Haß wi-