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1850.
Die „Freie Zeitung« erscheint, mit ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen. — Der Abonnementspreis beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden 1 fl 45 fr aus- wârtS durch die Post bezogen mit verhältnismäßigem Aufschläge. — Inserate werden bereitwillig ausgenommen und sind bei der großen Verbreitung der „Freien ei tu na« stets van mir» hinein Erfolge. — Die Znscrationögebührcn betragen für die vierspaltige Pctitzeilc 3 Kreuzer.
U^â^ Bestellungen der „Freien Zeitung" auf das mit dem 1. April beginnende zweite Quartal beliebe man baldigst zu machen, hier in Wiesbaden in der H. W. Ritt er'schen Buch Handlung, auswärts bei den zunächst gelegenen Postämtern. Die Expedition.
E Die Syrrodalverfassnng der evangelische» Kirche tu Nassau.
Zu den Märzversprochenschaftcn gehört bekanntlich auch die freie Kirchenverfaffung. Seiner Zeit haben wir Leute gekannt, die in vollem Ernste an die Ausführung glaubten, obgleich sie glühende Demokraten waren.
In diesem guten Glauben wurden nun die Leute später unangenehm durch die Art der Ernennung der Kirchenrommission und noch mehr von der durch diese beschlossene Wahl mit Census für die Synoden berührt, weil sie immer noch nicht ahnten, daß die Vorbereitungen nur Abkühlungs- undzEinschläferungs- mittel seien.
Die Zeit des Magnetisirens ist jetzt vorbei, der magnetische Schlaf scheint eingetreten, man läßt also das somnambulische Volk jetzt hellsehen; damit cs erkenne, daß ans der Sache nichts werden kann.
Sie Nass. Allg. bedauert, daß die kirchliche Commission nicht starker auf die mit aller Kraft zu erstrebende Einigung der kirchlichen und staatlichen Gewalten im D. rüste des christlichen Lebens hingewiesen habe", und meint dann: „Fast scheint es, daß auch hier wiederum eine Zeit bevorsteht, wo das in zuchtloser Freiheit Ausgeartetete, in unlautere Selbstsucht Verstrickte zu seiner eigenen Erziehung und Läuterung von Menem unter den weltlichen Vormündern gehalten werden muß."
Wir sind mit der Nass. Allg. derselben Meinung, daß nämliche der jetzige Staat die Kirche und die jetzige Kirche den Staat bedarf.
Die Reaktion ist gegen die.Natur des menschlichen Geistes, hat also den Geist gegen sich; wo will sie ihre Macht ymiet;mcn7 wenn sie keine Geisterbezchwörcr mehr hat? Wer soll die Gotteögnadenschaft vom Himmel holen und ihre Richtigkeit verbürgen, wenn die Gewissens- Gensd'armcne fehlt?
Nur die Demokratie, die Wahrheit und Gerechtigkeit beruht auf sich und der ewigen Wahrheit des Geistes, jede ankere Herrschaft muß sich von Außen eine Autorität, eine geheime Mittheilung oder Offen- barüng holen, Und diese Priester bedürfen wieder der weltlichen Macht, wenn trotz aller Kunst der natürliche Gedanke bei Einzelnen durchbricht, um diese zu zernichten, damit sie nicht andere anstecken.
Dann versichert die Nass. Allg.: „Das Kirchen- rcgiment ist nach richtigen kirchenrechtlichen Grnnd- jätzen nicht befugt, eine konstituirende oder verfayung- gebcude Landessynode nach einem von ihr zu erlaffen- orn Wahlgesetze aus UrwahIcu und Stimmenmehrhei-
Prozeß Görlitz.
XIII.
Damstadt, 27. März. Morgensitzung. Zeuge Oberappellationsrath und Freiherr von M ü n ch sah am 13. Juni den Grafen an der Tafel Serenissimi, von wo vor Schluß derselben er sich nicht entfernte; AbcudH nach 8 Uhr begegnete er ihm beim Spaziergang.
Zeuge Geheimer Staatsrath Hall wach6 traf den Grasen an jenem Abend am Bahnhof und wurde von ihm nach Hanse begleitet; sic sprachen von gleichgültigen Dingen, russischem Besuch u. s. w., und die heitere Stimmung des Grafen fontraihrte dem Zeugen lebhaft gegen die Trauer desselben, als er ihn am folgenden Tag besuchte; die Gräfin sei eine sehr religiöse und moralische Frau gewesen, das Einvernehmen zwischen den Gatten ein gutes.
Juwelier Wo hack aus Frankfurt erkennt eine der gefundenen Goldsachen als eine derer an, die im Jahre 1840 in seines Vaters Laden von Görlitz gekauft wor= oen waren. Schneider E u l er ist Gläubiger Stanff's, wegen gelieferter Kleider imb noch nicht von ihm befriedigt. Münzrath Rösler erkennt als Experte den einen Ring als aus Gold und Platina zusammengesetzt an; Platina werde schon seit fünfzig Jahren zu Luxnügcgen- stänvcn verarbeitet; das geschmolzene Stück Geld wnd ihm zur Schätzung des Werths i b Igeben.
ten ohne Berücksichtigung der wahrhaft kirchlichen Organe zu berufen." Also, lieber Michel, hat die Kirche, d. h. die Geistlichkeit, nicht das Recht, eine Synode, an welcher Laien Stimmrecht haben, zu berufen, und wenn sie es versprochen, so hat sie ihre Befugniß überschritten und kann dieses Unrecht nur dadurch wieder gut machen, daß sie ihr Wort nicht hält. Man wird sich Gott, dem staatskirchlichen Gotte, nicht widersetzen sollen. Also Michel, füge dich in den Willen Gottes (?) sei ein stilles^ Lamm, oder weil du für eilt Lamm schon zu alt bist, ein stiller Hammel Gottes, der Alles duldet — Alles, — Alles'
Auch spricht die Rass. Allg. von einer Gesammt- kirche; wo sich diese befindet, können wir uns nicht denken. Wir wissen von einer Herzoglich Nassauischen, Kaiserlich Russischen, Päpstlich Römischen, aber von keiner Gesammlkirche; denn diese Kirchen schließen sich gegenseitig aus, jede erklärt die andere für falsch: mithin verhalten sie sich nicht als Arten, machen also auch keine Gattung aus. Das Hoheitsrecht aber wird den Thronen von der Nass. Allg. zugestanden; sie warnt sogar vor Vergebung irgend eines Hoheitsrechtes, und doch soll auch Die Kirche Sache Gottes sein; also steht Gott selbst auch unter der Hoheit des Thrones. Wir wissen überhaupt gar nicht, was das Wort Kirche eigentlich bedeuten soll; die Gemeinschaft der „Gläubigen" taun es nicht sein, denn diese Gläubigen sollen nicht mitipredjen dürfen, bilden also keine Gemeinschaft, sondern eine Unterworfenschaft. Es müßte denn Kirche, die Gesammtheit der geistlichen Staatödiener, ihrer Einkünfte und Interessen, sowie ihrer Obliegenheiten gegen die Regierung bedeuten, sonst bliebe das Wort ein leerer Schall.
Man spricht sogar von der Religion der Väter und ermahnt, nicht davon zu lassen, und doch ist Die Herzoglich Nassauische Staatsürche erst 1817 vom Präsident 3bqil geschaffen worden, früher hatten wir Bekenner des lutherlyhcn und reformirten Glaubens. Lieber protestantischer Michel von Nassau, wo ist die Religion deiner Vater? — Sw wurde im Iayr 1817, wie altes Geld, einkassirt und eine neue von Compo- sitiousmetall wurde gegossen.
Da schmäht die Nass. Allgem. gegen den Caplan Brunn, weil er das Altluchenhum Herstellen will, und das wäre doch die Religion der Väter dieser Leute. Aber die Religion soll ein polittnhes Institut sein, deßhalb schmolz man zusammen.
Das Jahr 1817 war zu dieser Gießerei sehr geeignet, es war ein Hungerjahr, die Staatsdiener bekamen Theuerungszulagcn, die Pfarrer konnten solche
Aus den Aussagen von vier P0lizcisvldaten, welche in Der Macht vom 13. Jam die Zimmer der Gräfin bis zum Eintreffen des Gerichts bewachten, ergibt sich, daß Stauff Abends noch sehr niedergeschlagen am offenen Fenster saß, ehe ar wcggmg, daß erjOb am nächsten Morgen früh wieder einsund, daß er aber mit keinem Tritt in das W 0 hnz immer kam; daß dasselbe überhaupt n a ch Der Beziehung der Wache um 12 Uhr nur noch von Schämbs und Schiller betreten wurde, welche Die Schmuckfachcn aus der Asche suchten und sic Dem Grafen übergaben.
Kutscher Jahres, der am Abend des 13. Juni ins Haus kam, fragte den Stauff, ob die Gräfin verbrannt sei, worauf dieser antwortete: „ach Gott!" Stauss sei „wie verschlagen" gewesen. Nach ihm erzählt ein Trödler, unter verschiedenen Widersprüchen in feinen A 'ssageu, eine verwickelte Geschichte von einem U hren- handcl mit Stauss, die sich zu der Anschuldigung verhau, wie Gagcru's Reden zur Logik und woraus der Präsident schließen zu müssen glaubte, daß Stauss leichtsinnig st,.
Zuletzt ciHart Zeuge Schneider Traugott, daß^cr aus Geheiß und gegen Zahlung des Grafen von Mitte Juli bis Ai.fang Movcmbcr 1847 im Görlitz'fchcn Hans in Schillers Zimnier geschlafen habe: er macht einige unbestim »te Angaben über Stauss's „übertriebene Heiterkeit" , als ihn einmal Sonntags Mittags Die Christine
sticht erhalten, man'berief sie daher nach Idstein und ließ sie durch Diäten sich Zulagen verdienen,
Die Herrn stritten über Sachen, worüber eben Pfarrer streiten und verdienten sich Geld, und als es ■Seit war, beachteten sie die gemachten Vorschläge, vereinigten sich, was sonst Priester verschiedener Religionen nie gethan^haben. Aber eine Ehre ist der andern werth* und Undank ist ein Laster. -
Hat man (damals Michel gefragt, ob er den neuen Glauben wolle? Bewahre, Michel darf nicht mitreden Wie wäre es nun, wenn der Michel einmal sagte, was er wirklich glaubt, dann hätte er eine wahre Kirche — wäre abgcfallcn von der Heuchelei, und das wäreZgewiß nicht Unrecht.
M Michel, hast du noch nicht genug Polizeidiener, mußt du auch einen solchen im Gewissen haben, muß dich ein solcher erst beim „allerhöchsten" Herrgott an- melben, wenn du beten willst?
Ein nassauisches Schlesien.
— Von der Us, Ende März. Wie das stürmt und tobt, wie Der Schnee in Massen uiederstürzt und die schon grünenden Fluren wieder mit der despotischen Decke des starren Nordens, dem Naturschlafgewand, überzieht! Der Landmann steht betrübt am Fenster, streicht mit der Hand über Die gefurchte Stirne, 'in seinen Hoffnungen getäuscht; der Proletarier (seufzt, blickt Lange hinaus in's stürmische Wetter,! seine Brüder bcdauerndj, welche heute, trotz Sturm undZWetter, dennoch 2—3 Stunden Wegs gehen müssens, um ihre in der Woche gewobenen Strumpfe rc. dem (Fabrik- Herrn außer Lande (Hessenhomburgischen)Hzu überliefern und sich für die nächste Woche wieder Arbeit zu holen. Die Armen! .wie die Wangen so bleich sie Stirne gefurcht, der Gang so zitternd ifi^SaS ist Die Noth, das sind die Sorgen, welche hier sich abspiegeln, Das sind dieâMärzerrungcnschaften unserer Gegend, Noch oft zwar Niemand gcradeWungcrs gestorben; aber die Sorge, Die Noth, Die angestrengte Arbeit: um Die schweren Abgaben fund das Jo karg angemessene schwarze Brod , die einzige Nahrung unserer Armen, zu e> werben, sie zerstören Die besten, die edelsten Kräfte des Menschen. Siechtyum, ein früher Tod ist sein Loos. Es ist nicht der Hungertod: sondern das hungernde Leben, welches so manchen armen Weber oder Landmann unserer Gegend in's Grab senkte.
Was that man, um diesem jammervollen Zustande eine Grenze zu ziehen oder wohl eine bessere Zeit in Aussicht szu stellens Nichts: unsere Geistlichen ver-
Born besuchte, uoD über eine „Verlegenheit- gelegentlich einer DiScussiou über den Praslm'schen Mord; erst uns Befragen fällt ihm ein, daß sich Stauff damals Nachts gefürchtet haben sönne; Stauff habe sieb früher einen alten Lweeerock färben lassen, Dagegen will Z uge nichts davon wissen, daß dieser ihm, wie er behauptet, mitgc- theilt habe, er wolle sich eine gelbe Weste mit Grünspan grün färben.
Mittagssitzung. Einen Dem Angeklagten sehr günstigen Eindruck machte Die Vernehmung seines „Mädchens", der Christine Born. Sie ist 30 Jahre alt, von angenehmem Arußcren, Dav *urch Die nette m d reinliche Ocenwalder Tracht gehoben wird, und sehr naiver Ausdrucksweise ; an der Unschuld des Ängekiaaten scheint sie nicht zu zweifeln, sie nennt ihn mit vieler Neigung nur: „mein Stauff." In Jahr 1844 wm^ sie mit ihm bekannt, alS er noch Soldat war und sie in Der Nähe der Kaserne diente; sie hatte ein Kind von ihm, für dessen Alimentation er jedoch wenig that, während sie ihn später mit Wäsche und Geld. 3 in nimm im ungefähren Betrag von 50 fL unterstützte; Stauff fei sehr „fromm" gewesen und habe ihr oft1 das Fluchen verwiesen; er war eitel auf schöne Kleider; oft klagte er über „Genauigkeit" (Sparsamkeit) der Gräfin; vor Dem Todesfall kam Zeugin nie in's Görliy'sche HauS, hernach mehrmals, einmal an einem Sonntag Mittag, wobei Stauff besonders aufgeräumt war; Zeugin hatte