„Freiheit und Recht!"
^71 Wiesbaden. Sonntag, 24. März 1S54L
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Kritik der Briefe über die dermaligen naf- sauischen Zustände in No. (SO und ?c 0. 63 der Naffanischen Allgemeinen Zeitung.
I.
^ Bom Taunus.
Nach 6^ms5 Schrift: les conspirateurs, nach teil Enthüllnngen über den Prozeß Ohm-Waldeck und den „Politischen und rechtlichen Bedenken", konnte Mffau natürlich nicht ohne einen „EnthüUcr" bleiben, dem die Nass. Allg. selbst mit Aufopferung ihres be« kannten gemessenen und würdigen Tons ob seiner glänzenden Eigcmchaften freudigst ihre Spalten öffnet.
Besonders in den Epochen, wo ein neues Prinzip, fine neue Idee muthig und unaufhaltsam der Herrschaft im Völkerlcben zueilt, fehlt cs nie an Menschen, die den reinen KamPf der Pr nzipicn durch eignen Schmutz zu besudeln trachten, um wimigstens noch eine Zeit lang nn Trüben fischen zu können. Sie sind eine Landplage der Menschheit, denn ihre Mittel sind Verwirrung der Wahrheit und der Rechdsbegriffe, sie und der Fluch der Partei, der sic zu treuen schrinen. Denn in einer der streitenden Parteien und ihren Zwecken anfgehen können sie nicht, ihr letzter Zweck sind sie selbst, für den sie Alles benutzen. Hinter und neben den Parteien stehend,' nisten sie sich stets da ein, wo die Gewalt ist, und, um ihre Hähern Zwecke zu fördern, führen sie die Gewalthaber jur unumschränktesten, rücksichtslosesten Ausübung derselben, unbekümmert darum, ob aUr Brücken abgeworfen werden, welche die Schichten der mensch- sichen Gesellschaft als ein großes Ganze mit einer gemeinsamen großen Bestimmnug Zusammenhalten. Mag dann auch in einem unaufhaltsamen Sturme das Alte znsainmcnstürzcn, mag dann auch durch die damit verknüpften Verwüstungen die Menschheit in ihrer Entwicklung zur Humanität um eine Stufe zurückgeschlendert werden, was kümmert cs sie? Ihr Herz gehört nicht der Menschheit, sondern nur ihnen, sie sind ihres Studiums menschlicher Schwäche sicher und werden ichon, wenn auch unter anderer Firma, ein API bei der neuen Gewalt finden, um ihrem Gotte zu opfern.
Diese Gattung Menschen ist aber nicht in einem einzelnen Orden abgeschlossen, sie findet sich auch ohne Orden in allen Schichten dès Volks. Sie bedient sich auch der Presse und ihre Mittel liegen zwischen der glänzendsten Sophistik und der zugespitztesten Casuistik bis zum abstoßendsten Cynismus und der gewöhnlichsten Plattheit im gleichmäßig absteigenden Grade stets ungefährlich bis zur Lächcrlichheit.
Nach diesen kurzen einleitenden Bemerkungen gehen wir zur Kritik selbst, um der Oeffentlichkeit das Material zu liefern, welchen von diesen in Umrissen gezeichneten Abtheilungen der Nass. Allg. Zeitungsbrief« schreibet unterzuordnen sei. Das Kunstwerk läßt sich recht bequem in 4 Theile zerlegen: Skizzen aus.einem Tagebuche, Verhaltungsmaßregeln für das Ministerium Wintzingerode, Versuch der Würdigung oder vielmehr Entwürdigung der Demokratie, die Stadt Idstein und das SchuUchrcrscminar. Der letzte Punkt wird ausgedehnter behandelt werden müssen, weil der Verfaffer dieses Aufsatzes gerade über diesen Punkt genau unterrichtet und die Kritik darüber zugleich treffliche Winke über den Werth des ganzen Kunstwerks und seines Künstlers vielleicht geben könnte. Der Briefsteller ist konstitutionell aus wissenschaftlichen Gründen (soll das vielleicht heißen in der Theorie, aber nicht in der Praxis) und treuer Unterthan des Herzogs, eine Eigenschaft, auf die er nach mehrfachen Wiederholungen zu schließen, das höchste Gewicht legt Er ist auch meinetwegen Blau-Oranger, also weder Groß- noch Kleindeutscher, sondern spezifisch nassauischer Constitutioneller, und vertritt demnach nach williger Emanzipation vom Schwarz -Roth -Gold eine sehr seltene Gattung Politik, da die reinen Partikularsten bekanntlich fast alle dem Absolutismus zuschwören. Er kam nach Wiesbaden, wurde aufgefordert, hörte Naht, schauderte über die vom Zaun gebrochenen Angrine, würde sie kritisircu, wenn es der Redakteur der Nass. Allg. gestattete, und ging ins Casino. Daß wir hier ein so kurzes triviales Gerippe der Skizze gegeben haben, hat der Herr Briefsteller einzig und allein sich selbst zuznschreiben.
Hatte er seinen Namen gezeichnet, so wären wir vielleicht in die Manie für große Namen verfallen und hätten die ausschmückenden Beiwörter, die Bemerkungen über Zeitdauer, Organ, und andere begleitende Umstände bezaubernd gefunden. Das Wesentliche dieses Abschnittes ist der Abscheu des Herrn Briefstellers. Darüber nur zwei Worte. Wenn man auf dein Lande mit sehr geschätzter Hand, also mit der Absicht und Aussicht, in weitern Kreisen zu wirken, besonders über Charaktere schreibt, welche eine öffentliche Wirksamkeit üben , so scheint es uns höchst eigenthümlich, seine subjektiven Eindrücke ohne alle Begründung aus purer, sogar unbegründeter Furcht vor einer Censurschcere in die Welt zu" schicken. Wir würden sogar in voller Anerkennung der Heiligkeit der Ehre des Nächsten lieber kein Wort drucken lassen, als solche momentane Gcmüthseinvrücke, die dem gewöhnlichen Schimpfen ungemein ähnlich sehen. Wären wir boshaft, so hätten wir volles Recht anzunehmen, es sei dem Herrn Briefsteller ergangen, wie jenem bekannten Zeugen im Prozeß der Idsteiner Landescongreß Angeklagten, der voll Abscheu und Entrüstung fortging, als von der Durchführung der Reichs Verfassung die Rede war.
Der Herr Briefsteller ging also ins Casino, wo Juristen und Offiziere die Stete R a h t's scharf kriti« sirend mitnahmen. Die g'wiß intereffanten Gründe anzngeben, verbietet leitet die Diskretion. Delikatesse hemmte die Kritik. Es ^steigt uns hier ein gelinder Zweifel auf, daß der Anverwandte Raht's vielleicht dasselbe Schicksal gehabt habe, wie so Manche, die, hinter dem Rücken angegriffen, Auge im Auge keinen Gegner finden. Doch wir können irren, denn wir kennen die Persönlichkeit nicht.
Der Herr Briefsteller geht dann in demokratische Wirthschaften, wo er, was wir vollständig begreifen, Nichts ihn Ansprechendes hört
Damit wollen wir die Kritik des ersten Theils schließen. Er gleicht, wie ein Ei tem andern, besonders durch spätere Erkundigungen, den Berichten pflichteifriger französischer Gensd'armen. Sowie diese berichten nach dem Circular des die Spionage organisirenden Kriegsminister d’Hautpoul: N. N. socialiste doux paisible très dangereux, so sagt der Artikel: „Raht — 5 Stunden lang lesend — kreischend — Abscheu erregend — Angestellten und Offizieren mißfallend."
Der Herr Briefsteller legt nun seine Lanze ein gegen das Verhalten des Ministers Wintzingerode, gleichfalls sich stützend auf das Urtheil einer geschlossenen Gesellschaft von Bürgern, Staatsdienern und Offizieren, lauter ConstitutioneÜen, (Ob auch Blauorangen erfährt man leider nicht) tem Herrn Briefsteller , der aus wissenschaftlichen Gründen constitutio- nell zu sein behauptet, wurde hier Manches klar, was er seither auf seinem Lande nicht verstehen konnte. Er sah ein, daß es mit der Verurtheilung politischer Verbrecher durch Schwurgerichte nichts sei, mindestens nichts mit dem Wahlmodus. Seine Erkenntniß, ohne alle Gründe hingestellt, wollen wir ihm gerne lassen, um so mehr, da wir hinlänglichen Grund haben anzunehmen, sie werde eben nicht entscheidend sein.
Freilich, die Angriffe gegen das Ministerium und besonders gegen Herrn v. Wintzingerode sind gewaltig und niederschmetternd. Das Ministerium Wintzingerode war der personifizirte Protest gegen alle die revolutionären Früchte, welche das souveräne Volk durch Ueberrumpelung im März gewonnen hatte. Seine Aufgabe war, den alten historischen Rcchtsboden wieder herzustellen und besser zu sichern; die Demokratie weiß, daß es seiner Aufgabe redlich nachgestrebt hat. Aber der Herr Briefsteller weiß das besser. Nein, ruft er, der Herr Minister ist lässig, fügt aber zum Ersatz hinzu, wenn auch nur aus allzu großem Wohlwollen, denn man sicht ihm ja schon im Gesicht an, daß er Niemand gern etwas zu leide thut. Es muß noch mehr ausgemärzt werden, ein großer Theil der Juristen, evangelische Geistliche buhlen offen mit versteckt mit der Demokratie, und das Volk sieht leider in der Regel gar nicht ein, mit wem es zu thun hat. Hu, es wird schrecklich werden, wenn das Ministerium Wintzingerode, durch die Briefe des Junius geschreckt, ihren Verfasser als Präfect Carlier sich zur Seite stellt. Er wird das Volk nicht über die Achsel ansehen, aber
vernichten wird er Alle, die die Pest ergriffen, eine Gedankeninquisition wird er einführen, durch die auch das versteckteste Ansteckungssymptom kund werden muß. Wir würden schaudern, wenn solche Pläne hier zum ersten Male vor unsere Augen träten. Allein die Partei d.r „Kreuzzeitung" hat in den bekannten „Bedenken" sie in anziehenderer Form entwickelt, als unser possirliche Affe eines Zerzog, dem an dem Wahren vor Allem die biterbe Natur fehlt. Sie nennt sich die königliche Partei und verficht den schrankenlosesten Absolutsmus. Steht vielleicht unser treuer Unterthan des Herzogs, der seine Ansichten von treuesten Unterthanen empfangt, als der Vorkämpfer einer sich „Herzoglich" nennenden Partei, da, die sich zum Ministerium Wintzingerode verhält, wie die Partei Gerlach-Stahl zum Mimste- rium Brandenburgs Wird sich vielleicht die „Raff allgemeine Zeitung" bald in eine „Neue Nassa usche" umlaufen? Wir wissen es nicht, aber das wissen wir, daß ihr Sieg nur dazu beitragen wird, die Parteien zu läutern und den Sieg ter Demokratie zu beschleunigen : Jedes Schreckenssystem trägt seinen nah n Untergang in sich, es ist der letzte Nothschrei des Ertrinkenden.
Die Rechtfertigung des Ministeriums Wintzingerode wie des tenunprten Juristenstandes liegt außer unserm Bereich. Ein Eorrcspondent der Freien Zeitung hat in einem ennelnen Punkte eine vom Zaun gebrochene Jnvective widerlegt und wird wohl, anders organisirt als der Herr Briefschreiber, nicht Abscheu sondern Mitleids empfinden haben. Thun wir aber durch die bloße Möglichkeit , die wir über seine Parteistellung ausgesprochen haben, nicht tem Artikclschreiber bittres Unrecht. Sagt er nicht selbst, er sei konstitutionell und erkenne sogar die Demokratie so weit sie dem Cousti- tutionalismus huldige an, worin diese sehr geschätzte Persönlichkeit sehr wesentlich vom Herrn Minister von Manteuffel abweicht, an dem ihr aber gefallen wird, daß er in Bierhäusern -mit dem Volke verkehrt und sich Urtheile über die Demokratie und die Tendenz der Hanvwerkervcreine bildet.
Durch eine genauere Bezeichnung hätte er das Ministerium Wintzingerode vor der Gefahr gesichert, lelbst beim besten Willen seiner ihm neu angewiesenen Aufgabe nicht zu entsprechen, er hätte zugleich eine Pflicht der Menschlichkeit erfüllt gegen Alle, welche, obgleich voll tiefer Reue über ihr zollbreites Ab.veichen von der Ba m treuer Unterthänigkeit jetzt zittern und zagen in ter Ungewißheit, ob auch sie der Bannstrahl treffe. Diese muß sich noch dadurch steigern, wenn man bedenkt, daß nach dem Willen unsers Autors das leider zu früh anfgegebene System des Ministerinms Hergenhahn coiisequent durchgeführt werden soll. Dieses begann bekanntlich mit jenem berühmten Rescript, was alle mit dem damaligen Regierungssystem unzufriedene Beamten ausmärzcn sollte. So käme man dann durch ganz einfachen logischen Schluß zu dem Satze, der Herr Verfasser wolle alle die Beamten, die gegen seine Gesinnungsgenoffen und das jetzige System, welches eben, wie die Tyat zeigt, gegen die beabsichtigte Ausmärzcrei ist, und sich selbst, wenn er etwa dazu gehört, ausgemärzt haben. Und solchen Grad des Patriotismus, er verzeihe uns, können wir ihm nicht zutrauen.
Doch der Verfasser bezeichnet seinen Constitutio- naliSmus genauer zunächst wissenschaftlich durch Angabe seiner Ansicht über die Stellung ter Regierung zur Kammer und dann populär durch die Schilderung ter Demokratie. Darin theilen wir nun ganz seine Ansicht , daß das Gouvernement die stärkste Partei im Volke ergreifen solle und nicht zum Bollwerk der begünstigten Minderheit gegen die Anforderungen d'er unendlichen Mehrheit sich mache. Aber die im nächsten Satze „der stärksten Partei im Volke" unterschobene Kammermajorität können wir nicht acceptiren. Eine Kammermajorität, die unter dem Ministerium Hergenhahn für die Reichsverfaffung schwärmte, nach dessen Rücktritt, teil sie als pure Starrköpfigkeit ansehen wird, sofort die Unmöglichkeit der Durchführung einsah und durch ihren Berichterstatter ihren Anhaltspunkt im Volke, die Volkssouveränitat, für eine fire Idee erklären ließ, von der viele Mitglieder sogar die tiefste Indignation fühlen, wie unsre Briefe versichern,