Wiesbaden. Samstag, 16 März
„âekheit und Recht
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Das allgemeine Wahlrecht der Franzosen.
«° Wiesbaden, 15. März.
Die kölnischen Zeitungen, die Westdeutsche wie die Kölnische, melden übereinstimmend den Sieg der Rothen bei der letzten Wahlschlacht in Paris.
Carnot, dessen Name die Protestation gegen die schmachvolle, infame Behandlung, welche die Volksschullehrer seitens der Regierung des hirnlosen Neffen erdulden müssen, bedeutet; Vidal, dessen Name die Anerkennung und Würdigung der Interessen des vierten Standes proklamirt; de Flotte, der „siegende Geschlagene", wie Freiligrath sagt, dessen Name Protest einlegen solt gegen die Transportation der Juni- kämpfer ohne Urtheil und Recht, — sind als Sieger aus dem Kampfe hervorgegangen.
Die Herren von der Herrenparthei begreifen aber wohl, daß, wenn das Volk das allgemeine Stimmrecht hat, ihr Einfluß auf ewig dahin ist, und daß das Volk sich in reformatorischer Weise die Hütten des Friedens und des Wohlstandes aufrichten wird. Weil die Volksaussauger die friedliche Entwicklung ebenso wenig, wie die Vernichtung ihres elenden wucherischen Treibens wollen: so werden sie in Deutschland gegen die Einführung des allgemeinen Stimmrechts mit allen Mitteln kämpfen und dasselbe wie bisher zu nnterdrücken suchen: so werden sie in Frankreich vor einem Frevel gegen das heiligste Gut des Volkes nicht zurückbeben.
Das Volk in Frankreich macht nicht die Revolutionen zum Vergnügen, sondern weil seine Verra-
TamÖffidlpn ^lrhpi'Mr uNon Nichts schaffen,
ther es dazu zwingen. Die fi wissen sehr gut, daß die Revoli sondern nur das Schlechte zerstören kann; daß das feurige Schwert der Revolution den Acker der Gesellschaft von jeglichem Unkraut und allen Schmarotzerpflanzen befreit, daß aber nach der Revolution mit erneuter Kraft der wieder empfängliche Boden in organischer Weise bestellt werden muß; daß die Revolution in ihren Folgen an die Lavaströme des Vulkanes erinnert, welche sengend und verheerend über das Erdreich rasen, zugleich aber, wenn die Hitze verraucht ist, dem Landwirth den vorzüglichsten Wirkungskreis für seine friedlichen Beschäftigungen geben.
Bleibt dem Volke Frankreichs das allgemeine Wahlrecht, so wird die Sache des Volk'ö ohne Frage siegen, und alle Ideen, welche jezt im französischen Volkskörper nach Bethätigung ringen , werden harmonisch, organisch zur Entfaltung kommen.
Das allgemeine Wahlrecht wird das französische Volk befreien, und die Ketten aller Völker Europa's zerbrechen : Schach I wird es bieten, den englischen Lords und Börscnhctden, Schach! wird es bieten allen Königen Europa's, Schach! dem Kaiser, in dessen Reich die
Sonne nie untergeht.
Der Drache der Reaktion kann nicht eher sich zur Ruhe begeben, bis das allgemeine Wahlrecht der Franzosen vernichtet ist; eher nicht ist der Schlaf in Petersburg, Wien und Berlin wieder ruhig, als bis der größte Theil des Frankenvolks durch Entziehung jenes Rechts wieder zur Unmündigkeit verdammt ist. In Frankreich selbst wird die Parthei der Ordnung, welche vielmehr die Entfesselt einer himmelschreienden Unordnung vertritt, Hand anlegen, um den noch jungen Stamm des Wahlrechts umzuhauen. Die reaktionären Blätter dringen schon auf den Vollzug dieser Schandthat.
Und sollte selbst die, Reaktion Frankreichs allein nicht stark genug sich fühlen, um die „rettende That" zu vollbringen, so wird sie unfehlbar von der heiligen Allianz zu diesem letzten entscheidenden Kampfe mit aller Gewalt gedrängt werden. An dem Tage, wo man in Frankreich es wagen wird, dem Volke seine heiligste Errungenschaft wieder zu rauben, wird es aufstehen und den Henkern Europa's eine Revolution oktroylren, wie sie die Weltgeschichte in ihre Blätter noch nicht ausgezeichnet hat. Dann vergeßt aber nicht, daß das französische Volk nicht ole Schuld trägt, daß wieder die eisernen Würfel des Krieges rollen: dann vergeßt nicht, daß vielmehr der Aberwitz der Legitimisten, die Volksverrätherei der Pchlippisten, die Mo» sackenpolitik der Bonapartisten das gehetzte französische Volk, dermalen der Spielball der abgefeimtesten Luge, der elendsten Intrigue, wieder zum Kampfe aufgejagt haben.
VM.K. Keine Verständigung in der Eifen- babnsfrage?
Motto: Mit pimi/f "
Dreh'» Jene sich in engem Zulettaiiz, Wie junge Katzen mit èei» Schwanz.
Die Hand, die wir zur Versöhnung gereicht, hat Herr □ zurückgewiesen, mit Hohn zuruckgestoßen Er hat sich in der Freude seines Herzens so weit vergessen, daß er diesmal seinerseits einige von den bewußten „Capriolen" versucht. Freilich die Versuchung war stark; wenn ein Gegner Friedensvorschläge macht, so legt er es nahe, daß man glaube, er fühle seine Schwäche, seine bevorstehende Niederlage. Wir hatten wirklich am Schlüsse unseres Aufsatzes (in Nr. 46) eine Verwahrung gegen diesen Irrthum in der Feder, wir haben sie aber unterdrückt, und es auf das richtige Verständniß und die Loyalität unserer Widersacher ankommen lassen. Hatten wir doch deutlich genug am Anfang und am Schluffe jenes Artikels gesagt, daß wir uns einmal ganz auf den Standpunkt der Gegner stellen, auch von diesem aus unsere Lahnbahn rechtfertigen wollten! Die Gegen-Correfpondenten HH. H. und R. scheinen uns in der That richtig verstanden zu haben, nur Hr. Q hofft auf unsere Bekehrung, auf unsere ganze Behehrung, jetzt stecken wir ihm noch
m Halbheit, wollten aber schon die Hälfte der Lahn- bahn ausgeben .. Wir könnten in ähnlicher Weise rw-edern, daß er jetzt der Lahn Seitenbahnen mer» fenne also auch halb bekehrt sei; aber wir haben über- haupt keine Lust, aus feine Mißverständnisse einzu ae- Oen. Wer unsern Artikel in Nr. 46 mit der EnL nung tn Nr. 49 zusammenhält, wird uns dessen überhoben erklären. Nur das Motto müssen wir rechtfer- S Der Gegner hat einen großen Trumpf ausge- spielt. s reußen gibt keine Eonzeßron auf dem linken Nhemufer! aber auch nicht auf dem rechten? Kann es uns nicht wenigstens gleichgültig sein, ob von Co- blenz nach Cöln oder von Ehrenbreitstein nach Deuz? Und wird Preußen die auch verweigern, seiner obern Rheinprovinz jede Eisenbahn vorenthalten? Es ist uns sehr begreiflich, daß strategische Gründe der Bonn- Coblenzer Bahn eutgegenstehen, ob solche aber auch auf dem rechten Rheinufer vorliegen? Wir zweifeln, zweifeln, denn wenn auch unsere Gegner mit strategischen Gründen um sich werfen, ats wären ste lauter Fcldinarschälle, so sind wir doch bescheidener und wiederholen, daß wir von der Sache nichts verstehen; können dagegen die verbürgte Mittheilung machen, daß der Prinz von Preußen sich über die Lahnbahn, deren vorläufige Pläne er in Augenschein genommen, besonders in strategischer Beziehung sehr günstig ausgesprochen hat.
Unser Gegner bleibt ferner dabei: der Weg über Gießen sei über 1 6 Stunden weiter, als der über Wiesbaden. Wir haben ihm vorgerechnet, daß der Umweg nur 4 — 5 Stunden beträgt. Jeder, der Carte und Zirkel in die Hand nimmt, kann es nachmessen; hat Hr. □ andere Carten, oder rechnet er bei unsern Wegen Llle möglichen Kurven, bei seinem die grade , heit" vor. In allen DingenEmsequenz. Also wenn man eine Eisenbahn von Frankfurt nach Cöln sucht, so zieht man eine grade Linie auf der Carte und dann „graddurch!"*) Wir haben ihm dagegen zu bedenken gegeben, daß die grade Linie auch nicht über Wiesbaden führe; darauf einzugehen hat Hr. □ nicht für gut befunden.
Was sind nun die ewigen Gründe unserer Gegner? „Der Welthandel muß durch Nassau geführt werden." Eine gewaltig -tönende Phrase, betrachten wir sie einmal naher. Was werden wir denn davon haben, wenn die Locomotiven über den Westerwald fliegen; wird dadurch auf seinem Rücken ein Emporium erblühen? wird dadurch, wie ehemals durch Reisende und Frachtfuhrleute, Geld im Lande bleiben? Wenn der Welthandel eine Cöln-Frankfurter Eisenbahn habenmuß, so wird er sie sich bauen, dazu braucht Nassau keine ungeheuren Opfer zu bringen; er würde sie
*) Auch Herr Born scheuer zeichnet in seinem Werke eine Bahn von O. brechen nach Wetzlar; und der Laubus!? das geht grad durch.
Prozeß Görlitz.
in.
' Darmstadt, 13. März. Die heute Morgensitzung bot zuerst eine sehr unerquickliche Verhandlung über die Judentität des Schädels, die mit dem Anerkenntnis desselben durch Herrn von Siebold endigte. Auffallend ist, daß an ihn, der noch an demselben Abend die Leiche der Gräfin sah, keine Frage über die in dieser Zeit etwa schon eingetretene Toden starre oder das Vorhandensein körperlicher Wärme gerichtet wurde. Die Verhandlung gewinnt übrigens durch die verschiedenen ärztlichen Ansichten eine unvorhergesehene Ausdehnung. Dr. H e u - mann bemerkt nachträglich, daß die Gräfin keine Anlagen zur Apoplexie gehabt, etwas schwerhörig und „leicht" in der Bewegung des Körpers gewesen sei. Auch will er links am Hals der Leiche eine „flcckcnartige, wässerige Blutausschwitzung" bemerkt haben. Darauf folgten einige Angaben eines Sachverständigen über die abnorme Entstellung des im Zimmer der Gräfin befindlichen erwähnten Oelbildcs und sodann Aussagen von Zimmerleuten über das Haus des Grafen und das an- gefertigte Modell, und endlich die Angaben der bei dem Augenschein lind der Ausgrabung anwesenden Blutschöffen, was nichts Besonderes darbot.
Eine tiefe Stille tritt ein , als der Präsident den Grafen Görlitz zum Verhör rufen läßt. Der Graf
ist ein großer, schmaler, blasser Mann von ruhiger Haltung, er ist Geheimrath und Kammerherr, 54 Jahre alt; seine Aussagen sind langsam, oft zögernd, aber bestimmt. Stauf bewahrt, den Grafen anblickend, dieselbe falte Ruhe der Physiognomie wie bisher, Nach der Eidesabnahme erzählt der Graf folgendes: Am 13. Juni sei er, wie oft der Fall, Mittags um 3 Uhr zur Tafel gefahren, davon um ^7 zurückgekommen, habe sich umgekleidet, nach seiner „seligen Frau" gefragt und die Antwort erhalten, sie sei im Bügelz immer. Die Glasthüre ihres Vorzimmers sei verschlossen gewesen, doch habe man durch die nicht verhängten Scheiben nichts besonderes gesehen. Nach einiger Beschäftigung auf seinem Zimmer sei er gegen %8 Uhr auf die Promenade gegangen, dort von Vielen gesehen worden '-nd gegen 9 Uhr nach Haus zurückgekehrt und dem auch nach Hause kommenden Stauf auf der Straße begegnet. Den Kammerdiener Schiller habe er im Haus getroffen, er habe sich entkleidet , nach seiner Frau gefragt, und seine Suppe verlangt und nun, als er von Stauf gehört, die Gräfin sei nicht zu finden, sei er unruhig geworden und habe sie im Haus gesucht. Er fand viele Thüren verschlossen und öffnete mit einem Hauptschlüssel die Garderobe und das Schlafzimmer, wo alles in Ordnung war. Er schickte daun Stauf zu Wittgenstein'S, doch war seine Frau nicht dort gewesen und, unruhiger geworden, schickte er nach einem Schlosser, ließ durch denselben Bügelzimmer und Küche aufschließen und be-
melkte dann Rauch, der aus einem Kamin kam. Auch sah er nach 10 Uhr (?) mit einem Licht durch die Glasthüre (eichten Dampf; der Schlosser ging nach einem Schlüssel, Schiller schlug die Scheiben, dann die Thüre ein und man drang bis an die verschlossene Thür des Wohnzimmers vor. Auch diese wurde theilweise ring-« schlagen, Schiller äußerte: „Wer darin sei, müsse erstickt sein!" Von Andern wurde mittelst einer Leiter das Fenster eingeschlagen, und nun sah der Graf erst eine Flamme, dann „etwas Weißes" am Boden vor dem Sekretär, was er mit den Worten: „mein Gott, da li gt die unglückliche Frau," als seine Gemahlin erkannte. Es wurde gelöscht, die Leiche in das Vorzimmer und dann auf einer Matte (weil sie sich glatt an. griff) in daS Schlafzimmer gebracht. Die Polizei sei ungerufen in der Nacht, das Kriminalgerickt den nächsten Morgen 7 Uhr gekommen. Gege' die Sektion habe er sich darum ausgesprochen, weil die Gattin ihm und Andern das Versprechen eine solche verhindern zu wollen, abgenommen und diesen Willen schriftlich hinterlassen habe.
Hier unterbrach der Präsident die Sitzung.
In der fortgesetzten Sitzung vom 13. d., Nachmittags 3 Uhr, wurde das Modell des Görliy'schen Hauses betrachtet, erklärt, von dem Angeschulvigten, den Ur- kunkspcrsonen, dem Grafen rc. als richtig anerkannt. Der Präsident verordnete sodann die Verlesung des stadtgerichtlichen Befundprotokolls vcm 14. Juni 1847