Freie Leitung
„Freiheit und" Aecht!"
^R G^* " Wèssbaden. Donnerstag, 14. März IMO»
Die „ 8 rr t t Zeitung" erscheint, mit Äuönahme des MontagS, täglich in einem Bogen. — Der Abonnementspreis beträgt v ierlelläyrig hier in LöieSbaden 1 ff. 45 kr, auswärts durch die Post bezogen mit vechältnißmäßigem Aufschläge. — Inserate werden bereitwillig ausgenommen und sind bei der großen Verbreitung der „,3 reim Zeitung" stets von wirk« famem Erfolge. — Die Jnserationsgebül-rcn betragen für die vierspaltige Petitzeile 3 Kreuzer.
Eine Parallele auS der Geschichte Preußens.
# Wiesbaden, 13. März.
Dasselbe Preußen, das durch den Abschluß des Baseler Friedens von 1795 den gegen Frankreich in Gemeinschaft mit Oestreich unternommenen Kampf aufgab und letzterem damit die schwierige Aufgabe überwies, ein Unternehmen, dessen für Oestreich glücklicher Ausgang wesentlich von der Theilnahme Preußens abhing, ohne diese Beihülfe durchzuführen: — verhielt sich'auch völlig ruhig, als das erschöpfte Oestreich im Jahre 1805 von Napoleon von Neuem in die Wagnisse des Kriegs gestürzt wurde. Der Kaiser hatte sogar, indem er seine Heersäulen durch das Fürstenthum Ansbach gegen Oestreichs Grenze vorschob, das preußische Gebiet verletzt. Allein das Cabinet Preußens, von Ländergier hingerissen , ignorirte die zugefügte Schmach, um aus der ungünstigen Lage des österreichischen Kaiserhauses für sich selbst Vortheile zu erringen; und unterhandelte mit Napoleon um die Erweiterung der preußischen Grenzen, während die Oesterreicher für die deutsche Freiheit bluteten. — Der Kaiser- Napoleon hatte zu jener Zeit, gegen die Scheide des Jahres 1805, bereits die Demüthigung Preußens beschlossen, und den ersten Schritt zur Demüthigung Preußens that er damit, daß er ihm sehr bereitwillig Vortheile zugcftand, welche Preußen in unabsehbare Verwicklungen stürzen mußten. Bald nach der Schlacht bei Austerlitz schloß der preußische Minister von Haugwitz Mit Duroc, dem Geschäftsträger Bonaparte's, einen Vertrag ab, demzufolge Preußen an Baiern das Fürstenthum 'Anspach, an Frankreich die Fürstenthümer Cleve und Neufchatel abtrat, und für diese Abtretungen das Königreich Hannover erhielt.
So suchte nicht allein Preußen in schmachvoller, feiger Weise die unbequeme Situation Oestreichs zu seinem Vortheil auszubeuten: es ließ sich sogar Vergrößerungen auf Kosten seines bisherigen Bundesgenossen, nämlich Englands, zuweisen. Die Strafe für diese verrätherische und zugleich fabelhaft dumme Politik Preußens ließ nicht lange auf sich warten.
Als der französische Kaiser in der Mitte des Jahres 1806 den Rheinbund gestiftet hatte, fühlte sich Preußen, das seine bisherigen Bundesgenossen von sich gestoßen hatte, sehr vereinsamt, und das Unheimliche seiner Lage begreifend, beschloß es, in der Stiftung eines „Norddeutschen Bundesstaats" eine Stütze gegen die sich immer gefahrdrohender heranwälzende Macht des Corsen zu schaffen. — Von dem Grafen Haug- w i& ging der Constitutions-Entwurf des Norddeutschen Ne'ichsbunds aus, ein Entwurf, von dem man glauben sollte, Manteuffel habe aus ihm die Grundlinien seiner Politik entnommen, so sehr gleicht sein Inhalt dem, was man in unsern Tagen von Seiten des preußischen Cabincts iu der deutschen Bundesverfassungsfrage ver
suchte. Der Coustitutionsentwurf des Norddeutschen Reichsbundes enthielt folgende Hauptartikel:
„1) Zweck des Bundes: Sicherheit von außen und im Innern. 2), Die drei vorzüglichsten Glieder sind Preußen Sachsen und (Chur-) Hessen. 3) Preußeu nimmt die Würde eines Kaisers von Norddeutschland an. 4) die übrigen Mitglieder sind: a) Dänemark wegen Holstein; b) Schweden wegen Pommern; c) Sachsen-Weimar, Gotha, Meiningen, Coburg, Hildburghausen; d) Braunschweig; e) Mecklenburg-Schwerin und Strelitz; f) Oldenburg; g) der Fürst von Fulda; h) die Reichsstädte Hamburg, Bremen, Lübeck. 5) Am 15. Oct. treten, vom berliner Cabinet eingeladen, sämmtliche Bundesglieder in Dessau als Congreß zusammen, um unter Preußens Vorsitz eine förmliche Verfassungsurkunde zu entwerfen. 6) Vorläufige Hauptpunkte derselben sind: Preußen, Sachsen und Hessen bilden das Bundes directorium; alle Anträg- werden in das Di- rectorium gebracht. 7) Sämmtliche Bundesländer werden in drei Kreise getheilt, den brandenburgischen, sächsischen und hessischen. 8) Dem Oberhaupte des Bundes stehen alle Vorrechte des deutschen Kaisers in den Bundesländern zu. 9) Die Bundesglieder dürfen keine Verbindungen mit anderen Staaten eingehen, welche dem Bunde gefährlich werden können. 10 j In Kriegszeiten steht das ganze Bundesheer unter den Behlen des Oberhauptes. Der Bundeöcongreß wird die M^lttaireinrichtung durch die von Preußen , Sachsen und Hessen beauftragten Militairpersouen näher bestimmen. 11) Es soll ein nordisches höchstes BundeWibünal errichtet werden mit dem Sitze in einer der drei Hansestädte. 12) Gleich nach Auswechselung der Ratifikationen, welche noch vor dem letzten August staltMtden sollen, soll diese „Vereinbarung" von den drei Höfen den Kafier- Höfen zu Wien, Paris und Petersburg , so wie den übrigen Bundesgliedern unter Mitteilung der Einladung zuin Beitritt und zur Versammlung des Con- gresses schriftlich bekannt gemacht werden."
Die Idee eines protestantischen Kalserthnms haben also die deutschen Professoren nicht einmal selbst erfunden: sie haben nur diesen sterilen Gedanken eines Haugwitz adoptirt. Schon 1806 beabsichtigte das preußische Cabinet, einen Congreß zu berufen, der die „Verfassungsurkunde feststellen sollte". Welches Ende nahm aber das preußische Kaiserprojekt vom Jahre 1806 V Bald, nachdem es sich an das Licht der Oef- fentlichkeit gewagt hatte/ warfen die Siege von Saalfeld, Jena und Auerstädt nicht allein die schönen Bundesstaatsprojekte, sondern sogar die ganze Schöpfung des „einzigen" Friedrich über den Haufen. Die Antwort Napoleons -auf das Norddeutsche Kaiserprojekt i enthielt der Friede zu Tilsit, welcher Preußen uner- I mcßliche Opfer auflegte.
Preußen verlor nämlich die größere Hälfte seines Flächeninhalts mit mehr als der Hälfte seiner bishe
rigen Bevölkerung und mußte sich außerdem zu einer ungeheuren Contribution verstehen, für die Napoleon als Unterpfand einige Festungen allen spätern Verträgen zum Trotz besetzt behielt. So katzenjämmcr'ich ging der preußische Kaisertraum von 1806 zu Ende.
3m 3a^re 1849 war Oesterreich's altes und leckes Staatöschiff wieder von dem heftigsten Sturm erfaßt, und vielen bäuchte damals, das morsche Gebâu werde ohne Frage von der wilvtobendenden Windsbraut in den Strubel des Verderbens hinabgezogen werden. Auch in Preußen glaubte man, die Rebellion der Italiener, die Rebellion der Magyaren würde Oesterreichs Stern erbleichen machen.
Und Preußen, das die Krone, an welcher auch Demokraten und jedenfalls Viele, in deren Adern kein „edles" Blut rollte, geschmiedet hatten, verächtlich abwies, — Preußen, das legitime, absolute und länder- hungrige Preußen, trat damals wieder hervor mit seinen Vergrößerungsprojekten, seinem alten Kaiserplan, und suchte aus der Noth des gefesselten Oesterreichs für sich selbst Vortheil zu ziehen. Im Mai 1849 flif# tete Preußen das Dreikönigsbüudniß: im Mai 1849 versuchte es eine zweite Auflage des im Jahre 1806 durch die französischen Kanonen zertrümmerten Planes. Statt eines Congreyes zu Dessau, verstand man sich zu einem sogenannten Reichstage in Erfur t. Preussen berauscht sich wieder unbegreiflicher Weise in Schein- Vortheilen. Allein es sehe sich wohl vor: daß nicht eines Tages, den neuesten Kaisergelüsten gegenüber, die Mutter selbst die Rolle übernimmt, welche 1806 ihr großer Sohn so unsterblich ourchgeführt, es ,ei auf der Hut, daß nicht zum zweitenmal die Revolution vollführt, was Napoleon mit so großer Leichtigkeit gelungen ist.
DerrtschlOa^.
-H- AuS der Herrnmolder, 8. März. (Die Apostel aus Altötting.) Gestern haben die schon mehr in diesen Blättern erwähnten Ligorianer, Mitglieder eines den Jesuiten assimilirten Ordens, ihre Thätigkeit in dem benachbarten Würges beendet, um dieselbe nach kurzer Rast zu Coblenz und Limburg, demnächst zu Arzbach und Montabaur fortzusetzen.
Der Boden ihrer Wirksamkeit war in unserer Gegend zwar weniger fruchtbar, wie in unserm Bischofssitze, trotz dem, daß hier wie boxt gleichmäßig auf die Dummheit der Meisten und namentlich die Empfänglichkeit des weiblichen Geschlechts gebaut wurde, hat indeß immerhin Früchte getragen, welche dem unbefangenen Beobachter die Rothe der Scham ins Gesicht treiben und bange Befürchtungen für die Zukunft erregen müssen.
In hiesiger, fast ganz katholischer Gegend herrscht noch großenthcils ein durch Geistliche einer ältern Schule geweckter ächtchristlicher Sinn, den man, mag er noch
y Die Kreisrathswahl.
Politisches Zeitbild in einem Akt.
Von dem Urwähler: Fr. M.
(Fortsetzung.)
Karl: Mein Onkel Ludwig ist zwar ein herzensguter Mensch, er hat sich aber nie um öffentliche An- legenheiten bekümmert die Politik ist ihm gänzlich fremd. Was meinen älteren Onkel betrifft, so war tiefer zehn Jahre lang Amtmann und das büreaukralfiche Wejen ist ihm während dieser Zeit so in Fleisch und Blut über- gegangen, daß er, wenn die Wahl auf ihn fiele, ganz gewiß einen Rückfall bekommen würde. Es mag Euch sonderbar Vorkommen, daß ich gegen meinen Onkel spreche, aber als Demokrat steht mir das Wohl^sdes Ganzen höher, als die Befriedigung des Ehrgeizes einiger Anverwandten. Dem Glanze der Familie das Wohl des Staates opfern, das überlassen wir den Aristokraten mit) den Despoten. —
Bodeuthal: Diese Rede hat uns wieder gezeigt, daß den Wühlern nichts mehr heilig ist, und daß sie, wenn ihre abstrakten Hirngespinnste eS erheischen, sogar die eigene Familie verlästern. (Zu Karl gewendet.) Sie klagen Ihren Onkel an, weil er zehn Jahre lang, eine das Volk bedrückende Stellung inne hatte, ich konnte cs Ihnen ebensogut zum Verbrechen anrechuen, daß Sie
sich bis zum März knechten ließen. Meine Brüder! In der vormärzlichèn Zeit war eigentlich Niemand seiner mächtig, jeder war willenloses Glied einer großen Kuech- tungsmaschine; jeder wurde gedrückt und mußte diesen Druck nach unten fortpstanzen. — Der Einzelne konnte nicht anders, — er mußte eben die Bewegungen dieser Maschine mitmachen , wenn er von ihr nicht zermalmt werden wollte. Erst der Märzsturm hat diesen find)« würdigen Bau zertrümmert, erst seit dem März stehen wir alle wieder auf eigenen Füßen, auf gleichem und freiem Boden und jeder kann bei der Neugestaltung des Vaterlandes dem Zuge seines Herzens folgen. Ich gebe Euch die heilige Versicherung, die Gebrüder Berg lechzen darnach, eine Stelle zu gewinnen, von der aus sie das Volk in reichstem Maße beglücken können. Namentlich ist Herr Eduard Berg ganz von dem Drange erfüllt, durch eine neue Thälhigkeit sein früheres Wirken zu verwischen und als treuer Volksfrcnnd und Volksbcglücker von Hinnen zu scheiden. In Eurer Macht steht es, meine Brüder, diesen so edlen Wunsch zu erfüllen nämlich unserem Freunde Berg vor seinem Hintritt Gelegenheit zu geben, die im Stillen gehegten Träume von Freiheit und Volkserlösung in Thar und Wirklichkeit um- zusetzen. Ich habe von Eurem religiösen Sinne und von Eurer christlichen Tugend eine so hohe Meinung, daß ich ganz im Klaren darüber bin, wie die Wahl ausfallen wird. (Die Majorität ist sehr gerührt.)
Karl: Ich verlange zur Widerlegung das Wort!
Mehrere Wahl meiner: Schluß! Schluß!
Bobenthal: ES ist auf Schluß der Debatte an- getragen. Wer dafür ist, hebe die Hand. (Die Majorität thut es.) Der Schluß ist angenommen; wir schreiten zur Wahl!
Dritte Scene.
(Dieselbe Wohnung im Bcrg'schen Hause, in der auch die erste Scene spielte. Eduard und Ludwig treten auf. Sie gehen betrübt umher und setzen sich tiefsinnig nieder. Karl trit hastig ein und rennt im höchsten Grade erregt, im Zimmer auf und ab.]
Euduard: Nun? wie ist die Wayl ausgefallen?
Karl: Rasend dumm!
Ludwig: Wer sind denn die Kreisräthe?
Karl: Ihr zwei!
Eduard: Treibe Deinen Scherz nicht mit uns, übermüthiger Junge!
Karl: Ich scherze nicht, es ist leider so.
Sachte, Still und Runig (treten auf): Wir gratulircu recht herzlich zur neuen Würde.
Eduard und Ludwig: So sind wir wirklich gewählt?
Sacbte: Und noch dazu fast einstimmig! Der Herr Schulrath haben aber auch ihre Sacke sehr gut gemacht.