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M OO» Wiesbaden. Dienstag , 12. März 1850.
Die „Sr eie Zeitung« erscheint, mit luSnasme seS Montags, täglich in einem Bogen. — Der AbonneinentSpreis beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden l fl 45 fr wärts durch die Post bezogen mit Verhältniß mäßigem Aufschläge. — Inserate werden bereitwillig ausgenommen und sind bei der großen Verbreitung der „Freien Zeitung" stets von wirk sä mèm Erfolge. — Die ZnserationSgebührcn betragen für die vierspaltige Petitzeile 3 Kreuzer.
Apostaten und NcvphyLe».
* Wiesbaden, 11. März.
Wenn Jemand seine bisherige Ueberzeugung aufgibt, weil er eine andre wahrhaft für besser erkannt hat, so ist dagegen nicht das Geringste einzuwenden.
Wirklich denkende Menschen, die gerne Gott, und die Welt aus sich herausbegreifen mochten, die sich nicht mit dem, was diese oder jene Autorität lehrt, begnügen, sondern Alles haarscharf prüfen, und in diesem Prüfen sich organisch und methodisch entwickeln, — gerade solche Menschen kommen sogar weit leichter in die Lage, zu. verschiedenen Zeiten über bestimmte Dinge verschiedener Ansicht zu sein, als die denkfaulen und plumpen Gesellen, die in ihrem ganzen Leben viel zu bequem sind, eigne Gedanken zu haben. Von diesen Leuten, welche in Folge ihrer großen Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit, trotz Gefahr und Mißverstand, eine bisherige Ueberzeugung verlassen, von diesen reden wir heute nicht.
Unter Apostaten (Abtrünnigen) verstehen wir hier die, welche aus Feigheit oder eines selbstsüchtigen Vortheils wegen einer Fahne, der sie offenkundig Treue gelobt, den Rücken kehren.
Wir heben nachdrücklich und absichtlich hervor: „offenkundig" Treue gelobt: denn es ist auch noch der Fall denkbar, daß Jemand einer bisher und fortwährend für richtig erkannten Wahrheit durch ein dieser letzter« widerstrebendes Handeln untreu wird, ohne vorher sich offen, frei und feierlich als Anhänger jener Wahrheit proklamirt zu haben.
In diesem letzteren Falle wird ebenfalls schurken- Haft verfahren, — denn es wird gefrevelt gegen den heiligen Geist — aber nicht eigentlich treulos.
Denn die Treue setzt zu ihrem Begriff voraus, daß des Menschen Gedanke aus sich heraustretend zur That wird, und setzt weiter voraus, daß es sich um eine zum Vortheil eines andern Menschen versprochene That handle.
Verräth er i sch und treulos handelt demnach der, welcher von der Erfüllung bestimmter Versprechen, die er einem, mehreren oder vielen Personen gegenüber Angegangen hatte, ohne moralischen Zwang, vielmehr ans selbstsüchtigen Beweggründen, mögen diese nun aus dem Streben nach Geld und Gut, aus der Sucht nach Rang und Ehre, Einfluß, aus dem Trachten nach Wollust und Vergnügen ihren Ursprung Her- leiten --absteht.
So lange die Menschheit besteht und bei allen Völkern des Erdballs hat nie über eine Tugend eine größere Einhelligkeit der Meinung stattgefunden, als die „Treue" — nie über keine Versündigung eine größere Einstimmigkeit als den Verrath.
Die Treue ist allüberall und zu allen Zeiten als die reinste und schönste Bethätigung des bewußten Menschenthums gefeiert, der Verrath als die schwär-
*#* Die Kreisrathswahl
Politisches Zeitbild in einem Akt.
Von dem Urwähler: Fr. M.
Personen.
Boden that, Schul- unb Consijiorialrath.
Eduard Berg, ) H^the.
Ludwig Berg, j
Elisabeth, die Gattin, !
Marie, die Tochter, !des Ludwig Berg.
Karl der Neffe i
AEill, ) Bürger und Hausfreunde der Ludwig Berg'schen
i Familie.
Sachte, j "
Mehrere Wachlmänner.
Ort: Deutschland. Zeit: 1848.
Erste Scene.
Ein Zimmer im Berg'schen Hause.
(Eduard Berg, Bodenthal, Elisabeth, Marie, Still, Ruhig, Sachte sitzen, Thee trinkend, an einem Tisch, Karl steht und hat ein Zeitungsblatt in der Hand.)
Karl (liest:) „Jeder volljährige Staatsangehörige, der sich nicht gröblich gegen die bürgerliche Gesellschaft vergangen hat und der im vollständigen Besitze seiner Geisteskräfte ist, kann wählen und gewählt werden."
Ruhig: Gott steh' uns bei, das zieht gräßliche Ueberstürzungen nach sich!
Sachte : Die ganze Gesellschaft geht zu Grunde,
zeste That verabscheut worden. Und ohne Zweifel kann cö auch keinen größeren Frevel geben, als die zum Verbrechen gewordene Lüge.
Nichts befleckt mehr das reine Bewußtsein des Einzelnen, als die Lüge, nichts bedroht mehr das Zusammenleben der Menschen in seinen Gruudelementeu als der Treubruch.
Die Menschen können nicht isolirt eristiren: jeder bedarf der Leistung, des Raths, der Liebe des Andern. Rath, Leistung, Liebe garantirt der Mensch dem Menschen durch das Versprechen. In dem Wortbruch liegt also die Vernichtung der Voraussetzungen des menschlichen Seins. Denkt an die Ehe, die Familie, den Verkehr, den Handel und Wandel; denkt an die Freundschaft, die Liebe, denkt an die Corporationen, die Associationen, den Staat, die ganze Gesellschaft: — all dieses hat als Voraussetzung seines Bestandes die Treue, das Halten gemachter Zusagen. Und glaubt nicht, daß es sich etwa blvs um die Zusagen handelt, die vor dem Notar, mit Berufung auf Gott, urkundlich oder vor Zeugen geschehen: heilig sind viele Versprechen, die nie in „Worten" abgelegt wurden, heilig sind als Versprechen alle die „Handlungen", welche keine andere Auslegung als die Uebernahme einer faktisch eingegangenen Verbindlichkeit zuließen. Die Gefährlichkeit, die Schändlichkeit des Verraths wächst in dem Grade, Lat5 es sich fragt um einen Betrüg gegen ein einzelnes Individuum, gegen eine Anzahl von Menschen, oder gar die ganze Staatsgesellschaft. Schimpflich ist das Brechen des Wortes beim Vertrag, im Verkehr und Handel; entehrend die Verletzung der Treue, welche der Gatte dem Gatten, die Eltern den Kindern uud umgekehrt schulden; der größten Verabscheuung würdig sind die, so aus Feigheit oder Gewinnsucht der Fahne einer Partei den Rücken kehren, sind die, jo ganze Völker verrathen, die eigentlichen Volksverräther. Bei unsern verfaulten Zuständen sind in gewissen Regionen die Begriffe von Ehre und Treue so sehr im Preise gesunken, oder so heuchlerisch verdreht, daß man Untreue, reine, einfache Untreue für ehrenhaft und den ernstlichen Vorsatz, lieber den Tod zu wählen, als die schimpfliche Fahnenflucht, für sehr schön und ritterlich, aber auch zugleich für sehr unpraktisch hält. Das Volk, auf welches diese Regionen in der Regel so mit Verachtung zu blicken pflegen, das Volk hat noch rein und keusch den heiligen Begriff der Treue bewahrt; es hat noch nie den Maßstab verloren, nachdem es die Thaten mißt. Das Volk in Frankreich erkennt in den Legitimisten seine bittersten Feinde; das Volk in Deutschland weiß, welches Loos ihm die preußischen Absolutisten bereiten möchten: aber Frankreich, das bei vielen Legitimisten die uneigennützige „Treue", wenn auch gegen erstorbene Institutionen, hochschätzt, verachtet, verabscheut ] tief die Thiers und die andern herzlosen Verräther, i die jeder Gewalt demüthig die Schleppe trugen; und , — Deutschland, das selbst an den Gerlach und Eich
wenn auch Die eine Stimme in Staatsangelegenheiten haben, die gar nichts in die Staatskasse zahlen!
E b na v o B.: Herrliche Dinge wühlt unsere anarchische Kammer zu Tage. Dicür Bestimmung gemäß konnte auch mein Philipp wählen und gewählt werden, — denkt euch — mein Stiefelputzer, mein Hausknecht !
Karl: Und warum sollte denn Ihr Philipp das Recht nicht haben? In Form von indirekten Steuern trägt ec vielleicht mehr zur Staatsgesellschaft bei als Sie. Er war Soldat und hat sein Leben für's Vaterland eingesetzt, wie jeder Andere. Was seine jetzige Beschäftigung betrifft, so hält er Ihre Kleider in Ordnung und reinigt damit theilweise Euere nobeln Zirkel von irdischem Schmutz. Ich finde darin nichts Entehrendes. Worin besteht denn nun aber Ihre Thätigkeit? Sie gehen allwöchentlich einigemal zu Sr. Excellenz, schwänzeln um beim hohe Persönlichkeit allerunterthänigst herum, überschütten sie, mit Verlängnung aller Selbststän- qigkeit mit Hintansetzung aller Männlichkeit mit widerlichen Schmeicheleien. Dafür beißen Sie Hofrath und beziehen eine Pension von 2000 fl. Sie finden es ver- ächtlich, wenn sich ein Mensch mit Stiefclpuycn ehrlich durchschlägt — Ihr Philipp aber, ich kenne ihn — würde sich noch viel mehr Ihres Geschäftes schämen, ja der Betreibung desselben gar nicht fähig sein, weil er eben ein Mann unb keine Bedientenseele ist. Glauben Sie auch nicht, Ihr Bediente wäre keiner andern Be
horn die Endschiedenheit und Treue, mit der sie für ihre Ueberzeugungen einstehen, anerkennt: verachtet, verabscheut tief die W. Jordan, die Mathy und alle die andern politischen Apostaten.
Die Neophyten (die Neubekehrten) pflegen in der Regel die neue Farbe, der sie sich angeschlossen, ja recht eclatant, ja recht ostensibel, zur Schau zu stellen. Die Neophyten wollen durch erhöhten Eifer ihren neuen Genossen beweisen, daß sie die früheren Sünden sehr bereuen, und aws tiefster Seele verabscheuen, und ihren alten Genossen, daß sie ganz und gar nichts mehr von ihnen wissen wollen. Die Neophyten werden so aus einem psychischen Zwange — Fanatiker: welche die alten Freunde — verleumden und beschimpfen und die neuen durch grenzenlose Zudringlichkeiten belästigen. 1
Wer hat nicht schon von dem unermüdlichen Drang der Werner, Stollberg, Schlegel, Görres u. s. w. vernommen? Wer erinnert sich nicht an die große Rührigkeit eines Mathy, an die Emsigkeit eines Rauschenblatt ? Sie, diese Neophyten sind es, von welchen der liebenswürdige Pfaffe Maurizius sagt:
„Die thun gern zu viel, Und wollen ihren Eifer beweisen.
Man glaubt, sie wollen wie Hunde beißen, So kriechen sie her auf allen Vieren,
Und wollen doch nichts als Hofiren, Demüthig sich zu Füßen strecken Und Speichel lecken..
Wenn gleich nun auch den Neophyten Aemter und Würden zufallen, Besoldungen ertheilt, oder wenigstens nicht verringert oder ganz entzogen werden, so ist ihr Loos gleichwohl kein sehr beneidenswerthes. ' Der schwarze Flecken des Verraths läßt sich ebensowenig durch die Schmutzlappen der Kriecherei und Schmarotzers als durch die gegen die verlassene Parthei, verspritzte Lauge der Verleumdung tilgen.
Bei der alten Partei findet der Neophyt nichts als tiefe Verachtung: bei der neuen verfolgt ihn im- merlauernder Argwohn.
Kann der, welcher seine Meinungen wechselt, wie ein simples Kleid, nicht auch die jetzige Ueberzeugung: „8i tempora mutantur“ (wenn sich die Umstände ändern) als nutzlos und werthlos wegwerfen? Muß man nicht mit Recht von einem Menschen, der den Mantel nach dem Winde hängt, bei jedem neuen Windstoß eine neue Position erwarten?
Wer einen Verrath begeht, entäußert sich seiner Persönlichkeit: selbst verkäuflich an Jeden, der gut zahlt, ist er in den Augen der Käufer nur'eine „Sache", eine Waare, die man wegwirft, sobald man von ihr Gebrauch gemacht hat.
D e rs t f eh l s 8 K.
□ Caub, 9. März. Es scheint fast, als sollten wir gar nicht aus dem Schrecken kommen, denn kaum ist die Gefahr einer grauenhaften Ueberschwemmung
schäftigung gewachsen, — er putzt nur darum Ihre Stiefeln, weil er im Augenblicke der Noch keine andere Arbeit gefunden hat. Ehe er zu Ihnen kam, war er Sekretär bei einem Beamten. In einer Abendgesellschaft, in welcher dieser Beamte, seinem anwesenden Vorgesetzten beständig schmeichelte und nach dem Munde redete, ; erlaubte sich Philipp, eine selbstständige Ansicht zu haben. ; Sein Principal hielt ihm in der pöbelhaftesten Weise ' seine Abhängigkeit, seine Dürftigkeit vor. Da regte sich I der männliche Stolz und im Bewußtsein seines Werthes
sprach Ihr jetziger Stiefelputzer die Worte: „Mein Herr, ich will Ihnen beweisen, daß Sie der Dürftige, der Abhängige mehr sind als ich. Ich lege in Folge einer solchen Behandlung meine Stelle nieder, machen Sie cs in einem ähnlichen Falle eben so/ Sie, theurer Önfcl werden nun auf, diese Erzählung hin, Ihren Bedienten keine 24 Stunden mehr im Hause dulden — das ist so die Art, wie Ihr Aristokraten gegen uns kämpft — aber, er soll darum nicht brotlos sein, ich nehme ihn in meine Dienste, ich habe seit lange eine so treue Seele gesucht ! --
Ruhig: Wie das wieder braust und kocht!
Stille: Junger Mann, mit diesem Ungestüm werden Sie nicht weit kommen. Wir sind auch für den Fortschritt, aber um Gotteswillen — nur keine Ueber« stürzung!
Sachte: Nur keinen Sprung, Alles gradatim!
Karl: Ihr wollt Fortschrittsmanner sein? Wahr«