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Wiesbaden. Freitag, 8. März

1850

DieFreie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen. Der Abounementspreis beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden 1 fl. 45 fr* aus­wärts durch die Post bezogen mit verhältnißmäßigem Aufschläge. Inserate werden bereitwillig ausgenommen und stnv bei der großen Verbreitung derFreien Zeitung" stets von wirk­samem Erfolge. Die Jnserationsgebühren betragen für die vierspaltige Petitzeile 3 Kreuzer.

*||* Ein Hirtenbrief an die Glieder der evangelisch-lutherischen Gemeinde zu Elber­feld veranlaßt durch den Maianfstat»d vorigen Jahres.

II.

(Schluß.)

Da eS nun, was wohl hier bemerkt zu werden verdient, in der Periode, in welcher Paulus und seine Mitapostel lebten, weder einen christlichen Staat, noch eine christliche Staatsbehörde gab, so ist klar, daß sie in allen Stellen, wo von dem Verhalten der Christen gegen die Obrigkeit die Rede ist, nur die heidnische, überhaupt jede nichtchristliche im Auge haben. Offen­bar haben sie in diesen Stellen keine andere Absicht, als die Staatsbürgerpflichten der ersten Christen nach den damaligen bestehenden Verhältnissen varzustellen. Den Gehorsam gegen die nichtchristliche Obrigkeit, wo­zu sie in der fraglichen Stelle von Paulus ermahnt werden, sollten sie, man vergleiche Vers 7, durch Ent­richtung der Abgaben und ein ehrerbietiges Betragen bethätigen. Es heißt aber in diesem Vers:So ge­bet nun jedermann, was ihr schuldig seyd; Schoß dem der Schoß gebührt u. s. w.", also nur der Obrigkeit, welche das, was sie von euch fordert, mit Recht von euch fordern kann, allein sie werden keines­wegs ermahnt, derselben unbedingt und in allen Stü­cken zu gehorchen, z. B. wenn sie verlangen sollte, vom Christenthum abzuzufallen, oder dessen Lehren nicht an­dern mitzutheilen 2c. Abgesehen davon, daß die Christen in Rom, als römische Staatsbürger, zur Zahlung der Steuern und sonstiger Abgaben gesetzlich angehalten werden konnten, so war jene um so nothwendiger, weil davon zum Theil die Fortdauer und Vergrößerung der christlichen Religionsgesellschaft als solcher adhing, die damals noch klein war und in dem Rufe einer staats- gefährlichen Religionssekte stand. Gesetzt, sie^ hätten die von der Römischen Behörde geforderten Steuern für ungerecht und drückend gehalten, so wäre eine Ver­weigerung derselben nicht blos nutzlos, sondern auch höchst thöricht und unbesonnen gewesen. Sie hätten dadurch den äußeren Frieden mit der Römischen Obrig­keit aufgehoben und Verfolgungen provozirt, welche das Fortbestehen der Christengemeinden gefährdeten.

In diesem Falle mußten sie, falls etwa die an ih­nen geforderten Abgaben nicht rechtmäßig oder zu hart waren, zwischen zwei unabwendbaren Uebeln das kleinste wählen und dabei denken, es ist besser, ein Unrecht, das man nicht abwehren kann, leiden, als unrecht thun. Daher gebot ihnen sowohl die Klugheit, als auch die Weisheit, Steuern, Zölle u. s. w. an die römische Obrigkeit zu entrichten und sich respektvoll gegen sie zu benehmen, weil sie dadurch bei derselben nicht nur eine bessere Meinung von sich erweckten, sondern auch in einem friedlichen Verhältniß zu ihr blieben. Nur

auf diese Weise konnte die junge Kirche und die Reli­gion Jesu sich ungehindeter ausbreiren, und die Staa­ten, wie die Völker allinählig christlich werden. Daß die Apostel, wenn sie heute unter uns, also in einem christlichen Staate, lebten und vom Verhalten gegen gie Obrigkeit sprächen, zu uns und unsern christlichen Staatsbehörden anders reden und andere Vor­schriften ertheilen würden, als damals, das unterliegt keinem Zweifel. Daher ist nichts alberner, als wenn conservative oder servile Geistliche von allen tempo- rellen und lokalen Verhältnissen bei der Erklärung der in Siebe stehenden Schriftstellen abstrahiern, und das, was nur auf das Verhalten der ersten Christen gegen heidnische Obrigkeiten Bezug hatte, so ohne Weiteres auf bas Verhalten der gegenwärtigen Christen gegen christliche Obrigkeiten übertragen. Denn, was die Christen der damaligen Zeit gegen die römische Obrig­keit zu beobachten batten, das kann den heutigen Chri­sten in ihrem Vechalten gegen einen christlichen Staat unmöglich in allen Punkten zur Norm dienen. Der heuchlerische Hirtenbrief liefert uns den Beweis, wie noch in der protestantischen Kirche die Schriftstellen, welche von dein Verhältniß der Bürger zur Obrigkeit handeln, zu Gunsten des ServilismuS ausgebeutet werden. Mitbürger, darum macht Gebrauch von eurem Recht, was zugleich eine heilige Pflicht ist, alles zu prüfen und das beste zu behalten, namentlich wenn eure Geistlichen vom Verhalten gegen die Obrigkeit predigen und ihren knechtischen Lehren und Ermah­nungen durch Anführung gewisser Bibelstelleu eine größere Autorität verschaffen wollen. Viele unter ih­nen sind Falschmünzer, das lehrt die Erfahrung. Denn sie geben euch nicht das reine Geld der Wahr­heit, wenn sie die Schrift auslegen, sondern die Schlacken der ihlge, weißen sie die Gepräge einer äch­ten Münze zu leihen suchen. Sie sind es, welche den Geist durch den Buchstaben töbten und aus Stellen der Bibel, welche auf längst verschwunoene, ganz an­ders beschaffene Zeiten und Verhältnisse paßten und auch nur für diese geschrieben waren, eine Unterwer­fung unter jede, wenn auch noch so verbrecherische obrigkeitliche Gewalt als eine für alle Zeiten und Völker moralisch und rechtlich gebotene deduciren.

Sie sino es, welche zwischen Bürgerthum und Chri­stenthum einen bösen Unterschied machend euch immer vorpredigen: als Bürger seid ihr verpflichtet, den Ge­boten der Obrigkeit, von welcher Beschaffenheit sie auch sein mögen, willig zu gehorchen und alle Lasten, welche sie euch auferlegt, zu tragen, dagegen als gute Christen dürft ihr weder opponiren, noch renitiren, wenn euch von oben herab ein Unrecht zugefügt oder zugemuthet wird. Sie sind es, welche, um euch zu beweisen, daß ihr euch als Bürger und lammfromme Christen von Jedem müßt schinden und scheeren lassen, euch immer zurufen:Gebt Gott, was Gottes ist, und dem Kaiser, was des Kaisers ist"; ohne zu bedenke», daß Jesus nicht gesagt hat:Gebt dem Kaiser, was und soviel

er immerhin von euch verlangt, sondern was er nur mit Recht von euch verlangen kann", ohn: zu er­wägen, daß xösms in diesem Ausspruch durchaus keine politische Vorschrift, sondern nur eine auswichende Antwort oder eine kurze Abfertigung für arglistige Men­schen ertheilte, deren schänbliche Absicht er bei ihrer Anfrage wohl durchschaut hatte. Geistliche, welche in frecher Weise die Bibel mißbrauchen, sind Verrâther an eurem zeitlichen und ewigen Heil, indem sie unter euch den Geist des Evangelums, welcher ein Geist dec Freiheit ist, dämpfen und die göttliche Offenbarung in eurer Vernunft entkräften wollen. Wäre deren Deu­tung der auf die Bürgerrechte und Pflichten bezüglichen Bibelstellen richtig, wahrlich bann müßten wir tu Christus einen Sünvendieuer für die Willkührherrscher, in dem Evangelium ein Bollwerk für den Despocis- muö, nnb in rem Christenthum einen starken Hemm­schuh gegen den politischen Fortschritt erblicken.

"Dieser Hemmschuh wird jetzt überall von der Re. aktionspartei angelegt und der Despotismus feiert wieder Triumpfe in und außerhalb unserm deutschen Vaterlanve. Wehmuthsvoll können wir jetzt singen, was vor 38 Jahren ein patriotischer Dichter sang, welcher im Kampf gegen den korsischen Eroberer sein Leben aushauchte:

Deutsches Volk, du herrlichstes vor allen,

Deine Elchen stehen, du bist gefallen!

Ja, du hast im März 1848 die so großen und so seltenen Tage, wo gleichsam der Himmel dir winkte, für immer die Ketten zu brechen , in welche ein mehr als tausendjähriger Absolutismus dich geschmiedet, vor- übergeheil lassen, ohne die Hauptfrucht, die volle, un­geschmälerte Freiheit, und ein großes, f e.es und einiges Deutschlano, zu äniteii. Schmerzerfüllt trauert dar­über der bessere Theil der Menschheit. Aber sollte eine schöne Zeit wieverkehren und das hoffen wir dennalles Große kommt uns wieder, alles Schöne kehrt zurück"; sollte, sage ich, jene heißersehnte Zeit wiederkehren, wo du dich aufs Neue dem eisernen Joche gegenüber an deine Rechte und Pflichten mit Bedeu­tung erinnerst: dann vergiß nicht, dich von dem schwarzen Ungeziefer der Schriftverdreher, dem Ottern­gezücht der Pharisäer, welche das Licht unter den Scheffel stellen, zu reinigen. Denn wo dieses haust, da kann der Baum der Freiheit nicht gedeihen und

Wir lernten,

Daß die Pharisäer und Schriftgelehrten, Die Freiheit für Geld und Stellen verwehrten."

Deutsches« S.

Wiesbaden, 7. März. (Eröffnung deS nassauischen Landtags.) Nachdem sämmtliche Abgeordnete ihre frühern Plätze eingenommen hatten, mit Ausnahme des Herrn v. Gödecke, der sich in Uniform auf die rechte Seite zwischen Herrn Heyden-

Das Mährchen vom Planskywalde.

(Fortsetzung.)

Nani war schon weit über den Hügel hinabgeeilt, als sie hinter sich die Weise zu ven Worten hörte:

Möchte gern nicht weinen, Und mein Herz nicht plagen,

Aber sagt ihr guten Leute.

Wer nicht möchte klagen.

Sie eilte immer tiefer in den Wald und schoß nach rechts und links, wo sich immer ein Wild oder ein Vogel zeigte, aber immer vergebens. Ihre Hand zitterte, vor ihren Augen flimmerte es in unbestimmten Umrissen und ihre weitberühmte Kunst war von ihr gewichen. Verzweifelnd eilte sie unaufhörlich weiter, keuchend der Hund Paris hinter ihr, und sie merkte nicht, daß cs immer später und später wurde, und daß es schon Mitternacht war, als sie ans der Halbe ankam, die man die weiße Halde nennt, wegen der vielen weißen Wald­blumen, die sie im Sommer bedeckten. Der Mond schien so ruhig herab und hüllte auch die dunkeln Tannen und Fichten, die die weiße Halbe umstanden, in ein schim­merndes Weiß. Hier wurde es Nani wollet zu Muthe, und matt und müde streckte sie sich ins Gras, um ans-

zuruhen, aber welch sonderbarer Zauber begann jetzt den Wald ringsum zu beleben! Als wäre es rosige Morgen­stunde und nicht Mitternacht, kamen die Vögel von allen Seiten geflogen und ließen sich auf den Zweigen rings­um schaukelnd nieder und begannen zu sprechen und Nani verstaub jedes ihrer Worte.

Der Auerhahn sprach:

Wohl uns daß Liebe deine Hand

Mit unsichtbarem Zauber band!

Nicht fürcht' ich mehr die TodeSwnnde

Zu meiner süßen LiebeSstmide.

Nun kann ich vor der Morgensonne

Hiuzieh'n zu meiner Liebeswonne ,

Wo mir mein Weib entgegenlacht

Heil, Liebe, dir und deiner Macht!

Die Taube sprach:

Und weher that, 0 glaube!

Das Todesblei der Taube,

Das mordend ausgesandt So süße Mädchenhand!

Sie ist gemacht zum Kosen,

Sie pflücke rothe Rosen

Für ihres Liebsten Hut

O Mädchen, bleibe gut!

Die Lerche sprach:

O bleibe gut, du Holve,

Und laß im Morgengoldc

Mich zu den Wolken schwingen

Und Liebeslieder fingen!

O Süße, wie mit Schmerzen

Du jetzt in deinem Herzen

Mußt selig mit dir tragen

O laß von deinen Plagen!

Der Falke rief:

Als wilder Falke schwing' ich

Mich zu dem Himmel auf.

Mit wilver Stimme fing' ich

Und ruf's!zu den Sternen hinauf:

Der Liebe Heil, der Liebe,

Sie hebet mein Gefiver,

Die Liebe, ach die Liebe,

Sie gibt uns das Leben wieder!

llud alle Vögel bcß Walbcs fielen ein in die Worte des Falken nnb wiederholten im Chor:

Die Liebe, ach die Liebe!