„Freiheit und Recht!"
â â. Wiesbaden. Donnerstag, 7. März L8ZO
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*||* Ein Hirtenbrief an die Glieder der evangelisch-lutherische» Gemeinde zu Elberfeld — veranlaßt durch den Maiaufstaud
vorigen JahreS.
I.
Einige Zeit nach der Dämpfung des Aufstandes in Elberfeld vom 9. bis 18. Mai v. I. erließen Pastoren der dortigen lutherischen Gemeinde cinenHirtenbrief, der also beginnt: „Gott hat unsere Stadt schwer heim- gesucht; wir haben es erleben müssen, daß dieselbe ein Sitz des Aufruhrs wurde, und in ihr ein Frevel - Regiment aufgerichtet. Wir dürfen es uns nicht verhehlen, daß ein solches Ereigniß unmöglich gewesen wäre, wenn das Wort Gottes nicht sogar Bielen in unsern Gemeinden, ja wir können wohl sagen , den großen Massen in denselben fremd geblieben wäre, und wir müssen daher — wenn auch mit tiefem Schmerze — bekennen, daß auch in unserer lutherischen Gemeinde keineswegs es so steht, wie es einer Gemeinde Gottes ziemt, sonst hätten nicht Glieder derselben bei dem Aufruhr thätig sein, oder Andere, so sich mit dieser Sünde befleckt, entschuldigen können. Soll nun die Sünde nicht auf unserer ganzen Gemeinde lasten bleiben, so müssen wir, der Borstand derselben, zunächst unsern Abscheu an dieser Sünde des Aufruhrs offen aussprechen. Wir erkennen es als unsere Pflicht, die Glieder unserer Gemeinde darauf hinzuweisen, daß der Herr ernste Mahnungen durch die Tage der Heimsuchung uns hat zurufen lassen.
Offene Empörung in der Weise, Zwie wir sie gesehen, wäre unmöglich gewesen, wenn nicht vorher schon bei Bielen der Glaube, daß die Bibel Gottes Wort ist, und ihre Anssprüche die Befehle des heiligen und untrüglichen Gottes uns kund thun, sehr erschüttert und gar dahin geschwunden wäre, wenn nicht in Folge hiervon auch das Wort in der Schrift so Bielen verdunkelt oder ganz abhanden gekommen wäre: Die Obrigkeit ist Gottes Ordnung, sie ist Gottes Dienerin; wer der Obrigkeit widerstrebt, widerstrebt Gottes Ordnung, und die widerstreben, werden über sich ein Urtheil empfangen u. s. w."
Um die verehelichen Leser nicht zu ermüden, wollen wir von tiefer Litanei weiter nichts mehr anführen. Es ist ohnehin nicht unsere Absicht, ihren ganzen Inhalt zu beleuchten, sondern wir wollen nur die darin citirte Bibelstelle: Römer 13, 1 und 2 hauptsächlich ins Auge fassen, wo cs heißt: „Jedermann sei Unterthan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist "von Gott verordnet. Wer sich nun wider die Obrigkeit setzt, der widerstrebt Gottes Ordnung; die aber widerstreben, werden über sich ein Ur- Heil empsahen u. s. w." Hier haben wir wieder eine
Das Mahrchen vom Plauskywalde.
(Fortsetzung.)
Der alte Förster wäre verloren gewesen und Wild und Wilddiebe hätten im Revier seines Herrn und Kaisers eine tolle Wirthschaft geführt, wenn ihm nicht das Schicksal einen Helfer, oder besser eine Helferin beigegeben hatte, die ihn aller Sorgen enthob und für ihn alle Jägerpflichten erfüllte. Es war seine sechszehnjährige Tochter Nani. Sie war schon und stark und schlank und der beste Schütze auf dreißig Meilen in der Runde. Beim heiligen Johann von Nepomuk! sagen noch heute die Leute im Blanskywald, es muß ein herrlicher Anblick gewesen sein, wenn sie mit dem ersten Morgen- strahl aus dem Jägerhause trat, den braunen Spiyhnt auf dem Kopfe, in den hohen Schnürstiefelchen, im kurzen grünverbrämten Rocke, die Jagdtasche an der Seite und die Büchse auf der Schulter dem Walde zuschritt und erst 'spät am Abend oder gar erst beim Mondenschein in ihre Wohnung zurückkehrte. Der braun und weiß gefleckte Hund sprang lustig an ihr auf und leckte ihr die Hände; aber die Hirsche und Rehe verkrochen sich und, wie die Leute erzählen, die Vögelein in der Luft verstummten. Denn so schön auch die Nani war, so lag doch etwas auf ihrem Gesichte, was Stier und Menschen erschreckte, denn es war etwas Ungewohntes auf einem Mädchenangesichte. Es war als ob der düstere, ernste
Probe von der Art und Weise, wie lichtscheue, servile Geistliche der protestantischen Kirche zu Gunsten des Absolutismus einer Bibelstelle einen Sinn unterschieben, der nie und nimmer in der Seele des Berfassers gelegen hat.
Auf diese, wie ans einige andere, z. B. die voll- kommene parallele 1 Petr. 2, 134-17 berufen sie sich, um die Christen an einen fabelhaften Gehorsam gegen die Befehle der Obrigkeit zu gewöhnen, gleichviel,, ob dieselben mit den unantastbaren, Erschaffenen Menschenrechten, die durch keine Menschengebote aufgehoben werden können, vereinbar sind, oder jenen widerspreche«. Auf diese Schriftstellcn stützen sie sich, um zu beweisen, daß nach der Lehre des Christenthums jede faktisch bestehende Regierungsg walt göttlichen Ursprungs sei- und daß den Machthabern das Recht zusteht, sich Herren von Gottes Gnaden zu nennen. Wenn irgend ein Bolk sich gegen die Verletzung der Verfassung oder gegen die Einführung unzweckmäßiger, oder ungerechter Gesetze erhebt, nachdem alle gütliche Vorstellungen und feierliche Proteste fruchtlos geblieben sind, so nennen sie das in ihrer Bornirtheit oder in ihrer Schlechtigkeit einen gräulichen Aufruhr, eine sträfliche Rebellion und Meuterei, so erblicken sie darin einen Abfall von Gottes Wort und schreien gewaltiglich über den Verfall des Christenthums. Mit nichts sind sie dann mehr bei der Hand, als mit der Anführung von Bi- belstellen, welche aus dem Zusammenhang gerissen und, nach dem bloßen Buchstaben ausgelegt, für ihre Ansichten und Bestrebungen zu sprechen scheinen. Auf diese Weise wollen sie dem Volke Sand in die Augen streuen und das, was es vermöge seines Rechtsgefühls und seines Patriotismus gegen Gewaltstreiche einer despotischen Obrigkeit unternimmt, um einen Rechtszu- staud herbeizuführen oder den verletzten wieder herzu- stellen als einen strafbaren Ungehorsam, als eine schwere Sünde brandmarken. Wer aber unbefangen die genannte Stelle, Röm. 13, 1 — 5, ansieht, der findet, daß der Apostel nicht den Unsinn lehrt, den ihm die Elberfelder Pastoren und ihre Gesinnungsgenossen in den Mund legen. Wenn derselbe sagt: „cs ist keine Obrigkeit ohne von Gott u. s. w.", so will er damit nur andeuten: es ist dem Willen Gottes gemäß, daß eine Obrigkeit, eine Staatsgewalt und zwar eine gerechte bestehe. An eine wunderhafte Einsetzung derselben oder an eine providentielle Fügung der Umstände bei der Entstehung einer obrigkeitlichen Gewalt, hat der Apostel nicht im Entferntesten gedacht. Denn dieser providentielle Gang der Ereignisse und Umstände findet auch bei dem Bösen, bei der Usurpation und Tyrannei statt. Nero war ebenso von Gottes Gnaden Römischer Kaiser als Titus und Trajan. Reißt man I die Sätze in V. 1 und 2 aus ihrem Zusammenhang mit : den folgenden heraus, so kannn jede gelungene Usur- { pation, jede Tyrannei, z. B. eines Nero und Domi- ' tian, eines Napoleon und Nicolaus gerechtfertigt, ja als göttlich sanktionirt erscheinen. Wir wollen nun
Schatten des Waldes mit all seine.: Geheimnissen auf ihrem Gesichte für alle Zeiten stehen geblieben wäre. Sie lächelte fast eben so selten, als der Strahl der i Sonne durch den Blanskywald bringt. Wie sollte es auch anders sein? sagten die Leute; sechszehn Jahre alt, im Walde aufgewachsen, so viel Blut fließen gemacht und kei es auch nur das Blut von Thieren! Und man ' weiß, wie viele Zauber im Walde wohnen, die das I Menschcnhcrz elend machen, wenn ihm nicht eine Rinde ! darüber gewachsen, wie über den Baum.
Vielleicht war Nani wirklich elend, aber sie wußte ■ es nicht. Ihr war wohl, wenn sie in die Stille des Waldes trat, und einsam nur, wenn sie unter Menschen kam. Ihr war wohl, wo andern bange gewesen wäre, wenn der Wind wie ein unsichtbarer Geist über die Bäume ging und diese ihre Wipfel neigten, wenn die Tropfen aus den Blättern und Nadeln weinend niedcr- fielen, wenn sie der Eule ins Nest schaute, auch wenn ein stolzer Sechszehnender ober ein unschuldiges Reh mit gebrochenem Ange zu ihr aufschaute und zu ihren Füßen verendete. Sw sprach nicht viel; f.ift nur mit ihrem Hunde Paris, wenn sie zusammen ein schönes Stück Wild erlegt hatten. Im Hause ließ sic sich schweigend von ihrem Vater Schlachten und Kriegszüge und vom Prinzen Eugen vorcrzâhle» und warf nur manchmal ein Wörtlein darein vom Walde oder vom Wilde, oder sie murmelte: Warum bin ich kein Mann ? — Dann lispelte sie leise hinzu: Ich will es sein, ich bin cs! —
annehmen, die Apostel hätten die Christen ermahnt, einer jeden, auch einer gewaitthatigen, schlechten Obrigkeit oder Regierung, wenn sie das Rechte verbietet und das Böje, Das Wioergöttliche gebietet, zu gehorchen, würden sie da nicht mit ihren sonstigen Aus- Sprüchen uns ihrer ganzen Denk- und Handlungsweise in einen grellen Widerspruch gerathen? Haben doch Iohannes und Petrus damals, als ihnen der hohe Rath zu Jerusalem verbot, das Christenthum weiter auszubreiten, demselben freimüthig entgegnet: „Richtet ihr ;clbst, ob es vor Gott recht sei, daß wir euch mehr gehorchen, als Gott?" Heißt das etwas anders, als man solle der Stimme seines Gewissens, als einer Got- tesstimme, man soll seiner innersten Rechtsüberzeugung mehr folgen, als den Menschen, mithin auch den obrigkeitlichen Personen, insofern sie etwas befehlen, was jener zuwiderläuft? Haben nicht die Apostel durch die That bewiesen, daß sie cs nicht für ihre Pflicht hielten, Z>em von einem despotisch-theocratischen Synedrium erlaßenen Verbote der Weiterverbreitung des Evangeliums Folge zu leisten? Haben sie nicht vorgezogen, lieber im Gefängnisse zu schmachten und zuletzt den Märtyrertod zu sterben, als sich durch die Verbote einer jüdischen ober heidnischen Staatsgewalt in ihrem Wirken für die Sache des Christenthums hemmen zu lassen? Traten sic doch dadurch in die Fußstapfen ihres erhabenen Meisters, welcher nicht nur die Selbst- Uyd Herrschsucht, die Heuchelet und Ungerechtigkeit der jüdischen Volks-Bedrücker und Berfinsterer in scharfen Reden geißelte, sondern auch bei seiner göttlichen Berufsthätigkeit sich mit edlem Muthe über die Machtsprüche und Drohungen der jüdischen Obrigkeit hinwegsetzte.
Mag man nun annehmcu, Paulus habe in der angeführten Stelle seines Briefes an die Römer blos speziell bie, Römische Obrigkeit oder überhaupt jede ohne Rücksicht auf Nation und Religion im Singe gehabt, so geht doch aus B. 3 und 4 deutlich hervor, daß er hier von einer Staatsgewalt spricht, welche der Idee gemäß handelt, welche also gerecht ist und Recht und Gerechtigkeit handhabt. Auf diese Weise hat die apostolische Ermahnung: „Jedermann sei Unterthan der Obrigkeit rc." einen vernünftigen Sinn. Nur eine gerechte Obrigkeit ist Gottes Ordnung, ist Gottes Dienerin, aber eine ungerechte nimmermehr. Diese widerstrebt der göttlichen Ordnung, nach welcher ein Volk eine vernünftige, zeitgemäße Verfassung, gute und zweckmäßige Gesetze haben, überhaupt als ein freies und dadurch glückliches Volk leben soll. Einer gerechten Obrigkeit sind wir Gehorsam schuldig, dem unsittlichen Befehle der Despotie nicht den geringsten. Und wenn die letzter» auf die gütlichen Vorstellungen von Seiten des Bölkes ein verbrecherisches Regiment nicht ändert, so hat dieses die Pflicht, wie das Recht, ihr den Gehorsam aufzukündigen, oder mit andern Worten, es ist dann sowohl nach dem Sinn und Geist des Evangeliums, als auch nach dem klaren Ausspruch der Ver-
, Aber seit einiger Zeit war Nani's Ruhe und Waldeinsamkeit auf eine sonderbare Art gestört. So oft sie i in den Wald trat, wurde sie aus dem andern Revier herüber mit Waldhorutönen begrüßt, die ihr auf wunderbare Weise ins Herz drangen. Es waren zwar nur alte Weisen, die das Horn blies, aber sie erschienen ihr doch neu und fremd und es war ihr, als ob etwas Ungewohntes, wovon sie noch nie gehört, daraus hervorklänge. Es klang nach der Weise der kleinen Lieder:
Auf bet grünen Wiese
Geh'n Hirsch' und Reh' zur Weide, Es hütet sie ein Jägerlein Im grünen Jâgerkleide.
Oder:
Auf der Prager Brücke
Wächst ein Rosmarin.,
Kein Mensch begißet ihn, Er wächst doch immer fort.
Ich werde dahin geh'n
Und werde ihn begießen,
Und wenn er grün wird sprießen, Werd; ich mein Liebchen holen.
Wie oft hatte sic diese WAse selbst gesungen, abev nie hatte sie ihr Herz so wunderbar traurig ergriffen, als jetzt, da sic aus dem fremden Reviere durch die