bürger! wenn unsere Kammer aufgelöst wird, dann brauchen wir keinen Ausschuß mehr, dann sind wir der Ausschuß selbst." Der Angeklagte schließt nach einer sehr gut gelungenen Rede seine Vertheidigung mit den Worten: „Als freie Männer, Mitbürger! beschwöre ich Sie, wahren Sie des Volkes letzte Rechte; denken Sie an ihre Freunde, Verwandte, Brüder, Kinder, welche Alle in die gleiche Lage kommen können. — Reichen Sie nicht durch Ihren Ausspruch im Sinne der Staatsbehörde auch noch diesen einzigen, kümmerlich gebliebenen Errungenschaften den Giftbecher, auf daß dieselben, gleich ihren Geschwistern allmählig -ahinsiechen, nach und nach absterben, und wir unS endlich am Sarge des letzten Volksrechtes trau- rcnd die Hände reichen und eingestehen müssen: dies wäre zu verhindern gewesen, aber jetzt ist es — zu spät!"
' Wir kommen nun zur heutigen Verhandlung. Prokurator Geige r, als Vertheidiger von Oppe r in a n n, Rah t, Swapp er, Snell, Müller und Iusti, hat zuerst das Wort. Nach einigen allgemeinen Bemerkungen über Hochverrath, über die Begriffe von Gewaltthätigkeit , über den Unterschied von Gesetzwidrigkeit und Gewalt rc., geht derselbe zur speziellen Vertheidigung über. Er theilt dieselbe in zwei Theile, in einen allgemeinen und einen besonderen. Bezüglich des ersteren weist er schlagend nach, daß der Congreß kein hochverrätherischer gewesen sei; der besondere Theil zergliedert sich wieder in dreifacher Hinsicht. Er beleuchtet 1) die Einleitung und Vorbereitung zur Idsteiner Versammlung, 2) die Reden und Beschlüsse, oder die Thätigkeit in derselben und 3) die Folgen des Congresses überhaupt. Die nähere Ausführung ist ausgezeichnet und sehr gewandt. Zuletzt sagt er noch das Nöthige zur Spezialvertheidigung seiner Clienten.
^ Der Vertheidiger Braun, Anwalt von Lang, He h n e r u nd Won len b a ch, will nicht zum Gefühl, sondern zum Verstand sprechen; er appellire nicht an den politischen Glauben, sondern an den Rechtssinn der Herren Geschworenen. Auch ihm gelingt die Vertheidigung so sehr in allen ihren Theilen, er geht so scharf in die Einzelnheiten ein, die seine Clienten übergangen haben, und versetzt in wahrhaft bewunderungswürdiger Weise der Staatsanwaltschaft sowohl, als auch überhaupt der ganzen sogenannten konstitutionellen Partei, die eigentlich unserer Ansicht nach in dieser Sache als Klägerin ausgetreten ist, so derbe Seitenhiebe, daß die Anklage in allen ihren Einzelnheiten vollkommen blos gestellt und vernichtet wird.
Ebenso gelingt es dem Prokurator Wilhelmi, der offenbar die schwierigste Vertheidigung übernommen hatte, vollkommen, die Anklage gegen I)r. Meyer in ihr eigentliches Licht ^n setzen. Er beleuchtet dieselbe in einem beinahe zweistündigen und trefflich ausgeführten Vortrage so umfassend, daß wohl schwerlich noch etwas Triftiges hätte gesagt werden können.
So weit am Vonnittage. Um 3 Uhr wird die Sitzung wieder eröffnet, der Staatsanwalt beginnt mit seiner Replik Zwei und eine halbe Stunde dauerte seine Rede. Er sagt nicht viel Neues; es sind zwar manche Stellen in derselben, die den Stempel der untrüglichen Wahreit an sich tragen, aber gerade diese Stellen sind es auch, die mehr für als gegen die Angeklagten sprechen. Er verdient übrigens heute das Lob, daß er mit großer Mäßigung und Versöhnung spricht. Näher auf seine Replik einstigeren, halten wir jetzt für überflüssig, da man wohl an anderen Orten auf die ganze Begründung der Anklage in diesem merkwürdigen Prozesse noch zurückkommen wird.
Der Vertheidiger Braun verzichtet im Namen der Angeklagten auf jede Duplik, und so wird denn nun morgen Vormittag endlich einmal dieser Prozeß sein Ende erreichen. (Schluß folgt.)
Nachschrift. So eben, 12 Uhr Mittags, werden sämmtliche Angeklagte von der gegen sie erhobenen Anklage freigesprochen. Unter dem allgemeinen Jubel des Volkes werden die Befreiten in Empfang genommen.
Deutschland.
O Vom Rhein. Es ist nichts ekelhafter in der Welt, als wenn die wieder grün gewordene Feigheit, um zu ihrer frühern Gewalt zu gelangen, sogenannte „gesetzliche" Vorschriften durch Gewaltmaßregeln wieder zur Geltung zu bringen sucht, welche sie bei ungünstigem Winde selbst als zweckwidrig und inhuman erklärt hat. Nach dem bliudgebornen Schulgesetz von 1817 wird von dem Ergebniß eines gcscpiidiaf Aderlasses der Lehrer- geldbeutck eines jeden Aussichtökreiscs ein Leseeirkel errichtet und unterhalten. ES hat mich von jeher die pünktliche Ausführung dieser Bestimmung gewundert, zumal man andere, nicht weniger wichtige Bestimmungen nicht verwirklicht hat. Ich hatte die Kühnheit, den Gedanken zu liegen, daß die alljährlichen, oft 70-80 ft betragenden Bücheranschaffungen dem Aufseher eine willkommene Erscheinung sein möchten, um auf pädagogischem Gebiete kostenlose Wanderungen machen und sich über daâ , was er zu beaufsichtigen habe, belehren zu können. Von diesem Wahne wurde ich bald enttäuscht; denn ich mußte die betrübende Erfahrung machen, daß
man die Verwaltung des Leseeirkels dem Lehrer in loco um so lieber überließ, als das * Lesen pädagogischer Schriften, weil nicht zum Brodstudium nöthig, für den geistlichen Anfscher und auch für die romaulcselusiige Familie höchst langweilig ist. Es blieb mir nun keine andere Vermuthung, als daß reines Interesse für die wissenschaftliche Fortbildung der Lehrer den Aufseher für Ausfübrung jener Vorschriften begeistere. Und diese Vermuthung wäre zur Ueberzeugung in mir geworden, wäre ich nicht auf das Prädikat „geistlicher" Schulaufscher gestoßen; Da traten mir alle Jercmiadc« von Seiten der schwarzen Kutte über After-, Ver- und Zerr- 1 bildnug der Gegenwart vor die Seele und neue Zweifel über aufrichtige Verwirklichung jener Bestimmung wurden in mir wach.
Diese Zweifel werden heute gelöst, denn ein dickleibiges, dabci etwas plumpes, und unanständiges Re- script der Aufsehcrstclle zu t f t betheuert, „den nach ! wissenschaftlicher Fortbildung strebenden H. Lehrern eü i schuldig" zu sein, die im Lcsecirkcl „eingerissene Unord- j innig mit aller Kraft und mit allem Ernste zu bcsciti- j gen und zu diesem Zwecke von Zeit zu Zeil für Die- j jenigeii, welche den gegebnen Vorschriften nicht „sofort" [ und mit der größten Gewissenhaftigkeit nachkommen, einen * dienstlichen Aderlaß zu 6, 12 und 30 sr. anzuorducn.
Mein Nachbar ist in Betreff des Nescripls anderer Meinung. Er urtheilt so: Die mit der Gewalt liebäugelnden geistlichen Aufseher ergreifen, vielleicht auch auf Zureden des „geliebten Amtsbruders" mit ängstlicher Hast auch die einfältigste Veranlassun g, um den emau- cipationSlüsternen Lehrern zu zeigen,daß trotz Sturm und Wogendrang das, wenn auch blutig-rostige und schartige Schwert bis jetzt in ihren Händen geblieben. Er urtheilt ferner, daß die Erfüllung jener Bestimmungen die Evllcgcn zu veruneinigenden Denunciationen zwinge, um am Einzelnen wirksamere Hiebe anbringen zu können. Auch das ernstliche Wohlwollen, den nach Wissenschaftlichkeit Strebenden förderlich zu sein, bezweifelt er, weil in 1849 von derselben Stelle wohl den „Fertigen", nicht aber den „Strebenden" Remunerationen zugcwicsen wurden. Was endlich die Ermahnung zur „größten Gewissenhaftigkeit" anlangt, meint er, das sei eine Beleidigung für die Lehrer, über deren Grund man diejenigen möge urtheilen lassen, welche das Wirken der Lehrer und der schwarzen Kutte kennen.
Mainz, 14. Febr. (M. Z.) Während in andern als uneonfittutioned bekannten Ländern, Diejenigen, welche sich bei den Frcischaarenzügcn in der Pfalz und Baden beteiligt hatten, freigesprochen oder amneflirt sind, wie kürzlich in Hannover, findet in unserm Vaterland das Gegentheil statt. Wir berichteten schon vor einiger Zeit, daß die aus Rastatt entlassenen Freischärler in Gießen wieder eingezogen wurden, heute ist dasselbe bei uns geschehen, indem durch Gendarmerie mehrere der dabei Bethciligten ans ihren Wohnungen geholt wurden. Eben so scheint eS auf dem Lande zu gehen denn schon gestern brachte man einen jungen Mann aus HechtSheim ein. Wir haben wahrscheinlich noch nicht genug politische Prozesse!
AuS Baden. Die Schweizer National-Zeitung veröffentlicht einen Brief eines vormärzlichen Anhängers des Ministeriums Beck, der, wenn auch mit unfern Ansichten differirend, doch gerade des Mannes halber, der ihn schrieb, — er ist streng konstitutionell und fürchtet die Republik — von großem Interesse ist. Wir entnehmen demselben Folgendes:
.... „In vertrautem und ho Hern Kreisen, wo man über den Gang der Dinge mehr weiß, als wir gemeinen Leute, spricht man von einer Kamarilla, welche die Auflösung des Großherzogthums und dessen Auslieferung in andere Hände vorzugsweise dadurch anstrebt, daß sie den Rücktritt des Großherzog zu Gunsten seines Sohnes Friedrich um jeden Preis zu verhindern sucht. Während man von Friedrich fürchtet, er würde als Großherzog dem Lande in kürzester Frist wieder die längst ersehnte Ruhe und den sichern Grund des Fortbestandes dadurch geben, daß er dem Volke sogleich mit dem höchsten Maße konstitutioneller Freiheiten, wie es der König in Belgien gethan, ent- gegcnkäme; sieht jene Kamarilla (unter welcher der offenbar im fremden Sold stehende Staatsrath M nicht die unbedcudenste Rolle spielen soll!) mit sicherm Auge, daß das Verbleiben des Großherzogs Leopold, die Erhaltung des Kriegszustandes und alle bisherigen Schritte der Regierung, wozu in neuester Zeit auch die schmachvollen Wahlgeschäfte noch fommen, die daö Ehrgefühl jedes rechtschaffenen Mannes, weß politischen Glaubens er sei, empören: daß dieses Alles und noch vieles Andere, das ich nicht einmal nennen mag, zur Auflösung unseres schönen, lieben Landes Baden führen müsse. Tritt nun einmal die bedauerliche Kammer zusammen, in welche selbst Aristokraten, aber ch, renfeste Aristokraten Bedenken tragen cinzutretcn; so darf sie sich darauf verlassen, daß sie für den gefälschten Ausdruck des VolkSwiUenö wird gehalten werden; denn die Karlsruher Zeitung enthält nicht die Stimme des Volkes, sondern nur die Stimme zumeist charakterloser Beamten, die sich dazu gebrauchen lassen müssen , das jetzige Regiment unter allen Umständen zu loben."
Die Nat.-Ztg. bemerkt dazu: Wo sich die Stimme von konstitutionell-monarchisch gesinnten Männern in Baden also kunbgibt, von Männern, die es bis zur Stunde noch nie gewagt, das Wort „Republik" über ihre Lippen zu bringen und noch gläubig an dem
Traumbild der konstitutionellen Monarchie hängen: wo solche Männer so sprechen, da kann sich der Demokrat füglich des Wortes enthalten.
Berlin, 11. Februar. Die Rordd. fr. Pr. bringt in einer ihrer Berliner Correspondenzen sehr bemer- kenswerthe Enthüllungen über die jüngste Vcrfassungs-- krise, welche wohl einige Aufmerksamkeit verdienen, wenn auch die Combinationsgabe des Correspondenten mitunter die Möglichkeit über die Wirklichkeit gestellt haben mag. Hiernach hätte jene durch die Botschaft vom 7. Januar eingeleitete Krise nur als Mittel dienen sollen, um Preußen in eine neue „heilige Allianz" hl'ncinzustoßen, welche zunächst der europäischen Freiheitsentwickelung das Grab graben, sodann aber Rußlands Alleinherrschaft in Europa begründen würde.
Der Plan war von dem französischen Gesandten in Berlin, Herrn v. Persigny, erfunden und ging zunächst dahin: den LouiS Napoleon zu bewegen, daß er sich zum Kaiser aufwerfe. Gelänge cs ihm, so würde man ihn anerkennen, wo nicht, so würden die Alliirten Frankreich unter die beiden bourbonischc» $amil ieu theilen.
Dieser Plan soll in Berlin großen Anklang gefun# den Haben und die Allianz wurde geschlossen worden sein, wäre nicht England und vor allen Dingen der Widerspruch deö dynastischen Interesses der beiden Hän- ser HabSburg und Hohenzollern dazwischen getreten.
Der englische Gesandte förderte namentlich den Plan zu dem VierkönigSbündniß, zu einem Gegenparlament und zeigte die Gefahr, daß Preußen aus Deutschland herausgedrängt werden könnte, wenn es keine konstitutionellen Garantien gäbe.
Man schwankte. Da ließ Herr von Gerlach die letzte Mine springen, indem er der Regierung die Propositionen vom 7. Januar insinuirte, wodurch er dem preußischen Constitutionswesen ein Ende zu machen unv Preußen an die russische Allianz zu fesseln hoffte.
Dieser Erfolg war auch wahrscheinlich, wären die die Gerlach'schen Propositionen in ihrer ursprünglichen Form regierungsseitig adoptirt worden; hiergegen pro- testirtc aber Herr v. Manteuffel, und man einigte sich über die Fassung vom 7. Januar, woran man aber unbedingt schalten wollte. Da erschien Herr v. Ra- dowitz.
„Hr. V. Radowitz — so schließt der betreffende Artikel — soll den König überzeugt haben, daß Frankreich noch immer bad Noli me tangere von 1794 sei, und daß sich Jeder die Finger verbrennen würde, der plump in diesen Krater griffe. Zugleich wieS er nach, daß Preußen bei der heiligen Allianz in seiner Ver- gröfierungSpolitik nichts'gewinnen, sondern als dupo Oesterreichs und Rußlands behandelt würde. Oesterreich will allein in Deutschland Herr sein, und Rußland könne es nicht ertragen, daß fein lebensfähigster Nachbar mächtig und dadurch aus der russischen Vasallenschaft kmanzipirt werde. Hr v. Radowitz war zwar auch der Meinung, das konstitutionelle System sei nicht appetitlich, allein es sei nun nicht mehr los zu werden und könne wenigstens mittelst deS Erfurter Parlaments eine Quelle der Macht und Größe für Preußen werden. Da aber die fönigL Botschaft doch nicht mehr mit Ehren zurückgenommen werden könne, so erfand er das Amendement Arnim. Er gewann den ehrgeizigen Theil des AdelS, indem er diesem vorstellte, daß Raum genug unter den gegenwärtigen Verhältnisse» für seine Thätigkeit wäre.' Auch erschreckte er den Adel mit Hinweisung auf die persönlichen Gefahren, wenn die Herren schon heute auf den Sammt- polstcrn deS Oberhauses Platz nehmen wollten und von einer französischen Revolution da überrascht würden. Er rieth ihnen, lieber biö znm Jahre 1852 zu warten, bis nach den neuen französischen Wahlen für die Präsidentschaft und die Nationalversammlung.
Mit diesen Rathschlägen hat Herr v. Radowitz nicht nur Herrn v. Persigny anfö Haupt geschlagen, die absolutistische Allianz gebrochen, sondern auch die Kreuzzeitungspartei gespalten und 'Hrn. von Gerlach isolirt.
Diese Thaten deS geheimnißvollen Mannes erklären den heftigen Ausfall der „Kreuzzeitung." in einer ihrer letzten Nummern gegen Hrn. v. Radowitz. In einem jener Eingangsartikelchen, die für den vornehmsten Leser berechnet scheinen, jammert Hr. v. Gerlach: „Die Lage des Vaterlandes ist heut bedenklicher als je, und das Schicksal der fönigL Botschaft scheint uns verhängnißvollcr als daS vielbesprochene Zurückziehen unserer siegreichen Armee (am 18. März). Und wer ist der Mann, der unserem Vaterland diesen Dienst geleistet. Nicht der Graf Arnim, er war nur Werkzeug, und hat, wie schon öfter, die Tragweite (!) seiner Vermittelung kaum ermessen. Nein, es ist der Mann, der schon seit Jahren als Friedensbote der Revolution fungirt, der wie im Jahre 1848 die bewaffnete, so jetzt dnrch seine Erscheinung die legale Revolution zum Ausbruch bringt. Geschickt wie Niemand die kleinsten Wölkchen von Besorgniß und von Furcht am königlichen Horizont zu finden, und diese dann nach Befinden als Wiesel ober als Kamee! zu deuten, ist cs ihm abermals gelungen, die große Sache in Erfurt durch eine Niederlage der königlichen Macht in Preußen zu befestigen Wir sind gefallen, und wir werden bald beschwören, nicht wieder aufzustehen."
Köln, 13. Februar. (Köln. Z.) Wie ein bunker Traumspuk sind die Tage der uiigebundenen Lust an uns vorübergeranscht; die Erinnerungen an dieselben