Deutfchlâud
Asftsenverbandlungen zu Wiesbade»».
Fünfzehnter Proceß.
Anklage gegen Lehrer Ant. Horn von Dahlheim wegen Meineid und Betrug.
(Schluß.)
^ Wiesbaden, 7. Februar. Aus dem Zeugenver- höre ergibt sich, daß ein Theil der Zeugen und gerade die schon erwähnten Reitz und Kahlmänn Kahn, sowie deren Frauen, dann der Bürgermeister Schneider-und Kirchenrechner Schneider die erbittersten Feinde des Angeklagten sind und daß diese natürlich nur Nächtheiligcs für ihn zu erzählen wissen, während "sslle übrigen Zeugen nur lobend seiner erwähnen. Durch' die sehr gehaltvolle Vertheidigung des Hrn. Pro- curators Laug kommen die Geschworenen zu der Ueberzeugung, daß der Angeklagte „nichtschuldig" sei, worauf dessen Freisprechung erfolgt.
Sechzehnter Proceß.
Anklage gegen Korrektor und Sprachlehrer Carl S ch a p p e r von Weinbach, B e r g m a n n Dr. Joh. Baptist Maycr von Katzenellenbogen, Hofgerichtspräsid ent Adolf Raht von Dillenburg, Amts sek retär Karl Aug. Hch'- ner von Rennerod, Prokurator Friedrich Lang von Wiesbaden, Pfarrer Friedrich Heinrich Snell von Langenbach, Advokat Friedrich Mühler von Nastätten, Liqueur- fabrikant Gustav Iusti von Idstein, Landoberschultheiß Ludw. Wenkenbach von Wehen und Redakteur I u l i u s O p p e r m a u n von
Wiesbaden, wegen Hochverraths.
^ Wiesbaden,. 8. Februar. Präsident: Herr Hofgerichtsrath Trep'ka; Staatsanwälte: Herr Staatsprokurator Reichmann und Substitut Flach; Vertheidiger: die Herren Prokuratoren Dr. Geiger, Dr. Braun und Dr. Wilhelmi.
Um 9% Uhr beginnt die Sitzung; die Zuhörer- räume sind zuin Erdrücken angefüllt, die Gensd'armcrie erscheint zum ersten Male in großer Uniform, zum ersten Male hat man das Glück nassauische Pickelhauben zu sehen.
Nachdem der Gerichtshof, die ausgeloosten Geschwornen und die Angeklagten ihre Platze eingenommen haben, werden die einzelnen Angeklagten auf die übliche Weise nach Namen, Stand, Wohnort Alter;c. befragt. Bemerkenswerth ist hierbei, daß Schapper, nach seiner Wohnung befragt, antwortet: „ich wohne im Criminalgefängniß", und Wenckenbach, nach seinem Stand befragt, mit ernster Stimme antwortet: „Winkeladvokat." — ^Das Verweisnngserkcnntniß, das Erkenntniß des Cassationshofs auf eine Nichtigkeitsbeschwerde der Angeklagten Schapper rc. werden hierauf verlesen, was eine Zeit von anderthalb Stunden in Anspruch nimmt.
Herr Staatsprocurator Reichmann begründet sodann die Anklage. Die allgemeinen Schlagwörter: „Umsturz alles Bestehenden", „Anarchie", „Wühlerei" re, fehlen natürlich nicht, sie machen den gebührenden Eindruck. Unter Anderm sagt er auch, welch ein großes Glück es sei, daß die Idsteiner Beschlüsse und ähnliches nicht zur Ausführung gekommen seien re. Von seinem Standpunkte aus hat er hierin die Wahrheit gesagt.
Von 11 ^/z Uhr tritt eine Pause von einer Stunde ein. (Fortsetzung folgt.)
△ Lorch, 6. Februar. Nach kurzer Abwesenheit kaum hier angekommen, beeile ich mich, Ihnen die traurige Lage Lorch's zu schildern, in die es durch die ungewöhnliche Ueberfluth des Rheins und der Wisper versetzt wurde. — Der Rhein war dieses Jahr nicht so fest zugefroren, wie es sonst gewöhnlich der Fall
war, und gerade dieses war die Ursache, daß sich die Eisrinde so leicht in Bewegung setzte. Da aber die Eismasse an der Lurlay oberhalb St. Goarshausen noch zu fest stand und das leichte Eis nicht hinreichend war, diese Mauer zu brechen, so stellte sich dasselbe auf mehreren Stellen bis auf den Grund des Rheins 30 bis 40 Fuß tief auf. So ward dem Rhein der Abfluß schon bedeutend gehemmt. Das Wasser kam so schnell, daß einige Bewohner, welche sich schon in die höchsten Zimmer geflüchtet hatten, nur durch Auf- brechen des Bodens gerettet werden konnten, indem das Wasser bis an das Dach zu stehen kam.
Alle Ueberschwemmten und sonst zu Hülfceilenden, waren nur mit Rettung der Personen beschäftigt und nur den Wenigsten gelang es, Etwas von ihrem Haus- geräth und Bictualien zu retten. Diejenigen, welche ihre Kartoffeln vorher auf den Speicher gebracht hatten, fanden dieselben schon des andern Tags erfroren Andere namentlich an der Wisper, wo man nicht mit Nachen hinkommen konnte, mußten bis gegen Mittag auf dem Speicher zubringen, bis man einen Nachen auf einer Schleife durch die Straßen herbeibringen konnte. Es war herzzerreißend anzusehen, wie man Weiber und Kinder (mitunter Wöchnerinnen und Kranke) auch kleines Vieh wie z. B. Ziegen und Schaafe vom Speicher herabJn den Nachen heben sah.
Das Wasser soll die Höhe von 1784 erreicht haben, nur mit dem Unterschiede, daß es damals nur einige Stunden; diesesmal aber 4 Tage lang feine Wuth auSübte. Den zweiten Tag überzog das Wasser eine neue Eisrinde, und es mußte dieselbe erst wieder aufgchauen werden um mit dem Nachen die Verbindung der beiden Wisperuferr wiederherzustellen.
Nach Ablauf des Wassers sah mau die traurige Lage der Ueberschwemmten erst recht ein, denn alle Fachwerke, welche meistens aus Lehmsteinen bestanden, sielen so weit das Wasser stand, ein und von fünf Backofen, welche unter Wasser standen, fielen drei zusammen.
In früheren Jahren, wo nach dem Eisgang gewöhnlich eine Milde Luft wehte, war die Lage nicht so schrecklich wie jetzt. Man kaun sich einen Begriff machen wie die Leute zusammengedrängt leben müssen, wenn man bedenkt, daß die Wohnungen schon früher sehr rar waren, und jetzt fast ein drittheil der hiesigen Wohnungen verdorben und unbewohnbar sind. — So waren in einer Wohnung 84 Menschen und Vieh 4 Tage lang eingepfergt.
Aber Dank unserm einsichtsvollen und thätigen Herrn Kreisamtmann v. Gagern! — Auf die Anzeige unseres Bürgermeisters Herrn Travers von der hiesigen Lage, sorgte er mit Uebereinstimmung der Herren Gemeinderäthe in Rüdesheim vor allem für Nah rungSmittel und brachte so 563 Laib Brod 36 Malter Kartoffeln, verschiedenes Fleisch, Dürrgemüse und 48 fL baarcs Geld mit hierher, besuchte selbst die Ueberschwemmten, bildete ein Comite zur angemessenen Vertheilung der überbrachten Gaben. Kurz, er schaffte mit Rath und That den Hilfebedürftigen Linderung ihres Elends. Was Rüdesheim an unserer Gemeinde gethan hat, wird ewig unvergeßlich bleiben.
Mögen Ihrem Beispiele recht viele andere Gemeinden folgen und ihren bedrängten Brüdern ebenso hilfreich die Hand reichen.
Idstein, 6. Februar. In hiesiger Stadt hat sich bei der trostlosen Aussicht auf eine freie Kirchenverfassung, wie solche in der Proklamation vom 5. März 1848 verheißen wurde, und in Folgt der Unduldsamkeit des protestantischen Kirchenregiments dahier, eine freie christliche Gemeinde gebildet, worin allsonntäglich Gottesdienst gehalten wird, um die Differenzen mit den Landeskirchen recht klar darzustellen und die Glaubenssätze tief zu begründen.
Das Glaubensbekenntniß derselben, mit einem passenden Vorworte, welches in 2000 Ercmplaren gedrückt worden ist, lautet folgender Maßen:
Es ist unleugbar, daß der größte Theil des denken
den Volkes sich nicht mehr bei der Glaubensansicht der Landeskirchen befriedigt findet, sondern nach einem GlaubenSbekenntniß, welches seiner religiösen Ansicht entspricht, und nach thätiger Mitwirkung bei der inneren und äußeren Gestaltung der Kirche verlangt. Im Jahr 1848 wurde alles dies dem Volke versprochen, aber noch ist keine Aussicht zur Erfüllung vor Handen.^ Der Drang, dennoch jenes heiße.Verlangen zu befriedigen, rief in Idstein eine freie Kirche in das'Leben, deren Mitglieder nachfolgendes Glaubensbekenntniß, als Grundlage ihrer religiösin Erkenntniß aufstellten.
Wir widmen es allen den Tausenden zunächst unseres Herzogthums, die jenes heiße Verlangen mit uns theilen, die gleich uns für die Verwirklichung eines, mit der Zeit übereinstimmenden, vernünftigen und sittlichen Kirchenlebens begeistert sind. Wir widmen es denen, welchen die Religion eine heilige Sache ist und schlagen denselben zugleich vor, in einer in diesem Frühjahr ab;»haltenden Synode in Diez, deren Tag noch näher zu verabreden ist, selbst ober durch Abgeordnete vertreten, ihre Ansichten darüber auszusprcchcn, damit auf diese Art eine allgemeine Verständigung über die Glaubenssätze und die kirchlichen Einrichtungen erfolge und wir auf diesem Wege durch uns erreichen, was sonst abgeschnitten scheint. —
Glaubensbekenntniß.
Die Grundlage unserer religiösen Erkenntniß und unseres Glaubens sind die Wahrheiten, welche unsere Vernunft ans der heiligen Schrift, aus der Natur rmd ans der Geschichte der Menschheit entwickelt.
Als allgemeinen Inhalt unserer Glaubenslehre stellen wir folgende Grundsätze auf:
Wir glauben und erkennen Gott als das höchste geistige Wesen und als Schöpfer der Welt.
Wir glauben und erkennen, daß die Welt durch die ihr vom Schöpfer mitgetheilte Kraft in selbstständiger Fortentwicklung den Zweck ihrer Schöpfung erfüllt.
Wir glauben und erkennen, daß der Mensch mit freiem nach Sittlichkeit strebendem Willen geschaffen ist.
Wir glauben und erkennen, daß die Menschen als Brüder, die einerlei Bestimmung haben, unter sich gleichberechtigt sind.
Wir glauben und erkennen, daß der Mensch allein durch die ihm inwohnende Vernunft, durch die ihn umgebende Natur und durch die Geschichte der Menschheit in den Stand gesetzt und getrieben wird, die sittliche Vollkommenheit zu erlangen, und leugnen deßhalb jede sogenannte sakra- mentalische Bedeutung der Sakramente, behalten jedoch Taufe, Confirmation und Abendmahl als religiös-anregende und erhebende Gebräuche bei.
Wir glauben und erkennen Christus als das durch Lehre und Leben dargestellte Vorbild sittlicher Vollkommenheit der Menschen.
Wir glauben und erkennen, daß die wahre Verehrung GotteS in der Ausübung der Pflichten des Menschen, im freien sittlichen Denken und Handeln besteht.
Schließlich erklären wir ausdrücklich, daß wir die einzelnen Punkte dieses Glaubensbekenntnisses nur als Ausdruck unseres gegenwärtigen Glaubensbewußtseins ansehen und angesehen wissen wollen, ohne damit irgendwie den Ergebnissen künftiger Fortentwicklung vorzugreifen.
Idstein, den 25. Januar 1850.
Im Auftrage der freien Gemeinde der Vorstand: E. Roth. G. Iusti. L. Grüninger.
Das Glaubensbekenntniß im Allgemeinen, sowie in seinen einzelnen Glaubenssätzen beweist selbstredend den Standpunkt der Gemeinde. Wir finden es daher für überflüssig, die herausfordernde Schmähung desselben, durch den theologischen Philosophen oder philoso-
„Das kann ich Ihnen sagen. Bleibe ich, so ist darüber kein Wort zu verlieren; die Militärgesetze vermögen, so streng sie auch sind, nichts gegen einen Leichnam. Man begräbt mich und ich schlafe ruhig hier in der Erde. Bleiben dagegen Sie, so habe ich bereits einen Platz für mich auf einem Schiffe bestellt, das mich noch diese Nacht sortführt, ich weiß nicht, wohin, es liegt auch wenig daran. Da aber mein Vater ein jährliches Einkommen von wenigstens 300,000 Thlrn. hat und ich fejn einziger Sohn bin, so werde ich überall nach meinem Belieben und Behagen leben können. Ich verliere allerdings meinen Sold und die Aussicht, einmal, wenn ich vierzig Jahre alt bin, wie Sie, Lieutenant zu werden, aber, Herr Burke, dafür habe ich mich denn auch gerächt, und zugleich Bob, James, David und die ganze Mannschaft gerächt. Dafür kann man wohl etwas wagen. Ich habe Sie nun aus aller Besorgniß über mich gezogen und Sie haben keinen Grund mehr, mir die Genugthung ^u versagen, die ich verlange; darum ziehen Sie und vertheidigen Sie sich."
— „Wenn nun die Geberde, über welche Sie sich beklagen, unwillkührlich war, wenn ich sie hiermit zurücknehme, so werden Sie nichts mehr zu sagen haben."
„Nichts mehr, als das eine, das ich bereits bemerkt habe, aber nicht glauben wollte, daß Sie eine feige Memme sind."
< »Herr!" fuhr Burke auf, leichenblaß vor Zorn, „jetzt
beleidigen Sie mich und ich verlange Genugthuung. Ich werde mich morgen schlagen."
— »Sie wollen Zeit erhalten, mich anzuzeigen, nicht wahr, und einen Kriegsrath zum Sekundanten nehmen."
„Sie glauben .."
— „Von Ihnen alles."
„Sic irren sich. Ich zögere nur, weil ich nie einen Fechtsaal betreten habe; mit dem Degen hätten Sie zu großen Vortheil über mich. Wäre es auf Pistolen, ja, dann stände ich Ihnen zu Diensten."
— „Ihren Einwand habe ich vorausgesehen," antwortete ich, indem ich die Pistolen hervorzog; „da ist, was Sie verlangen. Beide sind gleich geladen und übrigens mögen Sie wählen."
Burke wankte; kalter Schweiß bedeckte sein Gesicht; ich glaubte, er würde umsiuken. Nach einiger Zeit entgegnete er:
„Aber, das ist ein Hinterhalt, ein Mord."
— „Sie reden irre vor Furcht. Es gibt hier keinen Mörder, als den, welcher auf einen falschen Bericht einen Unglücklichen zur Verzweiflung trieb; denn man mordet auf verschiedene Arten. Der schändlichste Mord, ist der, welcher ein gesetzliches Aussehen hat. Nicht Sie werden ermordet werden, aber David wurde ermordet, von Ihnen ermordet. Auf, Herr Burke, nur etwas Mnth, im Namen Ihrer Uniform, welche auch die meinige ist."
„Ich fchkage mich nicht ohne Zeugen."
— „So beschimpfe ich Sie, Herr; von dem Augenblicke an, wo ich Ihnen drohete, ist es so gut, als habe ich mich geschlagen und ich kehre nicht auf das Schiff zurück, da ich mich derselben Strafe aussetzen würde; aber morgen wird Jemand an meiner Statt erscheinen und einen von mir unterzeichneten Brief überbringen, der alles erzählt, was zwischen uns vorgegangen ist. Sie müssen eins wählen; entweder Sie erklären den Inhalt des Briefes für eine Lüge und dann werden Sie, da der Ueberbriugcr nicht unter Ihnen steht, vor Allen gezwungen sein, dafür Genugthuung zu geben, dann wenn Sie die Genugthuung nicht geben, jagt man Sie mit Schimpf und Schande vom Schiffe und aus der englischen Marine als Memme und Ehrlosen." — Ich trat näher an ihn. — „Man reißt Ihnen die Epauletten ab, wie ich es thun werde. — Ich trat noch näher. Man spuckt Ihnen in das Gesicht, wie ich es thun werde." — Ich trat noch näher und streckte die Hand aus, um meine Drohungen wahr zu machen.
(Fortsetzung folgt.)