âeiheiL und Recht!"
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Wiesbaden. Sonntag, 3. Februar
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^ Die Staatsdiener des Herzogthums.
Vom Lande. Das B'enehmen der meisten Staatsdiener in der nachmärzlichen Zeit, ihr oftes Schwanken, ihr Fallen aus einem Extrem ins andere, je nachdem der Wind aus Westen oder Nordost wehte, ihr Benehmen der Reichsverfassung und jetzt wieder dem Erfurter Wahlgesetz gegenüber, gibt Veranlassung zu Betrachtungen nicht erfreulicher Art über diesen unglücklichen, gedrückten Stand. Es ist bekannt, wie fast alle Staatsdiener, und gerade diejenigem am meisten, tie sich, vorher durch barsches, dünkelhaftes, abstoßendes Benehmen.gegen den Bürgcrftand ausgezeichnet hatten, am 5. März, und den folgenden Tagen in allen Kneipen- herumliefm, mit Jedermann Schmollis tranken, sich glücklich /fühlten, daß endlich einmal die Morgenröthe einer bessern Zeit angebrochen sei, und Toaste ausbrachten auf die Freiheit und Einheit Deutichlands; Viele- wurden Mitglieder von demokratischen Vereinen, ja sogar Vorsteher derselben , so daß man hätte glauben sollen, die Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit seien ihnen so ins Fleisch gewachsen, daß es keiner Macht der Erde gelingen könne, tie Demokratie wieder.ans ahnen herauszutreiben. Doch es sollte, talt sich ändern; schon das famose Hergcnhahn'sehe ^taats- dienerrescript, das damals von Vielen noch in keckem Uebermuth angegriffen wnrde, machte Manche stutzig; sie sahen daß tie bis dahin gelälMeMegikrung einige verzweifelte Versuche machte, sich aus ihrer Ohnmacht herauszureißen, sie fürchteten, es möchte gelingen, und waeu sich zurück, verließen theilweise wieder die Vereine setzten.sich im Wirthshaus in besondere Zimmer, errichteten eigene Casinv's und verfluchten März mit Revolution. Doch das hielt sie nicht ab, im Mar v. $ die Reichsverfässung zu beschwören, obschon sie aus âer .Revolution hervorgegangen, und 'Schreibt- dieses ist von keinem Beispiel unterrichtet, daß nur Em Staatsdiener bei dem Schwur Bedenken getragen hatte; es war von der Regierung hefohlen, und so that man's. Als nun glücklich die „Anarchie" besiegt war in Dresden der Pfalz und'Bäven, und dem herrlichen Knegs- Heere, Weihrauch von Tausenden feiger Memmen, we- â Errettung des Vaterlandes' aus der Gefahr, gegen §sseres Wissen und Willen gestreut wurde, als nun endlich-die braven Magyaren, der'letzte Hord der Frel- mit Hülfe der „geborgten Knute" niedcrgeichmet- tert worden, und von keiner Seite her mehr eine etc» ™ per hcrgcstellten Ruhe zu befürchten war, da er» heben sich die meisten Staatsdiener'völlig wieder aus ihrer vermeintlich gedrückten Stellung dem Bürger ge- ae^über und freuten sich der glücklich wiedergekehrten vormärzlichen Zeit, in der tiefe Herrn die frühere Sckmach durch Druck nach Unten wieder gut inachen, und deshalb gerne ertragen konnten. — Als der Ruf zur Wahl nach Erfurt erscholl, da waren sie nach übereinstimmenden Berichten aus dem ganzen Lande mit Ä Ausnahmen diejenigen, die in getroffener Phalanx dem Wahlakt beiwohnten. Dies letzte grave tft-bie'J betrübens denn man fragt na» tii-rlicl): Ist denn Keinem eine Gewissensfrage aufge» stoßemÜber die Rechstbeständigkeit des preußischen Wahl- aeielles du doch die Reichsverfassung beschworen war, und in ein es noch nicht einmal für der Mühe werth erachtet hatte,' ängstliche Gemüther durch die förmliche Entbindung von dem geleisteten chde zu beruhigen- maul frägt, hatte denn fast Keiner den Muth, ter “ Sprache "seines Gewissens mehr zu folgen, als . dem Wunâ der Negierung? Wir wollen billig sein, denn wir wissen, daß'manche sehr ehren werthe Charaktere unter den Staatsvioncru anzutreffen sind, und nehmen-grade von diesen an, daß sie etwaige Gcwls- sensscrnpel dadurch beseitigten , daß sie die -Durchführung der Reichsverfassung für unmöglich hielten, und nun glaubten, man müsse selbst mit Hintansetzung individueller Bedenken noch das Wenige zu rcttensucheu, was ru retten fei, man müsse, dem armen zerrissenen und zertre- tenenBaterlunde wenigstens Einen fefteiiPunktverschaffen, an dem es-sich mit der Zeit wieder aufrichten könne. Doch diesen mußten die Schuppen von den Augen fallen> nach dem Bekanntwerden der letzten königlichen Botschaft, nach dem Benehmen des preußischen Mim- st'eriums-tdeir Kammern gegenüber, die sich selbst ent» mannt ' Hutten durch 'den Steuerbeschluß-, die mit der größten Bereitwilligkeit allkOktroyirungen guMißen, die-sich'höchstens im Sinne des Absolutismus Aeude- . rungen erlaubt hatten, und jetzt nun am Schlüsse noch den letzten Rest der konstitutionellen Freiheit selbst strei-
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elfen sollten, damit den -Rittern der Krcuzzeitung die Striche erspart werden, und sich wenigstens nur ein leeres, unbeschriebenes Blatt zwischen den König und sein Volk dränge. Diese Vorkommnisse mußten den in Rede stehenden Staatsdienern den Wahn benehmen, als ob unter den Auspizien eines solchen preußischen Mi- nisterii und solcher Kammern etwas Gutes fürs Vaterland gefordert werden könnte, sie mußten, da jetzt schon die Gothaer nur einzig darnach trachten, die ok- troyirte Vorlage ohne alle Aenderung anzunchmen, und so von Stufe zu Dtufe tiefer sinken, es voraus sehen, daß das Erfurter Völkshaus im glücklichsten Falle dasselbe Schicksal haben werde, wie die Eunu- chenkammcr in Berlin, und dann war es Pflicht, wenigstens vie subjektive Ueberzeugung zu retten.
Doch zu dieser Classe kann man leider nicht alle Staatsdiener rechnen; man hat nur zu oft hören müssen: „es könnte mir nachgetragen werden", ich bekäme keine Zulage", „ich würde zur Strafe auf den Westerwald versetzt", und mit solchen Rücksichten auf eigne Person und Familie wurde dann das sich regende Gewissen in Schlaf gelullt. Ein großer Theil dachte vollends gar nichts und verspürte gar keine Regungen im Innern, er kennt sein anderes Gesetz, als das Gebot der Regierung, und schwört noch mehr Eide, wenn sie es befiehlt; sollten die östreichisch-russischen Aktien noch höher steigen, mnd zur Stärkung Les' Absolutismus ein Anschluß an Süddeutschland -athsatn erscheinen, welchem Bunde die Majorität unsrer jetzigen Kämmer gewiß ihre Zustimmung nicht versagen würde, da nach der Ansicht Vieler dieser Herrn das konstitutionell ist, was die Regierung will,. so . ■ elchwort der größte Theil auch diesen und käme es einmal zur Beschwörung einer Reichsverfassung ohne erbliche, einheitliche Spitze. und ohne die vielen kleinen SpHen , .so ist er auch hier 'nfieberum der erste beim Scywur.
Das sind traurige, höchst betrübende Erscheinungen, und forscht man nach den Ursachen, die ihnen zu Grunde liegen, so finden wir sie in vielfachen Umständen. Wir finden sie zuerst in der Erziehung, in der den armen Knaben, welche meist Beamtenkinder sistö) schoss von Jugend auf nicht Sinn für das Wahre, Schöne und Gute, sondern für — Brod beigebracht wird, und ihnen alle Wege, empfohlen werden, die zu — .Brod' führen, diesem höchsten.Ziel alles Strebens. Hinaus- gèkommcn auf die Schule, werden die jungen Leute nicht cingcführt in den Geist des Alterthums, sie werden nicht mit dem wahrhaft Schönen desselben bekannt gemacht, und zur Nacheiferung angefenert, sondern Monate lang damit gequält, wenn â, und wenn e«r zu setzen ist, ob der Accent auf die zweitletzte oder letzte Silbe gehört, mit wenn der Schüler Geist in leeren Formen und faden Gedächtnißübungen viele Jahre hindurch zu Tode gehetzt ist, dann besuchen sie die Universität, um sich dem Studium zu widmen, was nicht allzusehr übersetzt ist, was die erste Aussicht auf Brod darbietet. Sobald als nur immer möglich,. tritt der junge Mann nach bestandener Prüfung in die PfortenJeü Heils, in den Staatsdienst, ein, und hier benutzt man nur allzuwillfährig den Grund, den erste Erziehung und Unterricht gelegt haben, um auf ihm fortzubauen; hier benutzt man alle Mittel, die jn Gebote stehen, Vor- und Zurücksetzung, Ab- und Versetzung, Gehaltszulage und Gratifikation, um. den selbstständigen Charakter zu demüthigen, teil servilen zu begünstigen ; die demoralisi- renden geheimen . Conduitenlisten, welche jeder Chef führt, mit die den Untergebnen in die unwürdigste Stellung versetzen, bieten den Stoff zu foldfcn Gnadenspenden und deren Entziehung. Um das Maas voll zu machen, erlaubt man jedem Accessisten, der 200 bis 300 fl. Besoldung hat, das Heirathen, wenn nur Eltern und Schwiegereltern zu einer jährlichen Unter» stützung sich verpflichten, die in den meisten Fällen später nicht verabfolgt wird, da das Versprechen nur der Form halber gegeben war; ter junge Haushalt kann natürlich mit Peur-Wenigen nicht.geführt werden, es entstehen Schulden, mit so wird methodisch ein
Staatsdiencrprolctariat gebildet, völlig geeignet zur blinden Vollziehung aller Aufträge. Der Glücklichen sind nur wenige, die unter so vielen widrigen Verhältnissen ihren Rechtssinn und ihre geistige Selbstständigkeit vollständig retten!
"Solche Zustände können nicht auf einmal umgestaltet werden, denn so. wie alles früher Erwähnte dazu beitrug. sie herheiznführen, so. muß auch Alles in Aisspnich gen ginnen rchrhen, sie zu entfernen, damit ein f-
Beamienstand erzogen werde, einer der Grundpfeiler
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einer bessern Zukunft. Schon die Eltern müssen den Söhnen Sinn für Wahrheit und Recht, sie müssen ihnen Gottes-, nicht Menschenfurchc beibringen; die Lehrer müssen sie in das Leben der freien Griechen und Römer einführen, sie mit der wabren Humanität bekannt machen, die sich in den Schritten der Alten rupct, ihnen die besten Männer aus der Geschichte al er uno neuer Zeit zur Nacheiferung empföhle», mir ane diese Schätze einem kräftigen , durch Turnen „ n? »mnige körperliche Uebungen gestärken, nicht zu UchprZkeik und Wohlleben geneigten Körper anvertraucu
Man muß im SAatsoienft nur darauf sehens ob ein Beamter seine Pflichten erfüllt und den Gesetzen gemäß lebt, und ihn nach diesem Maßstab belohnen oder bestrafen, m'Hk' aber eie Servilen mit Gnvven überhäufen, und die Geraden, öfters Andersdenkenden auf jede mögliche Weise verfolgen und ins Elend stürzen. Da jedoch Erziehung unt Unterricht nur den späteren Geschlechtern zu Gute kommen, und die jetzigen Herrn-, die wirklich Gewalt über die Staatsdiener besitzen, wie es scheint, noch keine Lust haben, von dem alten System, durch das sie ihren Zweck erreicht, abzustehen, so bleibt dem jetzigen SLaatsdienerstand nichts übrig, als sich selber zu ermannen, die Feigheit, die ihm anklebt, von sich zu werfen, und fernerhin bei allen seinen Handlungen nur die Gesetze, die Moral und sein Gewissen zu befragen, mit einem Worte» Recht zu thun und Äiemünv zu fitrchteu; dann nur wird er zu wahrem Glücke, zu-innerer Zufriedenheit gelangen, es wird über seine Zukunft eine neue Aera Hereinbrechen!
^- Wiesbaden. 2. Febr. Wie wir hören, so haben auch in Schwalbach die (Konstitutionellen einen groß- artigen Sieg erfochtene e» wurde nämlich daselbst Lossen für das Erfurter Kränzchen gewählt.
ch Miehlen, 31. Jan. Heute würde.der hiesige Geistliche, Herr Kirchenrath Brinkmann, aus diesem Leben abgerufen. Im Herbste 1848 feierte er sein fünfzigjähriges Dienst-Jnbiläum; besscnohngeachtet war er aber nichts weniger als altersschwach. Er selbst ahnte nicht sein nahes Ende, denn noch vor ganz kurzer Zeit erfreute er sich öffentlich seiner Gesundheit und seines rüstigen Alters. Bon ihm haben beinahe alle hiesigen Gemeindeglieder durch die Taufe oder (Konfirmation die Weihe zum Christenthum empfangen, denn über ein halbes Jahrhundert hat der Verstorbene das geistliche Amt verwaltet. Friede seiner Asche!!
/X Diez. Wichtiger als alle anderen Fragen ist gegenwärtig für unser Herzogthum die Eisenbaonfrage deren Lösung für den Verkehr und das sociale Leben von der größten Wichtigkeit ist. Man sollte es kaum glauben, daß es Leute geben könne, welche die Wichtigkeit dieser Frage verkennen und sich nur in allgemeinen Redensarten über die Nachtheile der selbstar- beitenden Maschienen, besonders auf Eisenbahnen ergehen, und der Erfindung der Maschienen alles Misere der menschlichen Gesellschaft zuschreiben. Die gefährlichste Reaction, die es geben kann, .ist die gegen die fortschreitende Wissenschaft, 'gegen ihre ausgedehnte Anwendung im praktischen Leben und ist doppelt gefährlich, wenn sie im Gewände der Demokratie aus* tritt, indem sie ihr dadurch zerstörende mit ruckschreitende Tendenzen unterschiebt, während dem doch das Princip der Demokratie ein stets fortschreitendes und schaßendes ist.
Wir werden zu diesen Betrachtungen veranlaßt durch die geringe Theilnahme, welche die Bürger von Diez einem Unternehmen widmen, Vas doch recht eigentlich eine Lebensfrage für die Stadt ist, wir meinen die Lahnbahn. Am Tage vor der Limburger Versammlung wurde ein Comite gewählt, das nach ; Limburg gehen und hören solle, was daselbst veA-au- delt werde. Das Comite, aus Man »er» beste.. die wie es uns scheint, keine große Aufmei-ksamt'en für die I Lahnbahn haben, ging hin und horte und als es nam einigen Tagen Bericht erstatten wollte, fand sich so zu sagen Niemand vonchen Mandatgebeen ein. Es würde dieses Faktum die frohen Hoffnungen, die wir in unserem Bericht über die Limburger" Versammlung ausgesprochen, sehr hcrabznstimmen geeignet sein, wenn uns nicht der kleirckiche .itramerge-st bekannt wäre, Ter
in dem vermeintlichen M-stvervcrkarif von einigen Ballen Kaffee alle ..oiè Vortheile Übersicht, welche die Anlage einer Eisenbahn mit sich bringen würde.