Mt Ztilung.
„FverßelL und Recht!"
â' 2^* Wiesbaden. Dienstag, 2». Januar 1850»
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Die naffarlische Erseubahnfrage.
VMK. Von der Lahn, 22 Januar. Das ist ein unbarmherziger Mensch, Ihr Wiesbadener Eiscubahn- Correspondent in No. 16 und 17 der Freien Zeitung. Gestern Abend hat er „aus meinem Frieden mich her- ausgcschrcckt" und heute Nacht in wirren Träumen mir Angstschweiß ciitprcßt, obgleich wir notorisch 22° Kälte halten! Aber da wirft er in No. 17 Sp. 1 mir „Verrath am Landesinteresse" vor, Laudcsverrath, Hochverrath! Und ich habe immer geglaubt, es mit Nassau treu und redlich zu meinen, da zermarterte ich mich, so schwere Schuld an mir zu finden und schloß mit dem Mohren: „ich muß einen Gelehrten fragen" aber ich wagte nicht auszugehen, aus Furcht, die Freunde möchten den Lanvesverrather meiden. Und wie in meinen Träumen Hochvcrrath, Kriegsgericht, Standrecht, Strang, Pulver und Blei einander drängten und jagten, das brauche ich dem biederen Leser, der als guter Deutscher schon oft und viel geträumt haben muß, nicht erst zu schildern. Aber ich vergebe dem 0, ich werde es nicht wieder ärgern und ängstigen; es soll in seiner Recht-Eckigkeit verharren, aber Recht wird es nicht behalten ! Und nun wollen wir in ernster, eiserner Sache ganz ernst sein und kalt, wie der Heurige Winter, auch hiermit zum landesüblichen „Wir" übergehen und zuerst die Streitartikel zurechtlegen, damit wir uns nicht verrennen Und cö uns Beiden gehe, wie Göthe sagt: „Sie glauben mit einander zu streiten, und fühlen das Unrecht von beiden Seiten" Der Gegner erkennt selbst an, daß eine Lahnbahn „unerläßlich" sei, damit wären wir ja in der Hauptsache schon bestens einverstanden.
B orher aber ein Wort über „die vormärzliche Eifersucht der Lahnstädte gegen die Hauptstadt", die uns im Eingänge jenes Aufsatzes vorgeworfen wird. Diese Eifersucht ist nicht „vormärzlich", sondern sehr nachmärzlich; erst seitdem ist in den Städten .nicht nur der Lahn, sondern des ganzen Landes, lebhaft das Bewußtsein erwacht, daß sie durch und für die Hebung Wiesbadens vielfach gelitten haben, und zugleich der Muth, sich gegen die Forderungen der „Residenz" zu wehren. Und weiter darüber kein Wort! Wir per? sönlich fühlen uns durchaus nicht berufen, in Sachen Provinz onntim Residenz der ersteren Sache zu führen; es gehörte dies auch gar nicht hiehrr, unser Gegner hat'es, glauben wir, bei den Haaren herbeigezogen. Er sagt: „In jenem Artikel ist beinahe mit dürren Worten gesagt, Wiesbaden brauche an keiner Eisenbahn durch das Land Theil zu nehmen, eben weil es die Residenz sei." Nein, das ist nicht einmal „beinahe" von uns gesagt; „Wiesbaden sei schon genug bevorzugt und brauche nicht auch noch eine neue Eisenbahn", hätten wir das behauptet, hätten wir etwas behauptet, was diesem Satze nur ähnlich sähe, — wir würden uns schämen, und als Auto-Polizei uns verbieten, in ernsten Lundesangclegcnheiten je nie^r ein Wort zu schreiben. Wir haben gesagt, cs sei thöricht, eine Eisenbahn von Frankfurt nach Cölu, trotz der bedeutendsten Hindernisse und Umwege darum in Wiesbaden statt in Hattersheim beginnen zu lassen, weil Wiesbaden die Residenz sei, diese brauche die Eisenbahn nicht, denn sie würde doch nicht ausgeschlossen oder umgangen sein, und biete für so ungeheure Umwege und Kosten keinen Ersatz. Das Hauptgewicht aber haben wir auch darauf nicht gelegt, — denn ceteris paribus „mißgönnen" auch wir Wiesbaden diese Eisenbahn nicht, und wenn sie von Nassau und für nassauisches Geld allein gebaut werdeuckönnte, so würde Wiesbaden trotz allem der Ausgangspunkt sein können, sondern wir haben gesagt und sagens nochmals: es wird kein auswärtiger Spekulant (und die können wir nicht entbehren) sein Geld dazu hcrgebc», um die fragliche Eisenbahn darum über Wiesbaden umzufuhren, weil es die Residenz ist, wenn er es näher, billiger und besser haben kann. Woher sollte der Auswärtige diese Zärtlichkeit für Wiesbaden haben? Wären schon Aktiengesellschaften für die fragliche Bahn da, concurrirten sie miteinander in Anerbietungen und könnte unser Gouvernement Bedingungen für die Con- cesfion stellen, â la bonne heure, dann könnte es heißen: es wird nicht anders gebaut, als über Wiesbaden! Achnliches ist zum Vortheil mehrerer Residenzen geschehen und man läßt es sich gefallen; aber hier. . — Sollte der Vers. den Unterschied nicht einsehen, so müßten wir ihm die „Krähwinkelei" zurückgeben.
Und nun zu unsern eigentlchen Streitpunkten! *)
Wenn uns Nr Gegner zugibt, die Lahnbahn sei unerläßlich, so geben wir ihm, von unserm Standpunkte aus, zu, daß wenigstens eine Zweigbahn von Limburg nach Wiesbaden ganz wünschenswerth sei. Auch wird kein Einsichtiger in Abrede stellen, daß die beiden für Nassau projcktirteu Bahnen sich durchaus keine Concurrenz machen, vielmehr einander heben und fördern würden. Aber beide zugleich in Angriff zu nehmen, ist nicht wohl möglich; es handelt sich also lediglich um die Frage: welche von beiden projektirten Bahnen ist vor der Hand die zweckmäßigste, die nothwendigste, die am leichtesten zu erbauende, am leichtesten, theils dadurch, daß sie weniger kostet, theils dadurch, daß ihre Ertragsfähigkeit sicherer, mithin das Geld dafür leichter zu beschaffen ist. Wir haben in einem Aufsatz in der „Nass. Allg. Ztg." (Nro. 6) nach allen diesen Gesichtspunkten für die Lahnbahn entschiede», auf diesen Aufsatz haben wir in Nro. 12 der „Freien Ztg." verwiesen , und wenn unser Gegner behauptet: die Gründe, die wir in dem Artikel der „Freien Ztg." angeführt, bedürften keiner Erwähnung; so hat er ganz Recht. Wir haben eben dort gar keine direkten Gründe angeführt; sondern gegen einige Artikel der „Fr. Ztg." polemisirt. Wir haben dort im Scher; gesagt, aber im Ernst gemeint, daß die h.'iden nassauischen Blatter in diesem Punkte Hand in Hand gehen könnten und müßten; wir sind auch jetzt richt gesonnen uns selber auszuschreiben und zu wiederholen. Wir werden also nur auf das eingehen, was unser Gegner 1) gegen die Lahnbahn , 2) Für die Wiesbaden-Dentzer anführt; er wird sehen, wie offen wir ihm Vieles zugcstehen.
In ersterer Beziehung finden wir folgende Bemerkungen:
a) Cöln und Frankfurt seien die Zielpunkte des nassauischen Handels, und diese lagen nun einmal nicht im Lahnthale. ^Zugegeben und Dank für die Belehrung! Wir haben aber (a. a. O.) durch höchst einfache Rechnung nachgewiesen, daß unsere Produkte von Limburg aus (Limburg, als Mittelpunkt des Landes und dessen bedeutendste Handels-, wenn auch nicht Residenzstadt) Cöln billiger und besser erreichen, wenn sie auf der Lahnbahn nach Coblenz und von da auf dem Rheine nach Cöln gehen, als vermittelst der Wcster- wälder Bahn; und daß der Weg von Limburg nach Frankfurt über Gießen nur sehr wenig mehr umführt, als der über Wiesbaden.
b) „Wir müssen den Welthandel durch Nassau leiten." Zugegeben; das wäre, selbst von der „Levante und Ostindien" abgesehen, recht schön, wenn es in unserer Hand läge, liegen könnte. „Eine
•) Wir ersuchen, im Interesse der Sache seist, beide Paetheien recht dringend, von all den Strcitpnnkien, welche eben nicht zu den eigentlichen gehö rn, adzuseheu. WaS kann durch Eifersüchteleien Ersprießliches für die Forve- rung der so hochwichtigen Frage selbst herausspringen? DaS nicht zur Sache gehörige Geplänkel verdunkelt den Blick und leitet die Betrachtung auf Punkte, die von keiner Erheblichkeit und jedenfalls nicht ansschlagend sind. Der VMK Correspondent betont immer so sehr die Ncfs- denz Wiesbaden: wir erlauben uns, ihm hier zu bemerken, daß einmal Wiesbaden auch die Hauptstadt und die volkreichste Stadt des Landes ist, so wie daß zweitens der Hof seit den Märztagen nur sehr wenig in Wiesbaden residirt. Unseres Wissens ist eS auch noch feinem (Korrespondenten dieses Blattes, der für die Eölu-Wiesbadener Eisenbahn in die Schranken trat, eingefallen, recht breit hervorznhe- ben, daß die großen Summen, welche bereits auf dieLahn- schifffahrt verwendet wurden, und noch verwendet werden^ zunächst doch den Lahnstädten und der Lahnindustrie zu Gute kämen und daß die Bewohner der Main- und Rhein- ufer, des Westerwalds, und auch die Wiesbadens, von der Lahnschifffahrt nur sehr mittelbar Nutzen ziehen können. Wenn die Lahnbewohner dagegen behaupten, die Unter- fiutzuugSgelder für die Bade-Industrie der Kurorte des Landes, käme ihnen selbst wieder sehr mittelbar zu Gute, so mögen sie hierin ebenfalls sehr recht haben: allein bei der vorliegenden Frage, die eine wirkliche Landesfrage ist, ist es dringend nöthig für beide Theile, die einzelnen Landestheile und Städte nicht zu den Gefühlen des News und der Mißgunst, welche hier wie auch sonst so oft in den socialen Gebrechen der Jetztzeit ihren letzten Grund finden, aufzu- reizen; und bei der letzten Entscheidung über die einzuhaltende Richtung der Eisenbahn dürfen nur die Momente, welche als gegenwärtige vorliegen, und welche aus der Sache selbst geschöpft sind, maßgebend sein. Wir wiederholen, daß wir sehr bereitwillig beiden Theilen die Spalten dieser Zeitung zur Verfechtung ihrer Ansichten öffnen werden: allein wir setzen dabei auch sicher voraus, daß der hier fragliche ernste Gegenstand ohne alle Persönlichkeiten, und mit Beseitigung aller Allotria behandelt werden Die Redaktion.
Eisenbahn am linsen Rheinufer würde Nassau sch», den, auf dem rechten wenig nützen;" sehr wahr. Aber so wenig wir bisher hindern konnten, daß die alte, von Cöln nach Frankfurt führende, Handelsstraße durch dieNheinschifffahrt verödete, so wenig werden wir den Handelsweg, je auf die Dauer, durch Nassau leiten können. Die politische und die geographische Lage Nas« silil's machen das unmöglich. Schon jetzt arbeiten die Städte des Mittelrheins an der Herbeiführung einer Eisenbahn, die sie untereinander verbinde; im nächsten Monat findet fine Generalversammlung darüber statt. Sehen wir die Sache mit nüchternem Auge an, so werden wir uns nicht schmeicheln können, der preussischen N h e i n p r 0 v i n z den Rang abzulaufen; Hadamar und Cainberg werden Coblenz und Neuwied nicht ausstechen. Das mag unsern nassauischen Patriotismus verdrießen, aber so ist's! Und gesetzt, es gelänge nns, das Prävenire zu spielen, wird darum ein Vernünftiger hoffen, daß die Städte des Mittel- rheinsj, von Coblenz auf- und abwärts, sich auf die Dauer werden ausschlicßen und ruiniren lassen? daß die fertigen oder im Bau begriffenen Bahnen von Basel bis Mainz einer- und von Bonn bis Rotterdam andererseits ihr nothwendiges Mittelglied nicht trotz der unleugbaren Schwierigkeiten suchen und finden werden? Und wenn dann diese eigentliche „mittelrheinische Bahn", deren Namen unser Gegner für sein Projekt nur usurpirt, erbaut sein wird, wird dann nicht das auf die Westerwäldcr Bahn verwendete Capital sammt den Zinsen verloren sein? *)
c) „Die Lahnbahn verhält sich zu der andern, wie Lahn zum Rhein." Zugegeben; nur, in Hinsicht auf die Rentabilität, in umgekehrtem Verhältnisse. Die Lahnbahn hat nur die Concurrenz der Lahn zu erdulden und die ist höchst unbedeutend; die Wiesba- den-Dcutzer aber hat, abgesehen von der zukünftigen unvermeidlichen mittclrhcinischen Eisenbahn, die Con- currenz der Rheinschifffahrt im Personen- und ganz be- sonders im Güterverkehr zu tragen. Sie wird sie nicht tragen können! Mag man uns aus dem „clas- fljchen" Werke des Hrn. Born scheu er noch so viele Millionen Gentner und noch so viel Hunderttausende von Personen vorrechnen, die von Frankfurt nach Cöln und umgekehrt gehen, so wird inan uns (und was die Hauptsache ist: den Aktionären in spe) doch nie beweisen können, daß mehr als ein Zehntel der Güter und ein Drittel der Personen (wenn so viel?) die Eisenbahn und nicht mehr den Rhein benutzen würden.
d) „Die Lahnbahn kann für sich allein schwerlich bestehen." Wir werden in den nächsten Tagen die voraussichtliche Rentabilität derselben durch 'Zablen bündig Nachweise». Borlänfig nur so viel: Der Personett-Verkehr von Gießen nach Koblenz ist allerdings nicht so bedeutend, daß er den Eisenbahn-Eetra z sichern könnte. Wir rechnen ihn auch nicht höber wie notpig und erweislich, unsre Bahn soll sich hauptsächlich durch Frachtverkehr rentiern. — Die Chaussee von Diez nach Nassau ist darum nicht gebaut weck die Straße über Montabauer einmal besteht; eine Laon-Elsenbayn aber wurde die Concurenz dieser Montabaurer Poststraße allenfalls tragen sönnen. — Hierher gehört (oder gehört vielmehr nicht) auch eine Bemerkung unsres Gegners über den „Lahnvcrkehr der von Wwsbaden aus über Schwalbach nach Koblenz und über Limburg nach Wetzlar geht." Lahnverkehr von Wiesbaden aus?! Wenn da nicht er» Druck- oder Schreibfehler steckt, so begreifen wir nichts mehr. Meint unser Gegner den Peefonenverketzr? der ist unbedeutend. Oder Waaren ? Von Wiesbaden erhalten wir Ver- ordnmrgsblätter, landständische Protocolle; sonst bezieht ganz Nassau aus Wiesbaden nicht ein Strumpfband, weder Rohprodukte noch Industrie-Artikel.
e) „Oie Westerwälder Bahn sei in militärischer Hinsicht wichtig." Jeder weiß aber, daß von Gießen noch Coblenz eine preußische Hauptetappenstraßc führt. Ferner glauben wir (a. a. O ) die Wichtigkeit der Lahnbah» für die Festung Coblenz bargelegt zu haben. Doch haben wir keine strategischen Kenntnisse, sonnten also darüber nur ins Blaue hincinreren und über* lassen diesen Gegenstand Kundigeren.
*) 3um Uctcrfluß noch ein Beispiel. Msn glaubte seiner Zeit in Cvurheffen den Weg von Frankfurt nach Leipzig mit Gewalt über Kassel führen zu können. Wie lange wirb'- npch dauern, so ist der alte Weg über Fulda wieder hergestellt. Ader dann werden Main-, Weser- und Thüringer- Bahn noch keineswegs ruinirt fein, wohl aber in unserm Falle die Westerwälder-Bahn.