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Mt Zeitung

Wiesbaden. Freitag, 18. Januar

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1850

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JakobnS Venedey.

^ Wiesbaden, den 16. Januar. Das Organ der Unparteilichkeit, genanntFrankfurter Journal", ent­hält in seiner heutigen Beilage einen Artikel von dem blonden Jakob Venedey, worin er Himmel und Erde in Bewegung setzt, um die Demokraten zur Wahl nach Erfurt zu bestimmen. Dieser Artikel beweist weiter nichts, als daß Herr Venedey der gemüth­liche unschuldige Gefühlspolitiker geblieben ist, für den ihn die Demokratie schon lange erklärt hat; sowie bau Herr Venedey eine ungeheure Meinung von seinem Einfluß auf die deutsche Demokratie haben muß, da es ihm doch oft genug von Leiten der Demokraten versichert wurde, 'daß sie in ihm lediglich einen un­praktischen Schwärmer erblicken konnten.

Herr Venedey thäte wahrlich besser, sich dem ausgesprochenen Willen des Volks zu fügen, statt in dieser Weise mit halsstarriger Selbstcingenommenhelt auf seiner gefaßten Meinung zu beharren Gerade dieses ewigeHandeln auf eigne Faust" aller Individuen, die nur einigermaßen eine gewisse Selbst­ständigkeit für sich in Anspruch nehmen, hat die Deut­schen elend gemacht; gerade dieses lächerliche Verlan­gen einzelner sogenannter Notabilitäten, das Volk solle immer nach ihrer Pfeife tanzen und nach ihrem Kopf sich bestimmenr wird unsere Einheit ewig hinter­treiben.

Die demokratische Partei aller Orten hat feierlich ihren unabänderlichen Willen,nicht zu wählen", er­klärt: und wer diesen Willen nicht anerkennt, gebe sich entweder nicht den Schein, als sei er Demokrat, oder lasse es sich gefallen, wenn er für einen traurigen Ab­solutisten erklärt wird, der da in seiner Befangenheit wirklich glaubt, der Wille des Volks solle sich nach seinen beliebigen Launen und Einfällen richten.

Herr Venedey sagt selbst:Die octroyirteDrei- fouigsverfassung kann, wenn sie so durchgefnhrt wird, wie sie jetzt angebahnt ist, Klcindeutschland nur zu einem größern Preußen machen; sie wird keine andere Folge haben, als Deutschland zu theilen, die eine Hälfte unter Preußen, die andere unter Oester­reich stellen, und rvenn das so getheilte Deutschland sich in dieser Auffassung fcstgeraunt hat, sobald die beiden deutschen Großmächte in Streit gerathen, einen neuen dreißigjährigen Bürgerkrieg herbeiführen. Diese oktroyiere Verfassung für Erfurt gibt der Erfurter Versammlung nicht die Rechte eines 'Parla­ments im Sinne der freien germanischen Ausfassung, wie dieselbe sich in England und Amerika ausgebildet hat, sondern höchstens die Befugniß desMitredens" im Sinne der gallo-romanischen Auffassung, wie die­selbe vor der Revolution von 1789 in den französischen Parlamenten" verwirklicht war. Alle höhern Rechte, Krieg und Friede, Staatsverträge, Budget, Militär­macht, die obcrpolizciiiche Aufsicht über die Institutio­

nen der einzelnen Staaten sollen einer höhern Behörde vorbehalten bleiben. DasInterim" soll für ganz Deutschland diese höhere Behörde bilden, in demselben reichen Preußen und Oesterreich sich die Hand, wie einst im Bundestage, und werden hier ohne Parla­ment über Krieg und Friede, über das Heer und die höhere Staatspolizei, über die Verfassungen und In­stitutionen der einzelnen deutschen Staaten entscheiden. Neben diesemInterim" wird das Parlament in Er­furt ein fünftes Rad im Wagen, und höchstens dazu gut sein, den Schein einer deutschen Nationalvertre­tung zu liefern."

Trotz alledem und alledem will Herr Venedey wählen. Uno warum? Damit er eine Tribüne erhält, auf der er schöne Reden über Frei­heit und Einheit halten kann, für welche sich Niemand interessirt, die keinen Fortschritt in irgend einer Weise zu Wege bringen, und denen die Wrangel« schen Bajonette jeden Augenblick einHalt!" gebieten können. Es ist wirklich merkwürdig, daß Herr Ve­nedey nach den Erfahrungen, die er in Frankfurt und Stuttgart selbst gemacht hat, noch soviel von der Gewalt der Tribüne erwartet.

Auch wir halten die Ausdauer und Zähigkeit für die größten politischen Tugenden: allein wir meinen, eine Geduld, deren Erfolglosigkeit man klar voraus­sicht, sei sehr lächerlich, und wir erachten lischt das Handeln um jeden Preis für verdienstvoll, son­dern nur das kluge Handeln zur rechten Zeit, am rechten Ort und mit solchen Mitteln, welche auch eini­germaßen ein Resultat garantiren.

Was will aber eine Rednertribüne, in Erfurt, die das ganze Volk mit Verachtung ober, Mißtrauen an­sicht, gegenüber den haarscharf geschliffenen Säbeln und den geladenen Büchsen Wrangels bedeuten? Herr Venedey verwechselt tu seinem Aussatz in unglaub­licher Verblendung ein Nichthandeln aus Indolenz und Trägheit mit einem Nichthandeln ans kluger Berechnung. Gerade das Nichtwählen ist die Handlung, welche der Demokratie nach den Stand­gerichten in Baden und nach der Sprengung des Par­laments, welchem Akt Hr. Venedey ja selbst als lei­dender Theil beiwohnte, jetzt allein möglich ist; das Be­harren beim Recht ist die Arbeit, und wenn das Volk wieder in vollen Haufen für eine Versammlung wählt, welche die traurige Sklavin der Vernichter des Par­laments ist, so bekundet es gerade durch dieses Wählen Indolenz, Stumpfheit und elenden verächtli­chen Knechtsinn.

Diejenigen sagt Venedey gegen den Schluß seines Aufsatzes die dem Volk rathen, wieder in die Bahn des Harrens und HossenS einzulenken, arbeiten den Feinden deutscher Freiheit und Einheit, die am Tage nach einem neuen äußern Anstoße wieder da sein i werden, vollauf in die Hände."

Wenn nun darüber gar kein Zweifel obwalten i kann, daß das Erfurter Stelldichein eine Hoffnung

sei, die, mehr wie jemals eine deutsche Hoffnung, auf Sand gebaut ist, so ist klar, daß derDemokrat" Venedey diesen Feinden deutscher Einheit und Frei­heit durch seine Agitation für die Wahlen offenbar in die Hände arbeitet. Mit dem obigen Satze hat Herr Venedey selbst seine Bemühung für Erfurt in höchst naiver Weise verdammt. Die Stimme des Herrn Venedey wird ungehört und unbeachtet verhallen, und er wird schließlich damit nur erreichen, daß der Glaube an die Vcnedey'sche Demokratie da, wo er überhaupt noch bestand, tief unter den Gefrierpunkt herabsinkt.

Deutschland.

^ Wiesbaden, 17. Januar. Der Stellvertreter deS schon einige Zeit kranken Herrn Assisenpräsidenten Trepka, Herr Hofgerichtsrath Forst, ist durch Hei­serkeit verhindert, die heutige Assisenverhandlung zu leiten. Der vierte Prozeß (.Anklage gegen Schreiner Fröhlich von Wiesbaden, wegen Fälschung) wird deshalb erst morgen, Freitag dm18., zur Verhandlung kommen. Den Geschwornen werden solche Zwischen­fälle, sollten sie öfter vorkommen, sehr unangenehm sein; hier müßte gleich von vornherein Abyulfe ge­troffen werden, da doch wohl auch ein anderer der Herren Hofgerichtsräthe die Funktionen des Präsiden­ten ausnahmsweise übernehmen könnte.

X Höchst, 14.Januar. Bürger Andreas Groß­mann, den 6. d. Mts. aus dem Criminalgefängniß zu Wiesbaden unter der Anklage auf Lanbesverrath entlassen, bemüht sich angelegentlichst einen politischen Verein zu gründen, um hier die zerstreuten Anhänger der guten demokratischen Sache zum gemeinsamen Wir­ken und Streben, einer sehr thätigen Reaktionspartei gegenüber, wieder zu vereinigen. Wir können dem konfequenten Streben dieses Bürgers, der seit der Marzrevolution theils als Flüchtling, theils als Ge­fangener in den Cascmatten von Germersheim und Rastatt der Volkssache so große Opfer brachte, nur den besten Erfolg wünschen. Zugleich hoffen wir, daß un­sere Mitbürger ihren althergebrachten Ruf politischer Reife und demokratischer Gesinnung bewähren in Ge­brauch des ihnen durch die Grundrechte gewährleiste­ten Rechts der freien Vereinigung.

Y. Diez, 15 Januar. (Der Candidat der evangel. Theologie Wilhelm Künstler und der Gemeinderath zu Diez, sowie die Thä­tigkeit des constitutionellen Wahlcomite's daselbst.) Meinem Versprechen gemäß übersende ich Ihnen heute sowohl Nachrichten über die Thätigkeit des sog. constitutionellen Wahlcomite's, als über den Beschluß des Gemeinderaths in der Künstler'schen Sache, wegen endlicher Entfernung desselben aus Diez. Zuerst lasse ich das Schreiben vom evangel. Kirchen- vorstand an den Gcmeinderach folgen, welches wörtlich

Leben und Abenteuer des John Davys

Von Alexander Dumas.

(Fortsetzung.)

Meine Eltern wollten eigentlich einige Tage in London zubriugcn, aber meine Sehnsucht, Williams- House wiedcrzusehcn, war so groß, baß sie meinem Wunsche nachgebcss und sogleich dahin aufbrechen mußten.

Ich kann es nicht beschreiben, welchen Eindruck nach der ersten einjährigen Abwesenheit das Wiedersehen der Gegenstände auf mich machte, welche die Vertrauten meiner Kindheit gewesen waren.

Im Schlosse selbst war nichts verändert. Jedes Meubel stand an dem gewöhnlichen Orte: der Armsessel meines Vaters am Kamine, der Stuhl meiner Mutter am Fenster, der Spieltisch rechts von der Thür. Jeder hatte während meiner Abwesenheit jenes behagliche nnd ruhige Leben fortgesetzt, das ihn so auf geradem, ebenem und leichtem Wege nach dem Grabe fuhren sollte. Ich allein hatte einen andern Weg betreten, ich allein begann mit freudigem und vertranungsvollem Blicke einen andern Horizont zu erblicken.

Mein erster Besuch galt dem See. Ich ließ Tom und meinen Vater weit zurück und lief so schnell, als meine Füße mich tragen wollten, um meine Brigg einige

Augenblicke früher zu scheu. Sie schaukelte sich noch immer graziös an derselben Stelle; ihre Flagge flatterte im Winde, das Boot lag in der Bucht. Ich legte ; mich in das große blücheureiche Gras und weinte vor Freude und Wonne.

Mein Vater und Tom kamen nach; wir stiegen in das Boot und begaben uns an Bord. Das Verdeck war am Tage vorher gescheuert und gebobnt; man sah es, daß ich auf meinem Schiffspalaste war erwartet worden. Tom lud eine Kanone, und brannte sie ab. Dies war das Signal, die Mannschaft herbcizurufcn. Zehn Minuten darauf waren unsere sechs Matrosen an Bord.

Ich hatte nichts von der Theorie vergessen und meine gymnastischen Uebungen kamen mir in der Praxis sehr zu Stalten. Jedes Manuöver konnte ich rascher und sicherer ausführen, als der geschickteste Matrose. Mein Vater überglücklich, zitterte aber zu gleicher Zeit, als er meine Gewandtheit und Geschicklichkeit sah; Tom klatschte in die Hände, meine Mutter, die uns nachge­kommen war, und uns zusah, wendete jeden Augenblick das Gesicht ab.

Die Mittagsglocke rief. Es war zur Feier meiner Rückkehr Gesellschaft im Schlosse. Der Doktor und der Pfarrer fragten inich über meine Studien und beide schienen mit dem, was ich in einem Jahre gelernt hatte, sehr zufrieden zu sein. Gleich nach Tische ging ich mit Tom nach dem Schießstaude; Abends aber wurde ich,

wie früher, das alleinige Eigenthum meiner guten Mutter.

Nach drei Tagen war ich völlig wieder in mein früheres Leben gewöhnt und das in der Schule verbrachte Jahr schien nur ein Traum zu sein.

Ach, wie schnell vergehen die schönen frischen Jahre und doch ivie erfüllen sie das ganze nachfolgende Leben mit freundlichen Erinnerungen! Wie viel Wichtiges habe ich seitdem vergessen, während mir mein Gedächtniß noch jetzt treu bis zu den geringsten Kleinigkeiten jene Ferien und Schultage vorhält, die so reich waren an A-beit, an Freundschaft, an Vergnügungen und Liebe und wäh­rend denen man nicht begreift, warum Nicht das ganze Leben so fortdauert!

Die fünf Jahre, die meinem Eintritte in die Schule folgten, vergingen mir schnell, wie ein Tag und doch scheinen sie, wenn ich zurückblicke, durch eine andere Sonne erhellt zu sein, als die war, welche mein übriges Leben beschiess. Welches Unglück mir seitdem auch zu Theil geworden ist, ich danke Gott inbrünstig für meine Jugend, denn ich war ein glückliches Kind.

Ich hatte das sechszehute Jahr überschritten. Mein Vater und meine Mutter holten mich wie gewöhnlich zu Ende Augusts ab, kündigten mir aber an, daß ich diesmal nicht' in die Schule zurückkehren würde. Mein Vater war ernster, meine Mutier trauriger als ich beide je gesehen und mir selbst schnürte die Nachricht, die ich so oft gewünscht zu hören, bas Herz zusammen.