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unserer Minister ist wichtig zu constatiren. Sie fällen damit das entschiedenste Verdammungs- Urtheil über ihre ganze bisherige politische L^irksamkcit; sie bekennen, daß die öffentliche Meinung selbst solcher Geschworenen, wie sie die Regierungs-PHsioenten aus den reichsten Steuerzahlern aussieben den entschie­densten politischen Gegnern ihres Systems Recht gibt. Sie erklären, 'daß sie immer noch im Kriegszustände gegen die Nation sind und ihre Zuflucht zu den ge­waltigen Hilfsmitteln nehmen mühen, die nur der Krieg rechtfertigt. Denn ein Staatsgerichtshof selbst als bleibende Institution eines Landes ist, wenn er nicht zur Entscheidung von Cempetenz-Conflikten bestimmt ist, eben nur die Permanenz-Erklärung des Widerstan­des der Regierung gegen das Volk. Ein StaatSgerichts- Hof ist seinem ganzen Zwecke nach kein ordentliches, sondern ein außerordentliches, ein revolutionäres Tribunal und man weiß, daß Revolutionen eben so gut vonoben", als vonunten" gemacht werden können.

Zum Beweise für diese Behauptung bedarf es nur eines Hinblickes auf die Geschichte gerade des Landes, das als Muster für diese Institution hingestellt wird, Frankreichs. Als dort 1791 die große constituirende Versammlung die Verfassung des LanoeS in einer den Bedürfnissen der Situation entsprechende Weise feststellte, da Hütete sic sich wohl, einen Staatsgerichtshof einzu­führen. Sie glaubte, ein normales Staatsleben ge­schaffen zu haben und für dessen Functionen erachtete sie die normalen Gerichte für ausreichend. Als der Convent dann 1793 mir der geänderten Lage des Landes angepaßte Verfassung schuf, und ihren Fortbe­stand hoffte, hielt auch er die gewöhnlichen Gerichts­höfe für genügend, obgleich er die richterliche Gewalt in die Hände vom Volke gewählter Richter legte. Als aber 1795 die Termidorianer und ihr Anhang die be­rüchtigte Dicectotial-Verfahung in die Welt schickten, diese Verfassung, welche dem Volke seine Rechte wieder zu rauben begann, und von der ihre Urheber recht gut wußten, "daß sie weder dem Bedürfniß der Situ­ation, noch der Stimmung der Gemüther entsprach da hielten sie den außerordentlichen Staatsgerichtshof sofort für nöthig. Denn sie hatten eben das Bewußt­sein, daß sie ihr Werk auf Sand gebaut und suchten es äußerlich zu stützen. Aber was half es ihnen? Der gefügige Staatsgerichtshof verurteilte allerdings in Vendöme die sogenannte Babeuvistische Verschwö­rung; aber die Directorial-Derfassung brach doch wie ein Rohr vor dem Winde, während die Keime, die Babeuf gestreut, zu einer gewaltigen Saat aufge- gangen sind und in der Fortentwickelung der Ideen ihre bedeutsame Rolle gespielt haben. Und wollt Ihr unS etwa die vorjährige französische Verfayung mit ihrem Staatsgerichtshof als Muster hinstellen? Glaubt Ihr uns etwa so befangen in der Anbetung demo­kratischer Staats f o r m e n, daß wir darüber verkennten, wie viel Undemokratisches in ihrem Wesen diese fran­zösische Verfassung des vorigen Jahres enthält und wie auch sie weit entfernt ist, die geistigen wie die materiellen Forderungen und Bedürfnisse des fran­zösischen Volkes zu erfüllen? Glaube Ihr etwa, wir achteren vteje Verfahung für lebensfähig und be­griffen nicht, daß dieselbe einen Staatsgerichtshof eben nicht zu entbehren vermag? Und meint Ihr etwa, die beiden vor dem neuen Staatsgerichtshofe in Bour­ges und Versailles abgeurtheilten Prozesse hätten zur Kräftigung der französischen Verfassung beigetragen? Haben sie nicht vielmehr gerade deren Schwächen blos gelegt?

Und ganz so wird es Euch mit Eurer Verfassung und dem Staats-Gerichtshof gehen, durch den Ihr sie stützen und vor Angriffen bewahren wollt. Ihr wer­det damit der Bewegung der Geister und dem An­drange der materiellen Bedürfnisse gegen Euren Staat keinen Einhalt thun. Aber Eines werdet Ihr errei­chen und dessen, ganz offen gestanden, freuen wir uns: Ihr werdet den letzten Rest von Glauben an Eure

Justiz, der sogar durch die neuesten Processe wieder gekräftigt zu werden ansing, vollständig ertödten. Denn Euer Staatsgerichtshof wird dem Fluche nicht entgehen, der auf allen solchen außerordentlichen Tribunalen ruht; er wird, gleich der Sternkammer Englands und den Prevotal-Gerichten Frankreichs,mit Gelehrigkeit der Richtung der Regierung folgen, die ihn eingesetzt," wie schon Thier sals Erfahrungssatz es coustatirt hat. Euer Staatsgerichtshof mit seinen durch ein Disciplinarge- setz geschulten Richtern wird in seinen Urtheilen nicht Recht, sondern Politik sprechen, und zwar eine Poli­tik des Augenblicks, Politik des jedesmaligen Ministe- rii. Seid Ihr aber sicher, immer Minister zu bleiben ?

(R. O, Z.)

Deutschland.

4= Dillenburg, den 10. Januar. Nächsten Mon­tag den 14. d. beginnen die hiesigen Affisen, welche diesmal nur aus folgenden vier Fällen bestehen:

1) den 14.ßuud 15. eine Anklage wegen Gewalt­thätigkeit;

2) den 16. eine wegen Verletzung des Hand­gelöbnisses;

3) den 17. ein kleiner Diebstahl mittelst Ein- stcigens;

4) den 18. ein Diebstahl mittelst Einbruchs.

In der ersten, zwei Tage dauernden Sache tritt Prokurator Braun als Vertheidiger auf; die übrigen drei eintägigen sind, wie ich höre, Armensachen, in welchen der Assiseupräsident die Vertheidiger ernennt. Man gibt allgemein dem Untersuchungsgerichte die Schuld, daß die dießmaligen Assiseu, in Folge einer »och vom schriftlich-heimliche» Verfahren mit überge- schleppten Langsamkeit im Untersuchen, so dürftig aus­gefallen sind, rend eine Menge Untersuchungen noch anhängig ist und die Aprilassisen wahrscheinlich eine sehr lange Dauer erhalten werden.

Die Geschwornen zählen diesmal mehr Städter, Gewerbtreibenve und sogenannte Kapazitäten unter sich, als das vorige Mal. Die Mehrzahl gehört in­deß auch diesmal dem Bauernstände an. Als Ergän­zungsrichter treten Amtmann Isbert von Montabaur und Amtssekretär Schröder von Limburg ein.

Man hatte zwei Majestätsbeleidigungen erwartet, allein die eine ist von dem Ministerium niedergeschlagen worden, die andere noch nicht verwiesen. In beiden Fällen fungiren Reserve-Unteroffiziere als Denunzianten.

Gestern hatten dahier die Ergänzungswahlen zum Bürgerausschuß, unter allgemeiner BoHnligung der Bürgerschaft, statt. Unter den Gewählten finden wir Hofgerichtsrath Hehn er, Prokurator Braun, Asses­sor Horstmann, Landoberschultheis Ein minghaus, Dr. Rossel u. A. '

Die Absicht, sich an der Erfurter Wahl nicht zu betheiligen, greift, trotz vereinzelterkonstitutioneller" Wühlereien dafür, immer allgemeiner um sich.

V.M K. Von der Lahn. (Zur nassauischen Eisen b a h »fra ge.) Es sollte uns nicht wundern, wenn gar Viele jetzt der Meinung wären und, je nach­dem, sich darüber ärgerten oder freuten, daß das deut­sche Volk wirklich die alte Mütze wieder übers Ohr- gezogen habe und von seiner Mühe oder, nach Herrn Detmold, von seinem unberechtigten Rausche, tüchtig ausschlafe. Indessen ein Volk, welches einmal über die Stufe der Hottentotten oder Ostjäken hinausge- kommen ist, kann nimmer wirklich schlafen, es muß wachen und streiten. Wir Deutschen haben nun nacheinander umParlament oder Republik, Verant­wortlich oder Unverantwortlich, Huldigen oder Nicht- hulvigen, Erblich oder auf Kündigung u. s. w. u s. w." gestritten; nachdem das beendet, heißt es jetzt für Nas­sau: Lahn-Eisenbahn oder WieSbaden-Wester- wälder? Vorausgesetzt, daß das nicht wieder ein Streit um Kaisers Bart wirb und wir am Ende gar keine Eisenbahn bekommen, so soll uns das nicht ver­

drießen. Genug, das nassauische Volk schläft nicht; es hat nur den verschieden cocardirten Hut wieder mit der Nachtmütze und Blouse oder Bürgerwehrrock mit dem Schlafrock vertauscht, aber streiten läßt sich in jedem Kostüm. Streit soll sm Physischen die Ver­dauung und in der Wissenschaft die Wahrheit fördern, wir halten Beides für etwas problematisch, aber jeden­falls verhütet er das Einschlafen und Verfaulen und gibt den Zeitungen dankbaren Stoff. Also die Nutzanwendung dieser Betrachtung ist: nachdem Sie in den ersten Nummern dieses Jahrgs. einen Aufsatz gegen die Lahn bahn und für eine Ems- oder Aarthaler ge­bracht haben, so nehmen Sie nun etwas im entgegen­gesetzten Sinne auf.

Da Eisenbahnen indessen im Grunde keine Partei- fragen sind (wir sagen im Grunde, denn es ist uns noch wohl erinnerlich, wie man gutgesinnte, oder wie es damals hieß, loyale Städte, mit Eisenbahnen be­lohnte, gleichsam becorirte) so können wir Ihre Leser- auf einen Aufsatz, den dieNass. Allg. Ztg." in Nro. 6 gebracht hat, und der die hervorragende Zweckmäßig­keit der Lahnbahn von verschiedenenen Seiten darthut, verweisen und begnügen uns hier einige Punkte in ersterem Aussatze (11. Die Eiseubahnfrage für Nassau.) zu beleuchten. Zuvörderst sind wir mit dem ganzen Inhalt des ersten Artikels (in Nro. 1.) auf's Voll­kommenste tüwerstandtn; sodann hat es uns gefreut, daß der Verfasser nicht auch gegen die Lahn bahn, die Lahn sch i ffa hrt geltend gemacht, oder gar, wie viele, behauptet hat, daß letztere nun einmal so viel Geld gekostet habe, daß man keine Lahnbahn bauen dürfe. Dagegen meint der Verfasser im zweiten Artikel (Nro. 4.) eine Lahnbahnsei nicht gut denkbar", die darmstädtische Regierung würde keine Concession zu derselben ertheilen, denn unsere Bahn würde der Main- Weserbahnden ganzen Transit nach dem Rhein entziehen". Das wäre für die Lahnbahn gewiß ein sehr schmeichelhaftes Prognostikon ; wir mei­nen aber, es müsse doch wenigstens erst versucht werden, ob die genannte Regierung durchaus keine Concession ertheilen würde, und halten es für sonder­bar deshalb von vorn herein auf das Projekt zu ver­zichten. Besonders aber ist es mit der Entziehung des Transits nach dem Rheine weder so schlimm noch so gut. Güter von und nach Cöln werden vor wie nach die Cöln-Mindenerbahn benutzen; nach und von Mainz, dem Oberrhein und abwärts bis Bingen werden sie auf der Main-Weserbahn gehen; nach und von Cob lenz u. s. w. werden sie allerdings die Lahn- bahn Umschlägen, aber man würde sie wahrlich auch ohne eine solche nicht von Gießen über Frank­furt und Mainz nach Coblenz senden! Unsere Bahn wird also der Main-Weserbahn in Hinsicht auf Gütertransport wenig oder gar keinen Abtrag thun; sie kann überhaupt nicht viel auf die von weiter her- kommende Fracht rechnen, sondern hauptsächlich auf die Produkte, welche aus Nassau und dem Kreise Wetz­lar nach dem Rhein gehen (Eisenerz, Braunstein, Mi­neralwasser, Frucht 2C.) und auf die Rückfracht vom Mittelrhein (Steinkohlen, Colonialwaaren, GypS rc.). Gießen würde bei der Lahnbahn nur gewinnen, denn es würde Stapelplatz und was den Personen­verkehr betrifft, so würde die Main-Weserbahn durch die Lahnbahn nicht nur nichts verlieren, sondern die­jenigen Reisenden, wenigstens bis Gießen gewinnen, welche von Berlin, Hannover u. s. w. nach Coblenz u. s. w. reifen, und oyne das Bestehen einer Lahn­bahn die Cöfn-Mindencr benutzen würden.

Durch den dritten Artikel (Nro. 5) hat uns der Versager einen Dienst erwiesen. Er hat 1) bewie­sen, daß eine Bahn von Wiesbaden nach Lim­burg ungeheure Schwierigkeiten bietet; daß sie ent­weder bis halbwegs Frankfurt oder bis halbwegs Elt­ville umführen mußte, daß es also 3) ein comple- ter Unsinn wäre, eine Main-Lahnbahn von Wies­baden aus nach Limburg zu führen, statt sie bei Hat-

Mein Vater hatte feine Uniform angelegt; alle unsere Bekannten waren nie gewöhnlich zum Besuche angekom- meu, nur Tom fehlte. Nach dem Frühstück wurde vor- geschlagen, eine Promenade nach dem See zu machen. Dies geschah; ich aber sprang voraus und pflückte Blumen, bis ich am Rande des Parkes wie versteinert stehen blieb, starr auf den See sah und weiter nichts hervorbringen konnte als: .Later, eine Brigg."

(Fortsetzung folgt.)

B. Theater zu Wiesbaden.

Wiesbaden, ten 13. Januar. Gestern endlich hatten wir, nachdem längere Zeit Opern an der Tagesordnung gewesen waren, wieder den Genuß, das Werk eines großen Meisters, denClavigo" zu sehen. Es ist ein beklagenvwerthes Zeichen von dem Geschmack des Resi- Lenzpublikums, daß gerade die besten Drama's fast immer vor nur spärlich besuchtem Hause gegeben werden.. Selbst die vorzugsweise s. g. Gebildeten zeigten wenig Theil­nahme. Es scheint dann doch nicht, daß das Theater von der großen Mehrzahl als Kunstanstalt betrachtet werde. Man wendet indessen auch nicht die geeigneten Mittel an, um den Kunstsinn zu wecken and den Ge­

schmack zu bilden. Auf diesen Punkt werden wir in der nächsten Zeit einmal näher eingehen.

Was die einzelnen Rollen anbclangt, so müssen wir vor Allen Hrn. Weilend eck als Carlos hervorheben. Je weniger einer solchen Rolle in der Regel der Applaus des Publikums zu Theil wird, um so mehr ist hier der Ort, bem wahren Künstler Gerechtigkeit widerfahren zn lassen. Wir können zwar immer von Hrii. Wei le»= deck etwas Tüchtiges erwarten, aber gestern hat er unsere Erwartungen bedeutend übertroffen. Seine Rolle ist offenbar die schwierigste, von d.'m Dichter selbst bis auf die feinsten Nüaneen mit der größten Sorgfalt aus- gearbeitete. Hr. Weilenbeck war in dieser Rolle voll­ständig aufgegangen, er hatte sich mit ihr identificirt; kein Mißvcrständniß, kein Zwiespalt. Man hatte nicht mehr Hr». Weilenbeck vor sich als Carlos, sondern blos den Carlos; und gerade darin erblicken wir die Vollkommenheit des dramatischen Künstlers.

Hrn. Weilenbeck zunächst steht Frl. Daun, als Marie Beaumarchais. Wir müssen ihr ebenfalls die Anerkennung zu Theil werden lassen, daß sie ihre Falle richtig aufgefaßt und mit bekanntem Talent durch geführt hat. In dem ersten Act hätte sie die Gefühle des spanischen, verlassenen Mädchens mit etwas mehr Kraft und Ergriffenheit schildern dürfen.

Hr. Nerking, der den Beaumarchais gab, besitzt nicht in so hohem Grad, wie die beiden eben genannten Künstler, die Gabe, seine Individualität abzustreifen

und blos als die Person des Drama's zu erscheinen. Er ist sich in allen Rollen mehr oder weniger ähnlich; etwas Storndes hat sein Spiel deßhalb öfters da, wo seine Manier in die Situation nicht ganz paßt, wie das z. B. bei seinem ersten Besuch bei Clavigo der Fall war. An einzelnen Stellen z. B. im vierten Akt bei Entdeckung der zweiten Treulosigkeit war Hr. N e r k i n g sehr gut.

Die Titelrolle war Hrn. Wilke zu Theil geworden. Was Hr. Wilke zu wünschen übrig ließ, war nicht idie richtige Auffassung seiner Rolle, sondern lag mehr in der äußern Erscheinung. Sein Auftreten ist nicht glatt und abgerundet genug; er scheint auf der Bühne noch genirt Zn sein. Hr. Wilke fühlt dies offenbar selbst und sucht es durch ein oft auffallendes Mienen- und Gebr rdenspiel zu verdecken. Wenn er dies ablegt und mehr zu dem Einfachen und Natürlichen zu- rückkehrt, so wird der künstlerische Werth seines Spiels bedeutend größer und der Eindruck, den eS macht, ein viel angenehmerer sein.

Hr. Tietz als Buenko und Frau Meisinger als Sophie Guilbert waren ganz leidliche Erscheinungen.

Wer das rechte Verständniß mitgebracht hat in das Theater und der Darstellung aufmerksam gefolgt ist, konnte dasselbe nicht ohne tiefen Eindruck verlassen, einen Eindruck, wie ihn auch die beste Oper nimmermehr zu­rücklassen konnte.