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Freie Zeitung.

änheik unb Neehl!"

^ J0 Wiesbaden. Samstag, 12 Januar L8ZG.

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C r k l ä r u n ft.

Es ist in neuester Zeit vielfach die Frage aufgc- taucht:Gehört die Politik auf die Kanzel, oder nicht?" In derNass. Allgein." hat kürzlich auch ein Deutschkatholik", wir wissen nicht, ob ver­anlaßt durch Erfahrungen in seinem engeren Gemein- dcverband, diese Frage erhoben und entschieden ver­neint. Mancher wird vielleicht erstaunen, wenn er den Unterzeichneten durch eigenes Bekenntniß, das er hier­mit öffentlich abgelegt wissen will, in den Reihen de­rer erblickt, welche jene Frage, falls nur der Begriff Politik", scharf abgegrenzt in's Auge gefaßt wird, ebenfalls entschieden verneinen. Er wird aber nur deshalb erstaunen, weil er von der Aufsagung des christ­lichen Predigerberufes, wie ich sie habe, persönlich und unmittelbar sich zu überzeugen noch nicht Gelegenheit hatte oder nahm, und weil andererseits in jüngster Zeit durch öffentliche Stimmen die Sache der freien christlichen Gemeinden und das Wirken deutschkatholsicher Predi­ger mit speciell oder unmittelbar politischen Zwecken geradezu zusammengeworfen wird.

Unter sog. p 0 l t t i sch e n Predigte n " verstände ich aber, und zwar gewiß in Uebereinstimmung mit jedem Unbefangenen, solche, in welchen etwa Fragen behandelt würden, wie folgende:Ob Monarchie oder Republik, ob Wählen zum Reichstag oder nicht, ob Revolution oder Reform?" re. selbst die Frage, ob man den Menschenwerth und die Bürgertugend nach dem Geld besitze schätzen dürfe /wiewohl an sich in's Gebiet christlicher Moral gehörig, würde ich doch noch zu denjenigen politischen Fragen zählen, von denen ich glaube, daß sie aus der Predigt fern gehalten werden müssen, wenn sie speziell im Hinblick z. B. auf das preußische Wahlgesetz behandelt werden sollte.

Will man aber unterpolitischen Predigten" auch diejenigen verstehen, in denen der Redner, unbeirrt durch allen Wechsel der Zeit, die ewigen Ideen in's Auge faßt, an denen die Menschen und Völker in Freud und Leid, in Noth und Tod ihre Erhebung und Aufrichtung finden sollen, die Ideen der Wahr­heit und Freiheit, des Rechtes und der Tugend: dann freilich muß ich gestehen, daß ich politische Predigten halte. Will man unter diesen Namen auch diejenigen Reden begreifen, in welchen hingewiesen wird auf je­nes Ideal, das Christus uns mit dem WorteHim­melreich" bezeichnet, auf jenes Himmelreich, in wel­chem die erhabenen Gedanken des Wclthcilandcs aller­dings auch in der Politik, im Staats- und Völkerle­ben, in Familie, Schule und Gerichtssälen einmal Gestalt gewinnen und in Fleisch und Blut übergehen und die Quellen der Bildung, der Veredlung und deS Glückes allen Menschen auf Erden gleichmäßig zugäng­lich und geöffnet werden: dann halte auch ich freilich politische Reden. Und ich müßte die Aufgabe und Kunst der Redner aller Zeiten schlecht begriffen ha­ben, ich müßte selbst kein Redner sein oder werden wollen, wenn ich bei dem erstrebten Zwecke jeder Rede nicht an gegebene Verhältnisse der Gegenwart und des Lebens, die die Gemüther aller meiner Zuhörer bewegen, anzuknüpfen, wenn ich das Ideal nicht in fortwährenden Vergleich mit der Wirklichkeit zu brin­gen wagte.

Je ferner die heutige Menschheit dem Ideale jenes Himmelreichs noch steht, desto mehr gilt es, sein hei­liges Feuer in den Herzen der Menschen zu schüren und zu nähren, und ich halte dafür den Boden der Kirche für ausschließlich bestimmt, wenn anders die die Menschheit bewegenden Ideen nicht durch blutige Revolutionen, sondern auf dem Wege des Geistes und friedlicher Reform jemals in der Welt sich vollziehen und verwirklichen sollen. Mit bloßen Sittenpredigten, die ohnehin jedem Christen, jedem Menschen von einem nie schlafenden Wächter in der eigenen Brust Tag und Nacht und stündlich laut genug gepredigt werden, scheint mir in unserer Zeit für die Veredlung und Bejeeligung der Menschheit ebensowenig ausgerichtet werden zu können, als mit ausschließlichen Vertröstungen auf das jenseitige Leben und mit dogmatischem Schulgczänke.

Ebensowenig glaube ich, daß ein Prediger die Her­zen seiner Zuhörer für höhere Zwecke und namentlich für die Beglückung ihrer Mitmenschen gewinnen wird, wenn er, statt die" Gemeinde zu erheben zu immer le­bendigerem Bewußtsein der Menschenwürde, sie all­sonntäglich abkanzelt in Buß- und Strafpredigten ge­gen die stets überhandnehmcude Sündhaftigkeit und Verderbniß der Welt; aber es andererseits doch unter­

läßt oder nicht wagt, mit den Grundsätzen der christ­lichen Moral offen und furchtlos auch gegen ein Sy­stem zu Felde zu ziehen, das das Glück der Völker auf Maßregeln der rohen Gewalt und blutiger Ver­geltung zu gründen sucht.

Jeder Leidende und Arme, jeder Trost- und Hülf- bedürstige, sei es, daß er durch das Bewußtsein eige­ner Schuld, oder daß er von harten Schlägen des Schicksals niedergebeugt wird, eilt am Sonntage zur Kirche, um in gemeinschaftlicher Erhebung mit seinen Mitmenschen und im Bewußtsein des innigen Zusam­menhanges mit einer sittlichen Ordnung der Welt Trost und Erbauung zu finden: warum sollte der Red­ner schweigen von dem, was nicht auf einem oder dem andern, sondern was centnerschwer auf den Herzen ganzer heutiger Völker lastet?!

,1 Wenn jedoch auch diese Richtung des Predigens, die ich soeben angedeutet, von einzelnen Stimmen viel­leicht noch als einepolitische" bezeichnet werden sollte: nun, so mögen sie eben lernen und hören, daß diese Politik" von einem ernstlichgemeinten Christenthume sich nicht trennen läßt, sondern wesentlich mit ihm zu­sammenfällt; so mögen sie es erfahren, welche Grenz­linie sie auch in ihrem politischen Wirken niemals über­schreiten dürfen, wenn sie in diesem als wahre Chri­sten bestehen und von dem Christenthume nicht ab­gehen wollen! Die Worw der Wahrheit aber haben zu allen Zeiten nur den einen, Gottlob! den größeren Theil der Menschen befriedigt, den andern haben sie immer um so empfindlicher getroffen und verletzt, je entschiedener und eindringlicher sie verkündigt wurden. So war es zu Christi Zeiten auch, und heute noch müßten wir fürchten, ganz unzweifelhaft auf dem un­richtigen Wege zu sein oder unser Wirken wie einen Tropfen in's Meer der Vergeblichkeit und Vergessen­heit sinken zu sehen, wenn man uns sagte, daß wir es allen Menschen angenehm und recht gemacht hätten.

Gerade so wie hier in Wiesbaden von gewisser Seite über die Tendenz meiner Predigten geurtheilt wird, meist, wie ich mich überzeugt, von Leuten, die nur selten sich die Mühe nahmen, ja nicht einmal den Muth Haben, über das Streben der freien christlichen oder deutschkatholischen Gemeinden einmal durch eigne Anschauung sich zu belehren, ebenso wurde in einer andern kleinen Residenz die Reden eines Mannes ver­dächtigt, der unter den Predigern der jungen Gemein­den bisher mit Recht als der sanfteste Apostel der Ver­söhnlichkeit und Liebe betrachtet wurde und noch be­trachtet wird. Es ist dieß der Prediger Hieronymi in Darmstadt. Auch dort wußten verkappte Jesuiten kein sichereres Mittel, die Sache des freien Chnsten- thumes zu Grunde zu richten, als indem sie dieselbe vor einer reaktionären Bevölkerung mit einem ver­haßten politischen Systeme zusammenwarfen. Ucberall raunte man dem Volke in die Ohren, Hieronymi's Wirken gehe schnurstraks auf die rothe Republik, auf den Communismus los, bis dieser sich veranlaßt sah, einige seiner am meisten verlästerten Reden dem Drücke zu übergeben, um so das Urtheil der Gutge­sinnten und Unbefangenen über unsere heilige Sache und sein eignes Wirken für diesAbe zu berichtigen.

Auch ich sehe mich im Interesse der Heiligen Sache, der ich diene, veranlaßt, ein Gleiches zu thun, und bin gesonnen eine Reihe meiner im letzten Jahre ge­haltenen Predigten durch den Druck 51t veröffentlichen, sobald ich unter den Freunden der freien Kirche auf dem Wege der Subscription werde erforscht haben, ob cs mir möglich werden wird, die Druckkosten zu decken, was ich nicht bezweifle.

Wenn derDeutschkatholik", welcher in der Nass. Allgem. kürzlich die obenberührte Frage erhob, zur An­regung derselben vielleicht gerade durch mein Wirken auf der Kanzel sollte bewogen worden sein; und wenn er, was ich fast bezweifle, seine Veranlassung nicht aus bloßem Hörensagen, sondern aus eignem Anhören meiner Predigten schöpfte: so sei er hiermit angelegent­lichst aufgefordert, mir diejenige Rede speciell, zu be­zeichnen, in welcher ich ihm die Grenzlinie, welche eine christliche Predigt von einem reinpolitischen Vor­trage scheidet, ungebührlich überschritten zu haben schien. Diese Rede soll dann in der zu veranstalten­den kleinen Sammlung auf keinen Fall fehlen.

Alsdann mögen meine zahlreichen Zuhörer entschei­den, ob sich in dieser Sammlung nicht der Geist mei­nes letztjährigen Wirkens klar und wahr abspiegele; und eine unbefangene, scharfe Kritik möge richten nicht allein darüber, ob ich die ewigen Grundsätze der Wahr­

heit und eines werkthätigen, lebendigen Christenthumes rein nnd ohne Furcht vor den Menschen predige, son- dern auch darüber, ob ich den Takt besitze, einen christlichen Kanzelvortrag von politischem Parteigezänke, wie es leider nur zu oft auf Kanzelstühlen der alten Kirchen erschallt, zu unterscheiden und letzteres auS ersterem fern zu halten.

Eduard Graf, deutschkathol. Prediger.

Die Stellung der Geistlichen und die freie Kirchenverfassung. (Schluß.)

IL

/ Vom nördlichen Taunus, Anfangs Januar. Die Berufung einer Landessynode ist, wenn auch Hin- ausgeschobcn, doch noch nicht aufgehoben, die Synode hat laut der Ministerialbekanntmachung vom 2. Mai 1848 und laut den Grundrechten die Aufgabe, die Trennung der Kirche vom Staate durch Schaffung einer neuen Verfassung der erstern durchzuführen, d. h. dieStaatskirche zu sprengen" nndeine freie Kirche zu bauen"; diejenigen nassauischen Geistlichen aber, welche es jetzt noch wagen, hierzuöffentlich nur auf- zufordern", sie werden mit Absetzung bedroht! Und dennoch ]oll, nach dem Antrag unserer Kirchenkommis­sion, die Synode zur Hälfte aus Geistlichen bestehen, wozu noch ein Abgeordneter des theologischen Semi- nars kommen soll! Was wäre von einer solchen Sv- node zu erwarten? Würde sie die ihr obliegende Auf­gabe zu lösen im Stande sein? Man fordere von Menschen nicht zuviel. Wie viele Geistlichen würden sich wohl finden, die, auf die Gefahr hin, abgesetzt zu werden, sich muthig an die Lösung jener Aufgabe machten? Denn auf eine wahrhafte Unverant. Wörtlichkeit wegen dessen, was die Mitglieder einer solchen Versammlung in ihrem Berufe sprechen und beschließen, kann man im Hinblicke auf die letzten Vor- gänge in Deutschland nicht mehr hoffen. Abgesetzt, mit Weib und Kind auf die Straße geworfen zu wer­den , das ist keine Kleinigkeit, besonders für unsere Geistlichen, die bekanntlich ihrer großen Mehrzahl nach kein glänzendes Privatvermögen besitzen. Einer solchen Gefahr Trotz zu bieten, und unter so mißlichen Ver- hältniycn keinen Finger breit von dem vorgezeichneten Wege abzuweichcn , dazu gehören Männer von Stahl und Eijen und das sind unter allen Klassen der mensch­lichen Gesellschaft immer nur Einzelne. Unter den Kirchendienern aber wird man solcher Männer um so wenigere finden, da es denselben, wenn sie um ihren Dienst kommen, weit schwerer wird, als einem abge­setzten Staats diener, sich auf andere Weise ihren Lebensunterhalt zu verschaffen.

Die Winke derNassauischen Allgemeinen", welchen auch bald Oie von ihr gefordertenThaten" folgen werden, müssen also auch den Allerblinvesten zu der Einsicht bringen, daß von einer Synode nach dem Vorschläge der Mirchenkvinmissio»", von einer Synode, die ihrer Mehrheit nach aus Geistlichen besteht, nicht das mindeste Heil zu erwarten ist. Es muß dies jetzt auch Denjenigen klar werden, welche bisher noch nicht eingesehen haben, wie widersinnig eine solche Zusam- meusetzung der Synode schon an und für sich ist. DieNass. Allg." hat uns in dieser Hinsicht unsere Beweisführung wesentlich erleichtert, und wir wollen jetzt nur noch mit einigen Worten auf jenen Wider­sinn Hinweisen.

Die Geistlichkeit, die von der Staatskirche ange­stellt, besoldet, geschützt und benutzt wird, braucht sich an das Volk nicht zu kehren, sie beherrscht daS < olk; durch eine freie Kirchenverfassung soll die Geist­lichkeit auf die Seite des Volks gestellt, von dem Volke koutrolirt werden: und dies soll die Geistlichkeit selbst thun? Die Geistlichkeit soll sich selbst kontroliren? Lächerliche Zumuthung!

Die äußere, ins Leben eingreifende Erscheinung ist das Pfaffenthum. Die Geistlichkeit ist es, m wel­cher das Pfaffenthum seinen Sitz hat, und aus welcher diesesböse Wesen", wie es dieNass. Allg." nennt, ausgetrieben werden soll. Und dieses Geschäft soll die Geistlichkeit selbst übernehmen? Die Geistlichkeit soll sich selbst reformiren? Noch viel lächerlichere Zumu­thung.

In der That, ein Wahlgesetz, welches vorschreibt, daß die Hälfte der Synodalmitglieder plus 1 (o.m eigentlich 4- %!) aus Geistlichen bestehen muß, ist so