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Wiesbaden. Donnerstag, 10» Januar

1850

Freie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme deS Montags, täglich in einem Bogen. Der Abonnementspreis beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden 1 fL 45 fr aus-

durâ, die Post bezogen mit verhältnißmäßigem Aufschläge. Inserate werden bereitwillig Ausgenommen und sind bet der großen Verbreitung derFreien Zeitung" stets von wirk- samem Erfolge. Die Inserationsgebühren betragen für die vrerspaltrge Petitzerle 3 Kreuzer. _____

XV. Der große König von Syrien und seine

Jntrignantcn.

Es geschieht nichts Neues unter der Sonne." (Prcd. 7, 9.)

Alles schon einmal da gewesen!" "7? Wohl mögen viele Ereignisse der neuesten Zeit schon einmal wie der Berliner sagt da gewesen sein, nur nicht die Adressenmanie des seivnen Pöbels (und der Bourgoisie), wie er namentlich in Berlin selbst einheimisch ist und den schon der große Napo- leon mit Recht dieCanaille" genannt hat. Zum Beweise dessen wollen wir dem wißbegierigen Lesepu­blikum eine Geschichte aus der alten Zeit mittheilen, welche mit der Bersolgungsgeschichte unsers edlen Waldeck viele Aehnlichkeit hat und deren umständlichere Schilderung in dem 5ten Buche des römischen Ge­schichtsschreibers Polybius nachzulesen ist.

In dem syrischen Reiche der Selelwiden regierte vom Jahre 222 bis 187 v. Chr. A n ti och u s, der sich, wie viele seiner Collegen der Jetztzeit, ebenfalls gernden Großen" nennen ließ; obgleich ex der Va­ter jenes berüchtigten Antiochus gewesen, den wohl die kriechenden HofdienerEpiphanes" (d. h. zu deutsch der Erlauchte) nannten, der aber in seinem Säufer­wahnsinn so sehr alle Grenzen des Anstandes über­schritten hatte, daß ihn das Volk. nach den Andeutun­gen des Propheten Daniel mit RechtEpimancs", (d. h. der Verächtliche und Wahnsinnige) geheißen hatte!

Jener Antiochus hatte nun einen treuen und Wel­sen Staatsdiener und Feldherrn, Namens Epigenes, den er früher ehrte und achtete, weil er es mit Fürst und Volk sehr ehrlich meinte; doch edlen Charakteren hat es nie weder in alter noch in neuerer Zeit

Nebenbuhlern gefehlt, denen kein Mittel zu heilig war, um ihre schändlichen Zwecke zu erzielen! Ein gewisser Hermias nämlich, welcher die Soldaten des syrischen Heeres mit seinem Reichthum bestach, beredete den sogenannten Antiochus den Großen, daß er sich nicht mehr des wohlmeinenden und weisen Rathes des Epigenes bediente, und denselben vielmehr während eines Feldzuges zurückließ und ihn sogar unter die Aufsicht des Schloßbeamten Aleris stellte: mit wel­chem letzteren Hermias verabredete, daß er während dieser Zeit den Epigenes auf irgend eine Weise aus dem Wege räumen solle. Aleris gab, seinen Befeh­len zu Folge, nachdem er einen der Hausbedienten des Epigenes mit der Versprechung emer'großen Belohnung bestochen, demselben einen Brief, mit dem Auftrag, solchen unter die Papiere seines Herrn zu legen.

Dies war ein erdichteter Brief von dem Molo, gegen welchen Antiochus zu Felde zog, worin er dem Epigenes für die Stiftung einer Verschwörung wider den König dankte, und ihm Anweisung gab, durch welche Mittel er dieselbe sicher vollziehen könne. Ei­

nige Tage nachher ging Aleris zum Epigenes und fragte ihn: ob er nicht einen Brief von Molo em­pfangen habe?

Epigenes antwortete, daß er mit Aufrührern nichts zu schaffen habe; Aleris aber benachrichtigte ihn, daß er Befehl habe, seine Papiere durchzusehen, und drang mit Gewalt in seine Gemächer ein: Als man nun eine Nachsuchung vorgenommen, wurde der er­dichtete Brief gefunden; worauf Epi gen es, ohne gerichtlich überführt oder auch nur verhört zu werden, sogleich getödtet wurde. Der König billigte bei dem bloßen Anblicke des Briefes dessen Tödtung und rühmte den Eifer des Aleris sehr. Die Großen am Hofe aber sahen die ganze Sache ein; ob es gleich Keiner unter ihnen wagte, seinem Herrn aus dem Irrthum zu helfen, weil sie durch des Staatsbedienten große Macht zum Stillschweigen genöthigt waren!

Wir brauchen nun dem verständigen Leser wohl nicht auseinander zu setzen, welchen Personen in dieser alten Geschichte die bei der Verfolgung unsers schuld­losen Waldeck thätig gewesenen Leutchen gleichen. Ebenso wenig haben wir zu bemerken nöthig, daß da­mals in Syrien noch keine Geschwornengerichte bestan­den ; obschon diese Anstalt keineswegs neu und ihr Ur­sprung nicht bloß bei den alten Germanen, uii dbei den Engländern oder Franzosen zu suchen, sondern auch schon in der Bibel begründet ist, wo bekanntlich die ältesten der Gemeinde, die Vertrauensmänner des Volkes, un­ter den freien Thoren der Städte öffentlich und münd­lich über Leben und Eigenthum ihrer Mitbürger rich­teten. Was jedoch bei der Prozeßgeschichte Waldecks neu ist, das mag die Anerkennungsabresse sein, welche mehre Einwohner Berlins dem Polizeichef Hinkeldey für seine so wohlgemeinten Staats - Absichten zusand- ten! Wohl erzählt die Geschichte, daß Antiochus seinen Günstling Hermias später selbst hinrichten ließ; daß aber die verstummtenStaatsdicner, oder die mit dem Gelde des Hermias gefütterten Soldaten ober gar die von der Willkürherrschaft gedrückten Völ­kerschaften dem Hermias und seinem Helfershelfer Aleris obendrein noch eine Dankadresse zusandten davon schweigt sie. Das war nur einem de­in oral isirten Theile der Berliner Bevölkerung vor­behalten!! DarumNichts Neues unter der Sonne"! undAlles schon 'mal da gewesen", nur nicht die Adressenheuchelei des verderbten Geschlechtes unserer Zeit!!!

Deutschland.

B. Wiesbaden, 9. Januar. Im Geheimeraths- Viertel ist, wie Sie bereits gemeldet haben, ebenfalls keine gültige Wahl zu Stande gekommen. Die Sache verhält sich so: die Wahlordnung für die Wahlen bes Bürgermeisters, der Gemeinderäthe und des Bürger- ausschusses schreibt vor, daß die Wahl erst dann vor sich gehen könne, wenn wenigstens zwei Drit­

theile der Gemeindebürger anwesend seien. Ob­gleich nun im Geheimeraths-Viertel die Zahl der An­wesenden nicht zwei Drittheile betrug, wurde die Wahl in Folge eines Beschlusses der Versammluug doch vor­genommen, indem die Herrn annahmen, daß, wenn mehr als die Hälfte vnn 2 Dritttheilen der Stimmen sich vereinigten, die Wahl gültig sein müsse.

Und in diesem Viertel wohnen unsere namhaftesten Juristen, wie Muffet, Bertram, Flach jun., Großmann, v. Arnoldi, Ler u. A-, und sogar Werren! Und Herr Tippel, der die Wahl als Gemeinderath geleitet hatte, übernahm-es sogar, die Gültigkeit derselben in der Sitzung des Gememveraths zu vertheidigen! Was glauben Sie wohl, was die Herren dazu gesagt hätten, wemr die Demokraten einen solchen Verstoß gegen die einfachsten Regeln der Logik gemacht hätten? Dann hätte man hören und des andern Tages in der Nass. Allgem. lesen können, wie sehr es sich auch hier wieder zeige, daß das Volk un­reif, daß die schlechte Presse und die Wühler jede Ach­tung vor dem Gesetze untergraben hätten ic. und daß es endlich Zeit sei, zu den einfachen Grundsätzen des Absolutismus zurückzukehren.

Der demokratische Gemeinderath, über den die Herrn im Geheimeraths-Viertek die Nasen rümpfen, hat ihnen diesmal in geeigneter Weise das Pensum rorngirt.

= ^dstein. (Antwort auf eine Interpel­lation.) Wenn dem Herrn Interpellanten (von Wiesbaden, 1/. Dez.) in Nro. 31*2 dieser Zeitung Silles was bisher über die Nayaufichen Archive öffent­lich an verschiedenen Orten gedruckt von Nachrichten erschien, noch nicht hinreicht; so wird er geziemend hierdurch eingeladen, an Ort und Stelle zu kommen, um persönlich von dem Stande der ganzen Archivver­waltung in ihrer volle sic» Lusv^^ SH- âE- zeugen.

Wenn den Archiven vom Landtage auch nur ein Geringes verliehen wird, so soll das anderwärts hin­reichend genau bezeichneteUrkundenbuch" sofort er­scheinen und thatsächliche Beweise liefern.

Was die Arch iverwaltung betrifft, so wurde dieselbe im Jahr 1848 bei der ersten Hitze, und zwar ohne alle vorgängige Untersuchung oder Akteneinsicht, also ungehört und blindlings, vom Landtage verur- theilt. Nachdem aber das" Herzogliche Staats-Mini­sterium für das nächste Büdget eine ausführliche Er­läuterung aller landständischen Ausstellungen angeord- net und übergeben hatte, nahm der Landtag seine all- zurafche ü erurtyellung öffentlich zurück, und die früheren einzelnen namhaften Twler blieben stumm. Dieser anerkennende Widerruf steht gedruckt in den Verhand­lungen vom Jahr 1849 Bdl. S. 242 und belobt insbesondere die Genauigkeit und Sparsamkeit in den einzelnen Geldposten.

Wenn der Herr Interpellant, was ans den vor-

B. Theater zu Wiesbaden.

Wiesbaden, den 9. Januar. Gestern wurdeRobert der Teufel" gegeben. Die Darstellung ist im Ganzen eine recht gelungene zn nennen. Wir möchten indessen der Direktion empfehlen, auf die Einübung der Neben­personen und Nebensachen etwas mehr Werth zu legen indem der Mangel an präciser Ausführung in dieser Be­ziehung zu allerlei Störungen Veranlassung gibt. Was die Leistungen der einzelnen Personen betrifft, so entsprach Frl. von Bracht als Jssabella den von ihr gehegten Erwartungen ganz. Das Publikum ist indessen mit seinen Beifallsbezeugungen gegen dieselbe so verschwenderisch ge­wesen, daß dieselben offenbar an ihrem Werth bedeutend verloren haben. Es ist recht anerkermenswerth, daß man die junge, talentvolle Sängerin ermuthigen will, aber was zu arg ist, ist zu arg. Das Publikum macht sich durch dieses Uebermaaß lächerlich und Frl. von Bracht wird nächstens in der Lage sein, sich diesen Beifall verbitten zu müssen. Sie ist fortwährend in sichtlicher Verlegenheit und großer Aufregung.

Am abgerundesten und vollendetsten war Gesang und Spiel der Frl. Kern. Die Rolle des Bertram wird die Fortze-Rolle des Herrn Stepan sein, wenn er sich noch etwas mehr Gewandtheit im Spiel gueignct. Herr Eberius war gestern ebenfalls recht gut.

Wie man hört, hat der Herzog den Wunsch zu er­kennen gegeben, daß Frl. von Bracht engagier werde. Die Thcütcrcvmmission und Herr Capcllmcister Schmidt werden sich dem wohl fügen.

Es scheint fast, als sollte das neue Jahr blos mit Opern ausgefüllt werden.

Crinrrermrg an Vilagos.

(Schluß.)

Nur ein Svldatenhcrz kann das Gefühl empfinden und wiedergcbcn, das den Mann ergreift, der sich von seinen Waffen trennen muß. Viele zerbrachen sie in un­mächtiger Wuth, andere küßten unter Thränen das kalte Eisen, während eine große Zahl schrie man solle sie gegen den Feind führen, aber diese Schmach von ihnen nicht verlangen. Ich sah, wie sich Offiziere und Ge­meine in die Arme warfen und schluchzend von einander Abschied nahmen. An andern Orten aber wütheten sie gegen diese, und beschuldigten sie des Etgenuyes. Keine Feder kann aber die Trauer, die Verzweiflung beschreiben die unter den Husaren herrschte. Er der sich nur auf seinem Pferd behaglich fühlte, sollte absteigen und sich

wie der letzteBaka" zu Fuße fortschleppeu. Mancher erschoß sein Pferd, und der sich ohne Zucken cm Glied amputiern ließ, brach wie ein Kind in das schmerzlichste Schluchzen ane.

Inmitten dieser Scenen ritt Görgey stolz und unbe­wegt, wie eine marmorne Statue des Mars, umher, und nur hie und da hörte man seine metallene Stimme in Ermahnungen zu Beschleumgungen ertönen.

Inzwischen hatten |id> auch die Schatten der Däm­merung über die weiten Felder geworfen und vermehrten noch das Düstere des Vorgailges. Die armen Opker deS Krieges halten sich auf da.- von Abendtau beo.ckce Gras geworfen, neben ihnen ftmteii die n Pyramiden ausgestellten Waffen, die Fahne in der Mitte als wârxn cs geisterhafte Skelette jener Bataillone, deren Reihen einst so viel Muth, so viel Aufopferung belebte.

Aber ihre Rast währte nicht lange; die ru fische Es­corte kam herangefprengt, und noch denselben Tag mußtest sich die so Begleiteten eine Station weit nach Zarand fortschleppeu.Das ist die Ehrenwache," hörte ich in ihren Reihen ausrufen. Der Marsch unter ruffischer Escorte von Szöllös bis Sarkab dauerte acht Tage. Wer zufällig während dieser Zeit auf die Trümmer der ungarischen Armee gestoßen wäre, hätte geglaubt, einer jener bunten Karawanen der arabischen 'Sandwüste zu