„Freiheit «n& Recht!"
Wiesbaden. Mittwoch, 9. Zaun ar ISS®»
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ErwLederung auf den offenen Brief des Herrn Kirchen- rath Schultz zu Wiesbaden an den Pfarrer Snell zu Langenbach.
Als ich den „offenen Brief" an mich in No. 306 der Nassauischen Allgemeinen Zeitung" zu Gesicht bekam, war ich anfänglich rücksichtlich meiner Erwiederung in einiger Verlegenheit, da es mir, wenn auch wahrscheinlich, so doch nicht ganz gewiß war, daß Sie, Herr Kirchenrath, der „Karl Wilhelm Schultz" seien, der jenen Brief unterzeichnet hat. Meine Pfarrregistratur, in welcher sich ein Aktenstück mit Ihrer Namens- Unterschrift findet, in dem Sie sich zu rechtfertigen suchten, daß Sie im Widerspruch mit Ihrer erhaltenen Instruktion zu der Ausstoßung Mu pp's aus dem Gustav-Adolfs-Verein mitwirktcn, konnte ich nicht Nachsehen, da mir bekannter Maßen die Schlüssel zu meinem Kirchenschrank entzogen sind. Indessen die bloße Namensunterzeichnung ohne Beifügung des Charakters selbst, die ganze Art und Weise, wie der „offene Brief" an mich abgefaßt ist, das Bewußtsein einer einflußreichen Stellung, welches sich in demselben ausspricht, sodaß sogar im Namen der „Kirche" und der gcsamm- ten protestantischen Geistlichkcr per „wir" geredet wird, hat mir alle Zweifel, daß Sic der Verfasser seien, benommen.
Und eben dieser Ihrer hohen einflußreichen Stellung dünkt es mich nun vor Allem wenig würdig, unter Ihrer Namensunterschrift einen Mann anzu- greifen, von welchem Sie im Voraus zum Mindesten vermuthen können, daß derselbe, wenn Sie ihn auch durch Gründe nicht besiegen, dennoch in diesem Kampfe unterliegen wird. Mit einem Gegner, dem das Messer an der Kehle sitzt, „den Hausschuh aufzunchmeu" dazu ist schon an und für sich wenig Muth erforderlich, und es scheint mir dies Ihrer um so weniger würdig zu sein, da Sie seit jener Rede am 4. März 1848; durch welche Sie dem Volke beweisen wollten, daß „wer Wind säe, Sturm ernten werde", bis jetzt, wo diese Märzsaat, die Lie eine „Windsaat" nannten, fast gänzlich von der Erde weggemäht ist, Ihren Mund nicht mehr aufgcthan, sondern nur ein „stillschweigendes Bekamen", gehegt haben. Man kann von Ihnen freilich nicht verlangen, anstatt an einen Mann, der, weil er die Märzrevolution n t ch t für eine „Windsaat", hält, nun verfolgt wird, Ihre „offenen Briefe" lieber an das Kirchenregiment zu richten, um dasselbe zu mahnen, die verheißene freie Kirchenversassung ins Leben zu rufen, so lange cs noch Zeit ist; kenn Sie rechnen, wie wir jetzt aus Ihrem „offenen Brief" an mich ersehen, auch diese Märzerrungenschaft oder vielmehr Versprochenschaft unter die Wiudsaat. Ich sage, man ersieht dies aus Ihrem „offenen Briefe"; denn Sie wollen durch denselben einen, wie Sie sich aus- drücken, „mit Nichts hervorgerufenen Angriff auf die Kirche", d. h. auf die jetzt leider noch bestehende Kirche, auf die Staatskirche, „abwehren"; wer aber das thut, der unternimmt damit selbst einen „Angriff" auf die versprochene freie Kirchenverfassung und auf die Grundrechte; denn eine freie Kirchenverfaßung und' die Grundrechte sind nicht nur ein „Angriff" und zwar der erste und furchtbarste Angriff aus die Staatskirche, sondern die ausgesprochene Vernichtung, das Todtsagen derselben. Sie wollen also das Todte nicht „angegriffen", sondern erhalten wissen: Sie wollen also keine freie Kirche. — Sie sind ferner sehr erzürnt darüber, daß ich in meinem Sendschreiben von Pharisäer- und Pfaffenthum rede; aber das Pfaffenthum ist ja gerade das Wesen der Staatskirche, was im Volk und im Parlament zu Frankfurt s. Z. von aller Welt ausgesprochen worden ist. Hub grade weil das Pfaffenthum als das Wesen der Staats- kirchc erkannt und empfunden wurde, grade deshalb wurde die Vernichtung dieses „bösen Wesens" durch Vernichtung der Staatskirche und Einführung einer freien Kirchenverfassung zuerst für unser Land zugesagt und dann durch die Grundrechte Jir ganz Deutschland feierlich ausgesprochen. Wenn Sie also über die Anwendung jener Ausdrücke zürnen, so zürnen sie über die Forderung einer freien Kirchenverfassung, so halten Sie diese mit sammt den Grundrechten für eine „Wind- saat."
Deshalb, sage ich, kann man von Ihnen nicht ver
langen, daß Sie Ihre einflußreiche Stellung dazu anwenden sollten, um auf die endliche ^Einführung der freien Kirchenvcrfassung zu dringen, anstatt gegen diejenigen zu „fechten", die, trotz des Sieges des Reaktion, noch immer den Muth haben, die Nothwendig- keit jener zu behaupten und zu beweisen. Aber das kann man von ihnen verlangen, wenn sie so, wie Sie thun, „den Handschuh aufnehmcn" und mit offenem Visier „gefochten" haben wollen, und das verlange ich von ihnen vor dem ganzen nassauischen Volke, daß Sie in dieser Zeit, wo der Uebermuth einer gewissen Partei so weit geht, daß sie, weil ich noch eben so spreche, wie man zur Zeit der Revolution offiziell überall gesprochen hat, geradezu auffordert, mir, anstatt mich zu ,-widerlegen", durch Dienstenlsetzung zu antworten, — daß Sic, sage ich, — einer solchen Schamlosigkeit gegenüber Ihre Stimme vor allen Dingen dafür erheben, daß man mich unangefochten meine Ansichten aussprechen und vertheidigen lasse. Ich glaube mich zu diesem Verlangen schon durch Ihren „offenen Brief" selbst berechtigt, da Sie in demselben soviel davon reden (fast sein ganzer Inhalt besteht darin), daß das Christenthum unv die christliche Kirche nur durch „die stille Kraft der Wahrheit" wirken wolle und solle. Nun, ist das wirklich Ihre Ansicht, Jo treten Sie vor das Kirchenregünent und fordern Sie von demselben, daß es auch auf mich und meine Ansichten nicht durch Suspension oder Dienstentlassung, sondern durch die „stille Gewalt der Wahrheit einzuwirken" suche.
Sie sprechen ferner soviel davon, daß meine „Darstellung", besonders was ich über das revolutionäre Auftreten des Christenthums, über die Grundgedanken der Freiheit, Gleichheit und .Brüderlichkeit u. s. w. gesagt habe, „eines großen Mißverstandes fähig" ici. Da ich aber „diese Worte" nun einmal „in die Welt geschleudert" habe, so müssen Sie ja selbst wünschen, daß mir dann auch die Freiheit gelassen werde, meine Ansichten weiter zu entwickeln, damit dem von Ihnen so sehr gefürchteten „Mißverstand", (den ich für mein Theil zwar nicht befürchte), vorgebeugt werde.
Ich habe endlich noch einen ganz speziellen Grund, weßhalb ich zu der Erwartung berechtigt zu sein glaube, daß Sie in der von mir geforderten Wei.e Ihren Einfluß in die Wagschate werfen werden. Ich muß mir aber zu dem Ende wiederum die Freiheit nehmen, Sie an einen frühern Vorfall zu erinnern, der Ihnen aus dem Gedächtniß gekommen zu sein scheint, wie cs mir vielleicht auch ergangen sein würde, wenn ich nicht Ihre Meinungsäußerung Schwarz auf Weiß hatte. Im Jahr 1844 nämlich, wo ich noch Pfarrvikar in Kloppenheim war, schrieb ich als „Konferenzarbeit" einen Aufsatz über den modernen Pietismus. Diese Abhandlung, in welcher ich, was ich auf Verlangen durch Veröffentlichung derselben beweisen werde, ganz dieselben Principien, zu denen ich mich gegenwärtig bekenne, nur in größerer Allgemeinheit, ausgesprochen habe, so daß dieselbe auch von der Jte= daktion der Darmstädter „Allgemeinen Kirchenzeitung", welcher ich dieselbe wegen des öfter ausgesprochenen Wunsches meiner Vorgesetzten, doch meine Ansichten durch den Druck zu veröffentlichen, zugesandt hatte, zurückgewiesen wurde, bekamen Sie auch m die Hände und schrieben die Worte darunter: „Macte virtute esto! Schultz", zn Deutsch: „Brav gemacht, so fortgefahren!" — Ich habe so fortgcfahrcn und bin denn auf dem Punkte angelangt, auf welchem ich jetzt stehe!
Wenn Sie nun, der Sie damals auf kiese Weise den Ansichten des armen Dorf-Vikarius Ihre hohe Approbation ertheilten, sich dieses Vorfalls erinnern, muß da nicht der Gedanke in Ihnen aufsteigen: Ich bin mitschuldig an den „„Irrthümern"" und dem „„Mißverstand"" dieses Verblendeten; ich bin mitschuldig an diesen „„Ansichten, in welchen Wahres und Falsches, Verstand und Mißverstand in seltener Weise gemischt sind""; ich bin mitschuldig daran, daß ihm „„das Christenthum Politik ist"": ich bin daher auch schuldig, dahin zu wirken, daß es ihm verstattet bleibt, seine Ansichten frei anszusprechen und geltend zu machen, wenn ich auch jetzt, da sich die Zeiten geändert haben, diesen Ansichten nicht mehr ein Macte virtute esto zurufe» sann?!"
Und wenn Ihnen dieser, sehr natürliche Gedanke kommt, so handeln Sie darnach. Denn es ist, das muß ich Ihnen meinerseits sagen, ein großer „Miß
verstand", der Ihnen „begegnet" ist, wenn Sie glauben, daß ich denjenigen, „welche in mein Bekenntniß nicht einstimmen, die Kirchengemeinschaft aufkündige" oder daß ich den „Austritt aus der Kirche" beabsichtige und durch mein Sendschreiben habe „begründen" wollen. Ich habe es vielmehr sonst oft genug, und wie ich glaube, auch in meinem „Sendschreiben" sehr deutlich unv bestimmt ausgesprochen, daß ich das „Recht" zu -haben glaube, „so wie ich bin, in der Kirche zu bleiben", und meine „Grundsätze durch alle zu Gebot stehenden Mittel", d. h. durch die Mittel der Ueberzeugung — ja hier „durch die stille Gewalt der Wahrheit!" — „innerhalb der Kirche zum Siege zu führen", daß ich also aus der Landeskirche nur in dem Falle austreten werde, wenn inir „dieKirchengemein- schaft aufgekündigt" wird. Hier also bietet sich Ihnen eine Gelegenheit dar, das Kirchenregiment von „Gewaltthaten" abzumahnen und Ihr Princip, nur „durch die stille Gewalt der Wahrheit" zu wirken, demselben vorzuhalten.
...Berufen Sie sich doch, um das Auftreten Christi gegen den König Herodes zu rechtfertigen, auf die Propheten des jüdischen Volkes, ' welche indessen^ obgleich Sie dies in Abrede stellen, in einem solchem Grade „politisch" und „revolutionär" anftraten, daß bekanntlich viele derselben von den jüdischen Königen verbannt, verfolgt, gespießt und geköpft wurden. Ein ähnliches Auftreten jedoch will ich Ihnen nicht ;u- muthen. Sie reden in Ihrem Briefe zwar sehr viel gegen „Blut, Schwert und Hallbeil", wiewohl mein „Sendschreiben" kein Wort davon gesagt hat; aber ich will, obwohl sich in der letzten Zeit reichliche Gelegenheit dargeboten hat, solche Reden an geeigneteren Orten anzuwenden, doch nicht von Ihnen verlangen, daß Sie, in der Weise eines alten Propheten, denjenigen, welche „die Welt mit Blut überschwemmt" haben, hätten entgegentreten und dieselben hätten ermahnen sollen, die Demokraten lieber „durch die stille Gewalt der Wahrheit", als durch Pulver und Blei ju bekehren. Aber Etwas von dem prophetischen Geiste müssen diejenigen doch in sich haben, die sich die Nachfolger des „Propheten von Nazareth" nennen l Soviel Prophetenmuth müssen die „Diener" jenes großen „Propheten" doch besitzen, daß sie, wenn das Kir- chcnregiment das Princip der Kirche, nur „durch die stille Kraft der Wahrheit zu wirken", verletzt, demselben entgegen treten! Sonst könnte vielleicht Jemand, der diese Berufungen auf die alten Propheten liest, gar an die Worte denken, die Jesus (Matthäus 23, 29 31) zu denjenigen sagte, welche zu seiner Zeit „der Propheten Gräber bauten und der Gerechten Gräber schmückten" und ihn dennoch kreuzigten!
Wohlan denn! so beweisen Sie diesen Prophetenmuth, anstatt mich zu einer Zeit anzugreifen, wo ich gegen Gegner und Ankläger mich zu vertheidigen habe, die mit andern Waffen, als „durch die stille Gewalt der Wahrheit" kämpfen! Wenn Sie auch eine freie Verfassung der Kirche nicht wollen, so helfen Sie wenigstens das, was dieselbe längst hat, retten, so erheben Sie sich wenigstens für die Erhaltung des kostbarsten Kleinods der evangelischen Kirche, und des heiligsten Rechtes des Menschen, für die in mir und meiner Gemeinde bedrohte Gewissens- und Lehrfreiheit, für das theu.r erkaufte protestantische Recht der freien Schriftforschung! Dann, aber auch nur dann, kann ich Sie als ebenbürtigen Gegner anerkennen, dann wird mich's freuen, daß Sie, der Sie so lange stumm gewesen, „den Handschuh aufnehmen", und dann wollen wir „fechten", Mann gegen Mann! Und dann wird sich's zeigen, auf welcher Seite der „Mißverstand" und auf welcher der „Verstand" der Bibel und des Christenthums ist, auf welcher Seite die „Sprcn", und auf welcher der „Weizen!" —
Langenbach, den 5. Januar 1850.
F. H. Snell, suspendirter Pfarrer.
N. S. Wenn Sie sich in meine dermalige Lage versetzen, so werden Sie meine Mäßigung nicht verkennen, wie ich denn in meinen bisherigen Kämpfen mir diese Mäßigung immer zur Regel gemacht, und insbesondere sorgfältig vermieden habe, irgend'Jemanden zu kompromittiern Es könnte aber freie n auch einmal so kommen, daß mich das Gebot der Nothwese zwängt jegliche Rücksicht bei Seite zu setzen.