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Wiesbaden. Dienstag, 8. Januar
„Freiheit und Recht!"
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Zeilen gelesen hat. Wiewohl in dem darin Gesagten kein unbefangener Mensch, der das Leben in unserer Residenz kennt, Wiesbadener Zustände wieder zu erkennen im Stande ist, so fand döch unsere Allgemeine das Artikelchen — herrlich, unvergleichlich schön, göttlich! Denn es war seinem schmutzigen Schreiber ein Witz gelungen, ein Gedankenblitz, wie er der Nassauischen Allgemeinen nicht alle Tage begegnet; ein Witz, so genial und so einzig, daß er nicht mit Gold zu bezahlen ist. Und warum sollte man sich eines solchen schönen Gedankens, wenn er auch nicht aus selbsteigenen Gehirnkammern hervorging, nicht bedienen, sich ihn nicht «»eignen, zumal man ihn gratis haben kann!? Es ist dieß nämlich der unvergleichliche Geistesfunke, der im Gehirne des Mainzer Journal-Correspondenten sprühte, als er lange und tief nachgedacht hatte über das, was man denn eigentlich unter sozialer Republik heut zu Tage verstehe, der glänzende Gedanke, daß die sociale Republik dasjenige sei, was dem Volke von Gaunern, Dieben und liederlichen Dirnen am Tage vorgepredigt worden sei, ehe sie ihr nächtliches Gewerbe antreten. Gefunden, gefunden!! dachte der Redakteur der Nassauischen Allgemeinen. Unvergleich- I lich. Wie doch ein Genius mit Einem Worte alle die Gedanken und Gefühle zn kündigen vermag, die im Herzen wunderbar schliefen! Der traf das rechte Wort! Jetzt hat die Hacke einen Stiel! Nur rüstig mit dieser Hacke fortgewühl!, so werden wir den Boden richtig bestellen. So muß man's dem Volke bei- briugcn, dann soll kein Proubhon, kein LouisBlanc uns schaden!
Uns aber kommt bei br Freude der Nass. Allgemeinen über ihren unschätzbaren Fund der unwillkürliche Gedanke, wie es doch in k. - Herzen und den Köpfen des Lesepublikums und der Ärtikelschreiber Aussehen mag, wie öde und wie wüst, die eine „Nass. Allg." und ein Mainzer Journal zu ihrem Organe oder ihrem Orakel sich erkoren! Gottlob, daß ihrer nicht viele sind! Wir würden ja in einem Mcere von Galle ertrinken! So aber leihen sie sich ja nur wechselsweise ihre Galle!
Auch wir haben bei der erschütternden Kunde zweier so rasch sich folgender Kindermorde über den letzten Gruiid nachgedacht, der wohl ein Mutterherz bis zu jenem verzweifelten Verbrechen führen könne. Aber als wir dabei an die leichtfertigen Verführer und Vergifter der weiblichen Jugend und Unschuld dachten; als wir uns fragten, in welcher Region unserer Stande sie sich denn meistens finden, jene charakterlosen Schufte, die, wenn sie ihre Lust an einem unglücklichen Wesen vielleicht um schnödes Gold gebüßt, nicht einmal den Muth haben, die Folgen ihres Frevels mittragen zu helfen, und den Gegenstand ihrer schändlichen Begierde der Noth und Verzweiflung preißgebeü: — da langten wir mit unsrem Nachdenken nicht im Lager unsrer ernsten und sittlichen Demokratie an, nicht in den Reihen einer begeisterten Jugend, die da für ein hohes
Ein edles Schwesternpaar.
□ Wiesbaden, 6. Jan. Man wurde außerhalb der Region der Reaktionäre und Jesuiten bei uns schwerlich wissen, daß in unserer Nachbarschaft ein Blatt erscheint, genannt „Mainzer Journal", wenn nicht hie und da in andern gelesenen Blättern von irgend einem neuen Skandale, den jenes Blatt angeregt, von irgend einer neuen Blamage, die es auf seine lastgewohnten Schultern geladen, die Rede wäre. Wir erinnern an den Castnobeschluß in L-peier, an das Auftreten des „Mainzer Journals" bei Gelegenheit der Bischofswahl rc. Nur die „Nassauische Allgemeine", das Organ und Orakel der reaktionären Beamtenwelt und Geistlichkeit, das Blättchen, daS mit sittsamen Frauen und dem Mainzer Journal wenigstens die Eigenschaft theilt, daß es nicht viel von sich reden macht und so still und zurückgezogen im trauten Kreise der Seinen sich hält, daß man sich schon gewaltig be- Umhen muß, bis man cs nur einmal zu Gesichte bekommt, und das gewiß nur seiner Verborgenheit und Unsichtbarkeit es zu danken hat, wenn es bei seiner Lieblingsgcwohnhcit, die es mit bösen alten Weibern und ebenfalls wieder mit dem Mâmzcr Journal gemeinsam hat, oft leer ausgeht und keine Erwiederung findet, nämlich bei der süßen pfafsischen Gewohnheit, Heiliges zu begeifern und in den Staub zu ziehen: nur diese Nassauische Allgemeine ist die treue Verehrerin und natürliche Bundesgenossin des Mainzer Journals geworden, die einzige, die dieses sich hier zu : Land zu erobern im'Stande war. Aber verwandte ; und schöne Seelen finden und begegnen sich leicht. — Wie schnell erkannte der General Qudinvt in Rom in der Geistlichkeit seine natürlichen Alliirten, die mit ihm, wie er sich ausdrückte, bestimmt seien, die Zukunft zu retten, von wegen des Geistes der Disciplin, der sie, wie seine Soldaten beseele!
Die Nassauische Allgemeine, wiewohl unsern Zuständen näher und unmittelbar nahe, benützt sogar mit wahrer Lust das „Mainzer Journal" als Quelle in den Schilderungen unserer Zustände. Man sieht, die vielen Nassauischen Heil- und Gesundbrunnen gelten ihr, in ihrem treuen Pflichteifer, der leidenden Mersschheit zu helfen, wenig gegen jenes ätzende Wasser, das sie aus dem Pfaffenbrunnlein des „Mainzer Journals" schöpft. Mancher Artikel dieses Blattes ist ihr so recht aus der Seele geschrieben; sie kann nicht umhin, mit seinem wörtlichen Abdrucke ihre Spalten zu zieren. So ging es ihr neulich mit einem Artikelchcn, in welchem bei der Kunde von zweien in kurzer Frist auf einander sich folgenden Kindermorden vom Schutze der öffentlichen Sittlichkeit in unsrem Lande die Rede ist.
Das Blatt selbst ist mir nicht zur Hand; aber noch empfinde ich den ganzen Ekel des Eindrucks, deu gewiß jeder sittliche Mensch mit mir empfunden, der jene
Ziel erglühen kann, das man sociale Republik nc t, nicht in dem harmlosen frohen Haufen einer rüstigen, nach Thaten durstigen Turnerschaft, und bei allen Denen nicht, die noch einer Begeisterung fähig sind und ein Ideal in ihrem Busen und die ganze Menschheit an ihrem freien Herzen tragen! Nein, in ganz anderen, in entgegengesetzte, dem Allem feindliche Regionen führte uns unser Nachdenken wie unsre Erfahrung; in jene Regionen, wo der Fluch des Stanves- vorurtheiles genährt wird, und in denen mau Glacehandschuhe und Manschetten, glänzende, blendende Uniformen und Ordenssterne tragt; in denen das Geld höher gilt als die Ehre und der Frieden einer Seele, wo der Müßiggang nicht zur Schande, sondern zur Ehre gereicht!
Wenn einmal alle Residenzen und Badeorte einen Verfasser ihrer „Mysterien" gefunden hätten, so würde man sich mit leichter Mühe davon überzeugen können, ob ich Recht habe; so wie davon, daß es eine Unsitt- lichkeit genannt zu werden verdient, wenn man :n obenerwähnter Weise traurige Ergebnisse unserer Sittengeschichte in unmittelbare Verbindung setzt mit heiligen Ideen, die die Menschheit bewegen. —
X Die mittelrheirische Eisenbahn.
Wiesbaden, 5. Jan. Dadurch, daß in neuerer Zeit hier das Projekt der Erbauung einer Eisenbahn durch die Mitte des Landes von Wiesbaden nach Deutz wieder aufgegriffen und besprochen wurde; auch von mehreren hiesigen Bürgern bei unsern Behörden bevorwortet und als Lebensfrage für einen großen Theil unseres Landes unterstützt worden ist, veröffentlichten sich vielseitig darüber Ansichten, die zumeist von der 'Wahrheit durchdrungen sind, daß diese Bahnrichtung den bedeutenden Verkehr des Binnenlandes mit seinen reichen Naturprodukten besonders befördere und einer Eisenbahn-Anlage längst dem Rheinufer, bei Weitem vorzuziehen sei.
Der Möglichkeit ter Ausführung eines solchen Schienenweges steht nichts im Wege, da die herzogliche Landesregierung im verflossenen Monate sich auf folgende Weise wörtlich darüber äußerte: „daß durch die bereits stattgefundenen Vorarbeiten die Ausführung einer Eisenbahn-Anlage von Wiesbaden an die Lahn und von da durch das Elbthal an dem Fuße deS We- sterwaldes nach dem Siegthal und nach Deutz vollständig nachgcwiesen sei."
Das „Frankfurter Journal", dritte Beilage vom 29. November v. I. und auch diese Blätter äußerten sich in jüngster Zeit hierüber auf eine so günstige Weise, daß es schwer halten wird, Gründe der Widerlegung dagegen aufzustellen.
Demungeachtet scheint man von Seiten unserer Regierung oder einzelner Mitglieder derselben, vorläufig mehr das Projekt einer Eisenbahn-Anlage von
Schicksalsfügung.
(Schluß.)
Ich fand daS Fräulein allein. Als ich vor ihr stand, weinte ich anfangs, dann sagte ich ihr, Herr Beaumont sei sehe blaß, sei krank, habe mich geküßt und gesegnet; id) sagte ihr, wie sehr ich mich gefürchtet-, erst vor dem Frischlinge, dann vor dem Erschossenen. Sie sah mich aufmerksam au; sie fragte, wie alt ich sei. Ich war den Tag vorher zehn Jahre alt geworden, hatte eine reine heitere Stirn, sanfte Augen, die, ohne gerade keck zu sein, ohne Verlegenheit die Blicke anderer Leute zu ertragen vermochten. Als id) zu ihr kam, weinte ich; als sie mich recht examiniri hatte, weinte sie und rief: „es ist wahr!"
Dann nahm sie mich an der Hand und führte mich schnell in das Zimmer ihres Vaters.
„Lieber Vater, eS ist kein unschuldiges Kind, höre den Knaben an; er ist ein Mitschuldiger, er sagt die die Wahrheit."
Sie ließ mich den Hergang noch einmal erzählen; sie verweilte bei allen Einzelheiten und ließ mich eine und dieselbe Sache wohl zwanzigmale wiederholen.
„Ach, lieber Vater," sagte sie endlich, „da er unschuldig ist, welches Unrecht haben wir an ihm wieder
gut zu machen, und um wie viel mehr müssen wir ihn lieben! Lauf, mein Kind und bringe ihn hierher!"
Ich flog von dem Schlosse bis zu unserm Häuschen; aber eS war schon zu spät; Herr Beaumont lebte nicht mehr; er hatte sich vergiftet und war in den Armen meiner Mutter gestorben, die ihm den Kopf hielt und glaubte, er sei nur ohnmächtig. — Jetzt, Herr Vicomte, i wissen Sie, was die wenigen Zeilen enthielten, die ich . zu dem Pfarrer tragen sollte, da mir in unserm Orte ' keinen Notar halten? — eine Schenkung all' seines Habs und Gutes an den kleinen Sohn des Hirten, an mich, der immer die Wahrheit gesprochen und seine lln= schuld betheuert hatte.
„Ich weiß wohl," schrieb er, „man wird sagen, ich bezahle meinen Mitschuldigen; ach! Gott sieht und hört mich; er nimmt mir die Kraft, den Argwohn zu ertragen und ich werde vor ihm erscheinen, damit er mich richte... Nein, man wird nicht die jungen Jahre dieses KindeS durch eine gottlose Anklage beflecken; ich mache ihn reich, weil er allein mich liebte, allein mich vertheidigte."
Und wirklich, Herr Vicomte, sobald der Unglückliche todt war, zweifelte Niemand mehr an seiner Unschuld; das Fräulein Valliöre gelobte, unverheirathet zu bleiben und Sie wissen eS, sie hat Wort gehalten; sie Wort hat gehalten; sie that noch mchr, sic adoptirte mich, sie verwaltete die Güter, die mir Herr Beaumont hinterlassen hatte und sorgte für meine
Erziehung. Nach dem Tode ihres VaterS legte sie ihr Vermögen in meinem Geschäfte an und dieses Vermögen wird einmal mir «»gehören; ich werde ihr Erbe sein, ich weiß eS. Gebe Gott, daß diese Erbschaft noch lange fern bleibe! DaS ist meine Geschichte, Herr Vicomte, daS ist der Mann, um dessen Tochter Sie sich bewerben. Sie sollen auch das Mädchen haben, aber unter zwei Bedingungen, erstens daß das Mädchen Sie liebt und zweitens, daß ich meine Geschichte bei dem Huchzens- mahle erzähle."
„Zugestanden!" sprach der Vicomte.
Aus Kalifornien.
London, 27. Dccbr. Die „Morning Post" theilt einen Brief aus Kalifornien mit, dessen Angaben sie für völlig zuverlässig erklärt. Der Schreiber i|t ein junger Mann in Bornom Island, gerichtet ist ter Brief an seine londoner Freunde. ES heißt darin ». A.: „Noch täglich kommen hier Leute an, mit der thörichten Hoffnung , Gold auflesen zu können, so bald sie nur einen Fuß an'S Land gesetzt haben. Daß dem aber nicht so ist, überzeugen sic sich nur zu bald. Ich bin jetzt etwa fünf Wochen hier, und habe es dahin getna täglich durchschnittlich eine halbe Unze Gold zu gewinnen, aber nur durch angestrengtes Graben. Ohne dies ist