Mit Zeitung.
„âerheiL unh Recht!^
Wiesbaden. Donnerstag, 3 Zanuar
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Dertheidigungsmanifest deutscher Lehrer an das deutsche Volk.
Der deutsche Lehrcrstand ist in seinem theuersten Gute: dem Vertrauen des Volkes, bedroht und seine Ehre gefährdet. Seine Gesinnung, seine Treue, seine Liebe zum Volke wird beargwohnt und verdächtigt. Verdeckt und offen beschuldigt man ihn, daß durch ihn hauptsächlich das Volk irre geleitet sei und irre geleitet werde; daß er vornehmlich das Herz der Menge den Regierungen abgewendet, das gewaltige Ringen nach Freiheit und Einheit in falsche Bahnen gelenkt und den Widerstand gegen den alten Druck und die alte Noth überstürzt habe; daß er somit einen großen Theil der Schuld an der kläglichen Gegenwart des hoffnungsreichen Anfangs deutscher Freiheit und Ehre trage.
Auch die Versammlung der deutschen Lehrer zu Nürnberg im September d. I. hat die Wucht solcher offiziellen Verdächtigungen zu empfinden gehabt. Sie hat durch ihre Haltung und durch den Inhalt ihrer Verhandlungen das Mißtrauen, das ihr hindernd von vielen Seiten her entgegen arbeitete, am besten zu widerlegen gemeint. Aber es kann ihr im Namen des heiligen Berufes der gejammten Lehrerschaft der entehrende Verdacht nicht gleichgültig sein, mit dem man einein Stande zu nahe tritt, dessen Wirksamkeit vorzugsweise mit in der ungetrübten Reinheit der Achtung vor seiner Sittlichkeit wurzelt. Daher dies Nothwort der Abwehr an das gesammte deutsche Volk.
Es ist wahr, daß sich in einzelnen deutschen Ländern eine Anzahl von Lehrern in widergesetzlicher Weise an den politischen Bewegungen der letztvergan- aenen Zeit betheiligt hat. Die allgemeine, gewaltige Erregung, die so Viele — wahrlich nicht immer die Schlechtesten — mit sich fortriß; die gedrückte äußere Lage, mehr noch die halbe Bildung vieler Lehrer, bei der man sich hüten mag, die Lehrer selber am meisten verantwortlich machen zu wollen — dieses Alles vereint, hat jene Thatsache unableugbar gemacht. Aber die allgemeine teutsche Lehrerschaft muß feierlich die Verantwortung für diese Ueberschreitung Einzelner von sich ablehnen. Sie muß sich im Namen der Gerechtigkeit dagegen verwahren, die im Verhältniß verschwindend kleine Anzahl, welche jene Ruge trifft, zum Bilde der unendlich überwiegenden Mehrzahl der Lehrer zu machen.
Wohl hätten Viele gewünscht und wünschen es noch, daß die Lehrer von dem mächtigen Aufleben deutschnationalen Geistes gar nicht sich hätten berühren lassen. Sic erröten nicht, laut oder verhohlen zu wünschen, daß der Lehrer kalt, theilnahm- und thatlos, wie sie selber meist, den Geburtswehen seines theuren Vaterlandes zugesehen hätte und zusehe. Aber mögen
sie das, was sonnenklar ist, wcgzuleugnen suchen: — der Lehrer, auf dessen grundlegendem Bau die Zukunft deutscher Nation gegründet werden soll: er muß ein lebendiger, ein das Leben erfassender, wie Leben spendender, er muß ein „deutscher Mann" sein. Nur das Lebendige zeugt das Lebendige. Nur wer das tief innerlichste Wesen seiner Nation im eigenen Busen empfunden hat und lebeuSfrisch bewahrt, vermag mit nachhaltiger Begeisterung die zarten Lebenskeime zu wecken und zu pflegen, in denen das Auferblühen der Zukunft des deutschen Volkes verborgen liegt. Wie jeder deutsche Mann — und mit in den vordersten Reihen derselben - hat der Lehrer das heilige Anrecht und die heilige Pflicht, innerhalb der Schranken des Gesetzes, mit dem Leben seiner Nation in inniger thatbezeugter Wechselwirkung zu bleiben. Traurig, daß so Viele aus dem deutschen Volke, so Viele auch der Lehrer, hinter dieser heiligen Pflicht zurückgeblieben sind! Aber das gesammte deutsche Volk muß im Namen des Lehrerberufrs und seiner eigenen Zukunft, alle Lehrer dafür verantwortlich machen, daß sie so denken und so handeln. Achtung gebietend und Herzensfreude muß es ihm sein, daß ein allgemeiner Zug warm empfundener Sehnsucht nach einer wahren, freien, kräftigen, ächtnationalen Volksbildung durch die deutschen Lehrerherzen hindurchgeht und die Geringfügigkeit der dazu gebotenen Mittel sie mit einem tiefen Wehe erfüllt. Wer hat den Muth, zu seiner eigenen Schande auf diese Sehnsucht, auf dieses Wehe den Stein zu werfen?
Doch Viele möchten den Lehrer nicht blos von dem politischen Gebiete, sondern auch von dem der freien Berathung über seine eigensten Angelegenheiten, über die innere und äußere Umgestaltung der Schule hinweggetrieben wissen. Sie möchten am liebsten den Lehrer gedankenlos „abwarten" lassen, was ohne seine Mitthätigkeit von außen ihm dargebracht werde. Verdächtigung auf Verdächtigung, wo der Lehrer selbstthätig auftritt.
Und gleichwohl: die Lehrer haben die heilige Amtspflicht nicht „abzuwarten." Ihr Beruf erheischt von ihnen, als Sachverständige in engeren und weiteren Kreisen zusammenzutreten, sich gegenseitig zu kräftigen und zu erfrischen, ihre Angelegenheiten, die großen Nebelstände, an denen die Schule trotz aller Ableugnung und zum Unheile des Volks noch darniederliegt, in geeinter Kraft zu berathen, ihre große Aufgabe, die inneren und äußeren Schwierigkeiten derselben und die Mittel ihrer Bewältigung sich klarer zu machen und so der Weisheit der Regierungen einen Theil Desjenigen durchzuarbeiten und vorzubereiten, was an der Stelle des Veralteten endlich Gesetz werden soll. Die Lehrer verlangen nicht, daß ihre Beschlüsse unmittelbar als Gesetze gelten sollen, sie vertrauen aber darauf, daß diese Beschüsse — sind sie nur besonnen und wahr, aus gereifter Amtserfahrung und lauterer Begeisterung geschöpft — mächtiger und siegreicher sein
werden, als jedes Gesetz, das den Schutz der inneren Wahrheit entbehrt.
Darum — nicht politischer Zwecke und eitler Selbstüberhebung wegen — sind die deutschen Lehrer zu kleineren uud größeren Vereinen, sind sie im Rainen der tiefempfundenen Zusammengehörigkeit aller deutschen Stämme zu einem „allgemeinen deutschen Lehrervereine" zusammengetreten. Es sind aber alle Lehrer dazu aufgerufen worden, weil es endlich einmal gilt, alle Schulen in den innigen Zusammenhang der lebendigen Wechselwirkung zu bringen, der ihre unveräußerliche Lebensidee ist.
Möchte das deutsche Volk seine Lehrer recht verstehen!
Nicht blos das Verlangen nach einer besseren äußeren Stellung, ohne welche das Innere nimmer gedeiht, sondern, mehr noch eine heiße, heilige Sehnsucht nach einer besseren Bildung denn bisher, flammt ununterdrückbar, weithin sich begegnend, in den edelsten Lehrherzen^empvr. Ein unwiderstehlicher Drang nach größerer Selbstständigkeit, wie sie der vorgerückte Stand der pädagogischen Wissenschaft, die vielfach erhöhte und noch zu erhöhende, zu vertiefende Bildung des Lehrers, sein immer gewichtiger werdender Beruf gebieterisch fordern, erfüllt in allen Gauen tue besten Männer der deutscheil Lehrerschaft.
Es gilt nicht, wie die Verläumdung spricht, die Religion aus der Schule zu treiben, das dem deutschen Herzen Heiligste, seinen tief innigen warmen Glauben von der Andachtsstätte der Schule zu verdrängen. Es gilt nicht, die Schule von der Kirche zu reißen, — es gilt nur, der Schule, eng verbunden mit der Kirche, auch dieser gegenüber, endlich den Grad von Selbstständigkeit zu gewähren, den sie, um selbstständiges Leben der Religiosität und des Charakters dem deutschen Volke zu wecken und zu pflegen, unweigerlich haben muß^ Die freie Schule mit der freien Kirche im engen Schwesterdunde, aber jede neben der anderen in ihrem sicheren Recht, sie erst werden dem Vaterlande die rechten Bürger, die rechten Männer und Frauen voll heiligen wahren Gottesgeistes erziehen.
Möchten die deutschen Regierungen nicht, wie es hier und da den Anlauf zu nehmen scheint, durch peinliche Ueberwachung und Einengung der Lehrer, in irriger Deutung jenes ehrenhaften Dranges, den Geist der Selbstständigkeit zu brechen streben, der die Lebcns- bedingung jeder Maunesthätigkeit ist.
Möchte aber vor Allem das deutsche Volk selber seinen Lehrerstand stützen und ihn vor jedem entwürdigenden, ungerechten Verdachte in Schutz nehmen! Die Lehrer müssen darum bitten im Namen ihrer Wirksamkeit.
Und was das deutsche Volk seinen Lehrern thut, das thut es in dem tiefsten Sinne des Wortes — seinem eigenen Geiste. —
Der allgemeine deutsche Lehrerverein auf seiner Versammlung zu Nürnberg.
Der Straßenraubes.
Von Mad. Charles Rcybaud.
(Aus der „Allgemeine Mvden-Zeitnng".)
(Fortsetzung.)
Der Fremde verbeugte sich tief.
' _ „Ich habe den Park gesehen," fuhr er fort, „ter ist prächtig, lange Alleen, ein kleiner Flnß, kurz alle Annehmlichkeiten. Es ist ein schönes Besttzthum, aber ein fressendes Capital, wie cs mir scheint."
„Ja," antwortete die Frau von Montsallier lachend, „es ist ein allerliebster Aufenthalt, der nichts einbringt. Mein Intendant sagt sogar, er verlange jährlich noch Zuschüsse."
Der Fremde antwortete mit einem Achselzucken, das wohl andeuten wollte: „Sie werden von dem Spitzbuben betrogen.
— „Mein Herr," sagte James mit einer gewissen höhnischen Artigkeit, „wollen Sie uns wohl sagen, wen die Frau von Montsallier die Ehre hat als Gast bei sich zu sehen?"
„Die Ehre ist ganz auf meiner Seite. Ich bin der Herr von Meinier."
— „Ich kannte einen Herrn von Meinier, einen Dragvneroffizier. Ist das ein Verwandter von Ihnen?"
„Wohl möglich; ich habe einen Vetter unter den
Soldaten, weiß aber nicht, was er geworden ist. Bei der Belagerung von Algier soll er sich tüchtig mit den Beduinen hcrumgchaucn haben."
Elise hatte während dieses Gesprächs die Augen nicht aufgeschlagen. Sie saß da, wie vom Schwindel ergriffen. Sie zweifelte an ihrem Verstände, an ihrem Gedächtnisse, au dem, waS geschehen war und jetzt vor ihr geschah. Die Illusion, der Traum, der ihr Herz so erfreuet und den sie unter so vielen Leiden genährt hatte, war zerronnen; sie sah sich tief erniedriget und schmerzlich enttäuscht. Statt der schonen uud poetischen Banditengestalt fand sie einen gemeinen faden Menschen.
Bald wurde zur Tafel gerufen. Da zog der Fremde seine gelben Handschuhe wieder au und trat vor, um die Hand dem Fräulein von Saurens zu reichen, welches noch kein Wort mit ihm gesprochen, ihn nicht einmal angesehen hatte. JamcS führte seine Stiefschwester und so begab man sich in den Speisesaal.
Elise erbebte, als sie ihre Hand von der MeinicrS gedrückt fühlte und der Gedanke, sie habe ihm schweigend daö Recht gegeben, so zu handeln, brachte sie zur Verzweiflung. Sie setzte sich traurig und zitternd am untern Ende der Tafel nieder und als sie ihn zum erstenmale auzusehen wagte, bemerkte sie mit Erstaunen, daß er am Halse jenes Kettchen trage, das ein alter Räuber ihr zu entreißen versucht hatte. Sie wechselte bei der Erinnerung daran die Farbe; sie fürchtete sich, sie
schämte sich vor sich selbst und Thränen deS Schmerzes und des Unwillens entquollen ihren Augen.
„Schöne Cousine," sagte die Frau von Montsallier heiter, „setze Dich doch daher neben unsern Gast. Aber mein Gott, wie ernst bist Du! Bist Du krank?"
— „Ein wenig," antwortete Elise; „daö Gewitter macht mir allemal Kopfschmerz. Mit dem Regen wird er auch wieder aufhöreu."
„Dann werden Sie Ihren Kopfschmerz wohl behalten müssen bis morgen früh," sagte MariuS Meinier; „eS wird die ganze 9iad.it ein Wetter bleiben, in daS man keinen Hund gern hinausjagt; deshalb nehme ich gern ein Nachtquartier bei Ihnen an."
Man saß eine volle Stunde am Tisch; Elise war wie auf der Folcer; daS Gespräch und daS Benehmen des Marius Meinier verriethen eine so empörende Gemeinheit, über die man nicht einmal zu spotten wagt; noch ehe die Mahlzeit vorüber war, langweilte er auch bereits die Frau von Montsallier. Hörte man ihn reden, so fand man auch sein Gesicht nicht mehr fdwti. Sein Geist gab ihm dann ein gemeines Aussehen.
Von der Tafel ging Elise nicht wieder mit in den Salon zurück, erschien auch zur großen Verwunderung Mciniers Abends nicht wieder. Die Frau von Mont- sallier schlug ihrem Gaste eine Partie Whist vor, denn sie sah fein anderes Mittel, die Gegenwart eines Menschen auS so schlechter Gesellschaft zu neutralisiern.
Elise ihrerseits entließ ihr Kammermädchen, sank