Freiheit und Recht!"
WresSaden. Freitag, 28. December
L8âS
Dit „Freie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen. — Der AbonnrmentSprriS beträgt vierteltährta hier in Wlesdak-n < « durch die Post bezogen mit verhältnißmäßigem Aufschläge. — Inserate werden bereitwillig ausgenommen and find bei der großen Verbreitung der „Freien Rettung// a„m auswärts Erfolge. — Die Jnfrratgebühren betragen für die vierspaltige Petitzeile oder deren Raum 3 Kreuzer. ö 0 von wirksamem
--- ' ' —^'-- ——~;--J-7ir,TTr-riTnT,i^--~*»***ii85^»=^ n ,„■ Tr7-.-j|; _ 1 | || i| , , || • .... - -—r !____I _ ^ L j____--u»»n»M^,
*i* Der evangelische Merus als BurrdeS- genofte beS Absolutismus.
Es ist interessant, zu beobachten, wie alle diejenigen Reste der Vergangenheit, welche ein selbstständiges Dasein zu führen, nicht fähig sind, dem Absolutismus als dem Knoten, worin alle Nerven und Fühl- fäden der Vergangenheit zusammenlaufen, zum Scher- gendieufte verfallen. Unter diesen Pagen, welche einer welken Königin die Schleppe tragen, befindet sich auch die protestantische Clerisei. Der Ursprung dieser Erscheinung haben wir in der Art und Weise zu suchen, wie Luther mit Hülfe der Fürsten seine kirchlich-reformatorischen Ideen in Deutschland einzubürgern suchte. Kaiser und Papst waren es, die mit ihrem ewigen Streite im Wesentlichen die Geschichte des Mittelalters bedingten. Die katholische Kirche war cs, durch welche derJnhaltder christliche Lehre dem Volke als versteinertes,Dogma ins Herz gesenkt wurde. Die Priester waren die Vermittler, welche diese Einsenkung übernahmen. Der Papst war unmittelbar inspirirt vom Geiste des Herrn, seine , er war Despot im Reiche der " ^ - ‘ ^ - <» .^>......-r
Aussprüche unfehlbar, er war Despot im meiepv uvi Geister. Das Papstthum ist der vollendetste Ausdruck vom Wesen des katholischen Christenthums. Alle Macht ist wesentlich progressiv, zumal da, wo sie keine andere Grenze hat, als todte Buchstaben, die wiederum nur von ihr selber ihre Auslegung und Bedeutung erhalten. Es konnte nicht fehlen, daß die Kirche noch mehr Rechte in Anspruch nahm, als ihr aus dem Wesen einer rein geistlichen, ein Herzens-, ein Religionsbe- dürfniß erfüllenden Macht zukamen. Glückliche Anlässe, wie der ungeheure RechtSwirrwarr der Völker, bewogen sie noch besonders dazu. Die weltliche Macht, das Kaiserthum, Anfangs mit mehr Hülfsmitteln ausgerüstet, als die Kirche, gerieth in die Abhängigkeit der letzteren, so zwar, daß sie den Grund ihrer Existenz nur in der feierlichen Weihe deS Papstes hatte. Damit war der Zankapfel zwischen Beiden gegeben; die Frage: wo hört die geistliche Macht auf? wo beginnt die weltliche? hat Jahrhunderte hindurch unermeßlicher Blutströmc zu ihrer Lösung bedurft. Luther erfaßte sie in ihren Tiefen, und gab als Antwort — die Lostrennung vom Papstthumc, die Befreiung von der Herrschaft, der weltlichen, wie der geistlichen, Roms. Er gründete eine christliche Kirche, die nur im Geiste bestehen sollte, keiner mit der Macht der Unfehlbarkeit ausgerüsteten priesterlichen Vermittler bedürfte. Er machte die Fürsten unabhängig von Rom, und gründete ihre Existenz auf den göttlichen Ausspruch des Evangeliums. Er legte aber auch daS Recht der Ernennug der Geistlichen in die Hände der Fürsten, und machte eS also möglich, daß letztere in ihren Priestern allezeit gehorsame Werkzeuge ihres Willens finden konnten. So wurde, mit Hülfe des protestantischen Dogma'S, der höchste Rechts- begriff im Fürsten konzentritt; „von Gottes Gnaden" datirte seine Souveränität; das Volk war rechtlos.
So wurden die Fürsten zu neuen Päpsten: ein Streit der weltlichen und der kirchlichen Gewalten war aber von nun an kaum möglich, denn der höchste Ausdruck Beider war in Einer Person vereinigt. Und so innig war die Verschmelzung Beider, daß im Anfänge des vorigen Jahrhunderts fast jeder deutsche Landes- fürft, der einen Ludwig XIV. spielen wollte, in seinen Hofprälaten die ersten Schmeichler, die ersten Diener seiner Launen fand.
DaS Jahr 1848 hat über das absolute Königthum den Stab gebrochen. Aber auch über das protestantische Heulerthum. Schon längst war der Geist Luthers aus den Dienern der evangelischen Kirche gewichen. Die Freiheit der religiösen Ueberzeugung, in der freien Forschung und Auslegung der Bibel grundsätzlich anerkannt, war durch die Lehre der protestantischen Geistlichen grundsätzlich bestritten. ES war ja so bequem, Hand in Hand mit dem Interesse des Fürsten, sich auf unwandelbare Satzungen zu berufen. Der Grundgedanke der Reformation, der Sieg der freien Vernunft über den todten Buchstaben, wurde durch den dogmatischen Protestantismus wieder in Abrede gestellt. Aber die Gegenwart strebt, in richtiger Würdigung der Reformation, auch die letzten Eonsequenzen derselben zu ziehen: sie verlangt Freiheit deS Glaubens für Jeden, und wenn er auch an gar kein Kirchendogma
glaubt.
Die Thatsache, daß das VolkSbewußtsein über das protestantische Elcrusbewußtscin Hinausging, daß nicht das Priesterthum über Die Wissenschaft, sondern die Wissenschaft über das Priesterthum triumphirte, der Zwiespalt also zwischen dem (Glauben des Volks und dem ihm durch die Staatskirche augcbichteten Glauben der Pfaffen mußte das Volk nothwendig wieder auf den Grundgedanken der Reformation zuruckführen.
Ein Resultat hiervon war die deutschkatholische Bewegung vor der Revolution, ein Skfultat hiervon aber auch vor Allem, soweit sie ihre Forderungen nach dieser Seite erhob, die Revolution selber.
So sieht sich also die Geistlichkeit des landeskirchlichen Protestantismus vom Glauben deS Volkes verlassen. Wie klein, wie ungeheuer klein ist in wie vielen Kirchen die Schaar der Gläubigen! Bedurfte aber dereinst die protestantische Kirche des Schutzes der Fürsten gegen die Uebermacht Roms und deS mit Rom verbündeten Kaisers, so bedarf sie desselben heute noch vielmehr, heute, wo sie nicht mehr die Fahne der Zukunft trägt, sondern längst, längst durch die Idee des Sozialismus überflügelt ist; — sie bedarf desselben grade um so viel mehr, als die Tragweite des modernen sozialen Gedankens, deS Gedankens der Zukunft, weiter geht, als die des Prinzips der Nö- misch-katholischen Hierarchie im 16. Jahrhundert, eines durch das Prinzip der Reformation überflügelten, als abgelebt gcbrandmarktcn Prinzips! Der Absolutls- mus fand erst seine vollkommene grundsätzliche, wie thatsächliche Anerkennung durch das altprotestantische
Dogma: Darum sind Fürsten und Cleriker so intime Freunde. Aber Beide, der Absolutismus, wie der kirchliche Protestantismus sind widerlegt durch die jüngste Revolution. Ein scheinbares Wiederaufleben läßt sie noch eine letzte gewaltige Kraftanstrengung versuchen: jenen durch Standrecht, diesen durch Verfolgung und Absetzung aller Lehrer, die gelehrt für den Gedanken der Zukunft, aber auch durch Verfolgung der Geistlichen selber, die von diesem Gedanken durchdrungen, vom Gifte des Sozialismus infizirt sind. Absolutismus und protestantische Clerisei, sie sind ein brüderliches Dioskurenpaar. Gemeinsam anfgegangen am Himmel der deutschen Geschichte, werden sie auch g e m e i n s a m u n t e r g e h e n.
Palle, 22. Dezember. Gestern beschloß der deutsche Verein, nachdem diese Angelegenheit in mehreren vorausgehenden Versammlungen erörtert worden war, bei den Wahlen für das sogenannte Erfurter Volkshaus sich u t ch t zu betheiligen. (Magd. Z.)
Erfurt, 22. Dezbr. Der Prozeß gegen Krack- rügge wegen Preßvergehen begann heute endlich vor dem hiesigen Polizeigerichte und einem zahlreich versammelten Publikum. Nach einstündiger Debatte wurde derselbe indessen abermals aufgehoben.
Leipzig, 22. Dezember. Heute berichtet die hiesige offizielle Zeitung: „Einige Blatter beschäftigen sich noch immer mit der Sendung des General von Gerlach nach Dresden. Wir halten es für überflüssig, den darüber mitgetheilten sehr ungegründeten Nachrichten allenthalben zu widersprechen, und glauben nur die Behauptung als irrig bezeichnen zu müssen, als sei Herr von Gerlach gesendet worden, um Se. Maj. den König und die königliche Regierung zu warnen, da, soviel uns bekannt geworden, der genannte General in Dresden sich vielmehr in sehr beruhigendem Sinne geäußert hat."
Aus Thüringen, 22. Dez. Was die Wahl zum Erfurter Reichstag betrifft, so ist Ihnen schon mehrfach geschrieben worden, daß unsere demokratische Partei sich der Wahl enthalten wird; allein auch in Kreisen, welche sich nicht gerade zu dieser zahlen, wird man ein gleiches Verfahren einhalten, denn, sagt man, bei der Haltung Hannovers und Sachsens, bei der Weigerung des Beitritts zum Dreikönigsbündniß von Seiten Bayerns, Würtemvergs und einiger kleineren Staaten, ist es sehr zweifelhaft, ob der Erfurter Reichstag, ganz abgesehen vom Standpunkte der Partei, die nationale Frage Deutschlands zu lösen auch nur den Anfang machen kann, ob er nicht vielmehr gerade statt der Einigung eine größere Spaltung zur Folge pat? (Fr. I.)
Der Straßenränder
Von Mad. Charles Reyband.
(Aus der „Allgemeine Moden-Zeitung".)
(Fortsetzung.)
Elise ging nicht mehr in den Garten hinunter; hielt sie ein Gefühl zurück, vielleicht die Furcht dem MarinS Meinier zu begegnen. Dennoch suchte sic, weil sie daS Bedürfniß starker GefühlSanregung empfand, eifrig den Anblick dieses Mannes. Vor allen Blicken verborgen, beobachtete sie ihn, folgte ihm mit den Augen und begeisterte sich durch diese Betrachtung; dann dachte sie den ganzen übrigen Tag darüber nach. Sie war zwar noch immer traurig, aber sie langweilte sich doch nicht mehr.
Der Herr von Saint Nizier bemerkte diese Veränderung, sah aber die Ursache davon nicht; seine Liebe und Eifersucht gingen nicht so weit, einen so seltsamen
cS I
Umstand zu errathen.
„Liebe Schwester, sagte er zu der Frau von Mont- sallier, „ich bin sehr unglücklich. Ich begreife nicht, waS in dem Kopfe und Herzen des Fräuleins von Sau- renö vorgeht, bemerke aber an ihr eine gesteigerte Empfindlichkeit, die mich erschreckt. Sie begeistert sich für Dinge, die sonst gar keinen Eindruck auf sie machten; sie liebt die Künste mehr und fühlt tiefer die Schön
Heilen der Natur. Ihr Gesicht zeigt einen ganz neuen Ausdruck, ihr Gesang hat mehr Gefühl und sie wird bei Dev Schilderung zärtlicher Gefühle gerührt. Gestern Abend las sie und hatte eine Hand aus ihre Augen gelegt; ich sah eine Thräne auf das Buch fallen. Was . Hat diese Veränderung bewirkt?"
Die Fran von Montsallier nahm ihren Stiefbruder bei der Hand, führte ihn vor einen Spiegel und sagte [ mit triumphirender Miene:
„Da siche."
— »Nein, nein, liebe Schwester," unterbrach sie IameS traurig, „ich bin cS nicht, daS weiß ich ganz gewiß. Wer aber ist cS sonst? ES gibt hier nur lange leidende Gesichter , Kranke, welche blos in daS Bad kommen, um Gesundheit zu suchen."
„Gewiß hast Du hier keinen Nebenbuhler," sagte die Frau von Montsallier; Die Menschen hier scheinen gar nicht von dieser Welt zu fein; ich habe noch nicht einmal tanzen sehen. Ich frage Dich, ist cS nicht ein Jammer, lauter Kranke zu sehen? Und wenn sie nur nach der Genesung wieder Vernunft annähmcn! IameS, ich glaube, die Veränderung, die in dem Charakter ElisenS vorgegangen, ist bloS die Wirkung des Bades."
— „Ich glaube nicht, daß das Wasser hier ein solches Wunder zu bewirken vermag," entgegnete IameS seufzend
Es vergingen noch einige Tage; dann äußerte Elise plötzlich den Wunsch, halb, womöglich sogleich abzu
reifen. Sic fürchtete sich endlich vor den Träumen ihrer Pdanlasie; sie erschrakt vor ihrer beständigen Beschäftigung mit jenem Manne, vor Der herrischen Bewegung ihres Herzens, das sie jeden Tag an daS Fenster trieb, von wo sie Stunden (apg den MarinS Manier beob- aVtete. Einmal überraschte sie da gar Der Gedanke: Vielleicht liebe ich diesen Mann !. . . Dann wollte sie ab reifen. Die Frau von Montsallier verlangte und wünschte nichts mehr; in einigen Srundcn war alles vorbereitet. Erst wollte man noch einen kurzen Ausflug in die Alpen machen und dann nach Marseille zurück kehren.
Nachnüttags wollte man aufbrcchcn. Zum letzten Male trat Elise tief ergriffen an daS Fenster; die Traurigkeit schnürte ihr daS Herz zusammen; ihr Blick suchte unter Den Platanen ; eS war Niemand da; sie wartete unbeweglich, Die Stirn an Die Jalousie gestützt. ES verging eine Stunde und Niemand kam. Da rannen sch merze nSv olle Thränen auS ihren Augen. „Ich werde ihn nie Wiedersehen," flüsterte sie, dann schämte sie sich ihres Schmerzes und ihrer Thränen, trat schnell von dem Fenster weg, setzte sich weit von demselben nieder und sagte un^H Schluchzen: „Ach, mein Gott, ich bin eine Thörin
Einige Stunden später, als man aufbreeben wollte, war Elise ruhig und ihre schwarzen Augen drückten nur noch eine leidende Heiterkeit auch aber Der heftigen Aufregung Der letzten Tage folgte nur eine tiefe Niedergc-