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U 305

Wiesbaden. Sonntag, 23. December

Freiheit und Reeht!"

18419

~ ar.it q.itunst« erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen. Der AbonnrmentSprrtS beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden 1 fl. 45 fr., auswärts fcurä d^ Poy be ogâ mit v?r-ältnißmäßigem Aufschläge. - Inserate werden bereiwillig ausgenommen und find bet der großen Verbreitung derFreier Zeitung" stets von wirksamem Erfolge. Die Jnsrratgebühren betragen für dir vterspaltige Petttzeile oder deren Raum 3 Kreuzer.

Einladung MM Abonnement.

Mit dem Ende dieses Monats beginnt ein neues Abonnement, auf welches wir die Aufmerksamkeit der Volkspartei, und insbesondere derjenigen in Nassau, lenken wollen letzt da der demokratischen Partei zur Abwehr der auf sie gerichteten Angriffe und zur Verfechtung ihrer Grundsätze fast nur noch das eine Mittel der Presse übrig geblieben, gebietet es geradezu die Pflicht der Sclbsterhaltnng, daß die BcsskSpartei die freie Presse, soviel es nur immer möglich ist, unterstützt, und »war um so mehr als auf der Seite der Gegner Alles aufaeboteu wird, um die freisinnigen Blatter zu Grunde zu richten.

Wir können uns daher wol der Hoffnung hingeben, daß die Demokraten unseres Landes, deren Vermögensverhältnisse es zulaffen, die Freie Zeitung nicht blos; lesei? sondern durch Abonnement auch thatkräftig unterstützen werden. Gan; besonders sollten die Demokraten, ehe sie sich zur Bestellung von halben farb­losen Neuigkeitsjournalen, oder gar von reaktionären Tagesblättern entschließen, erst auf die Anschaffung der demokratischen Zeitungen bedacht sein.

Die Verhandlungen der Landftände sowie des Schwurgerichts zu Wiesbaden werden so schnell wie möglich mitgetheilt werden. .^- Redaktion

Der Preis der Freien Zeitung"'bleibt der bisherige. Bestellungen auf das mit dem 1. Zaunar 1850 beginnende Quartal beliebe man hier in Wiesbaden in der 5d W Ritter scken Buchhandlung, auswärts bei den zunächst gelegenen Postämtern, zu machen.

Mehrfachen Wünschen zu begegnen, geben wir den resp. Abonnenten, welche jetzt für das nächste Quartal emtreten, tue Nummern dieses Monats vom Tage der Bestellung an unentgcldlich. Die Cxpedition

Ein Wort zur Beherzigung für die Conservativen im Chorrock.

Wir trauten unsern Augen kaum, als wir vor Kurzem den Erlas; des bischöflichen CommissariuS Dr. Wilhelmi durchlasen, von welchem die Dekane die Weisung erhalten, tue Geistlichen ihres Dekanats- bczirks zu neuer kräftiger Mitwirkung bei der diesjäh­rigen Collcctenerhebung für die Waisen anfzufordern. Denn eS werden in diesem Erlasse Gedanken laut, welche wir von dem Verfasser, der sich bisher als ein zäher Anhänger des Stabilitäts-Systems in kirchlichen und politischen Dingen gezeigt hat, nicht erwartet hätten. Sind seine Worte nicht leere und hohle, oder haben wir sie richtig verstanden, so huldigt er jetzt, nach diesen zu urtheilen, demokratischen Grundsätzen. Wie mag es nun gekommen sein, daß er auf einmal in das Lager der Demokraten übergetreten t'fl? Hat ihn etwa die Gewalt, welche jetzt die rachsüchtige Re­aktion in so vielen Ländern Enropa's ausübt, hat ihn etwa das Blutgericht, welches Oestreich und Preußen über die Freiheitskämpfer hält, auf andere Gedanken gebracht? Hat ihn dieß etwa zu der Ueberzeugung geführt, daß von vielen der Mächtigen der Erde kein Glück für die Völker zu hoffen ist? Hat er vielleicht erkannt, daß nur auf einem social-demokratischen Wege, nur durch eine volksgemüße, freie Verfassung der Noth des Volkes abgeholfen werden kann? Oder sind end­lich die demokratischen Gesinnungen, welche der Ober- vorsteher der evangelischen Landeskirche in dem er­wähnten Rundschreiben kundgibt, noch Nachklänge aus seinem akademischen Leben, wo er, wie uns vor eini­ger Zeit die Freie Zeitung gemeldet hat, freisinnig war? Doch dem sey, wie ihm wolle, es freute uns, daß der Mann sich bekehrt hat. Diese Sinnesänderung bewei­sen uns die Worte:Die im Leiblichen helfende Liebe wird dann nicht selten auch eine in höherer Beziehung gewinnende und rettende werden. Es gehört zu den Aufgaben unserer Zeit, daß die Kirche, wie in dieser, so auch in anderen Beziehungen sich nicht aus dem Leben hinaus drängen läßt, lediglich auf die Kanzel und an den Altar, sondern daß sie mit allen ihr zu Gebot stehenden Mitteln und Gaben kräftig einwirkend auf die Zustände des Volkes, ihre Stellung wieder mitten im Leben zu gewinnen sucht." Hört ihr's, ihr Geist­lichen, die ihr weiter nichts sein wollt, als Tempel­diener und Cultuspriester, die ihr mit Unverstand ge­gen eure demokratisch wirkenden Amtögenoffen eifert? Ihr sollt nicht bloß auf der Kanzel und am Altare, sondern auch außerhalb der Kirchenmauern im Leben der Menschen für dieselben thätig sein. Wo denn noch mehr, fragt ihr? Der bischöfliche Commissarins hat doch gewiß nicht sagen wollen:Ihr sollt Euch mit den Leuten auf Hochzeiten, Kindtaufen, Tröstern (Flenn­essen u. s. w. unterhalten. Er hat auch nicht gemeint: Ihr sollt mit ihnen immer bloß religiöse Gegenstände besprechen. Denn in allen Dingen muß man das rechte Maaß halten und wenn ihr überall, wo ihr mit dem Volke zusammenkommt, beständig von Religions- und Kirchcnangclegenheiten redet, so wird es das bald über­drüssig. Am allerwenigsten hat der bischöfliche Com- miffarinS daran gedacht, daß ihr die Viehzucht, den Ackerbau, die Fruchtpreise und dergl. zum Gegenstände eurer Unterhaltung machen, oder Anekdoten zum Scherz und Kurzweil erzählen sollt. Welche andere Bezie­hung mag er denn im Sinne gehabt haben, wenn nicht ausschließlich die genannten? Die Worte:in andern Beziehungen" schließen keine aus. Der Verfasser kann demnach nichts anderes gemeint haben, als: ihr sollt auch in politischer Beziehung aber

nicht zu Gunsten des Rückschritts, sondern des Fort­schritts thätig sein, und das nicht bloß in der Kirche, sondern überall, wo euch Gelegenheit dazu dargeboten wird, wie in VottSvereinen und Volks­versammlungen. Damit gerüth er freilich in Widerspruch mit dem im.Zuni d. I. mehreren demo­kratischen Pfarrern bekannt gemachten Reskripte, nach welchem denselben alle Betheiligung an den politischen Bewegungen der Gegenwart bei Strafe der Suspension oder Absetzung untersagt worden ist, allein wenn seine Worte keine einfachen Deklamationen sein sollen, so müs­sen wir sie so verstehen, wie wir so eben-angegeben haben. Die Kirche soll, also auch die Geistlichen, als Glieder und Diener der Kirche, einwirken auf die Zustände des Volks. Das ist so allgemein ausgesprochen. daß man unmöglich anneh- men kann, der Verfasser habe davon das Politische ausgeschlossen. Das merkt euch also, ihr Pfarrherren, die ihr glaubt, eure Schuldigkeit gethan zu haben, wenn ihr Sonntags ein- oder mehrmals gepredigt habt, wenn ihr Kinder tauft und Todten begrabt^ während ihr den größten Theil der Woche auf eurer Studirstube sitzet und eine Abhandlung oder ein Buch über einen dog­matischen Gegenstand leset ov^er schreibt, der weder zum Leben noch zum Sterben bester macht, oder während ihr euch mit Dingen abgebt, die gar nicht zu eurem Beruf gehöre». Ihr seid berufen, die Zustände des Volks zu heben und zu verbessern. Wodurch kann das besser geschehen, als gerade dadurch, daß ihr das Volk nicht bloß in religiösen, sondern auch in politischen Dingen belehrt und ihm unter andern; klar macht, nur da sei des Herrn Geist, nur da Herrsche das ächte Christenthum, wo Freiheit ist, wo ein Volk weder einen weltlichen noch einen geistlichen Despotismus zu ertra­gen hat und nach vernünftigen, gerechten Gesetzen re­giert wird? Wollt ihr euch um das Volk verdient machen, so weckt in ihm das Interesse für die öffent­lichen d. h. für Staatsangelegenheiten, so sucht ihm einen Gemeingeist und Patriotismus cinzuhauchen, wel­cher es fähig macht, für seine Sclbstbefreiung die schwer­sten Opfer zu bringen.

Die volle Gotteskraft des Evangeliums muß in allen Richtungen wieder einströmen in das Volksleben, heißt es am Schluffe des Erlasses, wenn die größere Freiheit und Selbstbethciligung aller Staatsangehöri­gen an den öffentlichen Angelegenheiten eine in Wahr­heit Heil und Segen bringende werden soll." Das sind nach unserer Auffassung sehr bedeutungsvolle, be- herzigungswerthe Worte. Es wird in denselben die Sphäre der Wirksamkeit des Evangeliums richtig be­zeichnet. Diese Sphäre ist das Volksleben in seiner Totalität. Dahin gehört demnach auch die politische Richtung. Denn es ist ja die Rede von allen Rich­tungen , nicht etwa von dieser oder jener, etwa der kirchlich-religiösen. Diese unsere Auffassung wird durch den Schlußsatz:wenn die größere Selbstbetheiligung aller Staatsangehörigen an den öffentlichen Angelegen­heiten eine segenbringende werden soll", gerechtfertigt. Eine allseitige Volksbildung soll also durch das Evan­gelium gefördert werden. Dafür sollt ihr Geistlichen, wenn ihr würdige Pastoren und keine Miethlinge sein wollt, thätig sein. Ihr braucht euch in dieser Hinsicht nicht nicht zu fürchten; denn eS wird euch ja ffn diesem Erlaß das Recht vindicirt, euch an den öffentlichen Angelegenheiten zu betheiligen. Oder seid ihr keine Staatsbürger, weil man euch die Befugniß abspricht, das Volk in politischer Bildung weiter zu führen? wagt nicht, unter der Wirksamkeit des Geistlichen aus- serhalb^der Kirche sei nach dem Rundschreihen die spe- I slAlc Seelsorge, und die Mitwirkung für die Armen-

und Waisenversorgung zu verstehen. Wenn der bischöf­liche Commiffarius bloß das gemeint hat, so gesiegelt wir, daß uns die angeführten Schlußworte böhmische Dörfer sind. Ihr wisset aber so gut wie wir, daß es seine Sache nicht ist, seine Worte auf Schrauben zu stellen, sondern das, was er sagen will, klar und deut­lich auszudrücken. Drum hütet euch, die Worte deS bischöflichen Rundschreibens anders zu deuten, als wir gethan, sonst tragt ihr in dasselbe Gedanken hinein, welche dem Verfasser fremd sind. Gesetzt aber auch, der fragliche Erlaß enthalte wirklich eine Anspielung auf die spezielle Seelsorge, so fragen wir auch: heißt man das für die Seele der Menschen sorgen, wenn ihr ihnen auf bem Gebiete der Religion euer Licht leuchten lasset, nbpv ü> tat Angclegenyelren des Staates oder des, Vaterlandes nicht zur Erkennt­niß der Wahrheit verhelfet oder ihnen sogar den Weg dazu durch eine falsche Schristauslegung versperrt? Sollen wir euch noch beweisen, daß ihr, als Lehrer des Evangeliums, auch politische Wahrheit nicht allein verkündigen dürft, sondern auch sollt? Wahr­lich, wenn ihr auch diesen Beweis »och verlangt, so seid ihr schon in den Augen aller Vernünftigen ge­richtet, und leget ein Zeugniß von eurer bedauernS- werthen Befangenheit ab. Euch aber uamentüch, die ihr trotz eurer bester» Einsicht, aber ans Mangel an Muth oder aus eigennützigen Rücksichten, die heilige Stätte der Wahrheit durch Entstellung entweiht, die ihr bei eurer Bibel-Erklärung in der Kirche und im gewöhnlichen Leben, insbesondere bei der Erklärung der Stellen, welche sich auf die Pflichten der Bürger gc- gen die Obrigkeit beziehen, aus süß sauer, aus gerate krumm und so umgekehrt macht, die ihr die Kirche zu einer Stütze eines jeden Staates uud sei er dcr absoluteste, macht; euch gilt das Heilandswort: we.e euch Schriftgclehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, ve ihr das Himmelreich zuschlicßt vor den Menschen, ihr kommt nicht hinein, und Vie hinein wollen, lasset ihr nicht hineingehen.

Wir hoffen nun, der bischöfliche Commiffarius wi.d bald dafür sorgen, daß das erwähnte Reskript, nach welchem mehreren Geistlichen alle Theilnahme an bat politischen Angelegenheiten der Gegenwart scharf ver­boten wird und dieselben unter die polizeiliche Aufsicht der Dekane gestellt worden sind, wieder aufgehoben wird. Es leuchtet ihm wohl von selbst ein, daß das­selbe durch seine vage und unbestimmte Fassung biv Spionerie und der geheimen Angeberei Thor und Thü e öffnet unv zugleich den Geistlichen ein Recht entzieht, welches in den Märzzugeständnissen von 1848 begrün­det ist. So habt ihr denn alle Ursache, ihr de- uwkratischen Pfarrer, euch zu freuen, daß es einen neuen Demokraten im Chorrock gegeben hat. Solltet ihr etwa wegen eures politischen Glaubensbekenntnisses fernerhin angefochten werden, so habt ihr an ihm wc- gen seiner hohen Stellung und seiner Verbindung mit Den Mannern, welche jetzt am Ruder des Na - säuischen StaateS sitzen, eine kräftige Stütze. Wes aber die schon so lang verheißene Neugestaltung d r evangelischen Landeskirche betrifft, so dürfen wir wobl von ihm, falls er Sitz unv Stimme in der General- Synode erhalten sollte, annehmen, daß er, so viel ir vermag, eine solche Verfassung herbeiführen helfe, durch welche alte hierarchischen Elemente aus der Kirche en - fcrnt werden und dieselbe zur wahren Freiheit im In­nern und zur Selbstständigkeit nach Außen gelangt. Zu dieser Annahme berechtigen uns die Gesinnungen, welche er in bem besagten Rundschreiben kunvgibt.