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Wiesbadeil. Samstag, 13 DeceiüÄer
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Freiheit und Neeht!"
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•nbfcbreiben an die freie christliche Gemeinde zu Diez und Freiendiez,
s Erwiederung auf deren Sendschreiben an die Gemeinde Langenbach,
(Siehe No. 252 der Fr. Z.)
l Pfarrer F. H. Snell, im Namen und Auftrag [Der letztgenannten Gemeinde.
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£ (Fortsetzung und Schluß.) |
Zum Ausharren bis ans Ende, zum Dulden und agen, zur Ergebung mußten die Apostel die ersten ! Asien ermahnen. „Ihr Knechte, ruft Petrus (1 Pe- 2, 18) seid Unterthan mit aller Furcht den Herrn, ht allein den gütigen und gelinden, sondern auch den nderlichen!" Und dennoch findet sich mitten unter sen Ermahnungen zur Unterwerfung unter die tau- dfachen Arten der damaligen Knechtschaft, — wie denn die Natur großer ^revolutionärer Geister ist, j sie über ihre Zeit, von welcher sie sonst gleich allen erblichen abhängen, gleichsam übergreifen und mit ophetischem Blick in die Zukunft schauen — ein rkwürdiges Wort des Paulus, welches den Menschen f seine eigene Kraft hinweist. Es ist dies der Aus- uch I Korinth. 7, 20. 21.: „Ein Jeglicher bleibe dem Berufe, darinnen er berufen ist. Bist du ein iccht berufen, sorge dir nicht; doch kannst du frei rben, so brauche das viel lieber!" Daraus ht hervor, daß wir im Sinne des Apostels Paulus all diesen Ermahnungen zum Gehorsam gegen eine brigkeit und gegen alle ungerechten Gewalten immer izusetzen müssen: „doch Knecht, kannst du frei wer- 1, so brauche das viel lieber!"
Und jetzt endlich kann der „Knecht" das im vollen nn des Wortes werden, dessen er „viel lieber brau« n soll", jetzt endlich nach achtzehn langen Jahrhnn- rten ist Die Zeit gekommen, wo das Volk, dieser un- b-riicfte, stets niedergetretene und ausgebentete „Knecht" ■i werden kann! Jetzt, nachdem die Menschheit achten Jahrhunderte lang aus ihrem Jammerthal zum immel hinauf gebetet hat: „zu uns komme dein eich", jetzt können wir mit noch größerem Recht, 6 damals, rufen: „das Reich Gottes ist nahe her- igekommen!" Wohl wird die Verwirklichung dieses i eich cs Gottes auf Erden noch manchen heißen Kampf | steil; aber es wird von nun an um nichts Anderes j ehr von den Menschen gekämpft werden, als um die , erwirkilchung dieses Reiches. Die Menschheit hat sannt und erkennt täglich mehr, daß die großen Ge- ' uifcn der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, ; elche das Christenthum in die Welt gebracht hat, i vig bloße Gedanken bleiben werden, wenn nicht die olitischen unb gesellschaftlichen Einrichtungen der Vol- , r danach umgcstältet werden. 'Es ist dies die letzte 1 roße Bewegung, welche das Christenthum in der j Zeit hervorruft, um sich zu vollenden. Sie hat be- I onnen mit der ersten großen französischen Revolution :
von 1789, welche zuerst die heilige Dreiheit: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit auf ihre Fahnen schrieb; sie hat sich fortgesetzt in der Julirevolntton von 1830 und in der Februarrevolution von 1848; sie wird sich von ihrer jetzigen Niederlage siegreich wieder erheben, trotz alter Kerker, Verfolgungen und Standrechte! Eher läßt sich die Sonne aus ihrer Bahn bringen, als sich diese Entwicklung aufhalteii läßt, die aus dem innersten Wesen der Menschheit hervorgrgangen und von Ewigkeit ihr vorgezeichnet ist. Der Baum, dessen Fruchte in diesem Jahrhundert der Revolutionen reifen werden, ist derselbe Baum, der aus dem Senfkorn ausgewachsen ist, seine Wurzeln reichen durch die Weltgeschichte zurück bis nach Bethlehem und Golgatha! Uno wenn auch manche religiöse Vorstellung, manche Sitte und Lkbenseinrichtung der frühern Zeiten dahinsinkt, — was liegt an den fallenden Blüthen, wenn uns die Früchte mit ihrer Süßigkeit laben! Diejenigen aber, deren Gedanken noch immer bei den Blüthen sind, die doch längst.abgefallen und vom sturme zerweht sind, die die Früchte nicht sehen, die uns der Baum des Christenthums zeigt, die die Revolution und die ganze politische Richtung unserer Zeit als unchnftUch verdammen, Alle, die aus Verblendung oder Eigennutz dem Fortschritt sich widersetzen, -- die ganze Schaar der Romantiker Reaktionäre und Pfaffen — sie verstehen nicht den Sinn des Christenthums, haben nie einen Begriff von demselben gehabt, sie würden heute Christum wieder kreuzigen, wie sie die Kämpfer der Revo- lütion in die Kerker werfen, erschießen und hängen lassen. —
Wir aber, theure Brüder, die ihr mit uns dieselbe Gtiftesrichtung verfolget, wir wissen, daß wir in unsern politischen Ansichten und Bestrebungen grade das wahre Chrjstenrhum haben und besitzen; denn wir wissen, daß die 'Verwirklichung der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit auf dem politischen und gesellschaftlichen Gebiete der innerste Sinn und die gegenwärtige Aufgabe des Christenthums ist. Wohl entgeht es uns j nicht, daß die Noth , die von Jahr zu Jahr steigende
Noth der Völker, die harte, unerbittliche, die auch „Eisen bricht", — daß die materielle Noty schon an und für sich die Völker zum Kampfe der Befreiung treibt mwspprnt; aber der Kampf der Noth mutz durch den Gedanken zu einem klaren und selbstbewußten Kampfe gemacht, muß durch die Religion geadelt und geheiligt und vor gemeiner Rohheit und blinder Rache bewahrt werden; der Kamps der Noth muß zu einem Kampf aus Religion zu einem Kampfe des Christenthums gemacht werden.
Die Thätigkeit für die Verwirklichung der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, — dieß, also die derma« lige Aufgabe der christlichen Kirche, ist die Aufgabe aller Gemeinden und die Aufgabe aller Prediger dieser Kirche. Zur Erfüllung dieser Aufgabe bedarf es
nichts als Freiheit, Freiheit der Bewegung. Es j werden, so sagen wir uns los von einer ^Kirche/die bedarf'dazu keiner neuen Religion oder ReUgionsserte, * vom Geiste Gottes verlassen ist. „.
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im Gegentheil in dieser Aufgabe unsrer Zeit vereinigen sich wieder alle christlichen Konfessionen und Sekten. Es bedarf dazu keiner neuen Glaubensbekenntnisse; es handelt sich vielmehr um die Verwirklichung das allen aufgeklärten Christen gemeinsamen Glaubens durch politische und sociale Umgestaltung der Staaten. Dies haben wir schon seit längerer Zeit als die jetzige Aufgabe des Christenthums erkannt und bei dieser Ueberzeugung wollen wir bleiben, in diesem Glauben wollen wir wirken, wollen wir leben und sterben. Wir wollen nichts Neues werden, sondern wir wollen bleiben, was wir sind und längst waren; man will uns aber, wie es scheint, nicht bleiben lassen, was wir sind.
Und wie wir für uns selbst nur die Freiheit, zu bleiben was wir sind, in Anspruch nehmen, so glauben wir auch, daß die Kirche überhaupt nur Freiheit, nur das, was durch die Grundrechte verbrieft ist, nöthig hat, um die gegenwärtig Aufgabe des Christen- thums zu lösen. Für die Gesammtkirche eine freie Verfassung, damit sie aufhöre eine Polizeianstalt des Staates zu sein, für die Elnzelgemeinven selbstständige Verwaltung des Kircheuvermögens und was das Wichtigste ist — freie Wahl Der Prediger, damit der Geist, der in den Gemeinden lebt, überall einen Ausdruck
und Mund bekomme, — vas ist Alles, was wir fordern. Wir wollen keinen besonderen Staatsschutz für uüs, wir wollen kein Privilegium für unsere Ueber-, zcügnng, wir wollen nur Freiheit, Freiheit für Alle, für die NMelschen Altlutheraner so gut, als für uns selbst. Man soll nur uns nicht Gewalt anthun, wie man früher jenen Altlutheranern Gewalt anthat.
Wir fordern nur Freiheit für uns, wie wir auch den entgegengesetzten Richtungen die Freiheit gönnen und das von Gott und Rechtswegen; denn die Kirche selbst ist es, welche uns zu dem, was wir sind, gemacht, welche uns zu der Ueberzeugung, die wir bekennen, herangebilvet hat: wir haben deßhalb das Recht, so, wie wir sind, in dieser Kirche zu bleiben, und die Grundsätze, die Uns beseelen, durch alle uns zu Gebot stehenden Mittel innerhalb der Kirche zum Siege zu führen. Unb wenn wir nur Freiheit haben, so sind wir des Sieges gewiß, so sind wir gewiß, daß wir, d. h. daß unsere Grundsätze und Ueber« Zeugungen, die schon in tausend und tausend Christen- Herzen leben und von Tag zu Tag mehr Boden gewinnen, endlich die Staatskirche sprengen und eine freie Kirche bauen werden. Und wird uns die Freiheit versagt und wird unser gutes Recht nicht anerkannt, so — siegen wir dennoch, so siegen wir nur auf anderem Wege; so schlagen wir den Weg ein, den Ihr, theure Brüder, weniger geduldig im Ertragen des Unrechts, bereits betreten habt; so verlassen wir ein Gebäude, in dessen morschen Mauern dann bald nur noch die Eulen und Fledermäuse wohnen
Denn der Herr ist
Proceß WaLdeek.
Rede des Herrn Dorn , Vertheidigers des Herrn Waldeck.
(Fortfeyung.)
Die Aussage des Zeugen Ccbvrnbaum hat Ihnen ie Ueberzeugung gegeben , daß Walbeck beruhigend esprvchcu habe. Walbeck selbst hat Ihnen gejagt unb s schon bei anderen Gelegenheiten ausgesprochen, iveü= alb er überhaupt gesprochen habe; unb Die nämlichen Zeweggründe, bic Walbeck bewogen haben, damals vcr= öhncnv cinzuwirken und jeden Conflikt nach Möglichkeit u vermeiden , die nämlichen Gründe haben Waldeck be= Vogen, dem Zuge der Getodtelen zu folgen, wie er gc- olgt ist dem Zuge des getöbteten Bürgerwehr-Offfziers.
Ich komme zu der genannten V^ajorssiacht. Meine Herren, cs scheint beinahe, als ob die Staats^Anwalt- schaft sich ein Vergnügen daraus mache, bei jeder Gelegenheit, jene Majorsnacht in das Andenken der Bewohner Berlins zurück zu rufen, um immer anf's Nene Den damaligen Bürgerwchrmânncrn die Schamröthe auf Die Wange zu treiben. Meine Herren, die Bnrgcrwehr, ein bewaffnetes Corps, trat zusammen und berrieth. Ein bewaffnetes Corhs kann nur darüber berathen , ob cs sich fügt und Lie Waffen streckt, oder ob cs kämpft. Den Entschluß, die Waffen zn strecken, — und auch
hierzu gehört Muth und Entschlossenheit! — wollten die Versammelten nicht fassen; sie schachten sich, obwohl es den Solbaten eher anstcht, die Waffen zu strecken, als sich mit passivem Widerstände zu beschwichtigen, b. h. sich die Waffen abnehmen zu lassen! Eben so wenig konnten dieselben zn einem activen Widerstände sich ansschwingen. Sie haben gesehen, wie die als Zeugen geladenen Majore der ehemaligen Bürgerwehr sich vor Ihnen gezeigt haben! Was wäre es gewesen, wenn damals der Eine oder der Andere Anführer zum Kampfe gerathen, den Kampf gewollt hatte, da doch der Endbeschluß auf passiven Widerstand ging? Was konnte cs beim dem Einzelncn zum Vorwurf gereichen , seine Stimme in anderer Weise abgegeben zu haben? Sie haben gesehen, wie jeder der Zeugen cs ablebntc, für den activen Widerstand sich erklärt zu haben, wie starken Anklang ber passive Widerstand gefunden hat, wie die Zeugen um die Ehre sich stritten von wem der Vorschlag des pasiven Widerstandes ansgegangcn sei. Der Beschluß des passiven Widerstandes! Wie kann cs darauf ankommen, was bei der Delibcration darüber erklärt worden ist! Waldeck, um seine Meinung befragt: sagte „Ich bin kein Mann der Waffen; Sie müssen wissen, was Sie zu thun haben." Die Staats-Anwaltschaft nennt dies Zurückhaltung. Mag dies Zurückhaltung zu nennen sein, in keinem Falle hat Waldeck zum activen Widerstände provocirt, und darauf allein wurde es, selbst nach der Auffassung der Staats-Anwaltschaft, ankommeu.
Ob WalLeck den Kopf geschüttelt hat über das Resultat welches ber Angeklagte nicht einmal abgewartet hat, bleibt gleichgültig; darum, weil er sich nicht zustimmend geäußert haben soll, darf man nicht annehmen, daß er provocirt habe.
Die Staats-Anwaltschaft stellt, wie schon bemerkt, den Angeklagten hin als einen Mann Ler Vorsicht. Die Staats-Anwaltschaft bemerkt in dieser Beziehung, Laß, abgesehen von dem Verhalten LeS Angeklagten in jener sogenannten Majorsnacht, anch bafür spreche, daß Waldeck den Bericht Ler demokratischen Partei nicht unter seinem Namen erlassen habe und Laß er denselben nicht einmal in Berlin habe drucken lassen. Der Herr Staats- Anwall scheint nicht zu wissen, wie es mit Abfassung dieser Berichte herzugehen pflegt. Diese Berichte werden niemtstö unter dem Namen eines einzelnen erlassen, sondern unter dem Namen der Partei. Der Angeklagte Waldeck hatte seinen Otamen nicht darunter zn setzen. Daß er den Bericht nicht hier bruefen ließ, hat seine bestimmte Veranlassung Darin, daß als Der Bericht gedruckt werden sollte, hier der Belagerungszustand cristirte und Die Druckerei des Buchdruckers Berends geschlossen war; in Folge Der Verordnung des Generals v. Wrangck. Der Bericht konnte also nicht dort gedruckt werden, wo die früheren Berichte gedruckt worden waien. Auf eine besondere Vorsicht hierbei ist nicht zu schließen.
Ein Punkt, Den die Staats-Anwaltschaft noch her- vorgchvbcn hat, um Die Vorsicht des Angeklagten klar