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Sendschreiben an die freie chriftliche Gc- memde zn Diez und Freiendiez, als Erwiederung auf deren Sendschreiben an die Gemeinde Langenbach, (Siehe No. 252 der Fr. Z.) von Pfarrer F. H. Snell, im Namen und Auftrag der letztgenannten Gemeinde.
Mit neuer Freude und frischem Muthe hat der ' Drudergruß, der von Euch zu uns herübergetönt ist, unsere Seelen erfüllt. Wohl wissen wir, daß nicht allein die freien Gemeinden, sondern auch, daß tausend unserer christlichen Brüder in der protestantischen, wie in der katholischen Kirche mit ihren stillen Wünschen uns begleiten und im Geist an unserm Kampfe für die Freiheit (der Kirche) Antheil nehmen. Aber besonders wohlthuend ist es für das Herz und besonders ermuthigend für den Geist in einer Zeit des schweren Kampfes, wenn diese Sympathien auch laut uud ohne Furcht und Scheu ausgesprochen werden, wie dies von Euch, theure Brüder, durch Euer Sendschreiben an uns geschehen ist. So wird es Allen gewiß und unzweifelhaft, daß es nicht blos ein Kampf dieser einzelnen Gemeinde ist, den wir kämpfen, sondern ein Kampf für die Freiheit der Gesammtkirche, daß cs nicht ein schnell aufflackerndes und schnell wieder erlöschendes Irrlicht ist, dem wir folgen, sondern ein reiner Strahl der Sonne, deren Morgenlicht die Spitzen der Menschheit vergoldet, wenn auch die düstern Nebel der Nacht noch die Thale decken. So wird es Allen und uns selber gewiß, das dasjenige, was unsere Herzen durchglüht und mit seliger Wonne erfüllt, ein Pulsschlag ' ist von dem großen Herzen der Zeit. Dank Euch, theure Mitstreiter, herzlichen Dank Euch, die Ihr durch Euren Zuruf diese Zuversicht aufs Neue in uns Allen lebendig gemacht habt!
Wir sind in dem, was Ihr für das Wesen und die jetzige Aufgabe des Christenthums haltet, vollständig mit Euch einverstanden. Die Gedanken der „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" halten wir mit Euch für die Grundgedanken (Ideen) der christlichen Religion und die Verwirklichung dieser Gedanken in der „Freiheit und Brüderlichkeit der Nationen leuchtet auch uns als der ersehnte Stern der Zukunft entgegen." Wir erblicken mit Euch in den Staatskirchen und in dem durch dieselben erzeugten neuen Pharisäerthum, mit Einem Worte in dem Pfaffenthum mit Allem, was dazu gehört, das größte Hinderniß der Verwirklichung der Grundgedanken des Christenthums. Wir erblicken in allen Denjenigen, welche, trotz der Grundrechte des deutschen Volkes, jene Staatskirchen und dieses Pfaf- ftnthum aufrecht erhalten wollen, nur die Feinde des Volks und die Feinde der Religion.
Der ursprüngliche Charakter der christlichen Religion war rein demokratisch. Dies geht schon für's Erste daraus hervor, daß dieselbe revolutionär auftrat
Wiesbaden. Donnerstag, 1» December
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revolutionär gegen die zu jener Zeit herrschende geist- i liche Gewalt, das Priester- und Pharlsäerthum. ' Der Stifter unserer Religion, weit entfernt sich
dem damaligen Kirchenregiment und dessen Geboten zu fügen, trat demselben vielmehr offen entgegen, rief sein „Wehe" über vie Pharisäer unv Schriftgelehrten aus, und nannte sie Heuchler, Otterngezüchte u. s.w. (Evang. Matthäi, Cap. 23, V. 13 st.) Mit derselben Entschiedenheit trat er allen Unterdrückern und Peinigern der Menschheit, allen denjenigen, welche ihre Bruder zu ihren eigennützigen Zwecken ausbeuteten, entgegen.
Dies lehrt uns ferner der ganze Geist d.s Christenthums, wie er aus den Grundlehren desselben und aus den uns überlieferten Erzählungen über das Leben Jesu zu uns spricht. Das Gebot der Bruderliebe stellt Jesus immer voran. „Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freihei t", ruft dessen größter Apostel uns zll (2. Corinth. 3, 17). Uno den demokratischen Grundsatz der Gleichheit spricht derselbe Apostel in den Worten aus: „Hier ist kein Jude, noch Grieche, hier ist kein Knecht (Sklave) noch Freier, hier ist kein Mann noch Weib; denn ihr seid allzumal Einer in Cynsio" (Galater 3, 28).
Eben so legt Alles, was uns über die Lebens- und Handlungsweise des Stifters unsrer Religion in jenen alten Ueberlieferungen der Bibel berichtet wird, das lauteste Zeugniß av von der demokratischen Richtung seines Geistes. Nicht unter den hohem Klassen der Gesellschaft, sondern unter den niedern Ständen, unter der arbeitenden Klasse, suchte er seinen Umgang und seine Gesellschafter und selbst seine Apostel; „den Armen wurde das Evangelium gepredigt", die „Mühseligen und Beladenen" rief er 511 sich; den Verachteten uno Unterdrückten war er überall ein Beschützer, Fürsprecher und Erretter, dagegen den Hohen und Vornehmen und Allen, die aus äußere Dinge einen Werth legten, ein unerbittlicher Tadler und Bekampfer. Dies war für jene Zeit so auffallend und gegen daS Herkommen so sehr verstoßend, daß ihm seine Feinde die bittersten Vorwürfe machten. Er selbst druckt dies (Lukas 7, 34) mit den Worten auS: „Des Menschen Sohn ist gekommen, isset und trinket; so saget ihr: Siehe der Mensch ist ein Fresser und ein Wein saufer, der Zöllner und Sünder Freund!"
Diese „Zöllner und Sünder" sind die heutigen Proletarier, das Gesindel, der Pöbel, mit welchem um- zugehen und deren sich anzunehmen, den Geistlichen unserer Staatskirchen verpönt ist, unv dieselben 111 s. g. Disciplinaruutersuchungen verwickelt.
Man wirft nun zwar hiergegen ein, das Christenthum sei zwar auf dem religiösen Gebiete demokratisch, aber nicht auf dem politischen. Dieser Einwurf, schon an und für sich widersinnig, — da ja die religiösen Grundsätze alle Lebensgebiete beherrschen müssen — wird auch durch das Auftreten und die Lehre Ze, u ausdrücklich widerlegt. Als z. B. die Pharisäer zu Jesus kamen und ihn vor Herodcs, der ihn todten wollte,
warnten, sprach er ju ihnen: „Gehet hin und saget diesem Fuchs: es thuts nicht, daß ein Prophet uin- komme außer Jerusalem!" (Lukas 13, 31—33) Jesus spricht also hier so wenig ehrerbietig von seinem Lan- Vesvater, daß er heutiges Tages sicherlich wegen Ma- jestätsbcleidigung aiigeklagt würde! Auch wurde er ja bekanntlich zuletzt wirklich wegen angeblichen Hochverraths hittgerichtet.
Von den hierher gehörigen Aussprüchen Jesu fuhren wir nur die bekannte Stelle an, wo derselbe zu seinen Jüngern sagt: „Ihr wisset, daß die weltlichen Fürsten herrschen, und die Oberherrn haben Gewalt. So soll es nicht sein unter euch; sondern so Jemand will unter euch gewaltig sein, der sei euer Diener u. s. w." ( Matth. 20, 2-5 ff. ) — In diesen Worten wird der Absolutismus und jegliche unbedingte Gewaltherrschaft als unchristlich, als Etwas, das unter Christen „nicht sein soll", verworfen.
Wohl wendet man hiergegen ein, es sei hier nur von dem religiösen Gebiete, nur von der Negierung der christlichen Kirche, welche „nicht sein solle", wie die „Herrschaft" der „weltlichen Fürsten", die i Neve, die weltliche Herrschaft selbst aber werde nicht angetastet, und beruft sich zum Beweise hierfür auf die andern BibelsteUen, die, wie man meint, den un- bcdingtcn Gehorsam gegen die Obrigkeit, selbst gegen die absoluteste und ungerechteste, predigen. Allein hiergegen muß vor allen Dingen bemerkt werden, daß dieser von dem Christenthum gepredigte Gehorsam gegen die Obrigkeit keineswegs ein unbedingter ist. Den Ausspruch: „seid Unterthan aller menschlichen Ordnung, es sei dem Könige oder den Hauptleuten"
re. (1 Petri 5, 13. 14.) steht der andere gegenüber: „man muß Gott mehr gehorchen, als den Menschen." (Apostelgeschichte 5, 29.) Und wenn Jesus selbst sagt: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist", (Matth. 22, 21.) so legt er, nicht jn reden von der besonderen Veranlassung, bei welcher diese Worte gesprochen wurden, schon eine Beschränkung in die Worte selbst; denn wenn man dem Kaiser nur das, was des Kaisers ist, geben soll, so folgt daraus, daß man ihm das, was nicht des Kaisers, sondern etwa Gottes ist, nicht geben soll, wenn er es auch fordern sollte. Wirklich war auch der Gehorsam der ersten Christen gegen ihre Obrigkeit nur ein bedingter. Wenn ihnen z. B. die römischen Kaiser befahlen, ihre Bildnisse anzubeten, oder den heidnischen Göttern zu opfern, so gehorchten sie nicht, sondern ließen sich lieber in die Kerker setzen und den wilden Thieren vorwerfen: sie gehorchten hierin Gott mehr, als den Menschen.
Diese Beschränkung des Gehorsams gegen die Ob- rigkeii bezieht sich freilich zunächst nur auf Religions- und Glaubensangelegenheiten; in Allein, was nicht den Glauben und die Religion betraf, war den ersten Christen der strengste Gehorsam gegen die Gesetze und Gebote der weltlichen Obrigkeit zur Pflicht gemacht. Aber
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Proceß Waldeck.
Rede des Herrn Dorn, Vertheidigers des Herrn Waldeck.
(Fortsetzung.) -
Außerdem aber, und dieß ist einer der Puncte, die mir zuerst in der Voruntersuchung unbegreiflich waren, außerdem spricht ein Umstand sehr klar dafür, daß Gödschc wußte, jene falschen D'Ester'schen Briefe seien nachgeahmt gerade dem D'Ester'schcn Facsimile. Ich sage, jener Punkt war mir vom ersten Moment, an unbegreiflich ; ich fragte mich, wie der Untersuchungsrichter auf die Idee komme, hier, wo echte D'Ester'sche Schriften zur Vergleichung Vorlagen , mit einem Facsimile Vergleichungen anzustellen? mit einem Facsimile, das nicht echt sein kann, da cs der D'Ester'schen Handschrift eben nur nachgebildet ist. Welche sonderbare Joee also, hier Vergleichungen mit einem Facsimile anzusteilen ! Von Gövsche ist jene Idee ansgegangen. Bei seiner ersten Vernehmung, die er absichtlich veranlaßt hat, veranlaßt hat durch einen Zettel den er ins Gefängniß beförderte, einen Zettel, der sonnenklar verrieth, daß er wolle als Zeuge vernommen werden, einen Zettel, der sonnenklar verrieth, daß er wolle, es solle Haussuchung bei ihm gehalten werden, und für welche er auch die nöthigen Papiere in einer wohlverschlossenc» Mappe zurecht gelegt
hatte. Gödschc also ist der Schöpfer jenes besonderen Modus von Schriftverglcichung. Es hatte damals eine Vergleichung der Handschriften überhaupt noch nicht Statt gefunden. Der Untersuchungsrichter fragte Gövsche, wodurch er die Ueberzeugung gewonnen habe, daß die Briefe von D'Ester herrühren, und GöLsche sagte: sie stimmen wie mir scheint, mit dem Facsimile unter D'Ester's Bild überein. Meine Herren! die nächsten Briefe, wie ich schon sagte, lagen vor. Es war ein Brief vorhanden, von dem Waldeck selbst sagte: „Dies ist D'Ester's Handschrift." Es waren außerdem echte Schriftstücke von D'Ester vorhanden, und doch wurden mit jenem Facsimile Vergleichungen angcstclll! Meine Herren ! Und in der That, die Staats-Anwaltschaft ging in bicfe Falle. In der Anklage lesen Sie, zu Ihrem Erstaunen, die Zweifel über die Echtheit der Briefe, von D'Ester's Hand seien nicht gelöst. Zwar sagten die Sachverständigen, die Schriften stimmten nicht mit der echten D'Ester'schcn Handschrift überein, wohl aber mit dem Facsimile.
Ich frage Sie, was konnte der Dinstage Niederschmetternderes begegnen, als daß diese angeblich D'Ester- 'schen Schriften nicht mit den echten stimmten, wohl aber mit dem Facsimile? Lag hierin nicht der klarste Beweis, daß die Brefe eben diesem Facsimile nachgemacht waren? Ich frage Sie, wie kann man eine solche Behauptung in einer Anklage aufstellen; wie kann man sagen, die Schrift kann doch von D'Ester herrühren, obschon sic mit den echten Schriften nicht
stimmt, sie kann von D'Ester herrühren, weil sie mit seinem Facsimile übereinstimmt, eine Uebereinstimmung übrigens, die, wenn Sie die Schrift vergleichen wollen, noch eine sehr oberflächliche ist. In der That ist es zu bewundern, wie die Leute, die sich diesem Komplott angeschlossen haben, so wenig Mittel anwendcten. Sie müssen ein solches Vertrauen in die Gläubigkeit der Beamten gehabt haben, die sie täuschen wollten. Und freilich haben Sie Sich leider hierin nicht getäuscht.
Ich sagte bereits, daß Ohm die Briefe gemacht habe bin aber noch den überzeugendsten Beweis, Don ich versprach , schuldig. Sie finden denselben, wenn Sie Sich dasjenige Volumen geben lassen, in welchem die Notizen enthalten sind, die später in den preußischen Znschancr übergegängen sind. In diesen Notizen von Ohm's Hand verfaßt, werden Sie dieselben orthographischen Sprachfehler finden, welche auch in den falschen D'Ester'schcn Briefen enthalten sind. Ich will Sic nur auf das eine Wort „Microslawski" aufmerksam machen, ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie in demselben drei orthographische Fehler) finden, auf welcbe ich oben in dem falschen D'Estcrschen Briefe aufmerksam machte. Ich mache Sie ferner darauf aufmerksam, daß häufig von Hcramer die Rede ist, der sich bekanntlich nur mit einem „m" schreibt. Immer aber finden Sie diesen Namen von Ohm in der nämlichen Weise mit einem doppelten „m* geschrieben, gleich wie in den falschen Briefen. Auf die Bnchstabcn-Aehnlichkeit habe ich Sie bereits im Laufe