„Dreiheit und Leeht!"
N 283 Wi«sbade«. Sonntag, » December 18419.
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Der kleindeutsche Reichstag und die deutschen Professoren von Gotha.
Eine Stimme aus Kurhessen.
Nein, nein, nein! Der Unverstand unserer sogenannten Politiker, der Aberwitz der „besten Männer" wird für den Spott zu groß. Armes Deutschland! Das Maaß deiner Schande, die Summe deines Elendes ist noch immer nicht voll, für deine Stirne werden immer neue Dornen geflochten, eine Schmach folgt der andern; deine Geschichte ist zum Spott der Nationen geworden, deine Revolution wird auf den Jahrmärkten fremder Völker gesungen von Bänkelsängern, von Witzbolden, von fahrenden Komödianten.
Unglückliches Volk! Als man deine Vertreter, die Vertreter von 45 Millionen Menschen, die nach den langen Jahren der Verachtung, der Sklaverei einmal aufathmeten, einmal den Lohn für die ungeheure Arbeit der Jahrhunderte, für die stille, rastlose Arbeit an der geistigen Entwickelung des Menschengeschlechtes ernt teil wollten, die keine andere Sehnsucht hatten, als die Sehnsucht nach einem stolzen, geachteten Namen, nach Anerkennung ihrer Treue, ihrer Ergebung, ihrer Zuversicht, keinen andern Wunsch, als im Rathe der Völker einmal mitzutagen, nicht ganz verstoßen, ganz verlacht, verspottet, verhöhnt zu sein, in denen einmal der eingesargte, vergrabene Geist der großen Vorzeit, einer Zeit des Ruhmes und der Ehre, wieder auf- wachte, die einmal Theil nehmen wollten am Recht aller Menschen, am Glück aller Nationen, die einmal frei, groß, stolz sein wollten, die einmal auf ihr heißes, getretenes, mit Füßen getretenes Ehrgefühl pochten, die einmal ihre Manneswürde reklamirten, ihr gestohlenes Herz, ihren Glauben, ihre Liebe, ihre Hoffnung, ihre Sehnsucht herausforderten, — — — als man die Vertreter dieser 45 Millionen Menschen wie eine Meute Hunde auseinanderjagte, wie freche Buben auf die Schulbänke wies, als man die Forderungen dieser Vertreter wie kindische Gelüste, für frechen Diebstahl, für verbrecherischen Blödsinn erklärte, als man das Volk von 45 Millionen Menschen auf den Mund schlug, ihm für seine vorgetragenen Wünsche Ohrfeigen gab;--da, nachdem alles Das geschehen, nachdem die große Erhebung zu einer Fratze geworden, die glühende Begeisterung durch Büttel und Soldaten zur Posse erniedrigt war, nachdem der Sturm des Jubels verrauscht, der Strom des Enthusiasmus versiegt, nachdem Deutschland wieder so klein, so winzig, so elend geworden war, als früher, nachdem es seine Ehre verloren, ans seinen Stolz, seine Manneswürde resignirt, sich ganz bettelarm, sich ganz unglücklich gemacht hatte, da hätte man glauben sollen, das Schicksal der neuen Israeliten sei erfüllt, die unglückliche -Ration habe nun genug geduldet, man werde sie in Ruhe sterben, in Ruhe die letzten Seufzer aushauchen lassen, man werde ihr brechendes Auge nicht gewaltsam amreißen, man werde ihr einen lindernden Balsam ans die blassen Lippen träufeln.
Nein, nein, nein! Das Ende des Elends ist noch nicht gekommen, die Tage der Schmach sind noch nicht vorüber; immer aufs Neue zerren sie das armselige Volk, die wimmernde Nation wieder in die Höhe, immer aufs Neue werfen sie die 45 Millionen auf den harten, steinernen Boden der Erniedligung, immer aufs Neue lassen sie dem Volke seinen ganzen Jammer fühlen; — die Wunde seines Herzens soll sich nicht schließen, in teuflischer Lust wirft man dem geschändeten Volke seine Erbärmlichkeit, seine Ehrlosigkeit vor; man hat ihm seine Ehre gestohlen und spottet darüber, man hat ihm seine Begeisterung gemordet und höhnt es dafür, man hat es betrogen, hintergangen, man hat ihm seine Liebe, seine heiße, brennende Liebe abgeschwatzt und verlacht es darob, man hat mit tausend höllischen Künsten, mit Lug und Trug, dem gutmüthigen, vertrauenden Volk sein Erbtheil aus den Handen gewunden und verlacht es darob, — — _ das Maas unserer Schande ist noch nicht voll, die Summe unseres Elendes ist noch nicht groß genug. Eitle Sophisten und bcthörteBourgeois!! Seht ihr nicht, daß ihr mit den ewigen Hoffnungen, die ihr dem Volke macht, mit den ewigen Täuschungen, die ihr dem Volke bereitet, die letzten Kräfte des Volkes verzehrt, daß ihr es damit ganz abgestumpft, ganz gleichgültig gegen seine Schande, seine Entehrung macht, daß ihr die unglückliche Nation damit auf die letzte Rolle einer Buhldirne vorbereitet, daß ihr sie damit ganz verrathet, vernichtet, ermordet? —
I Ihr wißt, daß eure Feigheit, eure Charakterlosigkeit, das Volk bis auf diesen Punkt gebracht hat, ihr seid zu eitel, um eure Sünde zu bekennen; ihr zieht das unselige Drama, die letzte Enttäuschung, so lange als möglich hin.
Die Revolution ist vollendet, die Revolution des Jahres 1848, die Revolution, welche die Professoren gepredigt haben, ist vollendet. Unglückliches Volk! Das ist die einzige Wahrheit, an die du glauben sollst: diese Revolution ist vollendet. Sie ist vollendet und alle ihre Früchte sind deinen Herren zugefallen; die Revolution ist vollendet, und du hast Alles verlottert. Alles verloren, du hast zuletzt deine Ehre aufs Spiel gesetzt, mit zitternden Händen, mit Thränen in dem Ange, ein verzweifelter Spieler, ein wahnsinniger, bejammernswerther Spieler, — du hast auch deine Ehre verloren, du hast nichts mehr, was du einsetzen könntest, nichts mehr, um deinen Peinigern noch einen Satz anzubieten, du hast nichts mehr, als daS armselige, verachtete, verspottete Leben, nichts mehr, als eine trostlose Erinnerung, eine Erinnerung, die unS zur Verzweiflung bringt.
Leichtgläubiges Volk! Statt über dein ganzes Elend, deine ganze Erniedrigung klar zu werden, statt deine letzte Kraft, deine letzten Blutstropfen, die du gerettet hast, aufzusparen für eine andere Zeit, für einen neuen Frühling, statt Tag und Wad)t darüber nach- zudenken , wie dieser Schandfleck zn tilgen, wie die Achtung der Nationen wiederzugewinnen ist, statt dich heransznreißen aus diesem Gewebe des Hoffens und Bangens, statt dich als Mann zu zeigen, der seine Sünden bekennt, seine Irrthümer eingesteht — — statt dessen lässest du dich von Tage zu Tage vertrösten, immer auf's Neue verwirren, immer auf’5 Neue Hinhalten, statt dessen greifst du nach jedem Phantom, daS sie dir vorschwindeln, mit dem sie dich immer tiefer ins Verderben ziehen, immer fester umgarnen, mit dem sie dich für Zeit und Ewigkeit vernichten wollen.
Begreifst du dieses Spiel nicht? Begreifst du nicht, warum sie dir vorlügen, daß noch nicht Alles verloren sei, daß du nur vertrauen solltest, daß du die Hoffnung nicht fahren lassen solltest? Sie wollen dich müde machen, dich immer feiger machen, dich so tief, so grenzenlos demüthigen, daß du endlich allen Glauben, alle Hoffnung, den Glauben an dich selbst, und die Möglichkeit deiner einstigen Erstarkung verlieren sollst.
Die Revolution ist zu Ende. Die Menschen in deren Hände dn gerathen bist, die Professoren? die „besten Männer", sind ja deine ärgsten Feinde, deine schlimmsten Gegner; — unglückliches Volk! sei wenigstens noch so stark, daß du die Gemeinschaft mit diesen aufgibst.
Diese Blinden wollen dich noch immer mit dein „einigen Deutschland" fangen. Sie wissen, daß ein einiges Deutschland jetzt eine Unmöglichkeit ist, daß sie es unmöglich gemacht, daß sie alle Nägel in den Sarg unserer Freiheit geschlagen haben, — — reiße diese letzte Täuschung aus deinem Herzen, sage diesen Thoren, daß dn nicht zum tausendsten, zum abertau- sendsten Mal betrogen, belogen, verrathen, verspottet und verlacht werden wolltest. Sage diesen Menschen, daß die Nationen bereits mit Fingern auf dich weisen, daß dn deine Schaam nicht mehr tragen könntest, daß du der Gaukeleien, der Rolle der Geäfften müde seiest.
Ein einges Deutschland! Als ob nicht anfs Neue das Blut in deine Wangen strömen, alle Wunden deines Herzens ausreißen müßten, — ein einiges Deutschland ? Ein einiges Deutschland nach der verlotterten Revolution, nachdem dieselben Menschen, die es predigen, auS der Versammlung deiner Vertreter fortgelau- fen, feige, zum Rasendwerden feige fortgelaufen, nach- dem die Vertreter der Revolution auseinandergejagt sind; ein einiges Deutschland ohne Deutschland, eine einige „Herrschaft" ohne ein deutsches Volk!
Armes Deutschland! Unter der Masse von Noten, welche deine Herren wechseln, unter dem Wüste von Acten sollst du auferstehen, sollst du der Sonne deiner Freiheit entgegen jubeln; was der Sturm der Begeisterung nicht erreicht, was deine eigene Kraft nicht errungen hat, das sollst du auf dein 'S ege der Gnade, der Barmherzigkeit erhalten, dem kriechenden Hunde sollen sie gewähren, was sie dem stolzen Manne verweigert haben. Geh', erniedrige dich abermals, bettle, winsele, weine und schreie um das Gnadenbrod, winsele mit den Menschen, die dich so weit gebracht haben, — — für all' diese neue Schmach,
d>e,e neue Erniedrigung, für diese abermalige Verschleuderung deiner Ehre wirst du neue Fußtritte, neues Hohngelächter erndten. Armes Volk! Nein! Ich beschwöre dich, demüthige dich nicht noch mehr, es ist doch umsonst, es ist doch vergebens, du wirst nur um so wehr bluten, um so tiefer verachtet sein. Rette den letzten Funken deiner Ehre, es ist deine einzige Hoffnung für eine spätere Zeit.
„Die Professoren wissen, daß sie lugen. Sie wißen, daß unter den Noten und Akten das einige Deutschland erstickt wird, daß ihr Bankbruch, ihr ehrloser Bankbruch endlich an den Tag kommt, daß die Zeit des letzten Geständnisses nicht mehr fern tL Um ^v Leben zu fristen, rufen sie dich zu neuer Genossenschaft auf, sie verlangen deinen Protest gegen die Noten und Diplomaten, sie verlangen, daß du mit ihnen den König von Preußen beschwören sollst zu einer rettenden That zu schreiten.
In ihrer Verzweiflung verlangen die Professoren die Berufung eines Reichstags.
Wohl! Begeistere dich auch für diesen Reichstag, für diese neue Illusion, diese neue Täuschung, dieses neue Lebenselirir, laß dich wieder Monate lang, von einem Tage zum andern hinziehen, um endlich wieder ausgelacht zu werden.
Der König von Preußen kann ohne Erlaubniß Oesterreichs keinen Reichstag berufen. Die Berufung deS Reichstags ist der Bürgerkrieg.
Der Berufung deS Reichstags, der revolutionären That des Königs von Preußen, würde die revolutionäre That des Kaisers von Oesterreich, der andere Reichstag folgen. Wie wir früher Gegenkaiser hatten, so würden wir jetzt (Segenparlamente haben, Dentsch- lanb würde zum geschichtlichen Skandal herabsinken, es würde sich selbst zerfleischen, in seinem Blntc versinken. Die Berufung des Reichstags wäre das Ende des Reichs, die Theilung Deutschlands, der dreißigjährige Krieg ohne einen andern Frieden, als den schmachvollen, der unsere Vernichtung diktirt.
Begreifst dn auch das? Unglückliches Volk! Es sind dieselben „tiefgelehrten und hochweisen" Männer, die jetzt nach einem Reichstag als letztem Anker ihres politischen Renommees schreien, dieselben Männer, Die aus Angst vor einem Bürgerkrieg deine Souveränetät verzettelt, Deine Revolution verschachert haben, dieselben Männer, die vor jeder revolutionären That zurückbebten, die uns Bluthunde, Unmenschen, Barbaren gescholten haben, als wir der Freiheit einen Tropfen Blnt zum Opfer bringen, als wir für unsere Einheit mit dem Leben einstehen wollten. ES find dieselben Männer, die keinen Krieg wollten, weil er ein Freiheitskrieg geben könnte, keine revolutionärer Begeisterung wollten, weil sie das Volk aus seinem Schlafe rütteln könnte.
Die Revolution ist beendigt. Um deiner Zukunft willen begeistere dich nicht für die Anstrengungen deiner Gegner, ihre Ehre zn retten; laß sie untergeben, diese Professoren, wie sie es verdienen: verspottet, verlacht, vergessen. (Hornisse.)
Ein Aktenstück ans dem Ordinariat deS BiSthums Limburg.
" Wiesbaden, 8. Dec. Das „Mainzer Journal" ist ein Blatt, das die Maßregeln der Regierungspartei vertheidigt und daneben im engsten Bunde mit den schwarzen Kutten steht. Zu seiner bessern Charakteristik lassen wir folgenden Artikel aus dem „Frkf. Journ." vom 23. Nov. l. J. abdrucken:
„Speyer, 18. November. Ich kann nicht umhin, Ihnen eine Thatsache zur Veröffentlichung mitzuthei- len, welche sich gestern Abend in dir hiesigen Harmo- niegesellschaft ereignete. Das „Mainzer Journal", dessen ultramontane Tendenz viel zu allgemein bekannt als daß darüber ein Wort zu verlieren wäae, hat sich seit einigen Monaten die Aufgabe gestellt, eine Menge Ereigniye der Pfalz in einem gehässigen, ganz einseitigen und oft falschen Lichte zu veröffentlichen. Es sind dies Pfälzer Corresponventen ächt jesuitischen Gelichters; und daß auch die Redaktion von der Unächtheit ihrer Darstellung nichts wissen muß oder wissen will geht aus dem Umstande hervor, daß angeblich mehrere Berichtigungen (wie man sagt, sogar amtlicher Natur) keine Aufnahme fanden. Das Blatt wird hier gelesen und von einer gewissen Partei sehr empfohlen, befindet sich auch im Lesezimmer der Harmonie, eine Gesellschaft, Die alle Beamten »"^