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«Freiheit nnb 8eeht!"

Wiesbaden. Freitag, 30. November

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Die streit Zeitung" erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen. Der A-onnement-prrtS beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden 1 ff. 45 fr., auswärts »ur* die Post bezogen mit verhältnißmäßigem Aufschläge. Inserate werden bereitwillig ausgenommen und find bei der großen Verbreitung derFreien Zeitung" stets von wirksamem ^f^g, _I Die Znserationögebühren betragen für die vierspalttge Petitzeile oder deren Raum 3 Kreuzer.

Der gegenwärtige Standpunkt der Langen- bacher Kirchenangelegenheit.

1) Don der Weil, 21. Noveitlber. Die Gemeinde Langenbach, deren bisherige Schicksale den Lesern derFreien Zeitung" bekannt sind, beharrt bei ihrem Systeme des passiven Widerstandes, trotz aller Opfer, welche ihr dadurch auferlegt werden, und trotz aller Aufforderungen zum Austritt aus der Landeskirche, welche ihr von vielen Seiten zugehen. Der Hr. Vi­kar Bender hat noch keine Amtshandlung verrichten können. Der junge Weltbürger zu Winden, welcher nun schon sechs Wochen auf die Taufe wartet, gedeiht sehr schön, und vor dem Begrabenwerden hüten sich die Leute dadurch, daß sie leben bleiben. Ben­ders amtliche Thätigkeit besteht darin, daß er Sams­tags Abends von Weilmünster, wo er seinen Wohnsitz aufgeschlagen hat, nach Langenbach wandert, die Nacht daschläft, des Sonntags Morgens einige Minuten lang die Glocken läuten läßt und dann wieder nach Weilmünster zurückkehrt. Das erste Lied, welches derselbe wollte singen lassen, steht noch immer von Staub bedeckt an den Schiefertafeln der verwaisten Kirche angeschrieben; es ist das Lied No. 589:Wer nur den lieben Gott läßt walten!" Und dieser einfachen stillen Predigt, welche nun schon ein Vierteljahr lang aus dem ein­samen Gotteshaus hervortönt, folgen die Langenbacher; sie verrichten in Ruhe und Frieden, wenn auch im tiefen Gefühle der Kränkungen, die sie erleiden, die Werke ihres ländlichen Berufes undlassen den lieben Gott walten", der ja nicht will, daß wir unsin das knechtische Joch sollen fangen lassen." O wenn diejenigen, welche diese Gemeinde verfolgen, nur eine Ahnung hätten von der Kraft der Liebe und von der Macht der Idee, wahrlich sie würden ablassen von ihrem bösen Beginnen und der Ueberzeugungstreue freudig den Sieg über sich selbst zuerkennen! Doch die Langenbacher wissen, daß solche Hoffnungen eitel sind! Wie ihre Vorstellung an die Landesregierung abschläglich beschieden worden ist, so wird es auch denjenigen ergehen, welche von Seiten der Gemeinde, wie des Pfarrcr's Snell bei dem Staatsministerium eingegeben worden sind. Die Ein­ziehung des größten Theils der Besoldungsgefälle für den Centralkirchenfond, aus welchem der Vikar besol­det wird, unter dem Namen von Jnterkalargtfällen, ist dieser Tage verfügt worden.

Währenddessen wird Pfarrer Snell von einem Gericht zum andern gezerrt, von seinem Sitz in der Kammer vor das Kriminalgericht, von dem Kriminal­gericht vor das Dekanat zu Weilburg, von dem De­kanat vor die bischöfliche Behörde zu Wiesbaden, von dem bischöflichen Kommissarius vor das Präsidium des Assisenhofes, von dem Assieuhofe vor das Kreisamt zu Hadamar, und als Schlußstein dieser Jagd folgt die Anklage vor dem Schwurgericht im Januar des künf- ;

Marsche» und Halligen.

Erinnerungen aus S ch l c s w i g.

(Fortsetzung.)

Wenn einer dieser Deiche durchbräche, wenn es

einer

Stnrmfluth gelänge, ihn zu durchwühlen oder mit unge­heuren Wogen über seine Kronen weg zu stürzen, würde in wenigen Minuten der ^cgen sich in Fluch, das Leben in grausamen Tod sich umwandeln, die Marsch ein Meer sein, auf dem die Leichen der Menschen und Thiere und die zerstörten Trümmer ihres Glücks wild durcheinander trieben.

Aber wie oft ist dies nicht schon geschehen. Wie oft gingen viele Tausende Abends froh zu Bett, um nie wieder aufznstehen. Denn dies Meer, welches jetzt seine Wellen leise grollend über die strohgestickten Deichbettungen wälzt, steigt hier bei Sturmfiuthen dreißig, ja vierzig Fuß hoch empor. Auf hundert Meilen wälzt sich dann der Waßerderg heran und schlägt und wäscht mit fürch­terlicher Kraft an diesen Bollwerken. In früherer Zeit, als sie noch w^ s» groß und stark waren wie jetzt, überstieg er sie oft in Zett weniger Minuten, und wenn der Morgen kam, war altes Leben vernichtet. Jetzt geschieht das seltener; doch wenn Du jn die Marsch hinunterblickst, die von zahlosen Gräben durchschnitten ist, in welchen sich die Wasser sammeln und über welche nur der Marschbewchner mit Hülfe seines langen Spring-

tigen Jahres. Und welche Anklagen werden da er­hoben! In den Vorladungen des Kreisamts, welches in Gemeinschaft mit dem Decanate diese sogenannte Diseiplinaruntersuchung zu führen beauftragt ist, lau­tet das Rubrum:In Untersuchungssachen gegen Pfarrer Snell wegen seines mit seiner Stellung als Seelsorger nicht zu vereinigenden Benehmens"! Und zu diesem ungeistlichen Benehmen wird unter Anderm auch daS Abhalten von Volksversammlungen, das Be­werben um eine Abgeorduetenstelle (zu Dillenburg), ja sogar das Bekleiden einer solchen Stelle selbst gerech­net. Denn nichts Geringeres liegt in der Beschuldi­gung, daß das Abhalten von Volksversammlungen im Wiesbadener Wahlbezirk, wozu Snell seinen Wählern gegenüber verpflichtet war, mit seinerStellung als Seelsorger nicht zu vereinigen" sei. Warum aber schließt denn das Wahlgesetz die Geistlichen nicht von der Kammer aus, wie es dieselben von dem Schwurge­richt ausschließt, und wie seiner Zeit jene vielbespro­chene Weilburger Petition wirklich forderte?

Und dies Alles geschieht in einem Lande, in wel­chem die Reichsverfassung feierlich beschworen worden und die Grundrechte als Gesetz publizirt sind, in wel­chem der Grundsatz der kirchlichen Freiheit feierlich anerkannt und eine freie Kirchenverfassung zugesagt ist! DicS Alles geschieht an einer Gemeinde, welche auf keinem andern Standpunkte steht, als derjenige ist, auf welchem die Mehrzahl der nassau­ischen Protestanten steht! Jeder Angriff gegen diese Gemeinde ist ein Angriff gegen die gesummte prote­stantische Kirche in Nassau! Werden die nassauischen Protestanten schweigend und ohne Einrede mit zusehen, daß man gegen ihr eigen Fleisch und Blut so ver­fährt, daß man eine Gemeinde, welche sich im Kampfe für die kirchliche Freiheit voeangestellt hat, dafür bü­ßen läßt? Meinen dieselben e4»pH eine freie Kirchen- Verfassung würde vom Himmel herabfallen, ohne daß wir uns darum zu bemühen brunchten? Eine freie Kirchenverfassung wird so wenig von selbst kommen, als das Versprechen einer solchen von selbst gege­ben worden ist! Wo sind die Petitionen, die man den­jenigen cntgcgenhalten könnte, welche mit lächelnder Miene sich stets darauf berufen, es sei kein Bedürfniß einer freien Kirchenverfassung vorhanden, welche es nicht einmal für eine Pflicht gegen das Volk halten, das Gutachten der nassauischen Kirchenkommission zu veröffentlichen! Glaube nur Niemand, daß eine freie Kirchenverfassung, namentlich die freie Wahl der Pre­diger, von keiner Wichtigkeit für die politische Frei­heit sei! Wo man beständig sieht, daß von den Kan­zeln herab gegen die Demokratie gewirkt wird, und daß viele Prediger eine Richtung verfolgen, welche dem in ihren Gemeinden herrschenden Geiste gerade entgegengesetzt ist, da kann man sich wohl nicht mehr einem solchen Wahne hingeben. Und eine Gemeinde, welche, so viel an ihr ist, diesen Zwiespalt zwischen Prediger und Gemeinde, diesen tiefsten Krebsschaden

siockS zu setzen vermag, wenn Du die Schleusen und künstlichen Werke betrachtest, welche die eindriugcnden Fluthen wieder hinausschaffen, wenn Du siehst, wie naß und weich der Loden ist, und wie die Häuser, welche vereinzelt über die Marsch zerstreut sind jedes auf einem künstlichen Hügel erbaut, der die Warft ge­nannt wirb wie umbuschte Inseln aus einem Meere von Gras und Schilf auf ragen, so meinst Du gewiß, cs könne der Mensch noch jetzt wohl keine Nacht hier ruhig schlafen, ohne fürchten zu müssen, vom Donner der Fluth, die an seine Schwelle schlägt, geweckt zu werden.

Aber die Bauern in den Marschen Schleswig-Hol­steins sind ein kühnes Geschlecht und so stolz auf ihr reiches Land, daß sie alle Bewohner der Höhen, der Geest, wie '.diese genannt werden, mit einer gewissen Geringschätzung betrachten, so daß ein alter Bauer einst zu seinem reiselustigen Sohn sagte: Mein Sohn, dies ist die Marsch, die ganze übrige Welt ist nur Geest, was willst, du Narr also ins wüste Land hinausgehen? und wie jener Bauer, so denken die Meisten. Ihre Häuser, geräumig und von Backsteinen gebaut, zeugen eben sowohl von ihrer Wohlhabenheit, wie von dem Reinlichkeitssinn, welcher Friesen und Sachsen, gleich den Holländern, auszeichnet. Die Wände der Zimmer sind glänzend weiß, die Decke von Holz mit blauer oder rother Oelfarbe bestrichen, die Fenster mit großen Glas­scheiben lassen helles Licht herein. Alles athmet Sau-

_____^ .....-.- 11 . i -" juijTnoujiBnjjxt^ der Kirche nicht Anreißen läßt, welche für die Steins, gung und Einigung der in sich zerrissenen protex stantischen Kirche kämpft, indem sie den Prediger, de in ihrem Sinne wirkt, sich nicht nehmen, und den von der entgegengesetzten Richtung sich nicht aufdrin« gen läßt, sie sollte indiescm geistigen Kampfe allein stehen? Die nassauischen Protestanten sollten schwei­gend und ohne Widerrede mit zusehen, wie eine Ge­meinde, die für das heilige Recht der freien Selbst­bestimmung der Einzelgemeinden kämpft, von der lieber* macht aus der lebensvollen Gemeinschaft mit ihren Brüdern losgerissen und aus der Kirche, an welche sie ein theuer erkauftes Anrecht hat, hinausgeworfen wird? Mögen die nassauischen Protestanten wohl bedenken, daß es auch hier heißen wird:Heute mir, morgen dir!"

DeueschiserA.

# Wiesbaden, 29. Nov. In No. 282 dieser Zei­tung theilten wir die Nachricht mit:Präsident Ra ht habe seinen Prozeß gegen das Herzoglich Nassauische Ministerium von Wintzingeroda in erster Instanz gewonnen." Wir sehen uns heute in der angenehmen Lage dieser Nachricht durch Mittheilung des Urtheils selbst die größtmögliche Gewähr der Wahrheit geben zu können, und freuen uns von Herzen, daß dem viel­geprüften und von bösen Zungen so ofi grundlos ge­schmähten Manne diese glänzende Genugthuung zu Theil geworden ist. Zugleich wünschen wir Nassau dazu Glück, daß cs noch Richter besitzt, welche kühn und frei dem Rechte und nur dem Rechte die Ehre geben. Das Urtheil lautet also:

Urtheil in Sachen des H. Hof- und Appella- tionsgerichts-Präsiventen Naht zu Dillenburg, der­malen zu Wiesbaden, Klägers gegen das Herzog­liche Staatsministerium, Beklagten, Wiedereinsetzung in das entzogene Richteramt als Präsident des H. Hof- und Appellationsgerichts zu Dillenburg und in die damit vergangenen Rechte und Gehaltsvortheile betreffend, erkennt das unterzeichnete Justizamt mit Bezugnahme auf die anliegenden Entscheidu igSgrünve zu Recht: daß daS beklagte Ministerium schuldig sei, den dem Kläger vekretmäßig zustehenden Gehalt mit jährlich 30 JO fl in Quartal- raten p r a e n ii m e r a n d o zahlbar vom 1 ten I u l i d. I. an, soweit derselbe nicht durch den Pensionsgehalt entrichtet ist, aus- zahlen zu lassen, und demselben daS persönliche Portofreithum wieder zu verschaffen; Kläger aber mit seinem Anspruch all W evecein etzung in das ihm als Präsident veS hiesszen H>f- und Appella­tionsgerichts entzogene Richteramt abzuweisen sei, unter Compensatio» der Kosten. V. R. W.

Demjenigen Theil, welcher sich durch dieses Urtheil beschwert hält, läuft zur Anzeige der Appel-

bcrfcit und Sorgfalt. Die Tische und Dielen sind so blank gescheuert, die Stühle mit Kissen von Seegras belegt, Kupferstiche in Rahmen hängen an den Wänden, eine alte Gehäuseuhr, die von Großvater auf Sohn und Enkel erbte, hat zwischen den Schildercicn ihren Platz und im Pesel, dem großen Raume, der zur Sommerzeit das Wohn- und Gastzimmer bildet, stehen die mächtigen, messingbeschlagenen Kisten, welche den Leinen- und Bettenschatz enthalten, oder auch wohl ein schöner alter Set, rank, der, mit Holzfchmywcrk bedeckt, Zeugniß gibt, daß vor zwei Jahrhunderten schon die Holzschnitzkunst hier wohlbekannt und hochgeachtet war. So sind die Häuser in der Marsch auf den Warften meist behagliche Gebäude mit langen Fensterrcihcn, und man merkt es ihnen nicht an, daß mitten in ihrem Mauerwerk dicke Pfähle tief in dem festgeschlagenen Lehmboden der Warft eingerammt sind. Diese Pfähle tragen daS Dach des Gebäudes und sind dazu bestimmt, in den Stunden größter Noth und Augst, wenn Sturm- fluthen einbrechen und den Steinbau wegschlagen, der ihrer Wuth nicht zu widerstehen vermag, daS Dach zu retten, auf welches die Bewohner mit ihren besten Sachen fliehen: und diese Einrichtung hat schon vielen Menschen daS Leben erhalten. Aber an nichts merkt man so sehr, daß man bei einem DolkSstamme verweilt, der an Küsten oder auf Inseln seßhaft ist und eher Schiffe besaß als Häusar, als an den Lagerstätten; denn diese sind ganz so eingerichtet,wie bie Kajüttenbetten der See-