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Sreißeit und Aeeht!"

Wiesbaden. Donnerstag, 22, November

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1849

Der Kasernenbrand zu Diez und die Ver­dächtigungen eines Chamäleon.

O Diez. Mitte November.

- Die Heyo sind todt! Es leben die Heyo!

Endlich nach so langem Schweigen wieder einmal ein Lebenszeichen! Schon hatten wir geglaubt, mit dem seligen Gagern wäre die ganze Heyoparthei den süßen Todesschlaf schlafen gegangen, da taucht Plötzlich wieder die ächte Chamäleonsnatur Eines ihrer Kori- phäen auf; diesmal aber nicht konstitutionelle Ord­nungsphrasen heuchelnd, sondern in den Krämpfen loyaler Verzückungen und in der höchsten Raserei des Demokrateuhasses taumelnd. Jericho, du gottlose Stadt! bläst die Posaune teö Gerichts; und mit Bangen und Zittern erwarten wir den Tag, wo die gesummte Wüh­lerei auf ewig unter den einstürzenden Mauern und den Ruinen der Gottes- und Könige -treuvergessenen Häuser wird begraben werden,ein Bild der größten Bestürzung und Verwirrung."Um 1 Uhr Nachts schlägt es plötzlich Generalmarsch, die Sturmglocken läuten, und der SchreckensrufFeuer" erschallt durch alle Straßen", es ist das ominöse Kasernen- feuer!

Wurde" ruft Chamäleon auswurde, was ohue schleimige Hülfe gewiß geschehen wäre, die Ka­serne in einen Schutthaufen verwandelt, dann würde ohne Zweifel gleich dem alten Republikaner Marius, als er auf den Trümmern Karthago's saß, jeder der von Vaterlandsliebe und Soldatenhaß zugleich glühen­den bekannten Männer der Freiheit den Schauplatz der Zerstörung mit urkräftigem Wohlbehagen überblickt haben, weil die Erbauung einer neuen Kaserne dahier schwerlich erfolgt wäre, und also die Macht des Feuers ihn von der täglichen 0tml des ArtLl»<Feä btt ^«Jv«* teu befreit hätte--". Welche verschiedenen Em­pfindungen Chamäleon in Einem Athem durchrast: aus dem großartig schrecken -einflößenden Bilke des Marius auf den Trümmern einer Weltherrschaft fährt er in eine alte Wühlerhaut, und giebt mit bewunderns- werther Geschicklichkeit die Gefühle zu erkennen, welche sich derselben beim Anblicke eines Kasernenbrandes be­mächtigen müssen. Ja, ruft die Eidechse in rothrepu­blikanischem Schillern aus, verbrennen mußte iwr Behälter der Herrentreue und 'des Demokratenhaffes, verbrennen, daß wir auf immer von dem Anblicke^der Soldaten befreit waren, vor Allem abersolcher Sol­daten, wie die unseres jetzt hier liegenden bewährten Bataillons, welche alle Künste der Verführung mit Verachtung zurückweisen, den ihrem Fürsten geschwor- nen Eid der Treue heilig, und insbesondere höher achten, als die bittersüße Freundschaft der Straßen­beherrscher, und sich durch eine musterhafte Haltung in jeder Hinsicht auszeichnen." -- Wir müssen hier einen Angenblick Athem schöpfen

O du glückliches Chamäleon, wir sehen dich schon Freudenzähreu weinen über die liebevolle Umhalsung der dir zum namenlosesten Danke verpflichtetenge­treuen" Offiziere, wir sehen deine Haut über und über rothmonarchisch schillern, wenn der loyale Soldat, der alle Künste derVerführung" mit Verachtung zurück­wies , dir begegnend das Bajonett prâsentirt! Oder hat Chamäleon vielleicht die Schlauheit besessen, jene versuchte Verführung nur zu erlügen, um die un­antastbare Tugend und keusche Treue der Soldaten in desto größerem Lichte erscheinen zu lassen? Bei Gott, so ist es, Chamäleon hat gelogen, er spricht vonVer­führungen", und weiß doch, daß von Seiten der Wüh­ler nieverführerische" Anerbieten den Soldaten ge­macht worden sind, weder der früheren Garnison, noch der jetzigen, er weiß, daß die Wühler eine Sinnesän­derung der Soldaten von ganz andern Dingen erwar­ten , wie von Überredungskünsten und vom Singen des Heckerlicdes. Chamäleon und hier haben wir ihn beim Herzen gepackt bekömmt mitunter düstre Ahnungen von Untreue der Soldaten, und sucht nun sich und Andre allerlei weiß zu machen, um sich ihrer zu entschlagen, namentlich aber auch die Soldaten durch überreiches Lob fester in schwarz-weißen Gesinnungen zu machen. Chamäleon endlich hatdie bittersüße Freundschaft der Straßenbeherrscher" bereits empfun­den, und weiß aus Erfahrung, daß die als Dank der Treue gespendeten Fleischtöpfe des Herzoglichen Tisches besser schmecken.

Chamäleon belehrt uns nun weiter, wie diese von ihm selber in der Wühlerhaut ausgesprochenen Em­pfindungen und Schlüsse so wahr und gerechtfertigt seien:denn man würde gewiß das Militär verlegt haben, und zwar an einen Ort, wo man nicht sieht, daß eine durch die Gasscusouveräue demoralisirte Ju- geud den Arzt, welcher ihnen das Leben rettete, den Geistlichen, welcher sie zum Tische des Herrn führte, den Offizier, welcher sein Blut für sie vergoß, in dank­barer Anerkennung mit einem Ständchen des Hccker- liedes und mit Aeußerungen des rohesten Hohnes be­glückt, an einen Ort, wo man nicht die Treue ge­gen den Fürsten besudelt, an einen Ort endlich, wo man nicht Wohlthaten mit Undank lohnt, sondern in allen Handlungen die Anerkennung der durch eine Garnison dargebrachten großen materiellen Vortheile ohne Unterschied der Person freudig beweist".

Ach, halt' ein, Chamäleon, halt' ein, es ist genug des Gemetzels!

Schon hören wir überall, wo Soldaten wandeln, mit banger Sehnsucht die rührende Melodie erklingen :

Kennst du das Land, wo keine Wühler blüh'n?

In alter Treue schon die Kinder glüh'n?

Wo Wühlerhaß aus jedem Auge weht, Der Glaube fest und hoch der Heyo steht?

Kennst du cs wohl, Dahin, Dahin,

O dahin laß du deine Treuen zieh'n!" Schon vernehmen wir das Geheul allerbraven Bür­ger" über die Demokraten, die an all' dem Unglück schuld sind; schon das gottselige Gewinsel unsrer ehr­würdigen Väter auf der Kauzel:das haben die Wühler gethan, die Wühler, denen aus jedem Haare ein Teufel gewachsen!"

Gasscusouveräue, die die Jugend demoralisiren" hu, mich schauert bei diesem Gedanken: wenn ich in die Straffen sehe, die von Morgens früh bis Abends spar vonUrwählern" unsAnarchisten" durchzogen werden, begleitet von einem Rudel junger Jogiinge unter ihrem Commando

Unser Freund Chamäleon scheint ganz jene Zeiten vergessen zu haben, wo dieGassensouveräm'täUl recht eigentlich florirte, wo der Präsident derDiezer pro­visorischen Regierung", jener Mann, groß an Körper, größer aber an Geist, die Straßen fegte von allem Wühlerunrath, wo die frommen Seelen und die schö­nen Kehlen sich jubelnd vereinten in dcmVerflucht sei'st du Demokratie". Und nun

Das waren mir glückliche Tage, Bewimpeltes Schifflein, ach trage

Noch einmal zu ihnen mich hin!"

Chamäleon muß jetzt ruhig zusehen dem Treiben der Gassensouveräne, ach, dieprovisorische Regierung" besitzt ja weder Steuern, noch Reichstruppen mehr! Uebrigens mag Chamäleon sich besinnen, ob die sog. Demoralisation der Jugend nicht vielmehr von einem Gassensouverän ganz andern Schlages ausgeht, als er zu meinen scheint: einem Gassensouverän, der die das Heckerlied singenden Knaben auf der Straße züch­tigt, einer Fratze, über die das Volk in Nassau längst den Stab gebrochen hat, und die es wagt, in einer Stadt Einfluß geltend zu machen, wo ihm die öffent­liche Meinung so entschieden entgegentritt, wo Haß, Spott, Verachtung in jungen wie in alten, in männ­lichen wie weiblichen Herzen die ihm dargebrachten Liebesspenden sind.

An einem Ort sollen sie, die Soldaten,wo man nicht die Trene gegen den Fürsten besudelt"; au einen Ort endlich,wo man nicht Wohlthaten mit Undank lohnt, sondern in allen Handlungen die Aner­kennung der durch eine Garnison dargebrachten großen materiellen Vortheile ohne Unterschied der Person freu­dig beweist." Hier tritt die boshafte Denunzianten­natur Chamäleons so recht offen zu Tage: da die Bür­ger mit den Soldaten im besten Einvernehmen leben, so kann mit jenemUndank" offenbar nichts Anderes gemeint sein, als der Wunsch, die Soldaten wo möglich auf den Feuerinseln zu wissen, jedenfalls aber aus der Diezer Kaserne, das heißt, sagen wir es nur offen heraus: eine Begünstigung des Kasernenbrandes! Wahrhaftig über diese Gemein­heit möchten wir für Chamäleon selber erröthen.

Schließlich benutzt Chamäleon die Gelegenheit, sei­nem Hasse gegen einenhiesigen bekannten Wühler" Luft zu machen, indem er die Gerichte selber auklagt, daß sieaus Schwäche" (hört es, ihr Männer in Nassau, in Deutschland!!!) noch nicht für die Ere- kution eines rechtskräftig gefällten Strafurtheils Sorge

getragen! Nur aus dem Herzen eines Chamäleons können solche Gedanken emporsteigen!

Wir kennen den Schreiber jener Zeilen zu gut, als daß wir uns hüten sollten, ihm nicht mit voller Ueberlegung den Namen eines Chamäleon beizulegen: einst Schwärmer für's Vorparlament gegen Fürsten und Bundestag, dann für's Parlament und die Reichs- verfassnug, dann für den Prinzen von Preußen und die Dreikönigsverfassung, schwärmt er jetzt unbedingt für das absolute Königthum und denGlanz Meines herrlichen". Streifen wir aber gerade bei dieser Ver­anlassung seine schillernden Häute ab, und enthüllen seine Eingeweide, so stoßen wir auf Absichten und Pläne, Die an Naffinirtheit und Gemeinheit ihres Glei- chell juchen. Die Spache ist einfach: unter dem Vor­wande, die jetzige Garnison sei von den hiesigen De­mokraten, d. h. der Mehrzahl der hiesigen Bürger, gehaßt, werden dieselben beschuldigt, die Ausbreitung des Brandes zum Wenigsten gewünscht zu haben, um auf diese Weise der Garnison los zu werden. Wir wiederholen nun vor Allem, daß Soldaten und Bür­ger in der schönsten Harmonie verkehren. Nicht we­niger Gewicht aber bitten wir darauf zu legen, daß gerade die Bürger, die Demokraten cs waren, welche mit ungemein ausdauernder Thätigkeit v0rzugs weise den Brand löschten, während die Soldaten ihre fSab* seligkeiten retten mußten, während einige ^cyo groß- mäulerisch kommaudireu, einige der Herren Offiziere nach gewohnter Weise befehlen wollten, ohne sich selbst da, wo co nöthig war, in die Reihen zu stellen, während die Meisten der übrigen Angestellten selbst wacker mit­halfen? Wir fragen weiter: wie kommt es, daß wir schon den dritten Brand in der Kaserne erlebt haben, feitdem die frühere Garnison weggezögen ist, während es ehedem seit 30 Jahren nicht vorgekommcu ist? Was soll aber endlich die Mehrzahl der hiesigen Bürger be- TÄi^ tHMW^ Militärs . . . ? O wir haben jene schmutzige In­trigue schon längst durchschaut: die schwarzen Wünsche, die in Chamäleons Seele wohnen, hat er nur auf ge­schickte Weise den Wühlern anznschuldigen versucht! Sein Wunsch ist es, Zwietracht zu säen zwischen Bür­ger und Soldaten, indem er schlau eine solche als vorhanden voraussetzt; sein Wunsch ist es, die Ka­serne in Flammen aufgegangen zu sehen, indem er daraus die Verlegung des Militärs, und demgemäß die Unzufriedenheit all derer die dadurch i» ihren Nährn ngsqnellen gefährdet werden, die gerech­testen Flüche auf die Häupter der Demokraten, folgert; sein Wunsch ist es zugleich, die Demokratie in ihren hiesigen Vertretern vor Jedermann gehaßt und ver­achtet zu machen, vorab Diez, die Stadt Diez, allent­halben in den schlimmsten Geruch zu bringen! Aber wir schleudern die Anklage vernichtend auf das Haupt desjenigen zurück, von dem sie ausgegaugeu: wer mit solcher Naffinirtheit, mit solcher feinen Logik die inner­sten Geheimnisse einer Partei auszusprechen meint, oer fängt sich nur in dem von ihm selbst angelegten Netze, der spricht nur seine eigenen innersten Herzens­wünsche aus.

Wie bist du doch so bum in, so dumm, Chamäleon, Chamäleon !

Frankreich urrd feiste RegicrattH.

Die Halbheit, die Jnconsequenz der Tiers - Partei, der Partei des National, der wir vorzugsweise die Mißgeburt unserer jetzigen Constitution verdanken, "trägt nun ihre Früchte.

Die Herren Marrast, Cavaignae und wie sie sonst noch heißen mögen, wollten eine Republik mit einer monarchischen Spitze, eine Republik mit einem unab­setzbaren Präsidenten und verantwortlichen Ministe­rium, und wir haben jetzt weder Republik noch Mo­narchie, die Regierung geht weder vom Volke, noch von der Ereeutivgewalt aus, die Kammer bekämpft den Präsidenten, der Präsident erwehrt sich des Kam­mer so gut er kann, alte und neue Parteien aller Far­ben liegen sich in den Haaren. Legitimisten, Orlea- nisten, konservative, scheinbar vereint im Interesse der Ordnung, wie sie sagen, können doch ihre alten Riva­litäten nicht vergessen, und bewachen sich gegenseitig Voll Haß und Mißtrauen. Diessr Phalanx der soge­nannten Ordnung gegenüber, die nur durch das ge­meinsame Gefühl der Furcht vor dein, mit unwider-