„ Freiheit und Neeht!"
J$ 277. Wiesbaden. Mittwoch, 21. November I8L«
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/ Der Sieg der Demokratie.
Wenn deS Rechtes Kämpfer fallen, Wenn die Wahrheit zu verhallen Drohet in dem Sturmgetön;
Dann entsproßt, vom Blut gedünget, Neu die Wahrheit, und verjünget Schwingt sie sich zu lichten Höh'u!
Der Kreislauf der Revolution von 1848 ist vollendet, somit die Theorie Metternichs glänzend gerechtfertigt In Deutschland steht der Schlußstein der Restau- rbtion der alte Bund als Interim in naher Aussicht, in Italien herrscht der rothe Kardinalsmantel, die mittelalterliche Amtstracht der Henker, — Ungarn ist zur großen Nichtstätte geworden, wo sich Menschen im Menschcublute baden und in Frankreich soll eine Krönungs-Maskerade das Schauspiel der zwei Jahre beschließen. „Laßt alle Hoffnung weit hinter euch!" spricht die Mutlosigkeit unreifer Demokraten, und das Volk scheint stumpfsinnig, hört mit anscheinender Gleichgültigkeit die Kunde von den Blutscenen, — das <^nt= fetten scheint ihm fremde geworden und somit auch die Entrüstung. Und dennoch sage ich: die Demokratie war nie mächtiger, als jetzt; denn ihr gehört das Innere, die Ueberzeugung. Was aber in dem Innern lebt, das muß sich auch darstellen, gestalten.
Zuerst sprach der Schöpfer: „Es werde Licht'." ehe er das Chaos ordnete.
Die Revolution des Jahres 1848 überraschte das Volk Nur das Gefühl der unerträglichen Wucht seiner Bürde trieb das Volk, sein Losungswort war: Cs muß anders werden." Aber das Wie's war ihm fremd geblieben. Es kannte das Gegenwärtige nicht, fühlte den Druck, ohne zu wissen, woher er komme; wie sollte es das Werdende erfassen? Daher war es möglich, daß Dränger sich ihm als seine Freunde vor- steUteu. Dank der Reaktion, sie entlarvt sich selbst. Was nimmer der Demokratie gelungen wäre, die übertünchten Gräber aufzudecken, in den berufenen Hirten Wölfe zu enthüllen, — das thut die Reaktion. Unsere Revolution wird deßhalb immer mehr zur Revolution der Ideen, zu einer vollständigen Umwälzung der Denkungsart. Die Demokratie gleicht einem Sauer- ^'^So lange das Volk eine Heerde bleibt, kann cs nicht frei werden. Aber es ist bereits nicht mehr beeide es denkt und vergleicht. Die Gedanken sind die Keime der Thaten. Das stehende Heer der gestempelten Vorurtheile ist die wahre Stütze der Tyrannei; denn das andere stehende Heer besteht nur durch dieses. Und das Heer der Vorurtheile ist ein künstlich geschaffenes, das selbst in der rohen Natur nur zwei Anküpfpunkte findet, - die Gewohnheit und die Furcht. Die Gewohnheit aber verliert ihre Macht durch den Wechsel und die Furcht durch die Betrachtung. Der Wechsel ist gekommen, ihm folgt dre Betrachtung.
Die Billigkeit des Lebens in Frankreich im Jahre 18*26 gegenüber dem Jahre 1849.
(Aus dem Arbeitsblatt L’atelier.)
Der Baron CH. Dupin , bekannt durch seine Statistik, i hat sich sehr oft bemüht, uns zu beweisen, daß unsere materielle Lage in einer wachsenden Verbesserung begriffen sei. Aber, da der Zustand unsers Geldbeutels und unseres Magens beredt gegen diese Beweisführung protestiren. sagten wir Nein, wenn Herr Dupin Ja sagte. Und Herr Dupin und Consorten nannten uns Anarchisten und Socialisten. Aber siehe da, der ehrwürdige Moniteur macht sich zum Anarchisten und Socialisten mit uns; er stürzt in einem Tage das ganze Gebäude über den : Haufen, an dessen Herstellung Herr Baron Dupin so j viele Jahre gearbeitet hat; er beweist mit Zahlen, daß die Klagen im Schoße des Volkes nur zu gegründet sind und daß die materielle Lage des Arbeiters, weit entfernt davon zu gedeihen, im Gegentheil im Jahre 1849 viel kritischer ist, als sie vor 25 Jahren war.
Die Arbeit, von der wir unten einen Auszug veröffentlichen , geht von der permanenten Revisionskommission des Werthes aller industriellen Probucte aus. Diese Commission besteht aus Spczial-Mitglicdcrn, die den verschiedenen Zweigen der Industrie augehören, deren Produkte evaluirt werden sollen. Es ist demnach alle
So lange ein himmlischer Herrscher der Priester Gesetze gegen den Geist des Weltalls, gegen den unendlichen Gott der Natur oktroyirt, und dem Menschen befiehlt, seine von Gott verliehenen Kräfte zu ersticken, das Siegel Gottes von seiner Stirne zu reißen und das Siegel des Thieres anztlnehmeu, so lange der Priester im Xiamen seines Gottes den freien Geist zernichtet; — so lauge sonnen auch die übrigen Götter der Erde oktroyiern. Nur der Mensch kann frei sein, nicht aber das Stück einer Heerde. Soll der zum Thier entwürdigte Mensch frei werden, so muß er erst entvieht werden. „Der Geist ist es, der euch frei macht." Und die Gewohnheit und die Furcht find eö, die den Menschen zum Thier und dadurch zum Sklaven machen. Die lange Knechtschaft hatte des Volkes Auge getrübt, sein Herz verhärtet, hatte es zum Gewohnheitsthiere gemacht. Die Rinde ist vielfach gesprungen und die Schuppen fallen von den Augen. Und bas vollbringt die Reaktion I Wie Käfer, Engerlinge und Maulwürfe den Boden lockern, damit das Licht einbringe und ihn befruchte, so werben bie Dämonen der Menschheit in der Hand ves Welteninelsters zu Förderer seiner Zwecke.
Im Frühlinge 1848 ertönten die Kirchen von den Lobgelangen für die errungene Freiheit, ein angeorb- netes Hochamt wurde in den fatpolq^en Tempeln dem Höchsten für die Errungenschaft gebracht und protestantische Prediger sprachen kräftiger als Samuel gegen die Tyrannen. Das Volk sollte seine Erbschaft antreten, da kamen die Schmeichler der Fürsten, und warben um die Gunst deS reichen Michels, und unter den Werbern standen in der Vorberreihe die Priester. Aber wie sie den alten Herrn untreu geworben, so verließen sie auch bas Volk, als der Vormund die Erbschaft behielt, um wieder dem Vormund zu dienen. Jetzt ertönen die Kirchen von gemeinen Schimpfwörtern der Priester über das rebellische Volk, und statt salbungöreicher Kirchenreben gibt eS politische Kanne- gießerei. Das ist Wechsel! Muß das Volk nicht vergleichen zwischen früherem und jetzigem Gotteswort? Erst bewies man sein Recht zur Freiheit, jetzt seine Pflicht zur Sklaverei.
Die Freiheit ist die Selbstbestimmung des Geistes. Die Selbstbestimmung setzt Entwickelung der inneren Gesetzinaßigkeit voraus. Der Priester aber duldet keine Entwickelung, er fordert Aufnahme des Äeußeren. Die Cultur ist deshalb im Kampfe mit dem Priesterthume, wo die erste siegt muß das zweite weichen. Der Sieg der Cultur aber ging langsam, ergriff zuerst die oberen Schichten der Gesellschaft, weil hier die äußere Uuab- hängigceit sie einlud, von da senkte sie sich allmählich tierer. Aber die höheren Schichten waren im Vortheil und die Cultur sollte ihr llebergewicht befestigen ; deshalb wachten sie eben so eifersüchtig, wie die Priester, daß die Cultur nicht weiter dringe. So entstand der gute Tou der Heuchelei. Mau hatte sich emau- cipirt vom Priesterglauben, aber man sagte: „Die
Ursache vorhanden, wenn irgendwo, hier volle Compe- tcnz anzuerkennen.
Das Folgende ist eine Uebersicht von einigen der unumgänglichsten Lebensbedürfnisse:
Werth
1826. 1849. Ochsen...... 200 Frc. pr. Stck. 250 Frc. pr. Stck.
Kühe....... 110 „ „ 200 „ „
Schweine..... 30 „ „ 40 „ Frisches Fleisch. . 60 Cent. pr. Kil. 80 Cent. pr. Kil. Gesalzenes „ . . . 70 „ „ 1 Frc. 20 Cent. pr. Kil. Frische Fische... 60 „ „ 1 „ — „ Seefische..... 20 „ „ — „ 30 „ Roggen in Körnern 6 „ pr. Heclol. 9 „ pr. Hectol. „ „ als Mehl.. 12 „ „ 13 „ Reis....... 40 „ „ 45 „ Kartoffeln..... 6 Cent. pr. Kil. — „ 8 Ct. pr. Kil.
Olivenöl..... 80 „ „ 1 „ 50 Ct. „
Der Weizen und der Zucker sind allein ein weniges gefallen, im Preise gesunken. Aber man weiß recht gut, wie precär diese Rcductivucn sind; man gedenke des Jahres 1847. Der Preis des Weines ist im Allgemeinen stehen geblieben. Die Franzosen hätten sich derselben Vortheile erfreuen können, wie die fremden Nationen, wenn man nicht fortgefahren hätte unsere Winzer mit Abgaben aller Art zu erdrücken. Unsere Nachbarn trinken unfern Wein im I. 1849 billiger, als sie ihn im Jahre 1826 getrunken haben, wie folgende vergleichende Uebersicht beweist (Moniteur S. 2862):
Sache ist für's Volk nothwendig, des Beispiels wegen muß man deshalb mitmachen." Das Volk aber, von allen Seiten mit Masken umgeben, hielt diese für natürliche Gesichter. Doch, es ist enttäuscht. Die fromme Heuchelei hat sich entlarvt, das Volk sicht das Wolfsgesicht unter der Schafshaut, — es vergleicht. Kann es ferner den für ehrwürdig halten, der einst gestanden, daß das Volk hingehalten werde? Und mit der kindischen Scheu vor den Gebilden der Priesterpolitik fällt das ganze Gebäude, weichen die Pfeiler des Gebäudes, wie Nachtgespenfter, wenn man ihnen näher tritt. —
Und daß der Muth dem Volke erwache, dafür sorgt auch die Reaktion der Priester. Die Natur gab dem Menschen einen unwiderstehlichen Abscheu vor dem Denuncianten; diesen Abscheu kann kein geheiligt Vorur- theil, kein frommer Betrug aus dem Herzen tilgen.
Man bewundert den kühnen Räuber, man ergötzt sich an der feinen Lift des Diebes, man hat Mitleid selbst mit dem verurteilten Mörder; aber man verachtet den Denuncianten, der selbst unter Räubern und Dieben verächtlich erscheint. Uno die fromme Wuth gegen den Fortschritt der Cultur und die kindische Angst vor Verlust des Heiligenscheins und seiner Zinsen macht die Priester zu Denuncianten. Ueberall hört man, wie sie offen oder durch heimliche Berichte ihnen verhaßte Männer denuneiren, hoffend, die Staatsgewalt werde ihnen den Henker machen. Und der letzte blasse Heiligenschein fällt vom Haupte des Denuncianten. Das Volk verliert seine Furcht, die künstlich erzeugte, und wird dadurch der Cultur zugängig und dadurch der Freiheit.
Also nur muthig, ihr Männer der innern Freiheit, nur muthig voran! Befreiet die Geister, dann folgen die Leiber! Bauet den Tempel wahrer Menschlichkeit und die Freiheit wird in ihm erstehen , von ihm auS das Leben erfüllen. „Ich habe einen Irrthum geuährt, — sagte der große Nachfolger Christi, Thomas Münzer — ich glaubte, das Volk jetzt schon reif." In diesen Irrthum waren auch viele Demokraten verfallen und verzweifeln nun, weil die Reaktion wieder gesiegt. Aber noch einen solchen Sieg, dann ist sie auf ewig verloren!
Nicht die ersten Strahlen der Frühlingssonne reifen die Frucht, und den sonnigen Mârztagen folgen Nachtfröste, Schneegestöber und wechselvolle Apriltâge. Die ersten Keime, welche der Flur entsprossen, werden oft ein Raub der Nachtfröste. Aber auch das schädliche Gewürm und das wuchernde Unkraut finden ihren Untergang. Höher steigt die Sonne und mit ihr das Leben. So auch in der moralischen Welt. Die Reaktion ist die nächtliche Wiederkehr des Winters, sie kann manche Keime ersticken, aber die Sonne nicht aufhal- ten. Der Frühling ist die Zeit der Saat. Die Saat ist geschehen, Gott sorgt für das Gedeihen.
Wenn auch das erste Christenthum verdreht wurde, so wurde es doch nicht auSgerottet, es treibt noch jetzt
Werth des Liters.
1826. 1849. England........3 Frc. 50 Ct. 2 Frc. —Et.
Niederland und Belgien ... — , 65 „ — „ 40 „ Schweden, Norwegen, deutscher
Bund, Schweiz . . . . — „ 50 „ — „ 40 „ 1 Mecklenburg und die Hansestädte — „ 27 „ — „ 20 „
Also führt man Wein aus der Gironde nach Mecklenburg zu 20 Ct. den Liter, während der Pariser diese Qualität einer nämlichen Flüssigkeit dreimal theurer bezahlt. Ist dies nicht die herbste Kritik über die Auflagen die auf den Getränken lasten?
Die eigentliche Wahrheit in der materiellen Lage des Arbeiters ist, daß die Lebensmittel theurer sind und daß der Arbeitslohn fortwährend die Neigung hat zu sinken; eine Industrie, die im Jahre 1826 dem Arbeiter täglich 4—5 Frc. auswarf, hat höchstens noch 3 Frc. 2 Frc, 1 Frc. 50. C., ja sogar 15. C. heute für ihn; Zeugen sind die Tausende von Arbeitern, welche die Mainifac- turen Lyons, des Norden und deS Elsaß bevölkern.
Die Bckleidlingsgegcnstände sind die einzigen, welche eine scheinbare Preisermäßigung erlitten haben. Wir sagen scheinbar, weil die Billigkeit die Güte ausgeschlossen hat. Jedermann weiß, daß man sich jetzt genöthigt sieht, seine Garderobe zwei oder dreimal öfter erneuern zn lassen. Die Billigkeit der Stoffe bietet somit em Cousttmenten doch keine wirkliche Oeconomie dar. Wir wissen wohl, daß die Industrie seit einigen Jarhen bedeutende Fortschritte gemacht hat, wir wissen, daß man