Freie Zeitung.
^^ „Freiheit und »echt!"
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Wi«»bade«. Donnerstag, 15. November
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— Ueber die Betheiligung des Geistlichen an den politischen Bewegungen der Gegenwart.
III. Artikel.
— Die gewöhnliche Behauptung der Knechtsseeleu: der Geistliche solle über den Parteien stehen, enthält nichts als baaren Unsinn. Es heißt diese Redensart, die man jetzt so oft hören muß, weiter nichts, als derselbe solle auf beiden Schultern tragen oder ein müßiger Zuschauer bei allen Dingen und Ereignissen sein, welche "das Vaterland betreffen, auch wenn sie noch so wichtig sind und jeden Bürger zur Betheiligung auf- fordern. Jeder einsichtsvolle, nachdenkende Mann hat in politischen, wie in andern Dingen seine eigne Ueberzeugung. Ist er redlich und ausrichtig, so spricht und handelt er dieser gemäß. Benimmt er sich anders, so ist er ein nichtswürdiger Heuchler. Es ist nun natürlich und die Erfahrung lehrt es, daß Gleichgesinnte sich mit einander verbrüdern und gemeinschaftlich wirken, um das schöne Ziel, das ihnen allen vorschwebt, zu erreichen. Darum wird der Geistliche, welcher das Princip der Volks-Souveränität zu dem Seinigen gemacht hat, und es für seine Pflicht hält, zur Verwirklichung desselben dircct und indirect sein Scherflein beizutragen, sich auf die Seite der ächten Volksfreunde stellen. Er verdient unsere Achtung, denn er folgt seiner Ueberzeugung und bekennt sie freimüthig vor aller Welt, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, daß er sich dadurch den Haß und die Feindschaft der Anhänger des Absolutismus und Conftitutioualismus zupehen wird. Den aber, welcher gegen besseres Wissen und Gewissen, sei es activ oder passiv der Reaction in die Hände arbeitet und dem Despotismus den Sieg er- 4fkfitWff-i?llft, ^r«ftn ww «t»4r* £I^'5 "■’* *ü*«myxn«i3, sondern wir erklären ihn auch für einen VolkSverräther. Doch von allem abgesehen, was wir bisher angeführt haben, gestatten die Errungenschaften der Marzrevolu- tion jedem Geistlichen, sich an den politischen Bewegungen unserer Zeit zu betheiligen. Nach ihnen haben alle Bürger, zu welchen doch auch die Geistlichen jeder Confession gezählt werden, das Recht, sich zur Berathung und Besprechung über Angeltgcnheiten des Staates, wie der Gemeinde zu vereinigen. Demnach darf der Geistliche an Volksversammlungen Theil nehmen, in denselben als Sprecher auftreten, Volksvereine stiften und in denselben präsidiren rc. In dem allem liegt nichts Ungesetzliches. Aber die Zionswächter erheben einen gewaltigen Lärm, wenn freisinnige Geistliche in Volksversammlungen Reden halten, oder in demokratischen Vereinen wirksam sind; sie meinen, das sei nicht passend, und es zieme sich nicht, namentlich in einer Kirche umringt von allerlei Volk über weltliche Dinge Vorträge zu halten. Die Kirche sei blos der Ort, wo man Gottes Wort natürlich im Sinne der kirchlichen Orthodoxie oder des Pietismus, der
Anklageact wegen der auf dem Idsteiner Congreß begangenen Verbrechen.
(Sortierung.)
AlS der Vorschlag zu dem achten Beschluß gemacht wurde, erläuterte der Angeklagte Müller denselben in einer Rede. In dieser suchte er auszuführen, daß die Nassauische Ständeversammlung eine constituirende sei, daß diese allein das Recht habe, dem Volke Gesetze zu geben, und daß es der Regierung nicht zustehe, diese Gesetze nicht zu vollziehen, daß die Regierung also nicht das Recht eines Veto habe, daß die Regierung zu allen Beschlüssen der Stände ihre Genehmigung ertheilen müsse. Ohne diesen Grundsatz konnte nie und nimmer eine Verfassung geschaffen werden.
Die alte Regierung würde sich allen Neuerungen entgegen stellen.
Diese Ansicht würde aber von der Majorität der Ständeversammlung nicht anerkannt, diese sehe die Revolution als berechtigt nicht an, die Forderungen aus den Märztagen sollten nur Forderungen auf den Grundlagen der alten Verfassung sein, während er sage: Wir stünden auf dem Boden der Revolution, nur die Revolution habe die Ständeversammlung zusammenberufen.
In der Ständeversammlung hätte diese Ansicht unter- legen, auch die Regierung erkenne nur die alte Verfassung als Grundlage ihrer Wirksamkeit an.
eine blinde, unbedingte Unterwerfung unter die Befehle der gottbegnadeten Macht fordert, zu predigen habe. Ohne mich auf eine ausführliche Widerlegung dieser absurden Ansichten einzulassey, will ich nur bemerken, daß alle Wahrheit eine heilige ist, sei sie nun eine politische oder eine religiöse, daß also durch politische Vorträge kein Tempel entweiht werden kann. Wer dafür noch einen Beweis fordert, für den erröthen wir.
Die mißglückte Kabi»etsä»deru»g in Spanien.
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Die Zeiten sind vorüber, wo Spanien zu den Großmächten Europa's zählte; auch die Zeiten sind vorüber, wo Spanien die Augen von Europa auf sich zog, selbst nachdem es längst aufgehört hatte, bei Entscheidung der Angelegenheiten unseres Welttheils eine Stimme zu führen, oder entscheidenden Einfluß zu üben.
Spanien wird jetzt meist als ein Land betrachtet, das seitab liegt von der großen Straße der Begebenheiten, und es hat sich die Meinung in Europa festgesetzt, die romanischen Bevölkerungen der pyrenäischen Halbinsel seien gleich denen der italienischen nun einmal dazu bestimmt, vergeblich nach freien Institutionen, nach Abschaffung unzähliger Mißbräuche, nach nationaler Bedeutung zu rißgen.
Das ist nicht unsere Meinung. Weder die Italiener noch die Spanier sind tpdt. Die Spanier am wenigsten. Sie waren es, welche zuerst der napoleo- ustchen Herrschaft Widerstand leisteten, — einen erfolgreichen unbezwinglichen Widerstand, in einem Kampfe, der ganz dem Heldenkampf des ungarischen Volks an die Seite gestellt werden kann.
• «vivvir wui«» iv vn »pminx z iwO^y** 1820, als die Völker Europa's zum Lohne. ihrer Anstrengungen in den Befreiungskriegen, wie anan sie nannte, mehr als je unter das Joch deS Absolutismus gebeugt werden sollten, zuerst dies Joch zerbrachen, die Wiedereinführung jener berühmten Cortesverfassung von 1812 erlangten und eine volkstümlich freie politische Entwicklung begannen — welche nur durch fremde Intervention, durch die französische Armee unter dem Herzog von Angouleme unterdrückt werden konnte.
Es ist das Unglück der Völker Europa's gewesen, daß sie sich niemals zu gleicher Zeit erhoben haben; so klar es auch ist, daß, sobald sie bas thäten, ihnen bas Ziel der Erhebung nicht entgehen kann Vereinzelt erliegen sie eins nach dem andern — ihrer ein- müthigen Erhebung könnte nichts widerstehen.
Nach dem Tode deS eidbrüchigen Ferdinand VII. kam es in Spanien zu dem langwierigen blutigen Bürgerkriege der Christinos und Karlisten. Don Kar- loS — das hieß: der reine, vollblütige Absolutismus, Priesterherrschaft, Gewissensdruck, Censur und Inqui
Die Regierung habe sogar die Kammer vertagt, waS sie nicht könne, weil es eine verfassunggebende Kammer sei.
Da nun in der Kammer vergeblich dahin getrachtet worden sei, derselben die.Wirkung einer verfassunggebenden zu geben, deßhalb müsse jetzt von der Regierung verlangt werden, eine verfassunggebende Versammlung zu berufen, eine Versammlung, welche selbstständig dem t Volke die Gesetze gebe, ohne daß die Regierung das Recht habe, in die Beschlüsse sich einzlimengen.
ES müsse auch deßhalb ein neues Wahlgesetz sofort erlassen werden, damit birecte Wahlen stattfänden.
Den Antrag nahm dann auch der Angeklagte Pfarrer Snell auf, und sprach dieser:
Weil die Wahlen in der Kammer nicht direkt erfolgt seien, so habe das Volk selbst nicht gewählt, eine solche Kammer könne niemals eine verfassunggebende Gewalt sein, die Kammer solle das aber sein, diese sei aus der Revolution hervvrgcgangen.
Eine verfassunggebende Versammlung könne weder vertagt noch aufgelößt werden, weder von der Regierung noch von dem Herzog, und doch sei dieS geschehen.
Die Kammer habe allein die Gewalt, den Staat neu zu ordnen, di: Mehrheit derselben habe das aber nicht gethan. Es bleibe also weiter Nichts übrig, als daß daS Volk selbst, auS welchem zuletzt alle
sition. Dagegen kämpften die Spanier, und die sogenannte Legitimität hat nicht gesiegt.
Die Regierung der Tochter Christine, der „unschuldigen" Isabella, für welche die Gegner des Karlismus kämpften, hat weder vor noch nach ihrer Vermählung mit ihrem Vetter Fran; von Assis die Konstitution zur Wahrheit werden lassen. Isabella ist Königin und General Navae; ist unter dem anspruchlosen Titel eines Ministerpräsidenten Diktator von Spanien.
Ein solcher Zustand ist aber kein geordneter, kein dauernder. Die politische Entwickelung Spaniens hätt nur inne, aber die Elemente derselben bleiben im Fluß. —
Am 19. v. M. entließ Isabella Knall und Fall Narvae; und seine sämmtlichen Kollegen, indem sie ein neues Ministerium von Männern ernannte, die Niemand bis dahin für Ministerkandidaten gehalten hätte. Am 20. aber, also schon am folgenden Tage Abends war Narvae; mit seinen Kollegen wieder eingesetzt und zwei der neu ernannten Minister verhaftet, die noch gar nicht wußten, daß ihr saunt angetretenes Amt schon wieder zu Ende sei.
Die Königin hatte einen Brief von ihrem Gemahl erhalten, worin er ihr schrieb: sie stehe auf einem Vulkan; sie müsse sich um jeden Preis aus den Klauen des Narvaez und seiner Anhänger frei machen. Darauf ward Narvae; entlassen. Nach seiner Wiedereinsetzung wurden der Beichtvater, der Geheimsekretär, ein Paar Kammerherren und sonstige Hofbeamte des Königs verhaftet; ja es war davon die Rede, den König selbst aus Madrid zu verbannen.
In dem ganzen Hergänge ist mehr von einer Serailverschwörung, als von einer konstitutionellen Mi- "i^f4Äil^wr ivm wty mtyi wiv mit vtvpr 'p^arapre- volution.
Es beginnt nämlich Narvaez sich den Eraltados, der Linken, zu nähern und eine Bereinigung zwischen Eraltados und Moveratos, dem Centrum, zu bewirken, um der äußersten Rechten, den Karlisten, gemeinsamen Widerstand zu leisten.
Die äußerste Rechte ringt augenblicklich überall nach der Gewalt, und sie hat Recht. Für sie heißt es: jetzt oder nie! Kann sie in diesem Augenblick, wo die reaktionäre Fluch im Steigen ist, nicht zu etwas kommen, so sitzt sie, sobald die Ebbe beginnt, gewiß auf dem Sande.
Die Moderados, die Gemäßigten, das Centrum sind überall schwach, und auch Narvae; sieht ein, daß es nicht möglich ist, sich auf eine Partei zu stützen, die den Boden im Volke verliert und bald nur noch aus der kleinen Zahl ehemaliger Parteiführer bestehen roirt) — wie die Partei unserer sogenannten Konstitutionellen.
Die Moderados in Spanien sehen ein, daß wenn die Negierung sich einmal den Eraltados zuneigt, deren
Gewalt hervorgehe, die Frage entscheide, ich cS eine verfassunggebende Versammlung wolle oder nicht.
ES sei daher ganz zweckmäßig, daß hier (in Idstein) daS nassauische Volk, welches auS allen Theilen deS Landes vertreten sei, ausspreche, daß cS eine verfassunggebende Versammlung wolle.
Wie der zehnte Beschluß zur Diskussion kam, sprach der Angeklagte Schapper davon, daß der Minister Hergen Hahn uns verrathen habe, der dem Vernehmen nach neu ernannte Minister passe auch nicht mehr für unsere Zeit.
Man müsse sich im Voraus gegen daS Ministerium Winyingeroda auSsprechen, und verlangen, daß das Ministerium auS Männern gebildet werde, die ihre Versprechungen erfüllten, damit wir nicht mehr betrogen würden, wie eS am vierten März geschehen sei.
Der Angeklagte Pfarrer Snell hat hierüber auch gesprochen:
DaS Ministerium Hergenhahn sei gestürzt, damit sei Nichts geholfen, nur ein solches Ministerium werde daS Vertrauen haben, welches sich die Ausführung der Beschlusse der jetzt versammelten Vertreter des ganzen nassauischen Volkes zur Aufgabe setze. Erhalte es daher für höchst wichtig, daß gesagt werde: Wir wollen jetzt ein Ministerium, welches gerade unsere heutigen Beschlüsse, zu seinem Programme mache, welches sich verbindlich mache, diese zu vollziehen.