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Freiheit «nb Aeeht!"

Wiesbaden. Mittwoch, 1L November

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= Ueber die Betheèligunft des Geistlichen an den politischen Bewegniigen der Gegenwart.

II. Artikel.

Es ergibt sich aus dem bisher Gesagten, daß alle die, welche sprechen, der Geistliche habe als Verkündi­ger des Evangeliums sich von allen demokratischen Bestrebungen fern zu halten, in einem großen Irrthum befangen sind. Sie haben Unrecht, wenn sie sich da­bei auf Jesum und die Apostel berufen. Denn das Evangelium, das sie der Welt verkündigten, ist ein Evangelium der Menschenliebe. Der Despotismus aber, sei er ein absolutistischer oder konstitutioneller, handelt derselben zuwider. Das lehrt uns die Ge­schichte und die tägliche Erfahrung. Dagegen die De­mokratie beruht auf Liebe, nährt und veredelt sie. Es unterliegt daher keinem Zweifel, daß der Geistliche, welcher die Gebrechen des Staates sowohl in Volks­versammlungen, als auch auf der Kanzel aufdeckt, überhaupt seine Mitbürger politisch aufzuklären sucht, und sein Vaterland von der Noth und Schmach, welche die Feinde der Freiheit über dasselbe gebracht, nach Kräften befreien hilft, ganz im Sinne des Christen­thums handelt. Vor allen Dingen sollte man das von einem protestantischen Geistlichen erwarten. Denn das Lebenspriuzip der protestantischen Kirche ist die Freiheit, welche das Evangelium für die Menschen in allen Verbindungen fordert. Ist es aber nicht ein offenbarer Widerspruch mit dem Geiste des Protestantismus, daß die Reformatoren des löten Jahrhunderts, während sie den Despotismus in der Kirche stürzten, den Des­potismus im Staate unangetastet ließen? Uebrigens wollen wir damit jenen hochverdienten Männern kei­nen Vorwurf machen. Denn es fehlte ihnen zu einer politischen Wiedergeburt ihres Vaterlandes nicht der gute Wille, sondern die rechte em^r. am vw gen wir, daß ohne Freiheit im Staate nie und nim­mer die Freiheit der Kirche, nie und nimmer eine wahre Glaubensfreiheit begründet werden kann. Wird wohl ein naturwidriger, despotischer Staat jemals zu- aeben daß iu seiner Mitte sich ein Reich der Freiheit coustituire? Hat er nicht die Gewalt, dies zu ver­hindern? Hat er nicht diese Gewalt schon so oft dazu gebraucht, und das noch in der neuesten Zeit ? Ist von ihm zu erwarten,daß er LasZepter, das er zu seinem Nutzen, aber zum großen Nachtheil der sittlich-religiösen Volks­bildung führt, von selbst niederlegen werde? Mochten also dre Geistlichen und Laien, welche soviel schwatzen und schreiben von der Freiheit und Selbstständigkeit der Kirche, welche mit Entwürfen für eine freie Kir- chcnverfafsung sich abquälen, dabei aber die demokratisch- gesinnten Pfarrer als staatsgefährliche Menschen, als Wühler und Rebellen verschreien, mochten sie, wenn sie vernünftig handeln wollen, gemeinschaftliche Sache mit den Demokraten machen und auf eine gerechte

Anklageact wegen der auf dem Idsteiner Congreß begangenen Verbrechen.

(Fortjeyung.)

Nachdem die Versammlung diese Beschlüsse gefaßt hatte, wurde ein Landesausschuß aus 7 Personen be­gehend gewählt, welcher zusammen bleiben solle und welcher die nöthigen Maßregeln zur Durchführung der Beschlüsse zu besorgen habe.

In diesen Ausschuß wurden gewählt, die Angeklagten Rahr, Müller Hehner, Wenckenbach, Snell, Justi, Lang.

Sodann wurde eine Deputation von 56 Personen, aus jedem Amte zwei, erwählt, welche die gefaßten Be­schlüsse Seiner Hoheit dem Herzog überbringen sollten.

Dieses geschah am 11. Juni, und wurde ein Bericht dieser Deputation über den Empfang und die erhaltene Antwort durch ein Flugblatt verbreitet.

Am 12. Juni erfolgte in Nro. 20 des Verordnungs­blattes eine Erklärung des Herzoglichen Staatsministe- riums über die in Idstein gefaßten Beschlüsse, nach wel­cher die Regierung auf die Idsteiner Beschlüsse nicht eingehen konnte.

Diese Antwort des Staatsministeriums veranlaßte den Landesausschuß unter dem 13. Juni zu einem Auf­ruf an das Nassauische Volk, unterzeichnet von Justi, Lang, Müller IL, Naht, Snell, Wenckenbach.

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Staatsverfassung hinarbeiten, bevor sie an eine Besei­tigung der kirchlichen Bevormundung denken. Hat eine Nation sich die politische Freiheit errungen, dann ist es auch der Kirche möglich, sich diejenigen Einrichtun­gen zu geben, welche sie für die besten hält. Wann wird man aufhören, die natürliche Ordnung umzu- kehren und damit anfangen zu wollen, was doch nur Wirkung oder Folge sein kann? Dieses Fehlers ma­chen sich aber alle die schuldig, welche sprechen: erst muß die Kirche eine bessere Verfassung haben der wahre Glaube, das religiöse Leben wieder geweckt werden, alsdann wird eS auch im Staate besser wer­den. Arge Täuschung! Nein, auf die Hauptsache, nämlich auf ein Staatswesen, das vom Volke ansgeht, muß man dringen; man muß ringen, die Menschen- und Volksrechte, welche die Herrn so lange mit Füßen ge­treten haben und noch zu treten fortfahren, für immer zu erobern. Ohne dieses ist alles andere Treiben nur von geringem Segen.

Es verträgt sich aber nicht mit der Würde des Geistlichen, wenn er in demokratischem Geiste auf das Volk zu wirken sucht, wenn er in Volksversammlun­gen erscheint und Reden hält, oder wenn er demokra­tische Vereine stiftet und leitet." So lautet das Ge­rede des vornehmen und niedern Pöbels, der kriechen­den Hoftheologen und ihrer Trabanten. Nicht wahr? Das ist eines Geistlichen würdig, wenn er sich zum Maulschwätzer der Gewalt gebrauchen läßt, wenn er dem Volke donnernde Strafpredigten hält, weil es ver­langt, was ihm von Gott und Rechts wegen gehört, weil es unruhig ist und sich hier und dort erhoben hat, da man wieder sehr eifrig daran arbeitet, ihm daS alte Joch aufzuhalsen? Woher kommt die Ver­achtung, woher der Haß, mit welchem jetzt das Volk der Geistlichkeit begegnet? Hauptsächlich daher, weil die meisten Geistlichen so niedertächtig und sklavisch geworden sind, daß sie durch Rede und Schrift dem puimjtyui Qvii|iyim ntxyigt tnh wnm whv du «ng»' rechtesten Befehlen von oben mit der größten Unter- thänigkeit und Bereitwilligkeit entgegenkommen. Wol­len die Geistlichen bei dem Volke wieder zu Ehren kommen, so müssen sie ihren Knechtssinn ablegen, ohne allen Rückhalt und ohne alle Menschenfurcht sowohl in den Tempeln, als auch im gewöhnlichen Leben, das Richteramt, womit sie ihr Beruf, das Evangelium zu predigen, betraut, über den Staat und seine Gesetze ausüben. Die Reaktionäre nennen das wohl ein Lieb­äugeln mit dem Volke. Aber ist das ein Liebäugler des Volkes, welcher politische Wahrheit verkündigt und die Rechte des Volkes vertheidigt? Wir denken uns darunter einen Menschen, welcher, um sich die Gunst des Volkes zu verbuhlen, dessen Leidenschaften schmei­chelt, ohne darnach zu fragen, ob er dabei recht oder unrecht gegen andere handle. Es ist indessen eine be­kannte Sache, daß die böswilligen Widersacher eines edlen Unternehmens stets bei der Hand sind, den Män­nern, welche sich demselben widmen, eigennützige und

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Dieser Aufruf lautet:

An das nassauische Volk!

Der zu gestern am 10. b. M. abgchaltene Landes- congreß hat zur Durchführung der von demselben ge­faßten Beschlüsse eine aus sieben Mitgliedern be­stehende Commission gewählt unter dem Namen Landes- ausswuß, dessen Aufgabe es nunmehr ist, die Mittel lind Wege zu veröffentlichen , welche er zur Ausführung ' der Beschlüsse für geeignet erachtet.

Auf die von dem Congreß gestellten, dem Herzog überbrachten Forderungen hat daS Ministerium durch Bekanntmachung vom 12. l. Mts. eine Antwort ertheilt, wie sie nach dem der Deputaton gewordenen Empfang und der mündlichen Aeußerung des Herzogs zu erwarten stand. Dieselbe ist bezüglich aller Punkte als ent­schieden ablehnend zu betrachten.

Die Regierung verlâugnet die Nationalsouveränität und die von der deutschen Nationalversammlung end­gültig beschlossene, von ihr selbst feierlich anerkannte, von Militär, Beamten und Bürgerwehr beschworene, Reichsverfassung, indem sie sich Aenderungen an der letzteren, die je nach Umständen zu dem Bundestag zu- rückführen werden, ausdrücklich vorbehält.

Sie kündigt einseitig der von ihr wiederholt und feierlich anerkannten deutschen Nationalversammlung und der von dieser eingesetzten Centralgewalt den Gehorsam auf und tritt dadurch in offenen Ungehorsam gegen das Reich.

andern unlautern Motiven uiiterz,uschieben, indem sie gewöhnlich die Beschaffenheit ihres Herzens bei der Beurtheilung anderer Menschen zum Maßstab nehmen.

Die Beschuldigung, die freisinnigen Geistlichen, welche sich mit politischer Volksaufklärung befaßten und in demokratischen Vereinen wirkten, stisteten dadurch in ihren Gemeinden Zwietracht und Spaltung, müssen wir als eine Absurdivät znrückwcisen. Allerdings fin­den wir in vielen, fast allen Gemeinden politische Par­teien, die keineswegs friedlich neben einander bestehen. Daran aber sind nicht die demokratischen Pfarrer schuld, uud wenn auch wirklich durch ihre politische Bestre­bungen sich Parteien bilden, welche sich befehden, so haben das nicht diese zu verantworten, sondern die­jenigen, welche die Finsterniß und das Unrecht mehr lieben, als daS Licht und das Recht. Wer die Wahr­heit reden, wer sich eines unterdrückten Volkes anneh- men will, kann nicht ängstlich nach den Folgen seiner Thaten fragen. Wahrheit und Recht stehen ihm über dem äußern Frieden. Beherzigen wir, was Jesus sprach:ich bin nicht gekommen, den Frieden zu brin­gen, sondern das Schwert." Er hat also nicht dar­nach gefragt, ob er durch die Verkündigung seines Evangeliums in der menschlichen Gesellschaft Parteiun­gen veranlassen, oder den äußern Frieden erhalten werde. Er konnte aber anch nicht darnach fragen, wenn er nicht seinem Berufe untreu werden wollte. Er kannte die Menschen und wußte im Voraus, daß die von ihm zu offenbarende Wahrheit nicht den Bei­fall aller ernten werde.

D e u t s ch l a n d.

X Rennerod, 8. Nov. Die am 19. d. Mts. be­vorstehende Ersatzwahl für den Abgeordneten Krämer von Hohn in Marienberg beschäftigt mehr, als man ..... * o-* x seit­her in politischer Beziehung hier geherrscht hat, er­warten konnte, die Bewohner von Rennerod und der Umgegend.

Schon vor einiger Zeit waren die Herrn Abgeord­neten Zollmann und Pfarrer Nau in Gesellschaft des Hrn. Hofraths Henoch von Wiesbaden dahier bei Hrn. Caplan Stähler und Hrn. Lehrer Lehn­häuser (einem Schwager des Herrn Pfarrer Rau) und hielten Conferenzen wegen des aufzustellenden Candidaten, und auch Hr. Carl Müller von Wester­burg soll zugezogen worden sein.

DaS Resultat dieser Conferenzen soll das gewesen sein, daß Hr. Recepturaccessist Kühn zu Rennerod als Candidat aufgestellt wurde, worauf die Herrn Zoll­mann, Henoch und Rau auch in andre Orte des Wahlbezirks reisten und für diesen Candidaten Stim­men zu werben suchten.

In hiesigem Amte war wenigstens unter einem Theile der katholischen Bevölkerung oft die Rede davon,

In dem Augenblick, mit dem sich die Geschicke Deutschlands entscheiden, wo überdies das ganze Land von der Kammer eine erhöhte Thätigkeit erwartet, um dem Laude endlich eine Verfassung zu geben, die Organi­sation der Verwaltung zu vollenden, die Verhältnisse der Domänen und die Civilliste festzustellen, in dem Augenblicke, in dem dies Alles vollständig vorbe­reitet ist und seiner Vollendung harrt, in diesem ent­scheidenden Augenblicke wagt cs die Regierung, die Kam­mer ohne Angabe eines Grundes, und sogar gegen den am 26. April l. J. ausgesprochenen Willen der Nationalversammlung, auf weitere vier Wochen zu ver­tagen.

Die Stellung der damaligen Regierung ist dadurch hinlänglich bezeichnet.

Wir schlagen unter den dermaligen Umständen fol­gende Maßregeln vor:

1) in der Treue und dem Gehorsam gegen die Reichs- verfassung, die Deutsche Nationalversammlung und die von ihr eingesetzte Reichsgcwalt unwandelbar zu beharren ;

2) die KammerZ und die einzelnen Abgeordneten aufzu- fordern, dem dermaligen Ministerium, so lange es sich nicht entschieden von den ausgesprochenen Grund­sätzen lossagt und namentlich nicht zuni Gehorsam gegen das Reich zurückkehrt, außer den verwilligten und bereits angeforderten zwei ersten Simpeln, keine weitere Steuern zu verwilligen;