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Freiheit und Ueeht!"

Wiesbaden. Samstag, 10, November

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1819

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Haden wir eine Revolution gehabt oder nicht?

II. Artikel.

°o° Vom Taunus, Ende Oktober. Im ersten Ar­tikel unserer Untersuchung haben wir bewiesen, daß die Märzerhebung des deutschen Volkes, mag man nun das Wie oder das Was, mag mau die formelle oder die materielle Seite derselben ins Ange fassen, in Wahrheit eine Revolution war. Die Reaktion aber, welche jetzt eingetreten ist, verleugnet die Revo­lution , sie sucht dieselbe aus der deutschen Geschichte auszulöschen, völlig wegzutilgen. Sie thut dies zum Theil offen und ehrlich, zum Theil hinterlistig und versteckt. Der letztere Theil der Reaktionspax- tei ist bei Weitem der zahlreichste. Die moralische Verderbniß und Fäulniß ist so groß in dieser Reaktions- partei, die Lüge und Heuchelei ist so sehr ihr inner­stes Element, daß nur Wenige in ihr zu dem Muthe der Offenheit und Ehrlichkeit sich erheben. Das kleine Häuflein der ehrlichen Reaktionäre ist der sogenannte weiße Berg", wie man sich in Preußen, wo haupt­sächlich ihr Sitz ist, ausdrückt; sein Organ dieNeue Preußische' oder die sog.Kreuzzeitung".

Decwiße Berg" gesteht es ein: ja, cs war eine Revolution, es war leider eine Revolution in dem ganzen schlimmen Sinne des Wortes; aber Preußen ist durch dieselbeentehrt"; es war eine beklagens- wertheSchwäche", daß man dem Willen desPö­bels nachgab, cs war eine schwereSünde" und wir müssenBuße" thun, dadurch, daß wir das, was wir übel gemacht haben, wieder gut machen, dadurch, daß wir das, was wir in der Stunde der Versuchung versprochen haben, nicht halten, sondern das Zugesagte offen wieder zurücknrhmcn. So denkt und spricht derweiße Berg", welcher z. B. offen erklärt, daß diekonstitutionelle Verfassung" wieder abgeschafft werden müsse. Ehre, dem Ehre gebührt! Derweiße Berg" mit seinen politischen und religiösen Ansichten steht zwar vor un­sern Blicken als eine sonderbare Ruine aus einer ver­sunkenen Zeit; aber, ihr Herrn, Respekt vor dieser Ehrlichkeit! Sie ist heutiges Tages selten gewor­den ! Mag der Fanatismus diese Partei noch so wild, mag ihr Blutdurst noch so groß sein, ein ehrlicher Feind im offenen Kampfe ist immer besser, als ein hinterlistiger Feind; denn man weiß, wie man mit ihm dran ist.

Die ungeheure Mehrheit der Reaktionspartei da­gegen ist unehrlich, lügenhaft, heuchlerisch, achselträgc- risch, mit der herrschenden Gewalt buhlend. Sie schreitet rückwärtsund sieht doch keine Reaktion"; sie macht die Reaktion und leugnet sie doch. Derweiße Berg" spricht, wie er handelt; er erklärt sich selbst für die Reaktion; die heuchlerischen Reaktionäre dagegen sprechen liberal und handeln reaktionär; ihre Zeitungen drucken die KraftsteUcn der Kreuzzeitung ab,

weisen mit Fingern auf sie hin und rufen:hic niger est, seht hier ist die Reaktion, lasset uns in Ruhe"; und dabei arbeiten sie selbst durch ihre Thätigkeit jener Reaktion getreulich in die Hände, indem sie die Re­volution mit allen ihren Folgen und Konsequenzen aus dem Staate wegzutilgen suchen. Diese feigen Heuch­ler wagen es nicht, wie derweiße Berg" fordert, die sogenannten Märzerrungenschaften geradezu wieder auf- zuhebeu, sondern sie lasten dieselben dem Ramen nach bestehen, machen dieselben aber illusorisch, d. h. sie beschneiden und beengen die Volksrechte so sehr, daß Nichts oder doch nicht viel von denselben übrig bleibt. Sie bleiben z. B. bei der Forderung eines Reichstags", einer Volksvertretung für Deutschland, lassen sich aber ein Wahlgesetz ü lu Manteuffel oktroy- iren, welches in Wahrheit die Volksvertretung auf­hebt. Sie wagen es nicht, die Censur wieder einzu­führen, beengen und verfolgen aber die demokratische Presse so, daß von der Preßfreiheit nichts übrig bleibt, als die Freiheit, wegen jedes einigermaßen freisinnigen Zeitungsartikels in das Zuchthaus geschickt zu werden.

Dabei schlagen die Reaktionäre wieder einen zwie­fachen Weg ein, um sich mit dem Faktum der März­bewegung, welches sie nun einmal nicht ungeschehen machen können, auseinanderzusetzen und dasselbe in ihrem Sinne zu deuten resp, zu verdrehen. Ein Theil der Partei gibt zu, daß jene Bewegung eine Revo­lution war (wobei er jedoch dieses ihm in tiefster Seele verhaßte Wort soviel als möglich vermeidet), behauptet aber, diese Revolution habe keinen andern Sinn und Zweck gehabt, als grade dasjenige, was jetzt das deutsche Volk besitzt. Diese verkümmerte Preßfreiheit, dieses beengte Vereins- und Versamm­lungsrecht, diese Belagerungszustände und Standrechts- brutalitäten u. s. w, das sei es, was das Volk durch die Revolution erstrebt habe; denn das Volk habe die wahre", dierechte", dievernünftige", aber nicht diedemokratische", dieanarchische" Freiheit gewollt; zum Schutze und zur Sicherung dieserwahren" u. s. w. Freiheit seien aber jene Beschränkungen und ander- weiten Maßregeln durchaus nothwendig. So suchen diese Reaktionäre zu ihrem Ziele zu gelangen, indem sie das Wort Revolution unangetastet lassen, aber die Bedeutung, das W e se n und die C o n se q n e n - zen derselben verleugnen.

Ein anderer, keckerer Theil der Reaktionspartei meint sich's leichter machen zu können, indem er das Wort Revolution aus der deutschen Geschichte aus- zulöschen sich bemüht. Indessen diese anscheinend leich­tere Theorie wird in der Praxis zu einer sehr sauern Arbeit und höchst ergötzlich ist es, wie z. B. in un­serm Laude diese Partei sich abmüht, um zu ihrem Ziele zu gelangen, und doch nicht vom Flecke kommt, gleich einem Hunde, der im Rad laust! Hier ist ihr | nämlich derIdsteiner Laudeskongreß", welchen sie um jeden Preis zu einer (wenigstens versuchten) Re­volution avanciern lassen möchte, während die Er-

Hebung des 4. März nur eine Petitition um Re* form gewesen sein soll, auf eine sehr unangenehme Weise in die Quere gekommen. Um nämlich den ersten Zweck zu erreichen, um die zu Idstein ver­sammelt gewesenen Demokraten als Revolutionäre zu charakterisiren *), müssen jene Reaktionäre den Begriff der Revolution möglichst weit fassen. Wirft man ihnen nun ein: gut, wenn der Idsteiner Landeskongreß, wo das Volk sich friedlich und ohne Waffen ver­sammelte und eine Petition berieth, welche dann eben so friedlich an den Herzog, die Kammer und die Landesregierung übergeben wurde, wenn dies eine Revolution war, so muß doch die Erhebung deS 4. März, bei welcher sich das Volk in Wiesbaden selbst und zwar bewaffnet versammelte und seineFor­derungen" unter Androhung der Gewalt vorbrachte und durchsetzte, noch viel eher eine Revolution genannt werden: dann stehen die Herren, wie dieOchsen am Berge"! Nicht besser ergeht es ihnen und in diesel­ben Widersprüche verwickeln sie sich, wenn sie den andern Zweck verfolgen, wenn sie die Märzrevolu­tion zu einer bloßenReform" und die Bewegung des Volkes am 4. Marz zu einer bloßenPetition" ma­chen wollen. Denn jeder Unbefangene muß diesen Lo­gikern antworten: wenn ihr die Märzbewegung mit ihrenkonftitionellen" Heugabeln, Flinten und Senfen, mit ihrer offenen Androhung der Gewalt nur eine Reform", nur einePetition", wenn auch eine Sturmpetition", nennet, (wiewohl wir damals das Versammlnngs- und Petitionsrecht noch nicht besaßen) dann könnt ihr doch auch das friedliche Beginnen des Idsteiner Lanveskongresses, welcher auf dem Bo­den des feierlich garantirten Versammlungs- und Pe- titionSrechts stand, nicht anders nennen. Da stehen sie denn freilich wiedie Ochsen wieder am Berge". Doch was liegt diesen Herrn an Logik und Konse­quenz? was liegt denen, die in der Majorität sind, an Gründen? Sie denken mit dem edlen Fallstaff: Und wenn die Gründe so häufig wären, wie die Brombeeren an den Hecken, so sollt ihr keine Gründe von uns hören!" Deshalb darf man denselben auch nicht mit Gründen entgegentreten. Deshalb wollen wir auch noch erwähnen, wie wir neulich einen De­mokraten dies Tyema sehr rasch abhandeln hor­ten. Derselbe stritt nämlich mit einem reaktionären Staatsdiener über unser Thema, ob die Erhebung des 4. März eine Revolution oder eine bloße Sturmpeti- tion gewesen sei. Am Ende sagte der erstere zu Dem letzteren:Ja ich habe unrecht, Sie haben recht, die Märzbewegung war nichts, als eine Petition, denn wenn es eine Revolution gewesen wäre, so wären Sie vor allen Dingen zum Teufel gejagt worden!" Wir haben nun zwar schon früher bemerkt, daß das

*) Ä nm erkung. Wir erinnern an die Denunciationen -und das Wnlhgehcnl dcö sog.Vaubtagöblattes" gegen den Id­steiner Landeskongreß.

*>£* Ein Vorpostengefecht auS dem badischen Feldzüge.

(Sortierung.)

Die ganze Cotonne bestand aus der Compagnie Be- sanyon, der pfälzischen Studentencompagnie, 4 Stück sechSpfündigen Geschützen , den Neustädter Turnern und 2 Compagnien badischer Volkswehr; im Ganzen circa 500 Mann. Willich befehligte diese Abtheilung.

Wir mochten seit unserm Ausmarsche aus Blanken­loch eine Stunde Wegs zurückgelegt haben, als nach und nach rechts und links von der Chaussee auf welcher wir verrückten eine Menge kleiner Feuer sichtbar wurde. Wir zweifelten keinen Augenblick, daß eS preußische Wachtfeuer seien; keine Sylbe wurde gesprochen, man hörte außer dem gemessenen gleichmäßigen Schritt der Infanterie nur das ferne Rasseln der nachfolgenden Ka­nonen und das Flattern unserer Fahne im Wehen der Nachtluft. Als wir endlich so nahe gekommen waren, daß man neben den Feuern deutlich die Wachtposten er­kennen konnte, wurde Halt gemacht und die Studenten­compagnie als Tirailleure vvrausgeschickt mit dem stren­gen Befehl, unter keinen Umständen auf den Feind zu schießen, sondern ohne auf sein Anrufen zu antworten, mit dem Bajonnet vorzugehen. Einen kleinen Zwischen- raum haltend, folgten wir der Tirailleurabtheilung,

welche auf der Chaussee geblieben war, und hinter uns, fest aufgeschlossen rückte daS ganze CorpS nach.

Ich mühte lügen, wenn ich sagte, daß diese nächt- üd e Expedition einen andern, als lebhaft ansmuntern- dern Eindruck auf mich gemacht hätte. Gerade daS Abentheuerliche einer solchen Unternehmung hat einen eigenthümlichen Reiz. In seiner Eigenschaft als An­greifer fühlt man sich schon alS Sieger und die große Wichtigkeit unserer Aufgabe erkannten wir alle. Die badische Armee unter MieroSlawoki hatte auf Die Nach­richt vom Rheinübcrgange der Preußen die herrliche Po­sition bei Heidelberg verlassen und sich rhcinaufwârtS gegen die bei Germersheim übergegangenen Feinde ge­wandt. Dieser Feind mußte geschlagen und in oder über den Rhein zurückgetrieben werden, wenn nicht MieroslawSki von Drei Seiten durch Hirschfeld, Gröben und Peucker mit großer Uebermacht angegriffen und in seiner abgschnittenen Stellung amgcrieben werden sollte. Außerdem mußten wir uns die Vereinigung mit der Neckar-Armee a tout prix vermögllchen, wodurch gleich­zeitig für letztere der Rücken frei gemacht wurde. Wenn die Preußen unter Hirschfeld bei Bruchsal durch und und bei Philippsburg durch die Neckar-Armee gleichzeitig angegriffen wurden, so war ihre Niederlage so gut wie sicher.

Unser CorpS war entschlossen, seine Aufgabe zu lösen und an Zuversicht und Vertrauen für'S Gelingen, fehlte eS nicht.

Mit gespannter Aufmerksamkeit horchten wir vor und hin, indem wir so viel wie möglich Die Tirailleure Der Ctud.utcncompagnie im Auge behielten.

.Da mit einem Male tönt's ganz in Der Nähe rechts aus Dem KornfeldeHalt! wer da?" Plötzlich stand die Colonne wie fefigebannt. Willich, der biS dahin an unserer Spitze geritten war, drückte seinem Pferde beide ; Sporen in Die Seite und sprengte im Carriere vor und ! rief dem nächststchenden Wachtposten laut zu:Gut Freund!" Im selben Augenblicke krachte eS links von uns im Felde; die Kugel pfiff hart über uns weg und unmittelbar folgten diesem ersten Schusse einige zwanzig andere von beiden Seiten der Chaussee in ganz unbe­deutender Entfernung vor und. Gleichzeitig ertönte in dem nahe liegenden Torfe Spok Die Sturmglocke schau­rig durch Die finstere Nacht und weithin hörte man noch Dad Knattern Der Flintenschüsse auf Der ganzen Vor- postenlinie als Singnale für Den lagernden Feind.

Sturmschritt marsch!" rief Willich und zu und un­aufhaltsam ging'S auf daS Dorf los. Hinter den er­löschenden Feuern sah man die fliehenden Feinte eiligst davonlaufen; wir schossen nicht; aber einer trieb Den andern freudig vorwärts und mehr im Lauf, als im Schritt gelangten wir nach wenig Minuten an den Ein­gang Ded Dorfes. In der breiten Hauptstraße brannten große Wachtfeuer, einzelne Gestalten versuchten dieselben in aller Eile zu löschen, rannten bei unserer Annäherung aber schleunigst davon. Die Sturmglocke schwieg; in