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Wiesbaden. Mittwoch, 7. November

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Freiheit und Neeht!"

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n Wiesbaden, 6. Nov. Am 29. Oktober 1849 trug Prokurator Leisler sen. folgende

Vertheidigung

für Julius Seel, angeklagt der Majestätsbeleidigung, vor den Assisen zu Wiesbaden vor:

Die Anklage lautet auf ein schweres Verbrechen. Das Strafgesetz stellt dasselbe in die erste Reihe. Die- ses.Gesetz ist für g e o r d n e t e Staatsverhältnisse gegeben. Wir leben gegenwärtig nicht in solchen, sondern in einer bewegten Uebergangsperiode, deren Schwankun­gen so groß sind, daß, wenn man vor sechs Monaten vorausgesagt hätte, was wir in dem letzten erlebt haben, Niemand es für möglich gehalten; sowie man auch jetzt noch Vieles für kaum möglich hält, was wir nach 6 Monaten vielleicht erleben müssen.

In solchen Verhältnißen verliert man den gewöhn­lichen Maaßstab und darf manches nicht so streng ge­nommen werden, wie in ruhigen Tagen.

Ich werde bei meiner Vertheidigung untersuchen: 1) ob die zur Lastgelegte Handlung erwiesen ist? und 2) ob, wenn dieß der Fall, der Angeklagte sich in einem Zustande befunden hat, wo ihm seine Handlung zugerechnet werden kann?

Ueber die erste Frage hat mein Hr. College, wel­cher soeben gesprochen, bereits das Meiste gesagt. Es liegen so wenig Beweise vor, daß ich mit Ruhe ein fr- Freisprechung entgegen sehen kann. Die meisten Zeu­gen wissen gar nichts, und die wenigen, welche noch einige Erinnerung haben, sagen Nichts von einer be­stimmten Handlung des Angeklagten.

Nur auf einen Umstand muß ich Sie noch be­sonders aufmerksam machen, nämlich die Jugend des Angeklagten. Derselbe ist am 2. Nov. 1828 geboren, also noch «unverjährig. Bemerken Sie es wohl. m. H., der Angeklagte ist minderjährig.

So groß dieser Entschuldigungsgrund ist, so wird er doch bei Weitem noch überwogen durch diejenigen, welche in den Zeitverhältnissen liegen.

Nach 33 Jahren eines schweren Geistesdruckes er­wachte im März des vorigen Jahres in unserem Volke eine Begeisterung von solcher Kraft und Allgemeinheit, wie die Geschichte wenige kennt. Eine Stimme, gleich jenem Posaunenschalle am Tage des Herrn, ging durch die Gauen des Vaterlands. Niemand blieb von ihr unberührt, sei es in Hoffnung oder in Furcht. Der Greis sah noch am Abends seines Lebens die Er­füllung von Hoffnungen nahen, die er längst aufgege­ben hatte. Der Mann, welcher durch dreißigjährige vergebliche Kämpfe im Ringen nachgelassen hatte, sah sich plötzlich dem Ziele nah. Die Jugend aber, am tiefsten ergriffen, glaubte sich schon im Besitze der köst­lichen Güter, welche die Zeitbewegung erstrebte.

Es ist daher nur natürlich, daß, wenn sie manch­mal das rechte Maaß überschritt, dieß ihr am wenig­sten angerechnet werden kann.

Es bedarf keiner Beschreibung, welch' schönen Hoff­nungen das Volk entgegenging. Keinem Deutschen ist dieß unbekannt. Das Parlament versammelte sich in Frankfurt, zu dem klar ausgesprochenen Zwecke, daß von ihm allein die künftige Staatsform Deutschlands bestimmt werden solle. Regierungen und Einzelne waren bereit, sich dessen Entscheidung zu fügen. Ich erinnere daran, daß damals aus Wiesbaden, nicht von dem demokratischen Theile, sondern von den loyalsten Einwohnern eine Adresse an das Parlament ging, wo­rin es am Schluffe hieß:

Wir halten zwar die konstitutionelle Monarchie für die beste Staatsform Deutschlands; wenn es aber in den Sternen anders geschrieben steht, so werden wir uns auch zu unterwerfen wissen."

Im Parlament wurde lange über zahlreiche Me- diatisirungen dcbattirt Ich gehe über die einzelnen Um­stände weg, welche zeigten, daß die Hoffnungen der Ration sich zu verdunkeln begannen und führe gleich den Hauptumstand an, welcher über das Beginnen der Reaktion keinen Zweifel mehr ließ. Ich thue dies um so mehr, da das Ereigniß, welches die Ration am tiefsten erschütterte, gerade wenige Tage vor den Zeit­punkt fälft, wo die den Angeklagten zur Last gelegte That geschehen sein soll.

Der Eonskriptionstag war der 13. November v. J.

A m 9 N ovember, m. H. I ist Robert Blum erschossen worden.

Soll ich Sie daran erinnern, welchen erschüttern­den Eindruck dies in ganz Deutschland machte?! Wie ein Schrei des Entsetzens durch alle Gauen ging, und Millionen Fäuste sich zähneknirschend ballten?! Die Kriegserklärung der Reaktivst war hiermit vollen­det. Was in dieser Zeit jeder fühlte und äußerte, ist bekannt, und Sie werden nur Recht geben, wenn ich be^au^fe, daß, m»i Attest in einem Protokolle vor uns läge, dann in diesem Saale vielleicht keine zehn Menschen wären, die man nicht auf die Anklagebank bringen könnte.

Deutschland ist in einer großen Gährung. Von deren Behandlung hängt ab, ob sie einen köstlichen Wein hervorbringen wird, an dem noch späte Enkel sich stärken und laben, oder ob sie das Faß zerspren­gen soll.

Das letzteres nicht geschehe, dazu muß Jeder das Seinige beitragen, vor Allem aber sind hierzu Die­jenigen berufen, denen das Volk sein Vertrauen ge­schenkt hat. Dies sind die Abgeordneten und die Ge­schworenen. Der H- Staatsprokurator hat zwar in Bezug auf die Letzteren behauptet, daß sie sich lediglich an die Beantwortung der Frage zu halten hätten: Ob die angeschuldigte That geschehen sei oder nicht, daß aber alle weiteren Erwägungen außer ihrer Sphäre lägen." Diese Ansicht ist unrichtig. Die Geschworenen haben auch darüber zu entscheiden, in welchem Geistes­zustände sich der Handelnde befunden hat. Und da kann allerdings Vorkommen, daß die verbrecherische

Handlung geschehen ist, und der Angeklagte doch frei gesprochen wird. Wenn Sie sehen, daß Jemand per- giftet ist, das Gift aber von einem vierjährigen Kinde in den Becher geschutttet worden, so sprechen Sie die­ses frei. Wenn ein Todtschlag von einem Wahnsin- nigen herkommt so sprechen Sie ihn frei. Der geistige Zustand des Angeklagten gehört also allerdings zu Ihrer Beurtheilung. Wir hatten im vorigen Jahre Monate lang einen Zustand der Erbitterung und Auf­regung, welcher einen großen Theil des Volkes, wenn auch nicht ganz unzurechnungsfähig, voch im höchsten Grade entschuldbar erscheinen läßt. Wenn die Rede von der Behandlung eines ganzen Volkes oder eines großen Theils desselben ist, so kommen ganz besondere Erwägungen zur Sprache. Erlauben Sie, daß ich ein Beispiel aus der Geschichte vortrage: Als die Sam- niter im Todeskampfe gegen die Römer das Heer der Letzteren in den caudimschen Pässen eingeschlossen hat­ten, da fragten sie einen ihrer ältesten Weisen, was sie thun sollten? Dieser sprach:bringt alle

Römer um!" Da ihnen dieses zu hart so fragten sie ihn abermals, und er sprach laßt sie alle frei!"

schien nun:

ließen

DieSamniter wählten einen Mittelweg und das römische Heer erbittert und verletzt nach Hause gehen. Da sprach der Weise:Ihr hatäet sie entweder durch den Tod unschädlich machen

oder dnrch Dan kbarkeitEuch verbinden müs­sen. So ihr sie nup verletzt habt, werden sie wiederkom men!" Letzteres geschah und der Krieg endigte mit dem Untergang der Sammler.

Auch unserer Zeit ist die Wahl gestellt zwischen Schwert und Versöhnung. Eine Vernichtung des größten Theils der Nation ist nicht möglich. Halbe Maßregeln erbittern nur. Es bleibt also nur die Ver­söhnung.

Das Volk hat die Amnestie wiederholt von den Regierungen verlangt; sie ist noch nicht erfolgt. Das Volk kann sie nicht geben und auch die Geschworenen nicht. Aber der Gedanke der Versöhnung darf auch die Brust des Richters füllen. ES gibt strenge uns milde Richter. In Zeiten wie die unsrige muß Milde vorherrschen. Die deutschen Schwurgerichte hat dieser Gedanke erfüllt. Ueberall in Deutschland sehen wir, daß dieselben die politisch Angeklagten frei sprechen. Wir können nicht annehmen, daß die Tausende deut­scher Männer, aus denen diese Gerichte bestehen, durch­gehends aus unlauteren Absichten handeln; daß sie ihre A ifgabe nicht begreifen, ihre Pflichten wissentlich ver­letzen, verführt, geschreckt, bestochen oder sonst ihrer Auf­gabe nicht gewachsen seien. In solchen Fällen wür­den doch Einige von ihnen, ja gewiß die Mehrzahl anders entscheiden. Nein! es ist der große Gedanke der Versöhnung, der Nachsicht mit einer bis zur Un­zurechnungsfähigkeit gereizten und erbitterten Bevölke­rung. Dieser Gedanke belebt jene Tausende deutscher Männer. Und wahrhaftig, wenn sie auch hierin manch-

*^* Cin Freischaaren - Cirrzug in Karlsruhe.

(Reminiscenzen auS dem badischen Feldzuge.)

Nichts in der Welt kann das hochschlagende Herz eines deutschen Freischärlers mit größerer Entrüstung erfüllen, als wenn er, der nur von Kanonendonner und Sturmattaguen träumt, zu irgend einem sogenannten Gamaschendienstemißbraucht" wird. In dieser Ka­tegorie gehören nach seiner Ansicht treulich alle mili­tärischen Dienste, ausgenommen diejenigen Appelle bei welchen das Qnartierbillet oder die Löhnung ausgetheilt wird. Bei jedem Generalmarsch zu andern Zwecken als die beiden angeführten, vernimmt man genau eben so viele Flüche und Verwünschungen als Freischärler durch die Allarmtrommel zu den Waffen gerufen werden; ist endlich die Compagnie auf dem bezeichneten Sammelplätze vollzählig erschienen, dann möchte aber auch Jeder gerne wissen, weßhalb seine edlen Kräfte schon wieder in An­spruch genommen worden sind, und wenn nun erst gar eine entfernte Aussicht auf einen Zusammenstoß mit dem Feinde vorhanden ist, dann verlangt der Freischärler eine möglichst genaue Auseinandersetzung des ganzen Operations-Plan's, denn er will mit Bewußtsein in den Tod gehen, und nicht den Söldnern gleich, als ein unbedeutendes Rad in der Maschine des KriegSmechanis- muS figuiren. Stimmt irgend eine Mission, welche

der Freischärler mitmachen soll, nicht ganz genau mit seinem eigenen Feldzugsplane überein, dann schüttelt der­selbe bedenklich den Kopf und versichert, sich in die Brust werfend, seinem Nebenmann, daß der Führer auch nicht die mindesten militärischen Kenntnisse besitze; ist nun gar der Nebenmann und noch einige andere auch nicht ganz mit den Anordnungen des Kommanbirenden einverstanden, dann braucht nur die Lage der Sache einigermaßen gefahrvoll zu ,sein und das Complott ist fertig; geht nun gar wirklich die Sache schief, dann eins zwei drei und der Commandant ist durch Aclamation zum Verräther erklärt.

In diesem Sinne hatte jeder Mann vom Willich'schen Frcicorps sich seine Ansichten und Vermuthungen über den Rückzug aus der Pfalz gebildet; die Meinungen über die Ursache, den Zweck und die Felgen wurden gegen­seitig ausgetauscht; unter stetem Hin- und Herdisqutiren über die Bedeutung jedes einzelnen Commandowortes waren wir endlich über die Knielinger Brücke ins badische Land gerückt; da wurde uns der Armeebefehl Mieros- lawski's vorgelesen und zu unserer Beruhigung er­fuhren wir nun, das; der Rückzug ausstrategischen Gründen" angeordnet worden.Siehst Du, sagte unser Flügelmann, ein übcrgcgangencr preußischer Jäger zu mir," die Preußen haben uns nicht aus der Pfalz gejagt, sondern wir haben sie freiwillig geräumt ," und in dieser seiner schon früher geäußerten Behauptung nun­mehr offiziell bestärkt , in dem wohlthuenven Bewußtsein

eines Mannes, der seine Pflicht gethan hat, schritt der kleine Preuße mit einer Keckheit voran, die uns alle unsere verloren gewesene Munterkeit wiedergab; wir waren ja von der Mitschuld an dem Verluste der Pfalz freigesprochen, und die Aussicht, wenigstens die Hoffnung auf gute Quartiere in der badischen Resivenzstabt machte unsere Stimmung noch heiterer. Als nun gar die Bür­ger Brentano und Mayerhofer uns die zweisel- hafte Ehre erwiesen, uns zu Pferde entgeg, nkamcu und in die Stadt begleiteten, da schien uns die schon lange teile gehegte Hoffnung, auf eine gute Verpflegung zur befriedigenden Gewißheit geworden zu sein. Gute Quartiere und wenigstens ein Ruhetag, das waren die Forderungen der Anspruchlosesten. Und nun diese Un­masse von Plänen und Projekten, welche nach nunmehr vorausgesetzter Erfüllung unserer Wünsche laut wurden. Der eine suchte durch Anschauung zu beweisen, daß seine Effecten Stiesel einer angem ssene» Reparatur bedürften, welche er in Karlsruhe zu bewerkstelligen gedenke; aber, setzte er mit Bitterkeit hinzu:Was hilft uns der eine lumpige Ruhetag, während dem meine Stiefeln beim Schuster sind, werde ich in Ermangelung eines zweiten Paares den Ruhetag in seiner eigenen Bedeutung baar­fuß zu Hause verbringen müssen, und von der schönen Residenz bekomme ich keine Spur zu sehen. Und wenn am Ende gar, was durchaus nicht unwahrschein­lich ist, während der sehr zeitraubenden Stiefelreparatur der Generalmarsch geschlagen wird, soll ich alsdann in