Freiheit und Recht!"
Wiesbaden. Samstag, 3. November
M 262
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1849
â Die Angabe wegen der angeblich auf dem Idsteiner Congreß begangenen
; Verbrechen.
Man verzeiht und dankt wohl gar, wenn auch mit etwas saurer Miene, den pseudorevolutionären Impften — den Siebenern des Heidelberger Vorparlaments — welche als Präservativ gegen die von Westen drohende achte Februarrevolutionspest, zur Neu- tralisirung des naturnothweudigeu Entwicklungspro- zeffes, so eine Art ^urcogat-Revolutwnsstoff, einimpften, wodurch, weil der Volkskörper noch nicht durch Zersetzung und Sonderung der Säfte, d. h. der Parteien, prädisponirt war, der vorhandene Stoff in einer verschwäckten und unkräftigen Erploston verpuffte, die gerade nur stark genug war, die Erfinder über ihr bisheriges Niveau zu erheben.
Diè erschreckten Bewohner des nur leicht erschütterten Staatsgebäudes merken bald, daß es den Erfindern der lenksamen Bewegung nur darum zu thun war, ganz wie die armen Teufel, welche durch einen blinden Schuß auf die Königin von England sich die Aufnahme in eine Versorgungsanstalt zu verschaffen suchen, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Man gibt und empfängt gegenseitig die besten Zusicherungen und verbündet sich zu einer Phantasmagorie, worin ganz die Sprache der Revolution, namentlich, weil dies verlangt wird, viel von Parlament, deutscher Einheit, Freiheit und Nationalität gesprochen, eine ganze Anzahl neuer Gesetze und vorzüglich eine Neichsver- fassung gemacht, und hat man erst, wie billig, für die Ausstattung des neuen Reichs mit dem einen unentbehrlichsten Möbel — einer Reichsarmee von 900,000 Mann — gesorgt, nun auch für Benutzung dieser Reichs-Truppen für Ruhe und Ordnung bedacht genommen wird. Nun nimmt leider das Geschäft der Ntthestiftung, d. h. der Contrerevolution, so sehr alle Kräfte in Anspruch, daß man keine Zeit hat, an die Vollendung des Neubaues zu denken, vielmehr die an- gefangene Abräumung des Neichsbauplatzes aufgeben muß, um bann geschwind den alten Zustand unter dem Namen von Belagerungszustand und Ausnahmegesetzen aller Art in weit verschleierter Gestalt wieder cinzn- führen.
Ehrliche Leute dagegen, welche in ihrer Herzens- cinfalt an die in der bündigsten und glaubhaftesten Form, d. h. in umständlich berathenen und feierlich verkündigten Gesetzen und Verfassungsurkunden gegebc- nenVersicherungen von der Eristen; undAnerkennung eines deutschen Reichs, als Märzerrungenschaft, ohne die weder Einheit und Nationalität, noch Nnhe und Ordnung für die Deutschen entstehen wird, geglaubt, welche die einstimmige Anerkennung der Reichsverfassung durch die Versammlung der Nassauischen Volksabgeordneten in der Sitzung vom 19. April 1. J. für eine Wahrheit, welche den ebenfalls nach einstimmigem Beschluß
Diplomaten - Turnier.
(Eine Ballade.)
Die Königin Viktoria im Buckinghampalaste XSin Fest gibt sie zu Ehren heut' dem Allerhöchsten Gaste, Besonders abgezirkelt ist der Cirkel und brillant, Und keiner darf erscheinen dort, denn mit dem.Hosenband.
Jetzt, sals die Zeit gekommen war, sich schier zu ennuyiren, Ein leises Gähnen in dem Saal und Räuspern zu verspüren, Erhub die kleine Königin sich mitten in dem Kreise Und redet die Gesellschaft an und sprach in dieser Weise:
„Auf daß mein Allerhöchster Gast sich Allerhöchst erfreu', So will ich arrangiren jetzt ein seltsamlich Turnei: Ihr Herren Diplomaten all' geht einen Wettkampf ein,' Der Platz vor meinem Throne hier soll eure Schranke sein.
„Und wer als Sieger kühn gestreckt die Andern in den Sand, Dem reich' ich diese Rose hier aus meiner kleinen Hand. Auf Palmerston von Engelland! du Trumpf der Diplomaten, Spiel' du die erste KarteZauS, und nenne deine Thaten."
Er sprach: „Ich bin ein Ritter werth! Gar männiglich bekannt Sind meine Hedenthaten wohl in ganz Europaland;
In Jrrland hab' ich mein Talent so deutlich dargelegt, Daß mich das Volk wohl fressen möcht, wie man zu sagen Pflegt.
„Als Sieger ging ich aus dem Kampf mit Guizot und Genossen,
In Spanien ist viel Heldenblut zu meinem Ruhm vergossen, Und Stammbul und Neapolis, iviabxib und Marathon Sie flehn und schreien allesammt: „Hilf, Ritter Palmerston!»
dieser Versammlung abgeleisteten Eid auf die Reichs- Verfassung für verpflichtend zu deren Festhaltung und Vollziehung angesehen und den feierlichen Aufforderungen der Nationalversammlung an das deutsche Volk vom 4. und vom 10. Mai zur thätigen Durchführung der endgültig beschlossenen Reichsverfassung mit Versprechen des Schutzes gegen jeden Zwang und jede Unterdrückung bei der Erfüllung dieser Pflicht, als der Stimme der legitimen Reichsgewalt Folge geleistet haben — diese ehrlichen Vaterlandsfreunde stellt man als Verbrecher vor Gericht. Man stellt sie vor Gericht und verhaftet sie sogar, selbst wenn sie nur das durch die Grundrechte garantirte Vereinsrecht geübt und das Volk von den Aussprüchen seiner freigewählten, von allen Fürsten anerkannten Reichsgewalt in Kenntniß gesetzt haben. Nicht schützt sie es, daß die Beschlüsse blos eine Einwirkung auf die Regierung durch die Versammlung der Abgeordneten, sowie durch eine mit de- und wehmüthiger Ansprache übergebene Petition bei dem Landesfürsteu bezwecken.
Man rechnet ihnen die heilsame Wirkung einer friedlichen Kundgebung der öffentlichen Meinung dieses Elementes der Reprasentativerfassung als ein Verbrechen an, statt dieselbe theils zur Stärkung der Regierung gegen Zunöthigungen übermächtiger Nachbarn zum Bruch der angenommenen Neichsverfassung, theils zur Bestimmung des Programmes eines in der Bildung begriffenen Ministeriums in der großen^ Krisis des Vaterlandes zu benutzen. Statt die Nachsicht des Volkes mit der schnellen Zurücknahme der Anerkennung der Neichsverfassung ruhig zu erwarten und einstweilen zu genießen, will man durch den unglücklichsten Mißgriff die, welche an gegebenes Wort geglaubt haben und, ohne eine Injurie gegen die Behörden zu begehen, nicht daran zweifeln durften, für ihr Glauben und Vertrauen, für ihren Gehorsam gegen die Neichsge- walt vor Gericht verantwortlich machen.
Gibt es denn nur dieses Mittel der Bedrohung der Ruhe und des Glücks der Vertrauensmänner, des Volks und der achtbarsten Familien, um eigenes Ein- lenken in Vergessenheit zu bringen? Glaubt man denn nur durch eine solche Nichtbeachtung der innigsten Gefühle des Volks seine Ergebenheit für den neuen Bund beweisen und sich als treuen Anhänger desselben legi- timiren zu können? Gewisse Leute wünschen aber, im Namen der Restauration, d. h. der Wiederherstellung des alten Zustandes, daß die Märzrevolution in der Person der Männer, welche sie für eine Wahrheit hielten und deren Früchte dem Volke auf gesetzlichem Wege sichern wollten, auf die Bank der Angeklagten gesetzt und durch die Geschwornen, also durch die Richter desselben Volks, welches die Revolution gemacht hat, ver- urtheilt und rückwärts vernichtet werde, daß das Volk I selbst, zur Sühne dafür, daß eS im Jahr 1848 an j deutsche Freiheit und Nationalität geglaubt und auf die Aufforderung seines Fürsten zu deren Verwirk- lichung Abgeordneten gewählt hat, burd) Aufopferung
„Doch weil dte vielen Kriege mich am Ende auch ermüden,
So schloß ich für Herrn Michel jüngst mit Dânnemark den
Frieden,
Davon ist jener so erfreut, daß er als Anerkennen Das erste Kriegsschiff, das er baut, „Lord Palmerston" will nennen." —
Und nach dem edlen Ritter trat Hr. Guizot in die Schranken: Ich will mich mit dem großen Lord nicht um den Kanipfpreis zanken;
Erkenn' als Meister jenen an, Ehre, dem sie gebührt, Ich hab' mein ganzes Leben nur ein Kunststuck auSgeführt.
„In meinem großen Fasse Wein von edlem JahreSgang Hielt ich das starke Gähren auf viel liebe Jahre lang; Die Gährung wâr' auch sicher noch bis diesen Tag gebannt, — Doch leider fuhr der Stöpsel fort mit mir nach Engelland."
Nach diesen beiden Kämpen trat heran zu Englands Thron Hr. Metternich von Oesterreich, der edle deutsche Sohn; So selbstgefällig trat er auf, so sicher in die Schranken, Man sah's ihm an, er feierte den Sieg schon in Gezanken.
Er sprach: „Ich will zuletzt das Wort nach Allen mir erbitten;
Die beiden Kämpen, die vor mir um ihren Ruhm gestritten, Sie strebten stets, ihr Vaterland vor andern groß zu machen, Die Narr'n! ein ächter Diplomat muß drüber herzlich lachen.
„Schaut hin! Wo ihr an Micheln seht die allergrößte Blöße, DaS ist mein herrlichster Triumph und meine größte Größe; Jug mich der Töpsel einst auch fort mit unverschämten Worten, Er baut auch wieder seiner Zeit mir neue Ehrenpforten.
der Männer seines Vertrauens, öffentlich Abbitte und Ehrenerklärung thun. Kann sich das Volk in seinen erwählten Richtern soweit entwürdigen, dann verdient es in der That jede Knechtschaft.
Der Zollverein ist bedroht.
Wenn es des Beweises bedürfe, daß wir um der Einheit willen ebensosehr der Reichskommission als dem Drei-Königsbunde entgegen sind, so würden wir sehr bald und sehr leicht in den Fall kommen, den Beweis zu führen.
Allein es kann dessen unsererseits kaum bedürfen, da der Beweis von Außen hergebracht wird.
Wir sagen, die Reichskommission ist die ausgesprochene Spaltung von Deutschland, und der Drei-Königsbund, weit entfernt, einen Anfang und Anknüpfungspunkt für deutsche Einheit, für einen deutschen Bundesstaat zu bieten, dient nur dazu, die Spaltung Deutschlands zu organisiren und zu konsolidiren.
Zum Beweise dessen berufen wir uns nicht allein auf Mittheilungen, wie sie z. B. der „Hamburger Correspondent" aus Berlin enthielt, daß der Drei- Königöbund faktisch aufgelöst sei, daß es nicht die Bildung eines engeren Bundesstaates, sondern nur einen engern Staate nb und gelte, gestützt auf Gründung eines gemeinschaftlichen Militärverhältnis- scs, auf die Vertretung der diplomatischen Geschäfte Preußens und seiner Verbündeten durch Preußen und auf gemeinschaftliche Handelsgefetzgebung, gleiches Wechselrecht, gleiche Münzen, Maße und Gewichte in Beziehung auf die Zölle und Steuern für die mit Preußen verbündeten Staaten.
Man möchte denken, eine solche militärische, diplomatische und koinmerzielle Einigung habe ihren Werth auch ohne die politische, ohne von einer gemeinsamen Volksvertretung getragen zu sein.
Allein eine kommerzielle Einigung innerhalb des engeren Staatenbundes — das ist die Sprengung und Auflösung des Zollvereins.
Und in der That wird von mehr als einer Seite her nicht allein der Austritt von Würtemberg und Baiern aus dem Zollverein besprochen; nein, die „Augsburger Allgemeine Zeitung" spricht die Erwartung aus, und bemerkt, daß gewichtvolle Stimmen aus Berlin dafür sprächen, daß eine natürliche Konsequenz des in dem Interim der neuen Reichskommission organi« steten Dualismus von Oesterreich und Preußen die Kündigung des Zollvereins von Preußen a n W ü r t e M b e r g und Baiern sein werd e.
Daß die diplomatischen Experimente mit der deutschen Verfassung zu einem Bruch des Zollvereins, zu einer Vernichtung der so wichtigen durch den Zollverein gelegten gemeinsamen ökonomischen und kommerziellen Grundlage von Nord- und Süddeutschland füh
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„Und ob er noch so souverän gethan und räsonniret, Ich hab' ihn an der Nase auch von hier aus stets geführet; Für alle Zeiten blind und stumm, für alle Zeit verdorben!
C’est la glorie, das ist der Ruhm, den ich mir hab' erworben."
SprachS, nnb die kleine Königin reicht ihm zur selben Stunde Den Siegespreis, die Rose, hin nnb spricht mit süßem Munde : i „Herr Metternich von Oesterreich! wohl habt Ihr die glorie, Ein gänzlich reducirtes Volk, — fürwahr, das ist das Wahre! ' (Aus der „Hornisse".)
Klage.
(Nach Schillers Kassandra.)
Freude war in Schönbrunns Hallen, Als das schöne Ungarn fiel, Der Kosaken Lieder schallen
In der Kaiserhymne Spiel. Deutschlands Hände ruh'n im Frieden, Alle Augen werden blind, Weil der Herr der Moskowiten Auf des Westens Herrschaft sinnt.
Alles ist der Freude offen, Bureaukraten sind beglückt,
Die Ultramontanen hoffen Und die Croupiers sind entzückt,