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Freiheit und ReeSt!"

Wiesbaden. Freitag, 26. Oktober

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*f* Die Widerkehr der christliche» Ro­mantik.

In der Sphäre der Politik bedeutet die Wiederkehr der christlichen Romantik nichts anders, als die Wie­derkehr des Absolutismus. Wir reden von einer Wiederkehr: aber ist denn je etwas anderes dage­wesen? Ach, es war nur eine allzukurze Episode, je­nes Erwachen des Volksgeistes, jene Zeit voll Gluth, Pracht, Leben, jener wonnige Traum von Freiheit und Glück der Nationen. Wir können hier zählen nach Monaten, während dort Jahrzehnte, Jahrhunderte vor­überschreiten , in denen die Menschheit sich unablässig in demselben Gleise bewegt, Jahrhunderte der Vor­bereitung. Schwerathmig, keuchend scheint die Mensch­heit sich vorwärts zu bewegen, langsam scheint der Gang der Entwicklung, während der toproffe dieses Zeitalters rasch auf dem geflügelten Dampswagen von einer Nation zur andern, von einer Weltstadt zur an­dern eilt, während die Presse in kurzen Momenten die Schicksale aller Staaten und Reiche, die Erfindungen aller Völker vor die Augen führt. Eine kurze Zeit des Kampfes, ein energisches, wildes Austoben der Gegensätze, wenige Zusammenstöße der feindlichen Heere: und der alte romantische Unfug breitet wieder seine Fittige aus über die schläfrig gewordene Erde, in den seltsamsten Uniformen, Kobolden gleich, die aus den Tiefen der Erde hervorgekommen, rauschen längst todt­geglaubte Gestalten an uns vorbei, und mitten in den Verkehr des neunzehnten Jahrhunderts, in das Treiben des Handels und das rastlose Arbeiten der Maschinen, in das Rollen der Dampfwägen und das Rufen und Schreien der modernen Menschen tönt das Schellen- geklirre mittelaltriger Betbrüder und das Getöse eines Zeitalters, das durch einen abenteuerlichen Lärm die Welt an sein Leben glauben machen, das durch Schmin­ken und einen ganzen Flitterstaat sein gespensterhaftes Todtenantlitz vor den Menschen verbergen will. Aber so abenteuerlich der Zweck, so gewöhnlich sind die Mit­tel: die Romantik weiß nicht anders zu regieren als mit Geld und Soldaten, mit Hochverrathsprozessen und Dienstentsetzungen, mit Erschießungen und Einkerkerun­gen. Nicht siehest du ziehen die gottgesalbten Könige nach den Ufern des Heiligen Flusses und nach den Mauern, die das heilige Grab umgeben, vergebens suchst du die Sänger, die da wandern mit der Harfe von Burg zu Burg, aber es ist auch eitle Mühe, die Menschen zu finden, die in langen Prozessionen zu den Hoffesten ziehen, und die da die Kniee beugen vor den Gesalbten des Herrn, vor den Purpur- und Meßge­wändern, und wenn du suchen gingest, wie Diogenes, bei hellem Tage mit einer Laterne.

Berlin ist, und war von je, der Sitz der Roman­tik. Von hier aus hielt die steinalte Schöne,das Mädchen aus der Fremde", ihren Umzug durch die übrigen kleineren deutschen Staaten. Seit lange ist

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Alexander v. Humboldt.

(Ans demAmphitheater".)

Welch ein Mann! ruft Goethe einmal auS, als Alexander v. Humboldt ihn besuchte. Ich weiß ihn keinem andern zu vergleichen: er ist einem immer frisch quellen­den Borne vergleichbar; er weiß alles und alles weiß er gründlich.

Der Dichter hat Recht. Alexander v. Humboldt, der eben bei voller Seelenkraft und bei rüstigem Körper sein achtzigstes Jahr vollendete, ist einer der größten und umfassendsten Geister aller Jahrhunderte und ohne Frage brr berühmteste Mann unserer Zeit. Mit vollem Fug hat man ihn den Napoleon der Natur­wissenschaften genannt, um anzudeuten, daß er unter uns übrigen Sterblichen ganz unvergleichbar da sicht.

â Es hat vielleicht wenig so durchaus glückliche Menschen gegeben, wie ihn. Die Natur stattete ihn mit gesundem Körper und riesenhaftem Geiste aus. Selten sivandelt ein Nordeuropäer ungestraft unter Palmen; auf Hum­boldt konnte weder die Hitze der Tropenländer, noch die eisige Kälte des Ural oder des Altai nachtheiligen Ein­fluß üben. Von früh an war er in unabhängiger gün­stiger Lage, und nichts hinderte ihn, sich ganz seinem Genius hinzugeben. Schon als Jüngling kam er in die Genossenschaft unserer besten Männer. Mit ruhiger

es das Ziel der Berliner Politik gewesen, den anderen deutschen Staaten, außer Oesterreich und etwa Baiern, die ihre vorzuschreiben. Manteuffel hat ein ganzes Heer kleiner Manteuffel allenthalben auf die Beine gebracht, und Gerlach-Eichhorn-Bodelschwingh, der eigentliche und unverfälschte Typus des christlich-germa­nischen Regimentes, steht vor der Thüre.

Mit ihrer Einsetzung ist die alte Zeit wieder voll­kommen zurückgezaubert, der Wagen wieder in sein al­tes Geleise gebracht, Und dies wird geschehen, sobald der Scheinkonstitutionalismus seine Rolle ausgcspielt hat, d. h. sobald man zu den Völkern sagen kann: unsere Versprechungen können wir wegen der und der Hindernisse nicht halten. Was fehlt dann noch zum Mittelalter?

Jede Wiederkehr in der Geschichte hat im Wesent­lichen den Charakter des Romantischen. Die noth­wendige Grundlage, die Meinung des Zeitalters fehlt, und der Schein tritt auf mit der Prätension, das Wesen zu sein, die Meinung der Welt für sich zu ha­ben. Die christliche Romantik aber hat noch eine ganz besondere Bedeutung. Das Christenthum hat gerade aus sich heraus, aus seinem Wesen, wie es die Mensch­heit beherrschte, die Romantik erzeugt: dem Uebersinn- lichen, Himmlischen zu Gefallen hat es die Erde, das Wirkliche, Menschliche negirt; das Ueberschwängliche, Transzedentale hatte die Gemüther erfaßt, und über dem jenseitigen Himmel die Noth dieser Erde ver­gessen lassen. Die Welt glaubte den Geistlichen, und darum beherrschten diese die Welt; die Volker glaubten an das Gottesgnadenthnm der Fürsten, und darum war der Absolutismus eine nothwendige, eine begründete Erscheinung. Mit der Forderung der Glaubensfreiheit schwindet die Nothwendigkeit des Glaubens überhaupt; und die daraus sich Bahn bre­chende Oberherrschaft der Vernunft weiß nichts von der Unbeschränktheit der Könige.

Den Compler von Umständen, durch welche es dem Absolutismus gelang, sich über der Asche der Re­volution emporzuschwingen, wollen wir hier außer Acht lassen. Jedenfalls zeigt es aber von einer ausschwei­fenden Energie, wenn eine verhältnißmäßig geringe Zahl von Menschen es mit Glück unternehmen kann, Gestorbenes wieder einzuführen, und den Moder des Mittelalters aus den Gräbern steigen zu lassen. Wir zweifeln uicht, daß sich das Volk aus dieser Energie der Absolutisten eine Lehre werde gezogen haben, die es auch wohl dereinst in den Fall kommen wird an- zuwenden. Für den aber, der diese Ereignisse nicht begreift, haben dieselben etwas so Beklemmendes, Nie­derbrückendes, daß er leicht geneigt ist, an der Zukunft zu verzweifeln, weil die Vergangenheit die Keckheit hatte, noch einmal auf die Bretter zu treten. Die Kritik hat schon seit Jahren die Romantik todtgeschla­gen, und dennoch wird sie jetzt wieder Oiml) die That­sachen Lügen gestraft. Aber die Kritik und das ist ihr Verdienst! hat das beklommene und geängstete

Klarheit des Verstandes verbindet er eine wunderbare Schärfe der Auffassung und den sichersten Blick; an Combinationsvermögen steht er fast unerreicht da, und neben einem riesenhaften Gedächtnisse, das eben so rasch als treu ist, und ihn niemals im Stiche ließ, ist sein ganzes Wesen von einer reichen politischen Ader durch­strömt, ihm ist eine so lebhafte Phantasie eigen, sein Geschmack ist so fein und so gewählt, daß er auch den an sich dürrsten Stoff in anziehender Weise zu behan­deln weiß. Die Geographen erkennen ihn allesammt als ihren Meister, die Geschichtsforscher gestehen mit Dank zu, daß ihre Wissenschaft ihm viel verdankt, und die Philologen haben von ihm Licht über so manches erhalten was ihnen bisher im Alterthum dunkel gewesen. Bei­nahe kein Gebiet der Wissenschaft ist ohne Bereicherung durch Humboldt geblieben , sogar die Kirchenväter hat er von ihrer ästhetischen Seite beleuchtet. Die Spanier sowohl wie wir Deutschen und Franzosen oder Engländer rechnen diesen wunderbaren Mann unter ihre klassischen Stylisten, denn neben dem cvrrecten Latein schreibt Humboldt and) das Spanische, Englische und Französische mit gleicher Gewandtheit, Meisterschaft und Kraft, wie die eigene Muttersprache. Als er vor dreißig Jahren in Paris öffentliche Vorträge hielt, gestanden die Franzosen willig zu, daß Achnliches in Correctheit Klarheit und Fülle ihnen von ihren eigenen großen Landsleuten selten geboten worden sei.

Wenn irgend einer, so ist Humboldt im buchstäb­

Bewußtsein befreit, und reine Bahn geschaffen für den Kampf.

Im Interesse einer raschen Entwickelung, einer schnellen Vollendung der Geschicke, werden wir ein Ministerium Gerlach-Eichhorn-Vodelschwingh mit Jubel begrüßen. Wir werden dann erleben, daß der sog. offene ungeschminkte Absolutismus noch weniger wäh­lerisch in seinen Mitteln sein wird, wie der Schein- konstttutionalismuö. Wir werden erleben, wie man mit dem Unglauben den Glauben, mit der Treulosig­keit die Treue beschwört, mit frecher Sophistik die öffentliche Meinung wegläugnet, um die Wahrheit des Mittelalters darzuthun, wie man mit den Waf­fen des neunzehnten Jahrhunderts das neunzehnte Jahrhundert aus dem Felde zu schlagen sucht, kurz wie der unmögliche Zweck zu unwahren, unlautern, die öffentliche Moral und das öffentliche Bewußtsein be­leidigenden, verhöhnenden Mitteln führen wird. Wir werden aber auch ferner erleben, wie im Gefolge jener kostspieligen Mittel der ökonomische Ruin, der Banke­rott des Staates, wie der Privaten eine vollendete . Thatsache werden wird. Unter solchen Bedingungen können die Parzen keinen langen Faden weben, und die Sterbeglocke _der Romantik, jener giftigen und ver­faulten Maitreffe, die mit allen Mitteln die Reize ihrer Jugend zurückzubannen sucht, die Sterbeglocke des, weil alten und erfahrnen, darum raffinirten Absolutismus wird und muß bald ertönen. In das Wimmern der Tobtenglocke aber wird der Freuden­sturm der erwachten Volker donnerähnlich hereinbrausen, die Fetzen des Mittelalters wird man Zusammentragen auf die Scheiterhaufen und den leckenden Flammen übergeben, und es wird die goldene Aera beginnen, wo das wirkliche Bewußtsein der Völker frei ans sich heraus die entsprechende Verwaltungsform ihrer In­teressen gebart, wo keinem Lügendämon der Ver­gangenheit die Gegenwart zu umnebeln gelingt, wo Schein und Wesen harmonisch übereinstimmen, jene golvne Aera, die mit flammender Schrift die Worte: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit auf ihrem Paniere trägt.

Deutschland.

^ Wiesbaden, 24. Okt. Wir können nicht unter­lassen, auf einige Uebelstände bei unserem Assisengericht hinzuweisen, die sich gestern und heute bei dem unge- Heuern Zudrange, der wegen des O pp erman n'schen Prozesses statt hatte, recht fühlbar machten. Vor Allem müssen wir fragen, warum nicht auch die zweite, über dem Sitze des Gerichtshofs befindliche GaUerie dem Publikum zugänglich gemacht worden ist. Es ließe sich doch wohl ohne sonderliche Schwierigkeiten eine Einrichtung treffen, wodurch dieser bedeutende Raum noch für die Zuhörer gewonnen würde. Eine weitere noch vielwichttgere Frage ist die, welche Gründe

licheu Sinne des Wortes ein Mann beider Welten; seine Heimath ist die ganze Erde, sein Wissen und Er­kennen umfaßt das Leben unseres ganzen Planeten in I allen Thätigkeiten und Beziehungen desselben.

Und dieser Mann hat, mit vollem Verständniß und dem klarsten Bewußtsein, eine Uebergangszeit durch- und mitgeliebt, wie die Welt sie, seit den ersten Jahrhun­derten des Christenthums und dem Eule des Mittel­alters, das mit der Eetdeckung eines Seeweges nach Ostindien und einer neuen Erdhälfte und mit der großen Kirchcntrcnnung zusammenfällt, niemals gesehen hat. In deinselben Jahre mit Napoleon geboren, hat er noch den großen Friedrich gekannt; seine Jugend fällt in die Zeit des nordamerikanischen Freiheitskampfes; er bewunderte den großen Washington; bas welterschitternde Drama der französischen Umwälzung mit seinen Blutströmen, krie­gerischen Thaten und seinen Giganten hat er nahe an sich vorübergehen lassen. Aber während das tausendjährige deutsche Reich in Trümmern zerfiel und deutsches Land eine Beute des gewaltigen Eroberers wurde, brrchwan- delte Humboldt die Tafelländer der Andes oder die Nie­derungen am Orenvco vbar Rio negro; er war nicht un­mittelbar Zeuge von den schmerzlichen Unfällen bei Ulm oder Jena.

(Fortsetzung folgt.)