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Wiesbaden. Donnerstag, 23. Oktober

1849

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A.S. Die Demokratie in der Sphäre des politischen, religiösen und sozialen Lebens.

Nicht mit Unrecht sagt Guizot, daß die Demo­kratie das Chaos bedeute. In der That, von den unbedeu­tendsten Forderungen der Volksfreiheit an bis hinauf zu denen der äußersten Linken des Sozialismus, von den unschuldigen Männern der linken Zentren bis zu Prondhon, Rollin und Cabet hört man die allervcrschiedcnartigsten Dinge und Ansichten unter dem Worte Demokratie zusammenfassen. Wiederum aber ist die Unterscheidung zwischen politischer und sozialer Demokratie so häufig, so alltäglich, daß es nicht un­zweckmäßig scheint, die Begriffe einmal gehörig zu zer- klüften. Wir werden damit sowohl dem Vorwurfe Guizots begegnen, wie auch jene gemachte Unterschei­dung zu würdigen lernen.

Die politische Demokratie ist die Selbst- regierung des Volkes. Die Frage, die hier in Betracht kommt, ist diejenige der Verfassungsform. Die Regierung ist also eine vom Volke gewählte. Sie hat keinen bestimmten Zweck, vielmehr hängt derselbe vom jedesmaligen Resultate der Wahlen ab. Sie geht aus den jeweiligen sozialen Verhältnissen, aus der Lage der Gesellschaft hervor. Ihr einziger Zweck, könnte man sagen, ist die Gewährung der größtmöglichen Freiheit für alle Staatsbürger. Aber ihr Ursprung beruht ja schon auf der freien Selbstbestimmung an und für sich, ' das, was, man bei dem Einzelnen die Wahlfrei hebt zu nennenpflegt. Die religiöse Demokratie ist dem Keime nach so alt, wie der Protestantismus. Wenn auch Luther dem Schweizer Zwingli gegenüber nichts von Gleichheit des Ansehens und der Besoldung, nichts von freier Wahl der Geistlichen wissen wollte, vielmehr das Episkopalsystem und die Ernennung der Geistlichen durch den Landesherr« verfocht, so war dies nur durch die damaligen religiösen Zustände in Deutsch­land, wie sie Luther mit seinen Augen ansah, bedingt. Im gewöhnlichen Leben, im Verkehr, in der Praxis, wußte der Protestantismus nichts von jenem überirdi­schen Christenthum, wie es seit vielen Jahrhunderten Deutschland beherrscht hatte. Die Moral war freige- gebcn, und der Zwiespalt zwischen ihr und dem Glau­ben führte bald von selber zur Leugnung des letzteren. Schon die Bauern des 16ten Jahrhunderts verfochten Luther gegenüber den Grundsatz der freien Wahl der Geistlichen, und legten damit die erste Arr an die Wurzel des Glaubens überhaupt. Der Protestantis­mus, hervorgegangen aus dem Prinzip der Glau­bensfreiheit, hatte zwar sofort eine krystallisirte Form angenommen, und sich in bestimmte Dogmen verrannt. Aber die ursprünglich bewegende treibende Kraft mußte sich bald wieder Luft machen, und ihre Waffen gegen den ungehorsamen Sohn wenden. Die Glaubensfrei­heit wirft die Glaubensnothwendigkeit überhaupt über Bord, und hat eben ihren rechtlichen Ausdruck in der

Selbstwahl der Geistlichen, die ja auch die Freiheit der Nichtwahl involvirt. In ihr konzentrirt sich die ganze religiöse Entwicklung seit Luther, sie ist eine Geburt des deutschen Bodens, und darum vorzugsweise vom deutschen Volke gesäugt, geschützt, ersehnt, erstritten. Die Glaubensfreiheit ist ein Sprosse der vielseitigen deutschen Eultur, die längst eine dem Glauben feind­liche Richtung eingeschlagen. Das tiefinnige, keine Schranken duldende Gemüth des deutschen Volkes, wie die stolze Höhe der deutschen Wissenschaft verschmähen jeden Glaubenszwang Und nirgends hat die religiöse Demokratie einen festeren Grund und Boden, nirgends wird die Trennung von Staat und Kirche und Kirche und Schule so sehr betont, wie in Deutschland.

Die soziale Demokratie endlich ist in Frank­reich zu Hause. Sinnlich, materialistisch, wie der Franzose ist, aber auch rasch, feurig im Angriffe, hat er sich mit aller Energie auf die Schäden des gesell­schaftlichen Lebens, auf den ungeheuren Unterschied in der Lebensweise der einzelnen Gesellschastsglieder ge­worfen. Aber die durch die erste Revolution errun­gene politische Demokratie hatte auch hier mit größe­rer Ecke die Vollendung der sozialen Gegensätze her- beigeführt. Die Junischlacht in Paris war der erste Akt von jenen großen Drama, das uns den Kampf der sozialen Gegensätze in Frankreich vor die Augen führen soll.

Das Recht auf Arbeit: das Recht auf Le­ben; das ist die große Forderung der sozialen Demo­kratie. Während in der Gesellschaft der freien Kon­kurrenz, in der vollendeten politischen Demokratie der eine Theil des Volkes seine Herrschaft über dem Elend des andern aufschlägt, will die soziale Demokratie je­nergesellschaftlichen Anarchie"; jenem ungeordneten und ungleichen Massenkampfe ein Ende machen, und die Produktion und Konsumtion also regeln, daß nicht mehr jeder Einzelne genöthigt ist, einen immerwähren­deil Krieg gegen alle klebrigen zu führen. Die sozi­ale Demokratie befaßt sich nicht blos mit abstrakten Rechten und Freiheiten, sie will die wahre, die volle Freiheit in Fleisch und Blut des Gesellschaftskörpers übertragen, sie will durch die Garantie der Existenz, durch die Solidarität Aller jene Rechte garantiren.

Einer gegen Alle!" Das ist die Losung der poli­tischen,Einer für Alle und Alle für Einen!" Das ist die Losung der sozialen Demokratie.

In letzter Instanz berühren sich die Spitzen. Die Demokratie will das Wohlsein Aller; aber letzte­res ist nur möglich, wenn cs in allen Sphären des gesellschaftlichen Lebens erstrebt wird. Das Tableau der politischen Begebenheiten ist an unsern Augen vorübergerollt: die re l i g i ö se n u n d s0z i a l en S ch ä- den werden die nächste Revolution gebären.

H Wiesbaden, 24. Okt. Soeben, Mittags 12 Uhr, wurden die wegen Aufreizung zu hochverrâtherischen Handlungen und Beleidigung auswärtiger Regenten vor dem hiesigen Assisenhof Angeklagten: Redakteur Oppermann und Buchhändlergehülfen Limbarth und Frauenholz von den Geschwornen einstimmig freigesprochen.

Aus Sachsen, 20. Oktober. (R. D. 3.) Die Volkspartei hat bei den Wahl ihren ersten großen Sieg erfochten' Oberlieutenant Müller, bei dem aufge­lösten Landtage Mitglied der entschiedenen Parthei, Freund und Gesinnungsgenoße Trützschlers, von den Junkern im Heere und den Aristokraten am Hof tief gehaßt und verfolgt, von den Soldaten, die mit ihm den Feldzug in Schleswig mitgemacht, angebetet, dieser Mann ist bereits zweimal gewählt und nicht nur im röthesten, im Kriegszustände befindlichen, Wahl­bezirke des Landes, im Werdau-Crimmitzschauer, son­dern auch in der Haupt- und Residenzstadt Dresden selbst, wo ihm die reaktionäre Partei einen Stabsoffi­zier von bekanntem und unter den Soldaten angesehe­nem Namen, den Obersten von Friederici, gegenüber stellten. Aber es half alles nichts, ob auch Hof unb Adel, ob auch Bureaukratie und Ofsizierkorps bei den von ihnen abhängigen oder ihrem Einfluß ausgesetzten Wählern alles aufboten, um ihren Kandidaten durch­zubringen. Die Bürger, das Volk, ja selbst die in Dresden liegenden Soldaten, welche Oberst Friederici befehligt, stimmten für den reinen und entschlossenen Demokraten, dem, wie bekannt vor sechs bis acht Mo­naten die Junker im Heere d. h. das ganze Offz'er- korps mit Ausnahme Weniger, wegen seiner demokra­tischen Gesinnungen ihre Mißachtung bezeugt hatten. Dieser große Sieg der Demokratie wird nicht ver­fehlen, auf die noch übrigen Wahlen seinen (H'nflnß zu äußern und die reaktionäre Partei zu lehren, daß alle die blutigen Gewaltstreiche und Rechtsverletzungen, die sie sich gegen die Volkspartei hat zu Schulden kom­men lassen, den Muth der letzteren und ihre Stand- , Hastigkeit nicht zu brechen vermocht haben. Auch Schaffrath, welcher vor acht oder vierzehn Tagen incognito sich hier aufgehalten haben soll, aber bereits wieder nach der Schweiz zurückgekehrt ist, ist zum Landtag und zwar von einem Bezirk gewählt worden, dessen Bevölkerung, wie man annahm, dem Einfluß des Hofes ausgesetzt war. Und trotzdem ging der Name aus der Wahlurne hervor, der in den Kreisen des Hofes und der hohen Bnreaukträtie 51t den miß­liebigsten gehört. Der Landtag ist auf den 30. Okto­ber cinberufen.

Leipzig, 20. Oktbr. (N. D. Z.) Die Wahlen zum Landtag sind für die Demokratie insofern gün­stig aüSgefaUen, daß sich iin Wesentlichen blos zwei Parteien schroff gegenüberstehen werden, und die blasse

Der unschuldige Galeerensclave.

(Aus derAllgemeine Moden-Zeilung".)

(Fortsetzung und Schluß.)

Ihre Gegenwart würde sie umbringen " antwortete der Arzt;so lange ich ihr Arzt bin, werde ich mich einer zwecklosen Zusammenkunft wiedersetzen, deren Re- sultac nur beklagcnswcAh sein kann. Bei dem schreck­lichen Zustande, in welchem sie sich befindet, wird die geringste Steigerung der Aufregung töbtlich sein. In des Himmels Namen schonen Sie also die Arme! Genügt Ihnen bas Blut Arthurs nicht? Verlangen Sie auch noch bas Leben dieser unglücklichen Frau?"

Der Alte ließ das Haupt traurig sinken und ant­wortete lange nicht. Endlich richtete er auf Mallet einen Blick voll tiefer Verzweiflung und sagte mit bebender Stimme:

Wenn ich sie dadurch retten könnte, daß ich selber stürbe, so wollte ich, mein Tod käme heute. Was soll ich in der Welt, ein elender Greis, der Gegenstand des Abscheus, ohne Familie, ohne Freunde und ohne Kinder? Sie war alles für mich, meine Freude, mein Glück nub mein Schatz. Ach, warum war Sie nicht meine Tochter! Vielleicht hätte sie mich dann geliebt!"

Was nützt das Jammern und Bedauern, wenn das Uebel nicht abzuwenven ist?"

Nicht abzuwenden ist! Ich kenne ein Mittel, aber es gehört dazu neue Kraft, die ich nicht mehr be­sitze, denn das Alter schwächt den Geist, wie den Körper und läßt nur die Kraft zu leiden zurück. Wollen Sie mir glauben, Doktor? Ich bin nie feig gewesen, aber ich wage nicht, mich selbst zu todten. Glauben Sie nicht, baß die Religion mich von einem Selbstmorde zurückhält, es ist die Furcht. Ich wünsche wohl, meinem Leben ein Ende zu machen, aber ich habe den Muth nicht dazu. Er hatte ihn. Er war jung und geliebt und konnte sterben; ich aber, so nahe am Grabe, wage nicht, in dasselbe hiuabzusteigen. Schwäche und Feigheit sind also die letzten 'Begleiterinnen der Menschheit!"

Gorsaz schien die Gegenwart des Arztes ganz zu vergessen und kehrte langsam in fein Zimmer zurück, wo er den ganzen Abend , den Kopf auf die Brust gesenkt, mit stieren Angen, bewegungslos in seinem Sessel saß, und tropfenwcis die endlose Traurigkeit schmeckte, die seit mehrer» Monaten sein Herz erfüllte. Als um elf Uhr sein Diener eintrat, stand er auf und ließ sich aus- kleidcu; dann nahm er einen Schlaftrunk, an welchen er sich seit einiger Zeit gewöhnt hatte, und legte sich nieder.

Im ganzen Hause herrschte die tiefste Stille; die Dienerschaft war längst zur Ruhe. Der todähnliche Schlummer Luciens dauerte noch immer fort und die Wärterin war trotz dem Vorfälle in der vergangenen Nacht auf ihrem Stuhle eingcnickt. Alich Gorsaz hatte endlich den Schlaf gefunden. Plötzlich wurde er aber durch ein Geräusch am Fenster geweckt. Er schlug die Augen auf und sah mit Staunen und Schrecken zugleich einen breiten Schein, den der Mond durch die Jalousie auf den Teppich hereinwarf. Dieser Schein wurde jedoch sogleich durch den Körper eines Menschen verdun­kelt, ver schnell und leise, wie ein Tieger, auf das Bett zu schritt. Gorsaz versuchte sich aufzurichteu, aber ehe er rufen oder die Küugclschnur ziehen konnte, wurde er von dem Bösewicht ergriffen, der ihn mit einer Hand an der Kehle packte und in die andere ein langes Messer nahm, das er zwischen den Zähnen gehalten hatte.

Gnade... Bonnemain!" murmelte der Alte, der im Monden lichte den Mörder erkannt hatte.

Kein Wort oder ich stoße zu," antwortete der Mörder mit leiser Stimme.Stehen Sie auf, öffnen Sie den Sceretair und geben Sie mir das Geld. Wenn Sie still sind, werde ich Ihnen nichts zn Leide thun; versuchen Sie aber auch nur ein einziges Wort zu sprechen, so schneide ich Ihnen die Gurgel durch wie einem Kapaun. Verstanden?"

Gorsaz machte ein bejahendes Zeichen, richtete sich