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der Geistlichen ist die Formel, vermittelst welcher das gänzlich veränderte religiöse Bedürfniß, der ärmer ge­wordene Glauben nnd die reicher gewordene Liebe, sich Bahn zu brechen sucht. Es ist nur ein kleiner Schritt zur Losreißung vom Kirchenverbande, wenn die Durch­führung dieses Grundsatzes lange auf sich warten läßt.

Zugleich aber verschwistert sich in der freien Ge­meinde das religiöse Bedürfniß mit dem sozialen. Die Ideen, welche die soziale Bewegung ans ihrem Schooße gebar, werden hier zu Dogmen firirt, und durch den Kultus in immerwährende Erinnerung ge­bracht. ^Das religiöse Bedürfniß ist zugleich das so­ziale Bedürfniß und umgekehrt. Das religiöse Gemüth ergreift aber die sozialen Ideen mit aller ihm eigen­thümlichen Innigkeit und Gluth, Und ein Tag wird dereinst Zeugniß ablegen über die Energie, mit wel­cher sich der zum Glauben festgebannte Inhalt der so­zialen Bewegung Bahn brechen wird.

Möchte doch das Volk überall recht verstanden wer­den, möchte man allenthalben bemüht sein, ihm eine bessere Speise darzureichen, als das mitunter langwei­lige Salbader der Politik, möchte man eindringen in den Kern seines Seins, und, wo in den Schwurgerich­ten ein Damm gegen die heimliche und abhängige Justiz, in der Gemeinde- und Kreisordnung gegen die Bürokratie gebaut ist, unablässig die Pfeile abdrücken gegen die Feinde der religiösen und^sozialen Entwick­lung.

Deutsch!« nD.

~= Wiesbaden, 20. Okt. In Bezug auf die dem­nächst vor den hiesigen Afsisen zur jVerhandlung kom­menden politischen Vergehen, wird zur Berichtigung der in dem heutigen Batte enthaltenen Angaben be- nrerkt, daß die Verhandlung gegen Seel und Fill- bach wegen Majestätsbeleidigung, nicht am 22. d. M. stattfinden wird. Dieselbe ist ans unbekannten Gründen auf Montag, den 29. d. M. vertagt wor­den. Die ersten wegen politischen Vergehen Angeklag­ten find demnach: Oppermann, Limbarth und Frauenholz, wegen öffentlicher .Aufforderung zu hochverrätherischen Handlungen und Beleidigung eines auswärtigen Regenten. Sie werden am 23. d.^M. vor den Assisen erscheinen.

Hadamar, 18. Oktober. In diesen Blättern ist schon einmal unserer mitternächtlichen Polizeistunde, zur Zeit ihrer Entstehung, Erwähnung geschehen. Diese unglückliche Geburt, ein Zwitter des alten Zopfthums und des modernen Selfgouvernements, welche sich nur unter argen Wehen dem Schooße des hiesigen Ge­meinderathes entwinden konnte, ist der Gegenstand allgemeiner Unterhaltung dahier geworden.

Von Seiten des Kreisamtes, beziehungsweise Kreis­bezirkrathes, ist nämlich durch das Kreisblatt das Ge­bot erlassen worden, daß in allen Orten des Kreises Hadamar, wo die sogenannte Polizeistunde nicht auf eine frühere Stunde, durch die Gemeinde-Verwal­tung selbst, festgesetzt sei, dieselbe um 10 Uhr Abends eintreten solle. Da, wie in dem Aktenstück bemerkt wird, die Herzog!. Justizämter Anstand genommen hät­ten, gewisse, zur Handhabung der nächtlichen Ordnung und Ruhe bestimmte Bedienstete wegen Vernachläs­sigung ihres Dienstes zn bestrafen, so werden zugleich für diese Beamten und die in deren zweckmäßiger Anstel­lung säumigen Gemeinderäthe und Bürgermeister, so­wie die Wirthe, welche die Polizeistunde nicht respek- tiren, Strafen im Verwaltungswege bis zn 5 fl an­gedroht.

Ans' unsere guten, der liebevollen Fürsorge einer väterlichen Polizeiverwaltung schon halb entwachsenen Hadamarer, wirkte die erste Nachricht des in Rede stehenden, noch dazu wie wir hören, von dem Kreis­bezirksrath einstimmig gefaßten Beschlusses, wie ein betäubender Donnerschlag. Von seinem Schrecken er­

holten sich dieselben erst dann wieder, als sie sahen, daß man seinen Schoppen in aller lieb gewordenen Gemüthlichkeit und Ruhe ungestört, wie früher, täglich forttrinken konnte. Der Gemeinberath nämlich, vie Nothwendigkeit dieses Beschlusses nicht erkennend und ihn vielmehr als einen Eingriff in die Gemeinderechte, hinsichtlich der Ausübung der Ortspolizei betrachtend, beliebte bis jetzt nicht, demselben Folge zu geben, und so lebte denn Alles bald wieder der frohen Zuversicht, daß es halt hierin beim Alten sein Bewenden haben werde. Man glaubt dabei gerne, daß schließlich das Kreisamt selbst von der strengen Durchführung seiner Polizeistunde abstrahiren wird. Denn bei dem be­kannten, dem Bezirksrathe innewohnenden großen frci- Heits- und rechtsfreundlichen Bewußtsein, fällt "Nieman­den der Gedanke ein, derselbe habe sich zu einem Ver­suche hergegeben, die Rechte der Gemeinden, absichtlich unter dein Titel Oberaufsicht des Staates, zu schmälern. Im Gegentheil gibt sich Jedermann Mühe für ihn und seinen Beschluß Entschulbigungs- gründe aufzufinden.

Am liebsten beargwohnt man einen schädlichen Ein­fluß von Seiten des Sitzungslokals, dem früheren Sitze der, durch eine unerbittliche Disziplin und Ord­nungs-Despotie ausgezeichneten Jünger Loyala's. Glei­cherweise hätte man darin alsdann auch einen Ertlä- rnngsgrund über die allzu strengen Tagesbefehle für die hiesigen Gymnasiasten, worüber ja schon häufig. in derFreien Zeitung" Klage geführt wurde.

Die Richtigkeit oder Unrichtigkeit dieser Ansicht muß sich bei dem bald zu erwartenden Ueberzuge der Kreisverwaltung in ein anderes Lokal, woran sich die nenereArchitektur mit so großem Glücke versucht hat, jedenfalls ergeben. Vorläufig aber wird es wenigstens gestattet sein, zu hoffen, daß als­dann , wenn die nähere Luft der Justiz die Seele der Verwaltung durchdringt, beide Gewalten in harmoni­schem Zusammenwirken in einander aufgehen werden, zum Schutze für Freiheit, Recht und Ordnung.

- Mainz, 19. Okt. (Mz. Z.) Heute erließ die Strafsektion des hiesigen Kreisgerichts ,ihr Urtheil in der Sache gegen die Mitglieder der Kommission lind das Bureau der Wahlmänner des Abgeordneten zur deutschen Nationalversammlung, die beschuldigt waren, durch Einleitung und Vornahme dieser Wahl in rechts­widriger Absicht sich der Ausübung eines ihnen nicht übertragenen öffentlichen Amtes oder einer ihnen nicht zustehenden öffentlichen Berechtigung an ge­maßt zu haben. Die Mitglieder der Kommission, die Bürger Christ. L o t h a r y, Fr. Müller, Christ. Scholz, Dr. Strecker und Fr. Werner, wurden der Zuwiderhandlung gegen den Art. I94 des du T h i l'schen Strafkoder schuldig erkannt und zu einer Geldbuße von 8 fl. und den Kosten verurtheilt. Die 4 Mitglieder des Wahlbureau dagegen wurden freige­sprochen.

Frankfurt, 17. Oktober. Gestern Abend sind die nassauischen Truppen, welche seither noch im Großher- zogthum Baden gelegen hatten, hier durchmarschirt. Sie befinden fich auf dem Wege in die Heimath.

Saarlouis, 14. Oktober. (S.- u. M -Z.) Beim Festungsmanöver, zu welchem am Mittwoch das 35. 1 Infanterieregiment ausgerückt war, traf den Premier- Lieutenant v. Bibra ein Schuß, welcher, da kein Arzt gegenwärtig war, eine Verblutung und demnach den Tod zur Folge hatte.

Bruchsal, (Aus einem Schreiben über Corvin ' in der N. Leip;. Ztg.) Schon um halb fünf Uhr früh muß der Gefangene aufstehen; sein elendes Bett, eine Matratze mit Seegras, wird dann an die Wand gezogen, so daß er sich während des Tages nicht da­rauf legen kann; er mnß an seinem Tisch sitzen, der nebst dem Stuhle mit einer Kette an den Boden be­festigt ist, so daß er nicht von der Stelle kann; er muß überdies mit dein Gesicht stets nach der Thüre

sitzen, denn in derselben ist ein Loch, durch welches I der Gefangene beständig beobachtet wird, ohne daß er es bemerken kann. Des Morgens darf der Gefangene sich eine Arbeit wählen, Nachmittags muß er für die An- i statt arbeiten. Nie darf er seine Zelle verlassen, ohne ; eine Mütze aufzusetzen, welche bis zur Nasenspitze sein ; Gesicht bedeckt und in welcher Oeffnungen für die An- I gen ausgeschnitten sind. Die Kost ist Gefängniß- : kost damit ist genug gesagt. Jeden Tag muß der I Gefangene sein Morgen- und Abendgebet halblaut spre- i chen und alle Tage erhält er zweimal einen Besuch von einem Geistlichen und einer Civilcommission. . . Nur alle Monate einmal darf er an einem bestimmten ^nge und in Beisein eines Aufsehers seine Freunde sehen. . . Ich hatte ihm Bücher, Papier und Anderes mitgebracht, aber er durfte von dem Allen nichts an- nehmen, denn Alles muß erst durch die Hände des Geistlichen gehen, wie die Briefe von ihm und an ihn erst gelesen werden. Ihr solltet ihn sehen, den Armen, wie ich ihn gesehen habe, wie bleich, wie entsetzlich elend er aussieht. Seine Lippen sind falt, seine Hände sind kalt und feucht. So schnell ist die moralische Kraft wie die Gesundheit eines Menschen gebrochen. . . Seine Stimme war so weich und leise, daß ich ihn kaum verstehen konnte. . .

Eutin, 12. Okt. (L. Z.) Heute wurden unsere Abgeordneten zur Oldenburger Ständeversammlung^ge- wählt. Die früheren Abgeordneten, Lindemann, Advokat Völckers und Amtsauditor Tappenbeck, die sämmtlich gegen den Anschluß an das Dreikönigs- bündniß gestimmt hatten, sind alle wieder gewählt. Das Ergebniß dieser Wahl haben wir lediglich den ländlichen Wahlmännern zu verdanken, indem die städ­tischen Vorwahlen überwiegend im gemäßigtem Sinne ausgefallen waren. Auch in Jever sind Gegner des Anschlusses, Böckel und Mölling, Mitglied des Stuttgarter Rumpfparlaments, gewählt worden.

DieHann. Ztg." bringt heute einen leitenden Artikel unter der Ueberschrift: Was will (Hannover und was^kann Hannover? Derselbe spricht sich ent­schiedener als je gegen den Dreikönigsvertrag aus.

Dresden, 16. Okt. Heute ist die Suspension deS Professors Wigard erfolgt und die^ Criminalunter- suchung gegen ihn eingeleitet worden.

Aus Mecklenburg, 16. Okt. Soeben verbreitet sich selbst in besseren Kreisen das Gerücht, daß der VerwaltungSrath in Berlin ein Inhibitorium gegen unsere erst vor einigen Tagen (am 11. d. M.) pub- licirte Verfassung erlassen habe. Ehe ich noch im Stande bin, mir ein Urtheil über die Glaubwürdig­keit dieser Nachricht zu bilden, finde ich in der eben erscheinenden Hummer desNorddeutschen Correspon- dentcn" dieselbe Nachricht, durch seinen Berliner Be­richterstatter gesandt, der sie aus der ersten Kammer gehört haben will! Unmöglich ist diese Nachricht nicht, wenn man alle Umstände und Widerstände combinirt, die sich unserer Verfassung entgegenstemmten; nur eins fällt mir daran auf, daß bis jetzt noch nichts verlau­tet war, ob diese Sache überhaupt schon vor den Ver­waltungsrath gebracht worden. Dies macht mir die obige Nachricht noch unglaublich. Da sich Mecklen­burg dem Dreikönigsbündniß angeschloffen, und also auch seinen Bevollmächtigten im Verwaltungsrathe hat, so wäre sicher schon früher hierüber etwas zu uns ge­drungen. Ich selbst kann daher diese Mittheilung als die eines beängstigenden Gerüchtes machen, das, so­bald es ins Publikum dringt, nicht verfehlen wird, die Gemüther zu befangen. In unserem gegenwärtigen Verfaffungsjubel ist das jedenfalls ein höchst unerwar­teter Schreckschuß.

Die Berliner Constitutionelle Zeitung, welche außer den Zeitungsnachrichten auch noch Briefe aus Meck­lenburg über das oben erwähnte Gerücht erhalten ha­ben will, hält dasselbe jedoch für durchaus unwahr­scheinlich. Die Gründe, welche sie der Wahrheit jenes Angaben entgegenhält, sind um so bemerkenswerther,

ob ich wahnsinnig bin, ob ich nicht Ihre Frage» ver­stehe, ob ich nicht ganz verständig antworte. Wahu- sinnig! Vielleicht werde ich es bald, aber in diesem Augenblicke bin ich noch vollkommen verständig und weiß, was ich thue und sage."

Beruhigen Sie sich, Madame, ich werde Ihnen Frage» verlegen," sagte der Präsident.

Derr Präsident, ich widersetze mich diesem Verhöre," fiel Gorsaz ein,ich werde beweisen, daß seit einiger Zeit der Verstand der Unglücklichen gelitten hat. Mallet, ihr Arzt und einer der Zengen wird die Wahrheit bestätigen."

Herr Mallet, treten Sic näher," sagte der Prä- sindent,und überzeugen Sie sich selbst, ob Madame ein Verhör bestehen kann."

Lucie lächelte den Arzt an, der die Stufen der Er­höhung Hinaufstieg und reichte ihm von Vertrauen die Hand. Der Arzt, der ein Geheimniß errathen hatte, würde eher Arthur Haden verurteilen lassen, als eine Frau zu verderben, die er seit langer Zeit wahrhaft väterlich liebte! aber er wollte sie nicht gegen ihren Willen Letten.

Es handelt sich um ein Menschenleben," dachte er;liebt sie ihn so sehr, daß sie ihm ihre Ehre opfert, so habe ich kein Recht, sie daran zu hindern."

Madame Gorsaz hat / sagte er,seit zwei

Monaten ein heftiges Fieber und es ist dies ihr ge­wöhnlicher Zustand. Sie ist dabei höchst reizbar, aber keineswegs wahnsinnig. Mab. Gorsaz besitzt, wie sie eben selbst versicherte, ihren vollkommen ungetrübten Verstand und ich bin überzeugt, daß sie die ihr vvrzn- lcgtiidcn Fragen vollkommen verstehe» wird."

Die Versammlung freute sich über diese Erklärung des Arztes. Gorsaz aber wollte die Stufen zur Er­höhung hmanfsteigen, um seine Frau mit Gewalt weg- zureißen; die Gensdarmen traten ihm jedoch entgegen und er sank auf seine Bank zurück, wo er das Gesicht mit den Händen bedeckte. Arthur, von dem Lucie ihre Augen nicht abwendete, bat sie durch einen Blick, eine Liebe, deren Gestäudinß sie entehren müsse, nicht noch deutlicher zu verrathen- Als Antwort auf diese stumme Bitte erhielt er eine leidenschaftliche Geberde, welche den unerschütterlichen Entschluß anssprach, ihn zu retten ober mit ihm unterzugehen.

Unterdeß war eine lebhafte Erörterung unter den Richtern entstanden, bereu Scharfsinn diesen romanhaften Zwischenfall nicht vorgesehen hatte. Im Interesse der öffentlichen Moral wollte der Präsident das Verhör der Mab. Gorsaz unterdrücken.welche über den Mord­versuch selbst keine neue Ansklärung geben konnte; er wußte seine Kollegen für seine Ansicht zn gewinnen, aber der General-Advokat, dessen Zustimmung nothwendig dazu gehörte, war nicht der Mann, der eine so schöne

Gelegenheit entgehen ließ, vielleicht noch einen Ehebruchs- prozeß dazn zu bekommen. Der Ankläger in rothem Gewände entgegnete also, als ihn der Präsident fragte, Madame Gorsaz müßte durchaus ihre Aussage thun.

Lucie stand unterdeß unbeweglich da und stierte Arthur an, als könne sie sich nach einer zweimonatlichen Tren­nung an ihm nicht sattsehen. Der Stolz ihrer Hal­tung in einem (solchen Augenblicke jwürde das Zeichen einer männlichen oder vielmehr übermenschlichen Energie gewesen sein, hätte sie nicht eines fast unbemerklichen Zitterns wegen die Hand auf den Stuhl stützen müssen, den man ihr gebracht hatte; dieses Zittern verrieth das schwache Rohr, das unter dem ersten Sturmwinde znsammenknickcn mußte.

Die junge Frau antwortete ganz verständig, man hätte fast sagen können, ruhig auf die gewöhnlichen Fragen, die der Präsident ihr vorlegte. Als er sie aufforderte, den Geschwornen das zu sagen, was sie vielleicht über den Mordversuch wisse, der an ihrem ' Gatten begangen worden sei, sammelte sie sich einen Augenblick, nicht daß eine gewöhnliche Schüchtern­heit den Entschluß dieses heroischen Herztns erschüttert hatte, nein, sondern um in diesem entscheidenden Augenblicke alle ihre Kräfte zusammenzuraffen.

(Fortsetzung folgt.)