Freiheit und Neeht!^
Wiesbaden. Sonntag, 21. Oktober
IMS
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D. T. CiNlHe Neurerkttngelr über die ersten Asstsenverhandlttugeu zu Wiesbaden.
(Schluß.):
ffDie Geschwornen haben — zur Zeit, da ich dieses schreibe — über vier Verbrechen geurtheilt und ihre Aussprüche sind gewiß im Allgemeinen den Verbrechen, wie sie sich durch Anklage, Zeugen und Vertheidigung zuletzt heransgestellt haben, vollkommen angemessen. Wohl mochten Manche, und namentlich Juristen, im ersten Falle ein schärferes Urtheil erwartet haben; allein wer den Verhandlungen aufmerksam gefolgt ist, wird den Ausspruch der Geschwornen billigen müssen. Zugleich läßt sich nicht verkennen, daß Die meisterhafte Vertheidigung durch den Prokurator Dr. @ r o fj in a n n nicht wenig dazu brigetragen hat, daß sich die Angeklagten von der absichtliche n Tödtung freigesprochen sahen.
In Betreff des Mordversuchs auf den Frühmesser Schraub dagegen, erwarteten Viele ein gelinderes Urtheil, indem sie das Ganze nur als einen Erceß zu betrachten geneigt waren; aber auch hierin stimmen gewiß alle vorurteilsfreien Beurtheilet' mit unsern Geschwornen überein, obgleich, wenn man von der Sache abseheu könnte, den durchdachten und klaren Vertheidigungen der Prokuratoren Arnoldi und Dr. Geiger ein günstigerer Erfolg zu wünschen gewesen wäre. Prokurator Lang hatte das Glück, seinen Klienten freigesprochen zu sehen. Wenn das nun auch wohl einem weniger geschickten Advokaten, der vorhandenen Sachlage wegen, hätte gelingen können, so hat doch seine Vertheidigung allgemeine Anerkennung
fleißigen, daß zweitens die Behörden in Kriminalfällen , nie unterlassen sollten, solche Gutachten durch andere I Aerzte nochmals begutachten zu lassen, und daß drittens den Geschwornen immer einiges Mißtrauen gegen die sogenannten Obduktionsberichte zu empfehlen sein dürfte. Denn, welche Ansicht sollen sich die Geschwornen bilden, wenn der Eine, wie in dem vorliegenden Falle geschehen ist, sagt: „die tödtliche Wunde kann nur durch das eine bezeichnete von zwei vorliegenden Instrumenten hervorgebracht worden sein", während der Andere behauptet: „die Möglichkeit ist nicht zu bestreiten, daß die Wunde sowohl durch das eine, als das andere der beiden Instrumente entstanden sein könne". Die beiden zugezogenen Aerzte, Dr. Vogler und Dr. Müller, haben in diesem Falle bewiesen, daß sie ihren verbreiteten Ruf verdienen, und daß sie auch im Stande sind, in einer so wichtigen Sache, wo es sich um das Leben in es Menschen handelt, frei von Pedanterie ein vernünftiges und gemeinverständli-
gefunden.
Der dritte Fall, die Tödtuug einer Frau betreffend, bietet in Betreff der ärztlichen Gutachten der Beobachtung ein höchst bedeutendes Moment dar. Man hat hier gesehen, welche außerordentliche Vorsicht in Betreff solcher Gutachten den Geschwornen anzurathen ist, indem solche Berichte einerseits für die Feststellung des Thatbestandes von großem, oft entscheidendem Einfluß rein können, anderseits ,aber häufig an großen Mängeln leiden und auf reine Theorien gegründet sind, wodurch ihnen aller Werth benommen und zu den unrichtigsten Urtheilen Veranlassung gegeben wird.
Hatte ja doch sogar noch im zweiten Zehent dieses Jahrhunderts ein gewisser Dr. Servais zu Köln „das Mißgeschick, ein Mädchen in Anklagestand zu versetzen, weil er Rechte, Die ein Schwein an zu sprechen hatte, schlechterdings für Indizien eines Kindermords angab, und auch dann noch nicht von seiner Behauptung abging, als ein Professor der Entbindungskunst, ein Kreisphysikus, ein Thierarzt und ein Schwein- schlächter erklärten, daß das Gefundene von einem Schwein sei."
Hieraus folgt, daß erstens die Aerzte in ihren Gutachten sich Der größten Sorgfalt und Umsicht be-
Die religiösen und socialen Fragen.
O Diez, im Oktober. Oede und leer ist jetzt das Feld der Politik. Unaussprechlich langweilig sind die diplomatischen Verhandlungen zwischen Oesterreich und Preußen und dem ganzen Schweif von Kleinstaaten, die sich daran reihen. Die Frage, ob Dreikönigsver- fassung oder Bundesstaat, interessirt höchstens noch das Hauflein der getreuen Konstitutionellen, die eine Hoff- nung nach der andern 'zerschellen sahen: erst die Reichs- verfaßung durch daS wilde Geberden der Demokratie, dann Die Dreikönigsverfassung durch den Sieg Oesterreichs über die Insurrektion in Ungarn. Nur die Verhandlungen über das Loos der Flüchtlinge in Wid- din halten noch die Gemüther in Spannung, und verleiten hier und da zu der erzentrischen Hoffnung eines Krieges zwischen den Großmächten. Im klebrigen ist das Volk der Politik herzlich müde; eS bekümmert sich nicht um das Treiben der Kabinette, der Kammern; es ist scheinbar der Bewegung ganz überdrüßig und zieht sich zurück in das Schneckengehause des eignen Innern: aber einst uhud es auch mit manchen ande- ren Forderungen hervorrücken, als mit den bekannten politischen Freiheiten.
Unter allen Episoden der jüngsten großen Europäischen Umwälzung war keine vottsthümlicher, keine mehr von den glühendsten Wünschen der Nationen getragen, als das revolutionäre Drama in Ungarn oder vielmehr in Oesterreich: vom Falle Wiens bis auf die Unterwerfung Görgeys. Mit dem letzten Akte dieses Drama's hat das Volk der Politik Valet gesagt. Desto intensiver aber wendet es jetzt seine Aufmerksamkeit den religiösen und sozialen Schäden zu. Hier gilt cs jetzt, das Feld zu bebauen, den Boden zu lockern und aufzuwühlen; hierhin gilt es, alle Energie zu kon- zentriren, denn gerade von hier wird die nächste Er- plosion erfolgen. Auf dem Wege der Empirie macht sich jetzt die Nothwendigkeit der Demokratie geltend: an dem zunehmenden Elend werden alle Henlereien des Spießbürgers über Communismus zerschellen , wird dem Geldbürger ein hundertköpfiger Feind erwachsen, wird der Pfaffe merken, wie wenig stichhaltig seine himmlischen Trostesworte sind, wie kein Mensch mehr seine „Wechsel auf Die Sterne" aeceptir n will. Hier ist der Ort, den politischen Gauklern ein hic Rhodus hic salta zuzurnfen.
Die religiöse Entwicklung schreitet rasch vorwärts. Der Kampf der Gemeinde Langenbach wiederholt sich allenthalben, wenn auch nicht mit der Zähigkeit und der Einheit der Interessenten. Daß die Gemeinde in Langenbach ihren von der geistlichen Oberbehörde verfolgten Prediger um jeden Preis festhalten will, während man z. B. hier umgekehrt einen bei der gekstli- chen Oberbehörde in besonderer Gunst stehenden Prediger um jeden Preis aus den Mauern haben möchte, ist im Wesentlichen kein Unterschied. Die freie Wahl
cheS Zeugniß abzulegcu.
Im vierten Falle, welchen die Geschwornen abge- urtheilt haben, lautete die Anklage aufEidesverletzung und versuchten Betrug. Der Angeklagte wurde zu %* jähriger Correktionshausstrafe, Die Mitaugeschuldigte aber, welche blos des lc^tern Vergehens verdächtig war, freigesprochen. Auch in diesem Falle zeichnete sich Prokurator Lang durch seine geschickte und umsichtige Vertheidigung aus. Die Verhandlungen waren äußerst interessant und dauerten bis tief in dieNacht.
Hier war außerdem die Abhörung der Zeugen ganz besonders geeignet, den Werth der öffentlichen Verhandlungen zu bethätigen. Wenn bei Der Frage des Vertheidigers, ob bei Aufnahme des Invantars Der Angeschuidigte betrunken gewesen sei, Zeuge zugeben mußte, daß überhaupt bei dieser Amtshandlung getrunken worden war, so lege ich darauf kein besonderes Gewicht, um so weniger, da nur Bier getrunken worden, denn daß auch zwei Flaschen Wein getrunken worden sein sollen, wie Die Angeschuldigte behauptete, wurde nicht weiter erörtert: aber das Ganze brachte doch bei Dem Publikum und gewiß auch beim Zeugen einen peinlichen Eindruck hervor; und soviel ist gewiß, daß durch solche öffentliche Verhandlungen nach und nach noch manches Unpassende, was bei Amtsverrichtungen wohl oft Vorkommen maß, verbannt werden wird, da man ja nie wissen kann, auf welche Weise man vor die Assifen, wenn auch nur^als Zeuge, gestellt werden dürfte.
Im Interesse des Instituts darf aber auch nicht verschwiegen werden, daß Verhandlungen vorkommen können, welche aus Rücksicht für die Sittlichkeit einer unbeschränkten Oeffentlichkeit entzogen werden müssen. So wäre es ganz am Platze gewesen, wenn namentlich bei gewissenVerhandlnngen im ersten Falle wenigstens die Kinder aus dem Saale entfernt worden waren, wenn eS überhaupt nicht für besser gehalten wer- I den sollte, dieselben gar nicht zuzulaffen.
Der unschuldige Galeerensclave ssAiiSsDer ^„Allgemeine Moden-Zeitnng".)
(Fortjcyung.)
„Herr Präsident," sagte einer der Geschwornen, „ich wünsche, der Zeuge sage uns, ob vor Dem Mordversuche zwischen ihm und dem Angeklagten irgend eine Spannung oder Feindschaft stattgefunden."
Diese Frage erregte lebhaftes Interesse, besonders unter den Frauen, welche wohl an die Schuld Arthurs glauben mußten, aber nicht zugeben wollten, daß ein Diebstahl sein Zweck gewesen. Der Angeklagte selbst eirölhete leicht und schien einige Unruhe zu empfinden; aber Gorsaz war auf alle Fragen vorbereitet und so überraschte ihn auch diese nicht.
„Herr von Aubian und ich sind lange Nachbarn gewesen," antwortete er, „und wir lebten immer auf fast freundschaftlichem Fuße mit einander; von meiner Seite hat auch mein Gefühl in dieser Art keine Veränderung gelitten, trotz dem vergossenen Blute."
„So kennen Sie also keine Ursache," fuhr der Prä- student fort, „welcher daS Attentat zuznschrcibcn wäre, d ssen Opfer Sie waren?"
— „Die Ursache," antwortete Gorsaz mit melancholischer Stimme, „ist meine., Meinung nach jene trau
rige Spielsucht, Die schon so viele junge Leute inS Verderben gestürzt hat. Der Herr von Aubian spielte viel und unglücklich; mein gutgemeinter Rath vermochte nicht, ihn von diesem jeden Tag tiefer werdenden Abgrund zurückzubringen. In einem Augenblicke der Verzweiflung dachte er vielleicht an daS Geld, daS ich, wie er wußte, einige Zeit vorher erhalten hatte; warum sprach der Unglückliche mich nicht darum an, statt daß -er eS auf so traurige Weise zu erhalten suchte? Hätte er mir Vertrauen geschenkt, so würde alles nicht geschehen sein und wir wären heute beide nicht hier."
Diese Heuchelei gewann dem Alten alle Herzen.
„Haben Sie eine Bemerkung gegen die Aussage des Zeugen zu machen?" fragte der Präsident Aubian.
Der Angeklagte stand auf und schien gegen eine starke Versuchung zu kämpfen, die er endlich bemeisterte.
„Zur Ehre meines Namens," sagte er, „nicht meines Lebens wegen, muß ich hier wiederholen, daß ich unschuldig an dem Verbrechen bin, dessen man mich anklagt. Es kommt mir mcht^zu, die Aussage des Herrn Gorsaz zu erörtern; sprechen Sie Ihr Urtheil ; wie cs auch auöfallcn möge, ich unterwerfe mich ihm."
Diese Protestation war so kalt, so erzwungen und machte einen ungünstigen Eindruck. Das Verhör wurde einen Augenblick unterbrochen, plötzlich aber ging das allgemeine Flüstern in das tiefste Schweigen über, denn
der Präsident hatte befohlen, Madame Gorsaz ciuzu- führcu.
Die junge Frau, welche augenblicklich der Gegenstand Der allgemeinen Nengicide wurde, erschien wenige Minuten darauf. Mit hochcrhabenem Haupte, mit von dem Fieber gervthcten Wangen, wie eine Begeisterte trat sie festen Schrittes bis an den Rand der Erhöhung wo sich die Zeugen befanden. Hier blieb sie stehen, scheinbar ohne Die Fragen deS Präsidenten zu höern. Ihr Blick, aus welchem das Jrrsem sprach, durchlief mit übernatürlicher Sicherheit die zahlreiche Versammlung, haftete auf Aubian und nahm dann einen unbc- schreibltchen Ausdruck von Liebe und Verzweiflung an; mit einer maßlosen, aber nicht unwillkührlichen Geberde streckte Lucie Die Arme ihrem Geliebten entgegen und sprach mit lauter Stimme:
„Arthur, da bin ich."
In dem allgemeinen Staunen über diese Worte erhoben sich zwei Männer zitternd, der eine v r Wuth der Gatte und Der Lub-
der andere aus Mitleid, Haber.
„Das verräth Wahnsinn," sprach Gorsaz: das Zeugniß einer Wahnsinnigen ..."
- „Wahnsinnig l" entgegnete Lucie, Die mit dem M'cke ihrem Gatten trotzte und sich an Den Präsidenten richtete, „fingen Sie mich und Sie werden erkennen,
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