Schapper , Meyer, Gerau, Naht, Hehner, Lang, Duell, Müller, Justi, Wenkenbach und Oppermann vor die im Monat Oktober l. I. dahier stattsiiidendcn Assisen, um daselbst wegen der ihnen zur Last gelegten, oben näher bezeichneten Verbrechen, dem Gesetze gemäß abgeurtheilt zu werden, verfügt die Fortdauer der gegen den Angeklagten S ch a p- per bereits von dem Herzoglichen Criminalgericht dahier erkannten Haft, sowie daß die Angeklagten Gerau, Meyer und Raht zur Sicherung der Fortsetzung des Verfahrens und wegen der Große der denselben nach den ihnen angeschuldigten Verbrechen drohenden Strafe und daraus entspringenden Fluchtverdachts sofort verhaftet und in das hiesige Criminalgc- fängniß abgeführt werden.
So geurtheilt im Anklagesenat des Herzoglichen Hof- und Appellationsgerichts zu
Wiesbaden, den 29. September 1849.
L. v. Löw. Preußer. Vigelius.
Für die richtige Ausfertigung Ammann.
Deutschland.
^ Aus dem Silbcrschacht. (Die Lehrer- Versammlung z u Diez.) Die durch östentliche Blätter angekündigte zweite allg. Nass. Lehrerversammlung fand am 9. und 10. zu Diez statt. Die freundliche Aufnahme, welche die Lehrer bei den gastlichen Bürgern in Diez fanden, zeigte, daß dergleichen Versammlungen niederen Orts eben so gerne, als höheren Orts ungerne gesehen werden. Da die Herbstferien in den verschiedenen Theilen des Landes nicht in dieselbe Zeit fallen und ein bekanntes Rescript den geistlichen Schulvorständen verbietet, den Lehrern Urlaub zu ertheilen, um Lehrerversammlungen zu besuchen, so war man wegen Wahl der Zeit lange in Verlegenheit, glaubte «bereden Anfang Octobers als am geeignetesten. In dem Lahngan waren indeß die Ferien doch schon zu Ende, so daß die Lehrer von Diez selbst an den Verhandlungen der Versammlung keinen Antheil nehmen konnten, und im Rheingau und auf dem Westerwalde hatten sie noch nicht überall begonnen. Doch war die Versammlung von Lehrern aller Kategorien, mit Ausnahme der Seminarlehrer, und aus allen Gegenden Nassau's vertreten. Die Verhandlungen des ersten Tages betrafen die Organisation der Lehrervereine und die Einrichtung des Vereins-Organs, nämlich des Schulblattes. Es wurde festgestellt, daß die einzelnen Vereine sich Aufgaben stellen, dieselben besprechen und von einem ihrer Mitglieder ausarbeiten lassen und der Redaction des Schulblattes einschicken möchten, damit alle Vereine auch mit dem Blatte in lebendiger Beziehung blieben, daß besonders Begebenheiten aus dem Schulleben mitgetheilt würden, damit das Blatt ein treues Bild der wirklichen Zustände der Schule biete. Nach mehreren anderen Bestimmungen über Richtung und Tendenz des Blattes wurde noch die Ueberzeugung ausgesprochen, daß sich das Blatt nicht würde halten können, wenn nicht alle Lehrersich dabei beteiligten und höchstens zwei Leser zu einem Blatte sich vereinigten. Am zweiten Tage wurde der Entwurf der Schulcommission einer kurzen Berathung unterworfen; im Allgemeinen fand derselbe den Beifall der Versammlung mit Ausnahme der §§. 28 und 105 bis 108 der Organisation der Volksschule. Die beiden Vertreter der Volksschule lehnten jeden Antheil an obigen Paragraphen entschieden ab und entwickelten ihre Ansichten über die betreffenden Gegenstände, worauf die Versammlung einstimmung sich mit diesen einverstanden erklärte und eine Petition über diesen Gegenstand auszufertigen einer Commission übertrug. Erfreulich war es, daß die bezeichneten Paragraphen hauptsächlich bekämpft und verworfen wurden, weil sie die in den Grundrechten gewährten Rechte der Gemeinden gänzlich aufheben. Die Versammlung war
trotz des trüben Himmels und des Ernstes der Berathung heiter und voller Zuversicht, daß sich der Horizont wieder klären würde. Die freundliche Aufnahme in Diez machte den Abschied von der liebgewonnenen Stadt schwer; man beschloß daher, mit nächsten Pfingsten, wenn der Himmel und die Rescripte wollten, sich hier wieder zu sehen. Am Abende des 9. Octobers wurde die trauliche Unterhaltung der Lehrer nnd der Diezer Bürger zuweilen unterbrochen von trefflich aus. geführten Stücken der Diezer Bürgerwehrmusik. Alle Musikkenner sprachen die Ueberzeugung aus, daß cs in Deutschland herrlich stehen müßte, wenn die deutschen Bürgerwehren einer solchen Bürgerwehrmusik entsprechend gewesen wären.
Herzlichen öffentlichen Dank dem freundlichen Diez zum Schluffe hier auszusprechen, fühlen wir uns innigst getrieben.
0 Idstein, 14. Oktober. (Conflikt zwischen Gemeinderath und Schulvorstand.) Der hiesige Gmeinderath und der Schulvorstand waren bei der Erwählung der beiden Lehrerinnen für die Industrieschule zu Anfang d. I. schon in Conflikt gerathen, indem jede dieser Stellen das Wahlrecht für sich in Anspruch nahm, obgleich nach §. 61 des Gemeindegesetzes, worin es heißt: „ob eine Gemeinde bejondere Leichenbeschauer, Nachtwächter, Gemeindediener, Jn- dustrielehrerinnen u. s w. an stellen will oder nicht, hängt von dem Beschluß des Gemeinderaths und der Genehmigung der Gemeinde ab, es bleibt in diesem Falle der Gemeinde überlassen, wie sie für den Ersatz der wegfallendcn Gemeindeangestellten oder Einrichtungen sorgen will", kaum ein Zweifel entstehen konnte, daß der Gemeinderath einzig und allein die Wahl vor- zunehmen hat. Ohnerachtet Der verschiedensten Anstrengungen des Schulvorstandes, der sich auf §. 39 pos 4 des G. G. stützen wollte, setzte damals unser Gemeinderath die von ihm gewählten Personen in ihre Stellen ein, nachdem auf Anfragen die Regierung erklärt hatte, es solle bei der Wahl des Letzteren sein Bewenden haben. — Jedermann hielt damit die Sache für abgemacht, um so mehr da die beiden Lehrerinnen ihrem Posten vollkommen gewachsen sinv, und namentlich die.Eine davon kaum besser ersetzt werden kann, wie auch ihre halbjährige Dienstführung zur Genüge bewiesen hat. — Der hiesige Schulvorstand, bestehend aus den drei Geistlichen, dem Seminardirektor, Dem Bürgermeister und zwei andern Bürgern, muß wegen dieser Besetzung immer noch gegrollt und er sich deswegen an die Oberbehörden gewendet haben, denn durch Reskript des H. Staatsministeriums vom 24. v. M' wird verfügt, der Schulvorstand habe die betr. Wahl vorzunehmen. Hiermit ist auf's Neue ein Zankapfel in die Gemeinde geworfen und derselben gewiß kein Dienst geleistet worden, denn daS Ende vom Liede wird sein, daß die Industrieschule ganz eingeht. Dem Vernehmen nach soll der Schulvorstand schon gewählt haben, und dabei von dem lächerlichen Grundsatz ausgegangen sein, nur „Ledige" eigneten sich zu dieser Stelle.
Daß der Gemeinderath sichZucht damit beruhigte war vorauszusehen. In seiner heutigen Sitzung faßte derselbe dann auch folgende Beschlüsse:
1) „In Erwägung, daß wir bei unserer im April L I. vorgenommenen Wahl der Jndustrielehrerinnen von der Ansicht ausgingen, daß die Besetzung dieser Stellen ein einheitlicher Akt sei, keineswegs aber der Meinung waren, daß dem Schulvorstand das Recht der Ernennung, uns aber nur die Bezahlung rüste he, wird die Industrieschule hiermit aufgehoben."
2) „den Schulvorstand sofort in Kenntniß zu setzen, daß für die neu gewählten Lehrerinnen keine Besoldung aus der Gemeindekasse bezahlt werden könnte."
Unter den obwaltenden Umständen verargen wir dem Gemeinderath diese Beschlüsse keinen Augenblick, wünschen vielmehr, daß der Bürgerausschuß denselben beitritt, sowie auch dem weiter gestellten Antrag:
; „Als Entschädigung für die aufgehobene Industrieschule unter Leitung der bisherigen Lehrerinnen eine Privat- anstatt zu errichten, in welcher Mittwochs und Samstags Nachmittags in einem Schulzimmer die weibliche j Jugend in den üblichen Handarbeiten unentgeldlich un- i terrichtet werden soll, und nach Befund den Leiterinnen dieser Anstalt aus städtischen Mitteln eine angemessene Gratifikation zu bewilligen.
Zum Schluffe können wir nicht umhin, die Frage ; aufzuwerfen, was hat nun der Schulvorstand durch i seinen Eigensinn gewonnen und wird nicht das Gouvernement durch ähnliche Verfügungen es zuletzt noch dahin bringen, daß Industrieschulen im Lande eine Seltenheit werden? Dies eine Beispiel zeigt übrigens recht deutlich, daß es sowohl im Interesse der Schule, als auch der Lehrer selbst liegt, den Schulvorstand als solchen ganz aufzuheben und dessen Funktionen dem Gemeinderath hinzuweisen, da ja doch nur diesem der Gcmeindebeutel zur Verfügung steht, wie auch die Minderheit der Schulkommission beantragt hat.
/ L. Schwalbach, 14. Oktober. Ein eigenthümliches, bedeutungsvolles Zujammentreffen von Umstän- I den charakterisier so recht das Volk und die Regierung im Herzogthum. Bei den Kreisbezirksrathswahlen sind in dem Bezirke Langenschwalbach unter Andern die Abgeordneten Weuckenbach, Müller II. und Lang gewählt worden und zwar bekanntlich alsbald nach dem Idsteiner Landescongreß. Auf Montag den 29. l. M. ist nun eine Sitzung des Kreisbezirksrathes in Langenschwalbach anberaumt. Dieselbe kann aber nicht stattfinden, weil die drei genannten Mitglieder desselben an demselben Tage vor den Assisen zu Wiesbaden stehen, angeklagt des schwer, sten Verbrechens, das unser Strafgesetzbuch kennt, des Hochverraths bei dem und durch den Idsteiner Landescongreß. So denkt das Volk und so die Regierung. Es lebe die schöne Eintracht zwischen Volk und Regierung in der konstitutionellen Monarchie!
Hannover, 13. Oktobr. Zufolge einer königlichen Proklamation von gestern ist die Eröffnung der S t ä n d e v e r sa m m l u N g auf den 8. November fest - gesetzt.
Rastatt, 12. Okt. Die gestrige Sitzung des Standgerichts galt dem hiesigen Bürger und Strumpfstricker Kuntz, beschuldigt vor und nach Ausbruch des Mai- anfstandes die Soldaten hiesiger Garnison mehrfach zum Treubuch aufgefordert zu haben. Er wurde zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt.
Die zweite Verhandlung betraf den früheren Scharfschützenkorporal Messingkopf. Der Staatsanwalt hatte auf 10 Jahre Zuchthaus angetragen; das Gericht aber sprach nach kurzer Berathung einstimmig die Verweisung an den ordentlichen Richter aus.
Heute erschien der Kanonier Illi ch vor dem Standgericht. Er war der Haupttheilnahme an der Meuterei und an dem bewaffneten Widerstand der Festung beschuldigt. Der Staatsanwalt trug auf Todesstrafe an, das Gericht entschied sich für zehn Jahre Zuchthaus.
Koblenz, 14. Oktbr. Gestern ist auf Befehl der k. Regierung der hiesige Turnverein aufgelöst worden. Vor der Märzrevolution waren die Turnvereine gestattet; jetzt hebt die unerbittliche Reaktion auch diese auf. Doch nur so fortgefahren, die Früchte werden nicht ausbleiben.
Berlin, 13. Oktober. Gegen den Gefangenen-Jn- spektor der Stadtvoigtei, Hrn. v. Rohr, der das Un- , glück hatte, in den Zeitungen wegen seines humanen i Verhaltens gegen politische Gefangene zu Zeiten gelobt zu werden, soll die Suspension verhängt sein. ; Als Grund gibt man an, daß er dem Geheimen Rath i Waldeck öfter Zeitungen zu seiner Lektüre habe zu- i kommen lassen.
Berlin, 11. Okt. Waldeck hat die Wahl zunk Mitgliede Der ersten Kammer abgelehnt.
und der Unschuldige geht zu Fuße zwischen zwei GenS- Darmen 1 Ja, die Reichen halten immer zusammen, nm daS Volk zu drücken und zu plagen. Ihr Leute, warum laßt Ihr denn mich, Eures Gleichen, Euren Bruder, in daS Gefängniß schleppen?"
„Du hast hier weder Brüder noch Vettern, Horst Du, Uhrendieb," rief ihm Piquet zu.
Niemand rührte sich seinetwegen und er mußte gehen. „ES wäre doch hübsch gewesen, hätte man mich sogleich lvSgclassen." dachte er bei sich; „wenn nur der Alte, der sich bis jetzt so gut gehalten, sich nicht anders befimmt!"
Der Aufbruch der beiden Angeklagten hatte unter den vor dem Hause Versammelten eine große Anfregung hervorgebracht , daß Lucie den Lärm in ihrem Zimmer hörte. Sie erschrack darüber trat an daS Fenster und bemerkte noch, daß Arthur in den Wagen deö königlichen Prokurators stieg.
— „Wohin reift Herr von Aubian," fragte sie unwilltührlkch den Arzt, der seit einiger Zeit in ihr Zimmer getreten war.
„Jn'ö Gefängniß wahrscheinlich," antwortete der Doktor, indem er sie fest anblickte.
— „Jn'S Gefängniß!" wiederholte Lucie.
„Wissen Sie eS denn nicht, daß er es war, der den Herrn Gvrsaz ermorden wollte? Ihr Herr Gemahl hat den Mörder in ihm erkannt."
Die arme Frau sah, statt zu antworten, bestürzt
umher; plötzlich erbleichte sie, ihre Augeniieder fielen zu uud sie sank in die Arme deS Arztes, der die CrisiS zu erwarten schien, denn er trug die Dame, ohne Uebcr= raschung zu verrathen , auf ein Sopha und leistete ihr den Beistand, den sie bedurfte.
„Herr Pfarrer," sagte er dann zu dem alten Geistlichen, der in diesem Augenblicke ein trat, „die junge Frau hat jetzt zwei Beichtväter."
V.
Langer alS sechs Wochen hatte der Dvktor Matter in dem Hause deS Herrn Gorsaz zwei Kranke statt des einen zu behandeln. Nach einigen Tagen schien der Zustand LucieuS gefährlicher zu werden, als der deS Alten, dem eine noch nicht befriedigte Leidenschaft eine Energie gab, welche sich trotz der Schwäche des Alters und der Gefährlichkeit seiner Wunden aufrecht erhielt. Während der beleidigte Ehemanun sich krampfhaft an das Leben klammerte, daS er nicht verlassen mochte, ohne seine Rache befriedigt zu haben, schien die junge Frau in düsterer Verzweiflung den Tod alS eine Er- lösnng herbeizuwünschen. Der Arzt der sie täglich schwächer und reizbarer und die Beute eines Fiebers werden sah, welches erst den Körper erschöpft hatte und nun den Geist zu bedrohen schien, bedauerte mehr als einmal die heftige Probe gemacht zu haben, die er an- ftellte, um zu ermitteln, wo eigentlich der Siy des
Uebels sei, — als er ihr erzählte, daß Arthur in daS Gefängniß abgeführt werde. Allmählich trinmphirte jedoch seine Kunst und Ausdauer über ein Leiden, dessen Wurzeln in dem Alter LucienS minder dauerhaft sind. DaS Fieber erlosch, ohne Verheerungen in dem Atter- Heiligsten deS Geistes angerichtet zu haben, wie eine Feuersbrunst, die Menschenwohnungen verheert und endlich am Fuße eines Tempels verloscht. Die junge Frau erlangte allmählich ihre Kräfte wieder und behielt ihren Verstand. Trauriger Sieg der Kunst! Mit dem Verstände hätte sie vielleicht auch daS Bewußtsein von ihrem Unglücke verloren.
Herr und Madame Gorsaz hatten einander seit dem Tage deS Mordversuchs nicht wiedergesehen. Sie waren von einander geschieden, nur ein gemeinschaftlicher, für beide gleich grausamer, Gedanke vereinigte sie und sic hatten in den langen Stunden schmerzensreicher Schlaflosigkeit die vergiftete Hefe, welche der Becher unglücklicher Ehen enthält, bis auf den letzten Tropfen anSgeleert. Herr Gorsaz war zuerst im Stande, das strenge Verbot des ArzteS zu übertreten. Er benutzte eines Abends die Abwesenheit deS Bedienten und begab sich in das Zim. mer Luciens, waS ihm große Anstrengung kostete. Hier schickte er das Kammermädchen fort, die über sein plötzliches Erscheinen erschrack, und blieb einen Augenblick unbeweglich auf der Thürschwelle stehen.
(Fortsetzung folgt.)