mc Zeitung
^^ „Freiheit und Neehl'«
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Wiesbaden. Samstag, 13. Oktober
1819
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B. Zur Kritik des Asfifenpräsidenteu.
Wiesbaden, 10. Oktb. Seit zwei Tagen bringt uns die Nass. Allg. Zeitung, das Negierungsorgan, Kritiken der seit dem 8. d. Mts. eröffneten Asfisenver- Handlungen, die mir zu einigen Bemerkungen Veranlassung geben. Schon in meinem gestrigen Artikel habe ich auf die verdeckte gefährliche Tendenz dieser Kritiken des Regierungsblattes kurz aufmerksam gemacht. Dieselben sind nicht darauf berechnet, durch sachkundige, wissenschaftliche Erörterungen die Beseitigung der Mängel in diesem Verfahren, der Leitung rc. zu veranlassen, sondern, wenigstens indirekt, darauf, das ganze bei gewissen Leuten etwas mißliebige Institut in der öffentlichen Meinung zu ruiniren und mit dem Nebenzwecke vielleicht, sich an dem dermaligen Präsidenten des As- sisenhofes, Herrn Flach, für vermeintliche Zurücksetzung und Vernachlässigung auf unangemessene Weise zu rächen.
Es ist ein ganz gewöhnlicher Vorwurf, den die Nass. Allg. Ztg. den demokratischen Blättern macht, daß dieselben sich bei ihrer Kritik nicht in den Schranken des Anstandes und der nothwendigen Rücksichten hielten. Freilich wurden diese Rücksichten immer nur dann beansprucht, wenn die Demokratie mit ihrer frevelhaften Hand alte, verrottete Vorurtheile, Standes- itttereffen oder den „engherzigen" Gelbsack berührt. Selbst diese Schranken zu beobachten, fällt der Nass. AUgem. nicht ein, wenn es gilt, ein Bollwerk der Freiheit zu vernichten.
Ich sehe mich nicht berufen dazu, die Vertheidigung des Herrn Flach in seinen Funktionen als Assienprä- fibent zu übernehmen; ich gebe vielmehr wiederholt zu, daß er Vieles zu wünschen übrig läßt; aber theils wegen der Persönlichkeit des Herrn Flach, theils und besonders der Sache wegen, bin ich indignirt über die höchst unpassenden Angriffe des Regierungsorgans auf den Assisenpräsidenten.
Wer das Leben mit praktischen Augen ansieht, der mußte erwarten, daß bei den ersten im Herzogthum Nassau stattfindenden öffentlichen Verhandlungen nicht Alles so gehen würde, wie da, wo das öffentliche nnd mündliche Verfahren älter ist, als die jetzt lebende Generation. Jeder konnte sich denken, daß mancher Verstoß Vorkommen, aber zur Sprache gebracht und eingesehen, demnächst verschwinden würde, wenn nur der gute Wille vorhanden ist. Und unter dieser letzter« Voraussetzung hätte man erwarten sollen, daß Jeder, der es mit dem Institut der Schwurgerichte wohl meint, sich bemühen werde, nach Kräften dazu beizutragen, daß dasselbe in die öffentliche Achtung gebracht und darin erhalten werde. Ich will natürlich die Kritik keineswegs ausgeschlossen wissen, aber sie muß eine würdige, und keine Schimpferei sein, wie sich das Regierungsorgan dieselbe zu Schulden kommen läßt.
Ueberall, wo das jetzt bei uns eingeführte öffent-
Der unschuldige Galeerenselave
(Aus der „Allgemeine Mvden-Zeitung",)
(Sortierung.)
mit
„Herr," antwortete der Mann des Gesetzes strenger Miene, „Sie sprechen als Apostel der Menschlichkeit und ich darf mich von Ihren Worten nicht bc- leiLigr fühlen. Ich bin der Vertreter Les Staates und Sie müssen cinseheu, daß ich meine Aufgabe unmöglich unerfüllt lassen kann. weil es bisweilen streng und hart erscheinen könnte. Ich bedauere, daß sich ein solcher Wortwechsel zwischen uns erhoben hat, ob er gleich eigentlich nur ehrenvoll isi-^enn er beweist, daß wir beiLe unsere Pflicht rennen. Ich würde an Ihrer Stelle vielleicht ebenso gehandelt haben, erlauben Sie mir zu glauben, d »ß Sie an der meinigen nicht anders gehandelt hätten
ab ich."
Die beiden Männer trennten sich in gegenseitigem Ernst. Während der königliche Prokurator das Zimmer verließ, um zu befehlen, den Angeklagten hereinzubringen, trat her Arzt zu dem Herrn von Anbian und dem Geistlichen, die, seit Gorsaz wieder zu sich gekommen war, bei Seite standen, so daß er sie nicht sehen konnte, — der Geistliche, um dem Verwundeten nicht merken zu lassen, sein Zustand sei so bedenklich, ^aß man den Beistand dr Religion für nöthig erachtet habe, —
liche und mündliche Verfahren mit Schwurgerichten stattfindet, hält man dasselbe in hohen Ehren; Jeder sucht es vor Veruugflimpfungen zu bewahren. Der Assisenpräsident namentlich wird als der achtunggebietende Repräsentant des Instituts angesehen; und wie ihm in der Sitzung Jedermann mit Ehrerbietung begegnet, so wird er auch außer derselben als eine Person betrachtet, an der die trüben Leidenschaften nicht rühren dürfen. Diese Rücksicht, die gebildete Menschen gerne zollen, hat die Nass. Allg. Ztg. gröblich verletzt. Und dies muß zum öffentlichen Bewußtsein gebracht werden, damit nicht diejenigen, welche es mit der Sache wohl meinen, unbewußt sich zum Werkzeug der Zerstörung dieses Bollwerks der Freiheit machen.
Wer die Richtung der Nass. Allg. Ztg. kennt, wer es weiß, wie sie bisher alle volkstümlichen Institute, und auch die Schwurgerichte, namentlich die Art ihrer Zusammensetzung, begeifert hat; dem wird die Absicht derselben klar sein. Hat man den Assisenpräsidenten lächerlich gemacht, so hat das Institut selbst den ärgsten Stoß erlitten. Darum Vorsicht!
Man mag von den Fähigkeiten des Herrn Flach, als Assisenpräfident denken, wie man will, es wird ihm kein Wahrliebender absprechen können, daß er sich bisher als ein humaner Assisenpräfident gezeigt hat; er hat sich noch nicht verleiten lassen, Partei zu ergreifen, oder unerlaubte Mittel gegen Zeugen oder An- geschulvigte in Anwendung zu bringen. Aber gerade das ist ès vielleicht, was gewisse Leute und auch die gute Allg. gegen ihn in Harnisch bringt, daß er nicht präocupirt gegen die Angeklagten verfährt. Die Fehler des Herrn Flach, als Assisenpräsident, beruhen in angebornen Eigenheiten, deren jeder Mensch welche hat, der eine mehr, der andere weniger. Herr Flach läßt sich zu viel gehen und beachtet leider ausnehmend wenig den Unterschied zwischen dem Präsidium in einer geheimen Sitzung des Hofgerichts, wo es sich um Mein und Dein handelt, und dem Präsidium in öffentlicher Assisensitzung, wo es sich um die höchsten Güter der Menschen, um Ehre und Freiheit, handelt. Außerdem scheint es mir, daß Herr Flach sich etwas mehr sollte angelegen sein lassen, sich in das Formelle, die Kleinigkeiten und Nebensachen, einzuschießen und das Unwesentliche außer die Sitzung zu verlegen, bamit das Ganze einen mehr dramatischen Charakter annimmt. Wenn Jemand den größten Unsinn spricht, aber mit „Manier", so wird dies in der Regel nicht so störend sein, als wenn er in der Form das Geringste verfehlt.
Wenn Herr Flach diese unbedeutenden, in öffentlicher Sitzung aber allerdings sehr bedeutend scheinenden Fehler verbessert, wozu nach der heutigen und gestrigen Sitzung alle Hoffnung vorhanden ist, so wird er, vermöge seiner übrigen Eigenschaften, ein recht guter Assisenpräsident sein und seinen Feinden nicht mehr Veranlassung geben, zu so hämischen An-
Arthur mit einer Regung der Scham, welche in redlichem Herzen Lurch die Ueberzeugung hervorgerufen wird, einen Mann, den man achtet, auf unverzeihliche Weise beleidigt zn haben.
„Herr Pfarrer," sagte der Arzt mit unzufriedenem Gesichte, „die menschliche Gerechtigkeit ist nicht menschlich. Ueber diesen Text müssen Sie einmal und bald eine Predigt halten. Während Sie aus Mitleid Ihren Rock verbergen, um den armen Mann nicht zu erschrecken , verfährt der Prokurator als kalter Gcsehmensch dem alles glcichgiltig ist, wenn er nur ein vollständiges Protokoll liefern kann. Er will den Mörder herein- führen. Ich habe ihm gesagt, daß ich für nichts stehe aber er bleibt dabei. Nun wie er will; ich ivafetye meine Hände in Unschuld."
„So muß man wenigstens Madame Gorsaz fort» führen," sagte Arthur, dem Lucie in diesem Augenblicke wenigstens eben so viel Mitleid cinflößte, als Liebe.
— „Das wollte ich eben sagen," entgegnete der Arzt; „aber es wird nur Ihnen gelingen, Herr Pfarrer. Führen Sie also die arme Frau fort und sorgen Sie dafür, daß Sie nicht wiederkomme. Wenn man Sie braucht, werde ich Sie holen lassen; verhüten Sie nur, daß die Frau wiederkomme. Sie ist nervenschwach und außerordentlich reizbar, so daß ich fürchte, das Blut tritt ihr in den Kopf. Es sind Frauen wahnsinnig geworden , die weniger Anlage dazu hatten, als sie.
griffen, wie auch wieder die heutige Nummer des Regierungsblattes sie enthält.
°o° Lorch, im Oktober. (Die Besoldung der Förster.) Das neueste Verordnungsblatt vom Oktober bringt uns die Feststellung der Gehalte für die Förster, angesetzt zu 5 bis 7 kr. per Morgen, und hebt dadurch den früheren Beschluß vom 29. März 1818 wieder auf. Es wird dadurch die Selbstständigkeit der Gemeinde, welche die Gehalte ihrer Beamten festzustellen hat, in ein sehr zweifelhaftes Licht gestellt, und Mißstände und Unzufriedenheit werden deßhalb auch nicht ausbleiben.
Hier ein Beispiel aus hiesiger Gemeinde zur näheren Betrachtung.
Voriges Jahr im April wurde auch dahier, sowie an vielen andern Orten ein neuer Waldhüter oder Förster mit 180 fl Gehalt angestellt.
Derselbe war bisher mit seinem Loos zufrieden, und leistete im Verhältnisse zu seinem Vorgänger, welcher mit 330 fl besoldet war, das dreifache. Früher verdiente dieser Mann per Jahr, das Jahr zu 300 Arbeitstagen angenommen, per Tag 30 kr., Summa 150 fl. und nun bei viel leichterer Arbeit 180 fl. mit Pfandgeld 250 fl., also % mehr als früher.
Die Gemeinde hat 4565 Morgen Waldung. Erhält nun der Förster den geringsten Ansatz zu 5 kr. per Morgen, so beträgt dessen Gehalt ohne Pfandgelder 380 fl., mit Pfandgeld circa 450 fl.
Ein Mann , der also mit dem Gehalte, den ihm die Gemeinde auswarf, zufrieden ist, soll ohne wti- tere Umstände mehr bekommen, als ihm die Gemeinde bewilligte. Wo soll nun die Gemeinde sparen, wenn die Regierung die Verträge aufhebt, welche unter vortheilhaften Bedingungen von Seiten der Gemeinde geschlossen wurden? Die Mehrausgabe wäre ziemlich bedeutend. — Unser thätiger, wackerer Bürgermeister bezieht mit Einschluß der Gebühren circa 330 fl.; während die Regierung unserem vorletzten Schultheißen 450 fl. ohne Gebühren festgesetzt hatte. Hieraus kann man schon ersehen, daß die Gemeinde in jeder Hinsicht zu sparen sucht und keines Vormundes bedarf. Unser erster Lehrer erhält jäh.lich 360 fl. Gehalt aus der Gemeindekasse, und wie lang muß ein Lehrer dem Staate dienen, bis er auf 380 fl. Gehalt Ansprüche machen kann!
Im Vorbeigehen gesagt: ich kenne einen Lehrer, der neben jedem Anderen auftreten kann, und nun schon vierzehn Jahre angestellt ist, welcher einen Gehalt von höchstens 250—260 fl. bezieht. — Es ist ja auch nicht nöthig, daß man einen Menschenerzieher so bezahlt wie einen Waldhüter oder Förster, welcher freilich auch eine kostspieligere Vorbereitung nöthig hat als ein Lehrer!?! —
Halten Sie die Frau im Zimmer; ich komme auch hinauf, sobald ich hier mich entfernen kann. Vielleicht müssen wir ihr einen Aderlaß machen."
— „Kommt Ihnen ihr Zustand wirklich bedenklich vor?" fragte Aubian, den diese Erklärung ängstigte.
„Mein lieber Herr," sagte der Doktor leise zu ihm, „der Zustand einer sehr reizbaren jungen Frau, die einen Greis zum Manne hat, ist immer bedenklich."
Dem Geistlichen gelang es, die Frau aus dem Zimmer fortzubringen. In dem Augenblicke, als er sie hinaussührtc, trat der königliche Prokurator mit Bonnemain ein, der auf jeder Seite von einem Bauer gehalten wurde. Bei dem Anblicke des Mörders ihres Gatten drehte Madame Gorsaz sich um und sie wankte so Laß der Geistliche schneller ging und vor sich hin- murmeltc: »lieber Gott, ich danke Dir, bei diesem Unglücke, daß der Thäter keines meiner Beichtkinder ist."
Der Angeklagte und dessen Begleiter blieben an der Thüre stehen, während der königliche Prokurator allein zu dem Verwundeten trat, um ihn auf die bevorstehende Scene vorzubereiten.
„Das ist der Augenblick der CrisiS," sagte der Arzt zu Aubian; „helfen Sie mir, denn die Dienstleute sind so ungeschickt und linkisch, daß man von ihnen keine Hilfleistung erwarten kann. Greifen Sie unter das Kopfkissen und halten Sie den Herrn Gorsaz; in seiner