Freie Zeitung.
„Freiheit und Recht!"
â 241.
Wiesbaden. Mittwoch, LV Oktober
1849
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Die Kirchcnkommissio».
< Wiesbaden, 8. Okt. Wir sind dem Herborner ?Korresponden in No. 228 der Fr. Ztg. sehr dankbar, daß er uns „aus ganz sicherer Quelle" bie von uns selbst gewünschte Aufklärung und „Berichtigung" rücksichtlich des „Gutachtens" der Wiesbadner Kirchen- kommission gegeben hat. Wir wissen jetzt schon, auch ohne die von dem „Kirchenregiment zugestcherte", aber noch nicht erfolgte „Veröffentlichung jenes Gutachtens", wie wir daran sind, und daß wir nicht sehr gut daran sind. Um dies zu beweisen, wollen wir jenes Gutachten „etwas näher an das Licht der Sonne", welches ja die „ Kommissionsmitglieder" selbst nicht „scheuen", zu bringen versuchen. Die Landessynode soll also „ungesäumt (!) berufen werden, sobald der in nahe (?) Aussicht gestellte deutsche Reichstag" berufen wird (dann werden wir noch lange warten können!) und zwar: „sobald dieser Reichstag über die Stellung der Kirche entschieden" hat! — Ei wie? hat denn der wirklich d a g e w e se n e „deutsche Reichstag" in Frankfurt nicht schon längst „über die Stellung der Kirche" entschieden? Enthalten nicht die „Grundrechte des deutschen Volkes" Alles, was „über die Stellung der Kirche" im Allgemeinen „entschieden" werden kann? Lesen wir nicht m diesen Grundrechten: „Jede Reli- gionsgesellschaft soll künftig ihre Angelegenheiten selbstständig ordnen und verwalten; die organischen Einrichtungen und Gesetze, welche für die bestehenden Kirchen zur Durchführung dieses Prinzips erforderlich sind, sollen möglichst bald (hört ihrs? möglichst bald!) getroffen Und erlassen werden?" u. s. w. u. s. w. Die Kirchenkommission will also die Grundrechte, obgleich dieselben nun auch noch zum Ueberfluß als „Grundrechte des Nassauischen Volkes" in die „Zusammenstellung" unseres „bestehenden Staatsrechts" (Vgl. §.11 bis 20) ausgenommen worden sind, nicht anerkannt haben? Wir sind der Herborner „sichern Quelle" für diese „Berichtigung" ganz besonders dankbar! Ihr Protestanten, die ihr nach einer freien Kirchenverfassung euch sehnt, werdet daraus ersehen, daß für diesmal schwerlich viel daraus wird.
Doch jene, von dem Wohnsitze des einflußreichsten der Kommissionsmitglieder ausgegangene „Berichtigung" gibt auch noch weiter Gelegenheit, sich von der Eitelkeit der menschlichen Hoffnungen zu überzeugen. Denn wir ersehen daraus, daß die Kommission für die Synode „dieAbordnung eines Geistlichen und eines Nicht- geistlichen aus jedem Dekanate beantragt" hat. Da hätten wir also das Zweikainmer-System (eine Adelsund eine bürgerliche Kammer) in Einer Kammer vereinigt! Aber so muß es sein, wenn die Synode dahin gebracht werden soll, von den freisinnigen Bestimmungen der Grundrechte abzugehen. Die „Nichtgeistlichen" würden ihre Grundrechte festhalten. Wenn dagegen die Geistlichen, welche zum größten Theile nicht gut auf die grundrechtlichen Bestimmungen über die Stel
lung der Kirche zu sprechen sind, schon sür sich die Hälfte der Synode ausmachen, so erhalten dieselben, da sie jedenfalls noch einen Theil der „Nichtgeistlichen" auf ihre Seite bekommen werden, die Mehrheit der Stimmen und wie „frei" dann die von dieser Synode geschaffeneKirchenverfassung sein wird, darüber braucht man kein Wort weiter zu verlieren!
Nein, ihr Protestanten, auf einer völlig freien Wahl der Abgeordneten zur Synode, wenn überhaupt eine solche zu Stande kommt, müßt ihr bestehen, wenn es mit unserer neuen Kirchenverfassung nicht vielleicht noch schlimmer werden soll, als es jetzt ist! Ein Abgeordneter ans jedem Dekanat ist hinreichend, dieser Eine aber werde frei, ohne Rücksicht darauf, ob er ein Geistlicher oder Laie ist, und nicht von den Dekanatssynoden, sondern nach dem direkten Wahlmodus gewählt. Es werden dann doch voraussichtlich von vielen Dekanaten Geistliche gewählt werden; ja möge denn sogar die Mehrzahl der Synodalen aus Geistlichen bestehen, sie sind dann frei gewählt und stehen da als wahre Vertreter der Kirche. Wenn, was wir übrigens nicht glauben, die Nassauischen Protestanten das Schicksal ihrer Kirchenverfassung ganz in die Hände der Geistlichen legen, so wollen sie's eben nicht anders, und wenn irgendwo, denn gewiß auf kirchlichem Gebiete ist die vollkommenste Freiheit nothwendig, wenn eine Wiedergeburt des kirchlichen Lebens gehofft werden soll. Wir setzen hier den schlimmsten Fall voraus, für welchen Fall den freisinnigen Protestanten vielleicht kein anderer Weg übrig bliebe, als aus dem Kirchenverbande auszutreten. Aber dieser Fall wird, wie schon bemerkt, voraussichtlich nicht eintreten. Es ist vielmehr voranszuseheu, daß bei einer völlig freien Wahl der Synodalabgeordneten wohl anch viele Geistliche, aber hauptsächlich nur freisinnige (und an solchen fehlt cs ja Gottlob in unserm Lande noch nicht!) gewählt werden, und diese werden im brüderlichen Vereine mit den einsichtsvollen Laien ihr großes Werk vollenden.
Wir wissen sehr wohl, daß es bei der weiten ungewissen Ferne unserer Snuode höchst prekäre Hoffnungen sind, welchen wir uns hingeben; aber wir halten es für Pflicht, wenigstens unsere warnende Stimme zu erheben, so lange es noch Zeit ist. Wer es besser zu verstehen meint, der thue das Gleiche!
DeuèsehkOrzA.
V Wiesbaden, 8. Okt. (Sitzung des S ch wur - gerichts. — Anklage gegen die Eheleute Grünwald von Griesheim.) Nach der gegen 3 Uhr Nachmittags stattgehabten Wiedereröffnung der Verhandluung ergriff zunächst der Staatsanwalt Reichmann das Wort zur nähern Begründung der Anklage. Prokurator Großmann führte die Vertheidigung. Nach- I dem hierauf der Präsident des Gerichts, Flach, ein I besinne der Verhandlungen vorgetragen hatte, zogen
sich die Geschwornen zurück, und verkündeten nach etwa ^stündiger Berathung durch den gewählten Obmann, Pfaff von Oberursel, das Verdikt, welches die Angeklagten für „schuldig" erklärte, ihr Kind durch Entziehung der nöthigen Pflege ii nb Speise schuldhafter Weise getödtet zu haben. — Der Assisenhof erkannte demnächst nach sehr langer Berathung für beide Angeschuldigten das höchste gesetzliche Strafmaaß von 2 Jahren Correctionshaus.
Für die entfernter wohnenden Leser bemerken wir, daß morgen und übermorgen die Anklage gegen Kohl, Müller, Bibo und Ringel aus Rauen- thal wegen Mordversuchs zur Verhandlung kommt. Als Vertheidiger fungiren Arnoldi, Geiger, Hee- ser und Lang (sämmtlich Prokuratoren von Wiesbaden.)
s/Wiesbaden, 9. Oktbr. (Die erste Sitzung des Schwurgerichts.) Bereits liegt ein kleiner Theil der Arbeiten des ersten Schwurgerichts hinter uns. Bereits haben die Geschwornen ein Mal ihr „Schuldig" gesprochen, und schon drängen sich uns eine Masse von Beobachtungen auf, deren Mittheilung wir im Interesse des Instituts der Geschworuen-Ge- richte, im Interesse der Gerechtigkeit für nothwendig halten.
Beschäftigen wir uns mit dem, was gestern vor unsern Augen vorüber, ging.
Der Hofgerichts-Direktor Flach hatte in seiner Eigenschaft als Präsident des Gerichts die Pflicht und Gelegenheit, sowohl die Geschwornen, als auch das zahlreiche, sogar aus entfernteren Theilen des Herzog- thnms herbei geströmte Publikum mit dein Wesen und der Bedeutung des Schwurgerichts bekannt zu machen. Wir hörten nun zwar, daß die Schwurgerichte von dem Herzoge allergnädigst bewilligt.waren, auch erfuhren wir, daß eine Revision des bisherigen Anklage- Verfahrens (!!) schon längst als Bedürfniß erkannt sei, — im Uebrigen blieben wir aber, trotz der Flach- schen Antrittsrede, so gescheidt, als wir in den Saal traten, und, täuschen wir uns nicht, so ging es Allen, namentlich auch den Geschworenen, nicht besser. Daß von der politischen Bedeutung der Geschworneugerichte nicht mit einer Sylbe die Rede war, wird Jeder ohne unsere Bestätigung denken können. Wenn man aber jeden Eindruck vermißte, so lag die Ursache in bekla- genswerthen Eigenthümlichkeiten, die einem im höchsten Grade interessanten, imponirenden Stoffe den Stempel des Alltäglichen aufbrückten, und die feierliche Kunde von der ersten Sitzung des Schwurgerichts mit dem Beisatze trübten, daß die gerechten Hoffnungen und Erwartungen gerade durch diejenigen getäuscht seien, deren Befähigung man am wenigsten mißtraut hätte.
Eine leibliche Mutter (geb. Ries aus Staffan) und ein Stiefvater: die Eheleute Grünewald aus Griesheim bei Höchst, waren angeklagt, ihre 26jährige Tochter gefangen gehalten und durch
Der unschuldige Galeerensclave.
(Aus der „Allgemeine Moden-Zeitung".)
(Sortierung.)
Schnell wie ein Reh, welches das erste Gebell brr Hunde hört, eilte Arthur nach dem Orte zurück, wo er hereingekommen war. Eben als er denselben fast erreicht hatte, sah er in dem Dickiebt ein Licht gleich einem Jrrlicbte hüpfen; bald aber erkannte er deutlich einen Mann mit einer Laterne, der mit großen Schritten in dem Gonge au der Mauer hinging. Sobald derselbe die Leiter erblickte, blieb er sichen, wie ein Spürhund, der eine Fährte gesunden hat und rief laut, worauf in einiger Entfernung andere Stimmen antworteten. Bald zeigten sich durch die Bäume hindurch zwei andere Laternen und der Geliebte Luciens erkannte, daß ihm die Rückkehr abgeschnitten sei. Einen Augenblick zögerte er, bald aber wurde er mit sich einig, daß es klüger sei, der Gefahr entgegen zu gehen, als sie zu fliehen ohne sich ihr entziehen zu können. Er ging deßhalb auf die Suchenden zu, die an der Leiter standen und lebhaft unter einander sprachen. Alle erschrocken, als der junge Mann aus dem Dickicht trat. Die Klügsten rührten sich nicht; der Muthigste stürzte ihm entgegen da er ihn nicht erkannte.
„Was giebt cs denn, Signet?" sagte Arthur, in
dem er den Führer der nächtlichen Expedition zurückstieß der ihn am Kragen gepackt hatte.
— „Wie! Sie sind es, Herr von Aubian?" antwortete der bestürzte Gärtner.
„Was ist geschehen? Und was bedeutet diese Unruhe?" fragte der junge Mann.
— „Ach, mein Gott," sagte Piquet, „der arme Herr Gorsaz ist ermordet worden."
„Ermordet !" wiederholte Anbian erbleichend.
— „Ermordet! Wir stieben den Mörder, der gewiß sich hier gerettet hat, denn da lehnt meine Leiter.. Aber wie kommen Sie um diese Zeit in den Park?" fuhr cr fort, indem er den jungen Mann mißtrauisch an sah.
Arthur hatte Zeit gehabt eine Geschichte zu ersinnen, welche die zweideutige Loge rechtfertigen konnte, in der er sich befand.
„Noch dem, was Sie mir sagen," antwortete er, „habe ich den Mörder gewiß gesehen."
— „Wirklich ! wer ist er?" Haben Sie ihn erkannt?" frugen die drei Männer zugleich.
„Ich kam von Caudcrol," sagte Aubian, „und ging auf dem Wege draußen an der Mauer hin. Mit einem Male bemerkte ich einen Mann, der sich an derselben heruntcrlicß. Das kam mir verdächtig vor und ich trat hinzu, aber er ergriff sogleich die Flucht und verschwand. Ich fand nichts als einen Strick an der
Mauer. Do ich nun fürchtete, cs sei dem Herrn von Gorsaz ein Unglück geschehen, so stieg ich an diesem Stricke empor, um schneller an das Haus zu kommen, 1 und da Lärm zu machen. Eben als ich dies thun ( wollte, erblickte ich die Laternen."
„Und haben Sie ihn erkannt?" fragte einer.
— »Nur Bonnemain konnte das thun," sagte Piquet; »ich habe dem Duckmäuser immer nicht getrauet."
Einer der Arbeiter, der wieder angefangen hatte, an der Mauer hin zu suchen, richtete sich plötzlich empor.
„Ich habe das Messer," rief er; „es ist noch Blut daran."
Das Mordwerkzeug ging von einer Hand in die andere. Es war ein Dolch ohne Scheide, ein spanisches Weffer, wie die Gewehrhändler sagen, dessen Klinge sich mittelst einer Feder in den Griff hinein- und aus ihm herausschieben ließ. Der Stahl war sorgfältig abgewischt , aber in den Riesen des Griffes klebte noch Blut.
— „Er kann noch nicht weit sein," sagte der Gärtner, „wir müssen ihn verfolgen wie einen Wolf, und ein wüthender Wolf ist er. Aus! Alle nach! Aber Sie, Herr von Anbian, wollen Sie die arme Madame Gorsaz nicht ein wenig trösten, die ganz außer sich ist? Bedenken Sie nur, wie die arme Frau angegriffen sein mnß! Man schickte nach dem Arzte, nach dem Geist-