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Wiesbaden. Dienstag, 9. Oktober
Freiheit und Recht!"
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*+* Fürsten und Proletarier.
„Wenn es das nächste Mal losgeht, dann wissen wir wie wir mit den Königen stehen": in diesen Worten eines schlichten Arbeitsmannes liegt das Geheimniß der nächsten Revolution, liegt die ganze Lehre der jüngsten Vergangenheit. Die Monarchie badet sich in den Schmerzesthränen der Völker. Zn dem Erschießen zweier Vertreter der deutschen Ration, in der Hinrichtung Einkerkerung und Verfolgung so vieler andern Patrioten, shaben sie sich selbst ihr Verderben geweis- sagt; dort die Dynastie Habsburg, hier die Dynastie Hobenzollern: jene jetzt auf Gnade und Ungnade den Russen überliefert, diese nach einem Scheine von Selbstständigkeit ringend, in Wahrheit aber auch im Schlepptau des russischen Knäsen. Oesterreichisch oder Preußisch: es ist einerlei, der wahre Sinn von Beiden heißt: Russisch. Der russische Absolutismus hat sich auf unsre vaterländischen Gauen gelagert, Stockprügel — Stock oder Knute: es bleibt sich gleich; der Streich ist die Hauptsache! — werden von preußischen Soldaten an treugebliebene badische Artilleristen ausgetheitt, weil sie es wagen, die preußische Herrschaft in ihrem Vaterlande zu tadeln, weil sie im Namen ihrer badischen Landesgesetze gegen die Körper- züchtigung protestiren, Tag für Tag rollten die Häupter Derer die nicht blos Worte, fondern auch Thaten
für die deutsche Nationalversammlung hatten, die Häupter wehrloser Gefangenen in den Sano; das freie Wort, die freie Bewegung, Alles ist gehemmt, uud die Söhne des herrlichen Kriegsheeres schalten und walten, dem Scheine nach im Namen der Ordnung und des Gesetzes, in der That aber im Namen ihrer ungeheuern Ueberzahl, im Namen der Recht und Gesetz mit Füßen tretenden Willkür in einem fremden Kaube, das |em eignes Recht und seine eignen Gesetze hat, dessen Recht und dessen Gesetze aber von Todesstrafe, von körperlicher Züchtigung, von Zensur und Vernichtung der Vcreiusfreihcit nichts wissen. Wollt ihr Deutschland finden, wohl so geht nach Moskau und Petersburg, wollt ihr nach Rußland, ihr konnt in Deutschland bleiben, ihr habt Rußland überall. Deusichlaub ist russisch, die meisten europäischen Fürsten sind die Basallen Nikolaj's, und als ob der Zaar die ganze Welt zu bezaubern verstände, muß ein republikanischer General zu seiner Rechten speisen, muß cs als die höchste Wonne seines Lebens preisen, wenn er aus den Handen des allgewaltigen Kaisers eine Tscherkessenrüstung empfangen darf. Die Völker sind still und stumm; sie weinen ihre Thränen hin, doch kein Laut der Klage kömmt über ihre Lippen. Aber schon zimmert der Genius der Menschheit an dem Werke, an dem Baue der neuen Gesellschaft, die nichts kennt, als gleichberechtigte Brüder.
Während die Demokratie in der Presse und in den Vereinen, in den Volksversammlungen und Parlamen-
ten das Volk mit ihren Lehren vertraut machte, hatte meint sein kaun, das konstitutionelle Regiments Zeit zu erperimentiren. I brauchen wir wo Fast vom gesummten Mittelstände wurde sie unterstützt. Aber durch die Reife des Volkes schon gewürzt mit demokratischen Elementen, zauderte sie eine Zeit lang hin und her, bis die Angriffe der Demokratie sie ins Lager des absolutistischen Königthums zurücktrieben. Dieser feige Verrath macht einen Bund der demokratischen Masse mit der konstitutionellen Bourgeoisie für alle Zeiten unmöglich; nur so weit die letztere sich den Forderungen des Volkes anbequemt, wird die Demokratie mit ihm Hand in Hand gehen. Zum konstihiltio- neUen Erperimentiren ist keine Zeit mehr. Soll die konstitutionelle Monarchie Aussichten auf Bestand haben, so muß sie mit Einem Schlage, so zu sagen gewappnet wie Athene aus Zeus Haupte, aus dem Haupte der Gesellschaft emporspringen. Wahrscheinlich wird aber, wenn irgend ein gewaltiger Hephäftoö dem schwängern Zeus den Kopf spaltet, etwas Anderes daraus hervorspringen, als eine konstitutionelle Athene. Wenn dem Mittelstände bisher die Augen nicht aufgingen, so gehen sie ihm sicherlich jetzt auf, wo im Gefolge des absolutistischen Unfugs und der heillosen ökonomischen Verwirrung bald die harte Roth an seine Thüre pochen wird. Der Absolutismus uud seine besoldeten Diener, — Pfaffen Beamte und Gelosäcke: das sind die Faktoren der Reaktion. Alle Ereignisse seit der Revolution haben auf das Evidenteste gelehrt, daß hier eine Solidarität der Interessen und der Kräfte stattfindet.
Der Treiber der nächsten Bewegung ist aber Niemand anders, als das Proletariat, das jetzt bereits sehr stark sich aus dem Mittelstände zu rekrutiren ansangt. Hr. Riehl hat zwar in Einem seiner jüngsten Leitartikel behauptet, daß „der Mittelstand und die Intelligenz" sich hüten würden, noch einmal eine Revolution zu machen: er begreift aber weder, daß der Mittelstand, vermöge des jetzigen ökonomischen Ehaos, nothwendig revolutionär
werden muß, sobald er die Gefahr seines Ruines vor
Augen sieht, oder aber, daß die Stimme des Mittelstandes dann kein Gewicht mehr haben kann, wenn der Mittelstand nicht mehr eristirt, wenn sein faktischer
Ruin eingetreten ist, wenn er nicht mehr zu dem alsdann eine hohle Ehimaire gewordenen Mittelstände sondern zum Proletariat zählt; — noch begreift er, daß die Intelligenz da in ihr pures Gegentheil, die
Verrücktheit, Umschlagen muß, wo sie, ohne die Bedingungen des konstitutionellen Systmes, mit konstitutionellen , d. h. friedlichen, parlamentarischen Waffen den Russischen Absolutismus überwinden will. Oder sind etwa die Beamten, oder die Professoren, oder die Zeitungsredakteure, vom Schlage des Herrn Riehl, im alleinigen Besitze der Intelligenz L Wir bitten Hrn. Riehl, uns in Zukunft mit solchen Phrasen zu verschonen, und erklären ein für allemal, daß, wo Herr- Riehl von „Intelligenz" spricht, nichts Anderes ge-
....., als das Interesse, wessen: das brauchen ^wir wohl nicht zu sagen.
Die Fürsten sind die höchsten Spitzen der alten Gesellschaftsordnung: sie sind die Mächtigsten der Mächtigen, die Reichsten der Reichen, die Glänzendsten der Glänzendon, die Capitalisten, denen das Geld beständig ohne ihr Zuthun fließt, es sind, wie ehemals die Rltter, die „Götter dieser Erde".
Die Proletarier hausen in den Tiefen der Gcsell- schafft sie sind die Aermsten der Armen, die Schwächsten der Schwachen, geborue Lastträger, Bediente, Sklaven. Selten ereignet es sich, daß Einer zum „Ritter" geschlagen wird. Die Fürsten sind „mit einer Krone", die Proletarier „mit einem Höcker" auf die Welt gekommen.
Zwifchen diesen beiden Gegensätzen wogt es hin und her von Schattirungen und Nuancen. Es gibt für den Menschen kein größeres Glück, als, ohne Verpflichtung oder Nöthigung zur Arbeit, all seinen Launen, Neigüngrn, Lelvenfchaften nachgehen zu können; kein größeres Unglück, als beständig arbeiten zu müssen ohne irgend eine Hoffnung auf Genuß, all seine Neigungen und Begierden der ununterbrochenen Plage für eine kümmerliche Eri sienz zu opfern. Wenn diese Gegensätze durch ihre Reibung in Brand gerathen, dann wird Alles, was zwischen ihnen liegt, mit hoch auflodern, dann werden Die Worte des Proletariers in Erfüllung gehen: „wenn es das nächste Mal los- geht, dann wissen wir, wie wir mit den Königen stehen".
... 1... . r. Vom Main. Was wir längst vor- aussahen, ist der Erfüllung nahe: Der Drei^önizs- Bunv wird ein Mährchen für Schulkinder werden. Eine dritte „deutsche" Großmacht hat ihr Beitreten abgelehnt, uiiD die andern werden bald Nachfolgen. Die preußischen Pfiffe sind durchschaut worden, und dem stolzen Könige aller Preußen wird kaum ein Hinter- thurcheu offen bleiben, um mit Ehren den eigenen Rückzug anzubahnen und auszuführen. Es ist nicht zu läugnen, daß die stolze, aber auch alttestamentlich- fromme Zurückweisung der dem Preußen-König mittelst vielfältiger Krümmungen dargebotene Kaiserkrone wenig oder gar keinen Antheil au den Weigerungen der Großmächte, dem Sonderbunde beizutreten hat, da gerade diese Zurückweisung eine Lockangel für sie abgcworfen hat. Die Angel war gut, die Lockspeise schien aber von tödtlicher Wirkung, da sie in dem Blute deutscher Brüder in Schleswig und Baden ein- getaucht war. Preußen, das seinsollende Land der Intelligenz hat in Schleswig bewiesen, daß es seine In- tcUigen; auf Kosten deutscher Bruderstämme anzuwenden weiß, während es in Baden unumwunden dargelegt Hegemoniegelüste verfolgte. Diese vom Preußen
Fluth und Cbbe.
Sprich, bist du gewandert am Meereostrand, wo so mächtig schwoll die wogende Fluth,
Biö endlich der ganze Dünenraud still lag vom schimmernden Spiegel umruht?
Nun kam die Ebbe: es wich der Schwall. Da lag der Strand so trocken und bloß,
Da lagen verschmachtend die Wesen als, die das Meer gebiert in dem tiefen Schoost.
Ein Thor wohl spräche zur Stund: „der Strand ist trocken und gehört nun mir,
„Ich will ihn bebauen, den Dünengrund, ich will ihn beackern mit Pflug und Stier."
O Thor, der von Wind und Welle nicht weist, laß ab vom kindisch thörichten Traum,
Schau drunten auf'sMeer: wie kocht es so weiß, wie säumt die Wogen schon wieder der Schaum!
Halloh die Fluth! schon kehrt sie im schliß und rächend schießt sie im Bogen daher,
Sein altes Recht mit stürmendem Guß erobert sich wieder das grollende Meer.
Und was verzweifeln im Sande gemußt und meinte zu sterben in Svnncngluth,
Saugt neues Lebe» und neue Lust und fühlt sich erlöst von der heiligen Fluth.
Du Thor, der das Meer schon bezwungen geglaubt und der es gehindert und niedergedämntt,
Schon bist im Spiele du hingeraubt und wälzend hinab mit
Verderben geschwemmt! —
So stehst du, Freund, au dem Meeresstrand, und wieder schwoll die wogende Fluth,
Bis endlich der ganze Düuenrand still lag vom schimmernden Spiegel umruht, —
Das sei, mein Freund, ein Bild dir der Zeit, daß nie du an
unserm Siege verzagst
Und daß du immer im Gcisterstrcit den Würfel der Freiheit zu werfen wagst.
Die Marzfluth kennst du, den Bölkerdrang, kein Wall noch Damm bot gegen sie Schutz, —
Jetzt ist die Ebbe in vollem Gang, ein Thor auch bietet den Flutheu Trutz.
Er bauet sein Haus auf den Dünen empor, er stellt auf den Strand den goldenen Thron,
Und lacht, ein übermüthiger Thor , den still abrinucnden Fluthen Hohn.
Wir sind die Korallen auf dürrem Sand, wir sind des Meeres verzweifelnde Brut,
Wir schmachten gefangen im fremden Land, wir harren der theuren belebenden Fluth, —
Doch bleiben wir stark und vertrau'» dem Gebot, das die Erde lenkt und des Menschen Geist:
Je dürrer die Welt, je größer die Noth, je näher heran schon die Rettung kreist.
Schon seh' ich den Volkssturm wieder erwacht, schon stürzt in
Trümmer, was Thronen gebaut —
Du glaub' an des Geistes heilige Macht, im Gleichniß des
Meeres, das du geschaut!
Glaub' mir, wir stehen schon wieder am Strand und wieder schwillt die wogende Fluth,
Bis endlich der ganze Dünenrand still liegt, vom schimmernden Spiegel umruht.
Gottfried Kinkel.
(Bevb.)
Der unschuldige Galeerensklave.
(?l»s dcr „Allgemeine Modcn-ZcitnnH.)
(Fortsetzung.)
II.
In der Mitte der folgenden Narbt fand eine seltsame Bewegung oben auf der Mauer statt, welche den Park Gorfaz' nach Der Plantanenallee hin ciuschloß. Zwei Männer, welche zu gleicher Zeit über diese Mauer stiegen, Der eine von außen, der andere von innen, trafen mit einem Male mit den Nasen zusammen, als sie oben hinaufkamen. Beide crschracken über eine so nu- vorgcsehene Erscheinung und wären beinahe gefallen. Nur der Instinkt rettete sie; sie hielten sich fest an, schwangen sich mit Kraftanstrengung hinauf,. um einen festen Halt unter sich zu haben und saßen nun einen Augenblick unbeweglich einander gegenüber oben auf der Mauer, die Beine fest angedrückt, so daß sic die Hände ganz zu Dem Kampfe behielten, der nothwendig die Folge dieses Zusammentreffens fern zu müssen schien. Sie saßen so nahe an einander, daß sie einander trotz der Dunkelheit bald erkannten. Derjenige, welcher von außen kam, sah plötzlich den Arm seines Gegncrv er = heben und in der Hand erkannte er die Klinge eines Dolches oder Messers. llmkchren war unmöglich und stitlsitzen schien gefährlich zu sein. Er selbst war uußc=