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Wiesbaden. Donnerstag, 4. Oktober

Freiheit «ob Neeht!"

1949

DieFreie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen. Der AbonnementSpreiS beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden 1 fl. 45 kr auswaria vurch die Post bezogen mit verhaltntßmaßigem Aufschläge. Inserate werden bereitwillig ausgenommen und find bei der großen Verbreitung derFreien Zeitung" stets von wirksamen, grfplße. Die Jnserationsgebühren betragen für die vierspaltige Petitzeile oder deren Raum 3 Kreuzer.

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Bestellungen auf das mit dem L. Oktober begonnene neue Quartal beliebe man baldigst zu machen; hier in Wiesbaden in der H. W. RLtter'schen Buchhandlung, auswärts bei den zunächst gelegenen Postämtern.

*P*Eine Pflicht der demokratischen Parthei. |

Nicht wollen wir reden von den Unglücklichen, die in der Verbannung schmachten, an den Spuren der Hemden betteln, des Vaterlandes treueste Söhne, der Freiheit muthige Streiter, nicht von Denen, um deren Loos sich nicht die Menschenliebe wo wäre sie zu finden's nur die Theilnahme ihrer Gesinnungsge­noffen kümmert, und für die so spärlich doch die Ga­ben ausfallen, wo das Elend so massenhaft ist: wir wollen reden von Denen, die zu Hause geblieben sind, und zu Hause in Kummer und Wotp forteristiren, für bie der Reichthum kein Erbarmen hat, weil sie chr Elendselber verschuldet". Es ist freilich nicht ,o sichtbar wie der Hamburger Braud, es ist nicht plötz­lich über Nacht gekommen, ohne Verschulden des von ihm Getroffenen, etwa wie eine epidemische Krankheit den Menschen ergreift: aber es ist einhergeschritten im Gefolge des rastlosen, thätigen Wirkens, es ist der nächste Lohn für die unermüdliche Fortpflanzung der ^dee Wie kleinlich sind doch ost die Menschen: das Unglück das unverschuldet hereinbricht, es wird bemit­leidet gelindert, gehoben: wie viel Tausende sind nicht vor wenigen Jahren nach der reichen Weltstadt an der Elbe geflossen'. - aber die Opfer, die der Mann der Ideen bringt, der Wurm, der an dem von der siegenden Parthei Verlassenen und Verstoßenen nagt, dies Blut des Märtyrers, sie finden kein Mltl-iden, keine Bewunderung: hier die Gleichgültigkeit der Masse, dort der Haß der politischen Verfolger.

Wir könnten manchen Familienvater nennen, der, ergriffen vom Geiste der Freiheit, unbekümmert um die Drohungen und Schmähungen der Gegenpartei, sick berufen fühlte, nach Mästen mit zu arbeiten an jenem Werke der Erlösung, der für des Volkes Wohl das eigene in die Schanze zu schlagen bereit war, und - in die Schanze schlug. Zu stolz, um eine Gabe zu betteln, niedergebcugt durch die Last des Elends niedergebeugt durch die augenblickliche Nieder­lage der Demokratie: wäre solch Schicksal nicht bart genug? Es gibt Menschen, die in unserer Gesellschaft nicht »m^trt sind, di- n-tnigsiens be- tm können, wie l«'" Pp-sae«:Gott, ech danke Dir das; ich nicht bin, wie andere Leute: kein Ran-

Mörder, Dieb -e" - es gibt Menschen, die sich ein'förmliches Geschäft daraus machen, Gewerbtrei- beilden und Geschäftsleuten, die sich in der Revolu­tionszeit, wie man zu sagen pflegt, komprouuMrt hat­ten ihre andersgläubigen Arbettsabnehmer zu verlei­den Richt zufrieden mit dem Siege ihrer Parthel im Ganzen und Großen, wollen sie die politischen ' Gegner ihre Macht ans eine Weise fühlen lassen, die jedes unverdorbene, sittliche Herz empören muß.

Der unschuldige Galeerensklave

(Aus derAllgemeine Modm-Zeitnng".)

i.

Im September 1828 umgab gegen zwei Uhr des Morgens die Landhäuser an der Garonne zwischen Reole und Cadillac die tiefste Ruhe, welche der Schlaf der Städte nicht kennt, und in der, wie Delille sich aus- drückt, man nur die Nacht sieht und nur die Stille hört. ' Ein einziger Pavillon in einem mittelgroßen P^k schien eine Ausnahme von dieser allgemeinen Ruhe zu macken. An der Ecke des Gebäudes nack Morgen zu schimmerte aus einem Fenster im ersten Stock ein schwacher Lichtschein. Zwischen ton beiden blauscidcnen Vorhängen konnte das Auge in ein Schlafgemäck hinein­blicken , das elegant meublirt war und durch eine Ampel milD beleuchtet wurde. Auf einem im Hintergründe stehen­den Bette ruhete ein weibliches Wesen in der Blüthe des Alters und der Schönheit, aber die fieberhafte Un­ruhe des Schlafes verrieth eine der andauernden Er­regungen , welche auch bei der zeitweiligen Unterbrechung des Gefühls und des Denkens nicht schweigen. Neben ihr wachte ein Mann, mit bleicher und runzeliger Stirn stumm und unbeweglich. Er neigte den Kopf auf das Kissen, hielt den Athem an sich, schien durch eine Hand die Schläge seines Herzens anhalten zu wollen und

Wohl: Auge um Auge! Zahn um Zahn!

Es ist Thatsache, unumstößliche Thatsache, daß die I politische Meinungsverschiedenheit eine Aenderung in den Erwerbsverhältnissen der Privaten hervorgebracht i hat. Es ist ebenso unumstößliche Thatsache, daß sich zuerst ein ministerielles Blatt in Berlin öffentlich be­mühte, jene Thatsache zu verwirklichen, indem es die Kapitalisten aufforderte, die von ihnen Abhängigen durch Drohung der Arbeitsentziehung zur Wahl nach dem octroyirten Wahlgesetze zu zwingen. Diesen That­sachen gegenüber wir wiederholen es nochmals, hat die demokratische Parthei nichts Anderes zu erwie­dern, als: Auge um Auge! Zahn um Zahn!

Was würde man wohl zu dem Feldherren sagen, der die Verwundeten der eigenen Armee auf dein Platze liegen ließe, unbekümmert um ihre Verpflegung, un- eingedenk dessen, daß sie ihre Wunden in feinen Dien­sten empfingen? Würde sich nicht so Mancher bedan­ken, noch ferner unter seiner Fahne zu kämpfen? Die­selbe Pflicht, wie der Feldherr gegen seine verwunde­ten Soldaten, übt die Parther gegen diejenigen, die in ihrem Dienste all ihre Habe zum Opfer brachten, und die nun arbeitslos, brodlos geworden sind.

Wir haben schon öfter von redlichen talentvollen Männern die Klage vernommen:was sollen wir uns quälen und plagen für eine Sache, die uns am Ende, wir wollen nicht sagen nichts bringt, nein die uns am Ende um Alles gebracht hat, was wir am Anfang besaßen, ohne Hoffnung einer thatkräftigen Unterstützung von Seiten der Parteigenossen?" Die Klage ist nicht ungegründet. Einzelne außerordentliche Fälle ausge­nommen bestätigt sich diese Wahrheit überall und je­den Tag.

Wenn der demokratschen Partei Etwas an ihrer Existenz, an ihrer Selbsterchaltung gelegen ist, so mache sie diese Behauptung zu Schanden, so bestrebe sie sich vor allen Dingen, diejenigen Glieder, deren Eristen; durch die von Seiten der politischen Gegner bewirkte Arbeitsentziehnng bedroht ist, durch vermehrte oder vorzugsweise jenen zugewandte Arbeitsbestellung zu unterstützen.

Deutschland.

n Wiesbaden, 3. Oktober. Die Monarchie, die Bürokratie, Bourgeoisie und der Klerus haben jetzt alle vier bei den gerichtlichen Behörden ihrGerüste" gegen die Freie Zeitung erhoben.

Im Namen der Monarchie klagt bei den nächsten Assisen am 23. Oktober l. Z. der Herzogliche Staats­anwalt; der hiesige deutsche Verein, welcher die Bourgeoisie und die Bürokratie dieser Stadt repräsen-

lauschte begierig auf bie abgebrochenen Worte, welche 1 ein schwerer Traum über die Lippen der jungen Frau trieb.

Sein Name! Seinen Namen wird sie nicht nennen!" flüsterte er nach vergeblichem Harren , indem er um sich blickte.

Arthur," murmelte sie endlich, als habe eine un­widerstehliche Macht endlich plötzlich das legte Siegel zerbrochen, das noch ein Geheimniß schützte, welches durch die Enthüllungen eines Traumes bereits halb ver­rathen war.

Arthur!" wiederholte der Alte, indem er so schnell auffuhr, als wäre dieser Name ein Dolch gewesen, der auf seine Brust gezückt wurde.Arthur von Aubian! Uud ich wollte es nicht glauben! Arthur! Ach wie blind war ich!"

Er wischte durch eine krampfhafte Geberde den Schweiß ab, welcher seine bleiche Stirn benetzte, neigte sich auf Lieses-Bett, das ihm fürchterlicher war, als ein offenes Grab und hielt von Neuem sein Ohr an den blühenden reizenden Mund , aus welchem gifthaltende Worte kamen.

Ich will nicht mehr" stotterte die junge Frau, indem sie versuchte, sich aufzurichtcu,Du wagst Dein Leben ... An dem meinigen wäre nichts gelegen .., aber Du ,.. nein, ich will nicht länger... Er hegt schon Argwohn ,.. er würde Dich ermorden !" ..

tlrt, verfolgt diese Zeitung schon längere Zeit mit einem Prozeß, der dermalen dem Oberappellationsgericht zur letzten Entscheidung vorliegt.

Den vielengerechten" Beschwerden der evangeli­schen Geistlichkeit gegen dieFreie" hat endlich der weltberühmte Caplan Künstler in Diez in einer Klage bei dem hiesigen Justizamt Worte verliehen. Eaplan Künstler hat wegen eines in No. 181 der Freien Zeitung enthaltenen Artikels eine sehr umfang­reiche Klage erhoben, zu der er, wie er in seiner Klaa- schrift ausdrücklich bemerkt, insbesondere durch ein Ver­langen jhöhern Orts sei augehalten worden. In hei That, die evangelischen Christen müssen sich sehr glücklich schätzen, einenhöhern Ortj" zu besitzen, an welchem man so ängstlich über die Ehre des evangeli­schen Clerus in Nassau zu wachen scheint.

Caplan Künstler beschwert sich nun in seinem Klag- libell unter Andern, darüber,daß er in dem fragli­chen Artikel mit einemdiabolischen Wesen"", dem Teufel"" identifizirt worden sei."

Dieser Klagpunkt ist für die nassauische, insbeson­dere die junge, evangelische Geistlichkeit gewiß sehr charakteristisch.

Wie übrigens Caplan Künstler gegen den in No. 181 befindlichen Artikel klagen kann, ist uns schier ganz unbegreiflich: denn in dem angeklagten Artikel, der den Caplan Künstler an keiner Stelle nennt, ist von einem Geistlichen die Rede, der in Halle studirt habe und in Haiger angestellt gewesen sei, und Capl. Künstler verwahrt sich in seiner Klagschrift selbst sehr feierlich dagegen, daß er in den beiden Städten sich je aufgehalten habe.

f Weilburg, 2. Oktober. Die zur Ehre der hier tagenden nassauischen Naturforscher veranstaltete Obst- und GemüseauösteUung hat eine überraschend große Theilnahme gefunden. Zwei Säle unseres Rath- hauses waren in Kürzern mit den schönsten Obst- und Gemüsearten angefüllt, zu denen sich, wie von selbst, eine sinnige Blumenausstellung verband, um dem Ganzen ein recht künstlerisches Gepräge zu geben. Da besonders vom Laude immer noch nachgeliefert wird, soll die Ausstellung die ganze Woche"nber eröffnet bleiben. Es ist ein Preisgericht gewählt, welches zu­nächst im hiesigen Kreisblatt die Einsender der besten Naturcrzeugniffe bekannt machen wird, und es ist zu erwarten, daß die Sieger sich diesmal mit der Ehre begnügen werden. Im nächsten Jahr können bei län­gerer Vorbereitung auch passende Preise ausgetheilt werden. Diese Ausstellung wird wohlthätig auf den ganzen Garten- und Obstbau unseres Amtes einwirken; denn gar Viele sind erstaunt, daß ihr Nachbar oder eine nahe Gemeinde so viel bessere Erzeugnisse besitzt, und treffen bereits Anstalt, ihre Landwirthschaft den

Sic fließ einen halbcrsticktcu Seufzer aus, ein Schauer durchzitterte ihren ganzen Körper und sie setzte sich in unerträglicher Angst auf. Der Alte glaubte, sie erwache und schlich hinter die Bettvorhänge, um von ihr nicht gesehen zu werden; sie blieb aber, ohne die Augen aufzuschlagcu, eine Zeit lang unbeweglich in der sitzenden Stellung. Allmählich verrieth die Veränderung ihres Gesichtes , die ihrer Gedanken; der Schrecken, welcher sich in ihren Zügen malte, wich dem Ausdrucke von andächtiger Ergebenheit. Die junge Frau, deren Reizbarkeit den Grad erreicht hatte, welcher an den Somnambulismus grenzt, ließ das Haupt sinken, als wolle sie auf ein beruhigendes Geräusch horchen; plötz­lich stand sie aber auf, warf eine Blouse über und trat vorsichtig au das Fenster.

Mitternacht," sagte sie leise;ich habe keinen Blutstropfen mehr in meinen Adern .. Diese Mauer ist so hoch;., wenn er sich verwundete.. Ich höre ihn in dem Garten.. Wie fhrf er auftütt.. Es ist der Sand, den man in die Gänge gcstrcuet hat.. Es ist das letzte Mal.. Ich werde es ihm sagen.. So in Furcht und Vingst zu schweben ist schlimmer als sterben."

Mit der Sicherheit der Bewegungen, welche jenes innere Hellsehen bezeugt, das die Wissenschaft noch nickt genügend zu erklären vermocht hat, verlöschte die Scklaf- wandclnbe, deren Augen noch immer geschlossen waren, die Ampel und schob den Riegel an ihrer Thüre vor;