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Krete Zeitung.

Freiheit und Keeßt!"

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J5 23S

Wiesbaden. Mittwoch, 3. Aktober

18M

Die^rtic Zeitung" erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen. Der AbonnementSprriö beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden 1 fl. 45 kr., auswärts durch die Post bezogen mit verhältnißmäßigem Aufschläge. Inserate werden bereitwillig ausgenommen und find bei der großen Verbreitung derFreien Zeitung" stets von wirksamem Erfolge. Die JnserationSgebühren betragen für die vierspaltige' Petitzeile oder deren Raum 3 Kreuzer.

Gestellungen auf das mit dem 1. Aktober begonnene neue Quartal beliebe man baldigst zu machen; hier in Wiesbaden in der «H. W. Witter'schon Buchhandlung, auswärts bei den zunächst gelegenen Postämtern.

Der kirchliche Kampf der Gemeinde Langenbach.

Niemand soll zu einer kirchlichen Handlung oder Feierlichkeit gezwungen werden."

Grundrechte des deutschen und des nassauischen Volkes.

% Von der Weil, 28. Sept. Nachdem der Land­tag geschlossen und der Abgeordnete Pfarrer Snell nach Langenbach zurückgckehrt ist, hat dessen Kirchen­gemeinde daraus Veranlassung genommen, sich noch­mals mit der Bitte um Reaktivirung ihres Predigers an die Landesregierung zu wenden. Die Vorstellung ist, von sämmtlichen Mitgliedern der Gemeinden Langen ba ch unb Winden, welche das evangelische Kirchspiel Langenbach bilden, unterschrieben, in die­sen Tagen nach Wiesbaden abgegangen. Die Kirchen­gemeinde geht von der Ansicht ans, daß der Grund (die ratio legis) der kirchenrechtlichen Bestimmung, (wofern eine solche aufzufinden ist), nach welcher ein in Kruninaluntersuchnng stehender Geistlicher suspen- dirt werden müsse, kein andrer sein könne, als die Vor- aussetzung, daß die fortgesetzte Dienstversehnng durch einen solchen Geistlichen Anstoß erregen und so dessen Wirksamkeit stören müsse, und gibt die einstimmige Er­klärung ab, daß d'cs im vorliegenden Falle durchaus nicht so sei, daß vielmehr ihr Pfarrer grade durch seine politische Wirksamkeit, deren Folge jene, jetzt wohl fallen gelassene, Krinünaluntersnchung war, erst enger mit ihr verbunden worden sei, wodurch also der ® tu nd der unter jener Voraussetzung verfügten Suspension wegfalle. Die Kirchengemeinde stellt sich mithin, ab- geseheu von allenerschwerenden Nebenumständen"

B. daß die Suspension vor Erhebung einer An­klage gegen Snell verfügt, daß sie mit Entziehung des halben Gehaltes verbunden worden rc.), auf den Boden der Ein zelgemeinde und ihrer Berechtigung gegenüber der Gesammtkirche, welche letztere aller­dings solche Glieder in sich schließen mag, bei welchen jener Anstoß (jenes âmrSalov ) obwaltet, auf deren Urtheil cs aber in einer Zeit, wo innerhalb eines und desselben Kirchenverbandes die Ansichten und Richtun­gen so unendlich verschieden sind, unmöglich ankommen kann. Daß von diesem Standpunkte der Gemeinde ans betrachtet die gegen Snell ebenfalls cingeleitete sogenannte Disziplinaruntersüchung ebenso unerheblich ist, bedarf keines weiteren Beweises. Bei der innern Zerrissenheit und Zerfahrenheit der protestantischen Kirche kann deren äußerer Verband grade nur dadurch erhalten werden, daß man die Grenzen desselben so weit als möglich steckt, daß man gegenscitige Duldung übt, die Seite der (negativen) Glaubens- und Gewis­sensfreiheit vorzugsweise betont, kurz das Recht der

Einzelgemeinden im weitesten Umfang anerkennt I und alle sogenanntenhöheren Rücksichten" schwinden läßt. Dies und dies allein ist das, durch die Re­volution mit zum Ausdruck gekommene, tiefgefühlte Be­dürfniß der Zeit, aus welchem die Forderung einer freien Kirchenverfassung" und einer zu deren Feststel­lung zu berufenden Generalfynode , aus welcher aber leider Nichts werden zu sollen scheiirt, hervorgegangen ist. Die Gemeinde Langenbach steht also auf dem richtigen Boden der Zeck, auf dem Boden der grö­ßeren Berechtigung der Einzel gemeinden, auf dem Boden, von welchem, wenn man sie davon vertreiben will, allerdings nur noch Ein Schritt mög­lich ist, der Schritt zur förmlichen Lossagung von dem Kirchenregiment und zur Konstituirung als freie Gemeinde, wozu sich auch in der genannten Vor- stellnng sämmtliche Gemcindeglicder bereit erklären.

Es geht aus diesem Verhältniß hervor, daß wir hier nicht einen Kampf dieser einzelnen Gemeinde vor uns haben, sondern einen Kampf für das gute Recht des heutigen Protestantismus überhaupt, welcher, nachdem eine freie Kirchenverfassung nicht gewährt" werden zu wollen scheint, am Ende sein Recht durch einenkühnen Griff" selbst sich nehmen muß; es ist ein Kampf, für welchen alle protestanti­schen Gemeinden des Landes der Brüdergemeinde Lan­genbach dankbar sein müssen. Die allgemeine Bedeu­tung des ganzen Konflikts kommt aber auch dem Volke immer mehr zum Bewußtsein: es sollten, so äußerte vor einigen Tagen ein Fremder gegen einen Langen­bacher Mann, den er auf der Reise traf, es soll­tenalle evangelischen Ehristen für die Standhaftigkeit der Gemeinde Langenbach beten!"

Was bte letzten Ereignisse in dem Kirchspiel be­trifft, so ist darüber Folgendes zu berichten. Jeden Sonntag ertönt zur bestimmten Zeit das Geläute der Glocken, ihr Stuf ist aber nicht im Stande, eine Seele in die Kirche zu bringen. Diedrei Leute aus Win­dei-", welche laut Nro. 214 derFreien Ztg." zur Kirche gekommen waren, hatten dies nur aus Irrthum gethan, da an jenem ersten Sonntage des passiven Widerstandes wegen der Kürze der Zeit von Langen­bach aus versäumt worden war, die Nachricht, daß schon am Morgen der Gottesdienst durch den Schul­lehrer abgehackt» werde, nach Winden gelangen zu lassen. Daßein Schneider von Langenbach" sich eiu- gefunden habe, ist eine irrige Angabe, welche hiermit berichtigt wird; der Schneidermeister Z., welcher wohl gemeint ist, war weder an jenem, noch an einem der folgenden Sonntage in der Kirche. Es herrscht in dem Kirchspiel die vollständigste Einstimmigkeit der Ge- sinnnng. Um nun doch ein Auditorium zu erhalten, ertheilte der Vikar Bender am letzten Sonntag den

Befehl, daß die oberste Klaste der Schuljugend sich in der Kirche einsiuden solle. Doch auch dies war ver­gebens. So lebt denn jetzt die Kirchengemeinde, da auch dem Schullehrer das Vorlesen einer Predigt schon seit einigen Wochen verboten ist, ohne allen Got­tesdienst.

Am letzten Sonntag kam zugleich die erste Beerdi­gung vor. Die Angehörigen des Verstorbenen, eines angesehenen Mannes, des früheren Schultheisen von Winden, hatten dem Vikarius Bender erklärt, daß sie (wiewohl dies in hiesiger Gegend ganz gegen die herkömmliche Sitte ist) die Leiche in der Stille zu be­erdigen gesonnen seien. Alle Gegenvorstellungen und selbst das Erscheinen des Vikars in Winden, welcher vermuthlich die dort in dieser Beziehung herrschende Stimmung genauer sondiren wollte, vermochten sie davon nicht abznbringen; man erklärte den Todten nicht eher hinaustragen zu wollen, als bis Bender aus dem Dorfe sei. Nachdem er sich entfernt hatte, bewegte sich der Trauerzug, dem auch Pfarrer Snell, der später erschienen war, sich eingereiht hatte, nach dem stillen auf das Weilthal und die Elenvsmühle Herabschauenden Friedhöfe. Nach Beendigung des Grab­gesanges, wobei der Bürgermeister von Winden den Vorsänger abgab, trat tone II an das Grab und hielt dem Verstorbenen eine kurze Rede, wobei derselbe er­klärte, daß er dies nicht als Geistlicher, sondern nur als Freund des Enschläfenen thue; denn ersteres sei ihm verboten, letzteres aber könne ihm Niemand ver­bieten.

So wird das System des passiver Widerstandes fortgesetzt werden: die Todten wird man ohne die üb­lichen Feierlichkeiten bestatten, die nengeborndn Kinder ungetanst liegen lasten, und das Heiratheu, welches in diesen schlechten Zeiten ohnehin eine schlechte Profession ist, werden die jungen Bursche unv Mädchen vor der Hand sein lassen. Mag man auch den Leuten von gewisser Seite mit militärischer Einguartirüng drohen, sie kennen ihreGrundrechte" besser, als Mancher glaubt.

Wir haben es nicht für überflüssig gehalten, die Einzelheiten der letzten Vorgänge mitzutoeileu; denn wir sind überzeugt, Jeder, welcher unbefangen diese Einzelheiten überschaut und dieselben mit den in hie­siger Gegend herrschenden kirchlichen Sitten und Ge­bräuchen, die sonst eine so große Macht über die Ge­müther üben, zusammenhält, der wird mit uns die sittliche Energie dieser, den Einzelnen so manches schmerzliche Opfer auferlegenden , Bewegung bewun­dern und zugleich die erhebende und befreiende Kraft derselben erkennen.

Q HenLerporträts.

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Sir John Falstaff.

Da kommt der magere Hans, hier kommt das Geripp. Nun meine holde Kreatur von Bombast? Wie lange ist's schon her, Hans, daß Du Dein eigenes Knie nicht ge­sehen- hast?"

W-r, der die Schriften des größten der Britten kennt, hat nicht von dieser Fcttbovle, tiefem Ochst n- ziemer," diesempralljejlopften Mantelsack Kaldaunen," tiefemungeheuren Fleischberä" gehört?Der ölige Schurke ist so bekannt, wie die Paulskirche," und wir bilden bei den meisten unserer freundlichen Leser voraus- setzen, daß wir alte Erinnerungen in ihnen anschlagcn, wenn wir von Sir John Fallstaff reden. Das Original ist nun schon lange vermodert, und der Held, mit dem wir es zu thun haben, ist nur eine schwache Kopie. Aber eine gütige Vorsehung hat ja dafür Sorge getragen, daß die Gattung wenigstens nie ausstirbt, ünL daß der letzte jenerlchmgehiruten Vielfraße" noch nicht über die Bühne gegangen ist. Oder hat nicht fast jedes Krähwinkel solch einenuuflâlbigeu , schmierigen Talg- bdfen" anfznweisen? Freilich, die Zeiten werden anders, und mit ihnen die Menschen; jeder steht unter dem Ein­

flüsse seines Jahrhunderts, und so hat auch unser Falstaff neben den allgemeinen Eigenschaften seines Ur­bildes noch manche besondere aufzuweifen , die mir allzu lebhaft an unser heulendes, kommunes vccr vielmehr kommunistische Zeitalter erinnern. Co lange die Welt steht , wird cd Vielfraße geben, Heuler aber und Kvmu- nisten sind eine Eigenheit unsrer Gegenwart.

Es gibt Menschen, die alle Welt für Schufte hält, und vor denen doch der Einzelne eine geheime, innere Scheu hat, die ihn abhält, sie mit derjenigen Gering­schätzung und Verachtung zu behandeln, die sie verdienen. Fast scheint cs, als ob auch von unserm Falstaff die Leute nicht besonders dächten, und sich doch scheuten, ihm durch den Ausdruck ihrer wahren Gesinnung auf irgend eine Weise zu nahe zu treten. Und dennoch ist er so himmelweit von seinem Urbildc entfernt, und dennoch hat er nicht den zehnten Theil von Witz, der die Ilm Verschämtheit und Niederträchtigkeit des letzter» so inte­ressant macht, und der einen geheimen Respekt vor ihm cinflößt. Glücklicherweise haben wir nie eine solche Scheu empfunden, und sind deßhalb im Stande, ein grades, schlichtes, rechtes Urtheil über einen Mann zu fällen, dessen Aeußeres uns ein getreues Abbild davon zeigt, wie ein Heuler im vollendeten Hculcrstaatc nach dieser Seite hin beschaffen sein muß; dessen Handlungen das Gepräge einer Parthei an sich tragen, die, schon tausendmal zersetzt und zernichtet, immer wieder von Neuem ersteht, die aber in Sir John Falstaff die letzte

Lüge abgcworfcu hat, und in nackter Schamlosigkeit, selbst ohne die schützenden Feigenblätter der gefallenen Eva, auftritt. Glück auf! zu diesem goldigen Funde, der uns mit einem Male erlaubt, so vieles offen aus- zusprechen, was wir vorher nur leise zu denken wagten!

Zahnschmerzen, nichts als Zahnschmerzen, das sind die Leiden unseres Geschlechtes! Reißt der Menschheit ihren hohlen Zahn aus, und sie wird wohl laut auf­schreien, auch etwas Blut speien, aber die Schmer­zen sind dann vorüber. Sir John Falstaff jedoch denkt anÄs. Zufrieden damit, die Einzelnen zu heilen den» das bringt Profit! läßt er die Menschheit im Ganzen mit ihren gesunden Zähne» fortfaucn, ohne zu bedenke», daß auch sie nach und nach durch den Kranken könne »»gesteckt werden. Eines Tages wird er finden, daß Jemand ein guter Arzt und doch ein schlechter Kerl (ein kaun !

Wenn man gerechte Furcht hat, mit irgend einem Ehrentitel benamset zu werden, so pflegt man sich ihrer oft dadurch zu entledigen, daß man diesen Ehrentitel sofort denjenigen ertheilt, die vielleicht vermöge irgend welcher säteinbai^n Anklänge einigen Anspruch darauf haben könntèn : man stempelt dieselbe» zu dem, was man selber ist, unb doch nicht gerne scheinen möchte. Sir John hat die Wen sehen zu gut studirt , um dies Manöver noch nicht gemacht zu haben. . lleberzeugt, wie gefahrdrohend es ist, in gewissen Kreise» für einen Kommunisten zu gelten, hat er, um dieser Gefahr z"